Dass der Homo sapiens im Neolithikum sesshaft wurde und nicht mehr als Jäger und Sammler umherzog, ist eine Medaille mit zwei Seiten: Wer sesshaft ist, hat Ernährungssicherheit und kann Besitz anhäufen, wird dadurch aber auch unfrei. Das ist eine These aus einem der spannendsten Sachbücher, das ich in den vergangenen Jahren las: “Eine kurze Geschichte der Menschheit” von Yuval Harari (2011), inzwischen in 50 Sprachen übersetzt.
Der israelische Historiker blick fast mit Wehmut auf die Hunderttausende von Jahren zurück, als sich die Menschheit von gepflückten wilden Feigen und erlegten wilden Schafen ernährt, „ohne je zu versuchen, in das Leben der Feigen und Schafe einzugreifen“.
Vor rund 10.000 Jahren änderte sich das. „Damals begannen die Sapiens, ihre Anstrengungen fast ausschließlich auf die Manipulation einiger weniger Tier- und Pflanzenarten zu bündeln. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang säten sie Samen, bewässerten sie Pflanzen, jäten Unkraut und führten Schafe auf saftige Weiden“ – in Erwartung von mehr Früchten, Getreide und Fleisch. Harari nennt dies „die landwirtschaftliche Revolution“, die in verschiedenen Weltregionen unabhängig voneinander stattgefunden habe.
In der Geschichtsforschung herrscht die Theorie vor, es sei ein entscheidender Entwicklungssprung der Menschheit gewesen, das entbehrungsreiche und gefährliche Leben als Jäger und Sammler aufzugeben, um als Bauern ein angenehmes Dasein in Wohlstand und Sicherheit zu genießen. Ein „Ammenmärchen“, so Harari dazu. Er spricht vom „größten Betrug der Geschichte”.
Die Bauern hätten im Gegenteil ein härteres und domestizierteres Leben als die Nomaden davor geführt. Diese “ernährten sich gesünder, arbeiteten weniger, gingen interessanten Tätigkeiten nach und litten weniger unter Hunger und Krankheiten”.
Mit den sich ausbreitenden festen Siedlungen konnten zwar mehr Menschen ernährt werden, die Nachteile waren laut dem Autor aber eine regional höhere Bevölkerungsdichte, die Zunahme von Krankheiten sowie der Drang nach Wohlstand („Luxusfalle“). Durch die notwendige Vorratshaltung kam es zu Besitz, der bei anderen zu Begehrlichkeiten führte. Die Folge: Es bildete sich ein hierarchisches System von Herrschern und Eliten, um die Bauern zu schützen oder auszurauben. Und auch für die als Nutztiere domestizierten Tiere bewertet Harari die landwirtschaftliche Revolution als eine schreckliche Katastrophe.
Liebe Leute, lasst uns diesen Irrweg des Homo sapiens zumindest zeitweise korrigieren. Lasst uns ganz sesshaft Lichtblicke jagen, Horizonterweiterungen sammeln…
