Adventmail 2022/20 (Reisen)

Ich arbeite im Herzen von Wien, und wenn ich mich nach Dienstschluss aufs Rad schwinge, begegne ich Dutzenden von TouristInnen, die über den Stephansplatz und in der Wollzeile – oft mitten auf der Straße – schlendern. Dabei ist der Städtetourismus in Wien seit der Pandemie und durch Personalnot seit 2019 stark zurückgegangen.
Schon anno 1837 verglich Reisebuchautor Heinrich Wenzel den aufkommenden Massentourismus mit einem “Heuschreckenschwarm”. Er meinte damit die Masse der Engländer, die „den Rhein, die Schweiz und Italien durchziehen“. Die britische Begeisterung für Rheinromantik hatte der schrullige Landschaftsmaler William Turner durch seine auf mehreren Reisen entstandenen Bilder geschürt, wie ich auf meiner Radtour im Sommer erfuhr. Dabei begegnete ich auch mehrmals großen Flussschiffen mit Sonnendecks, auf denen sich PauschaltouristInnen in Liegestühlen fläzen, laut beschallt von einer Art Schihüttenmusik.
Massentourismus – was ist das eigentlich? Gemeint ist damit, dass in bestimmten Ortschaften oder Regionen saisonal mehr Touristen als Einheimische vorhanden sind. Von Mallorca z.B. ist bekannt, dass vor der Pandemie weit mehr als zehnmal so viele Besucher auf die Insel kamen wie die dort lebenden 814.000 ständigen Einwohner. Ein Extrembeispiel in Österreich ist Hallstatt. Den knapp 800 Einheimischen standen vor Corona täglich etwa 2000 vorwiegend asiatische Tagestouristen gegenüber.
Will man davon ein Teil sein? Wohl kaum. Aber hieße das, auf Venedig zu verzichten, den Eiffelturm, den Berliner Bundestag, die Sagrada Familia oder die Vatikanischen Museen zu meiden? Nicht umsonst zieht es viele Menschen dorthin. Bei manchen Zielen gilt es halt Termine zu wählen, wo sich der Ansturm in Grenzen hält.
Einige interessante Zahlen: Beliebtestes Reiseland ist laut World Tourism Organization der UNO (Zahlen aus dem Jahr 2020) mit Abstand Frankreich, wohin im ersten Pandemiejahr 117 Mio. Touristen wollten – mehr als doppelt so viele wie nach Mexiko (51 Mio.) und in die USA (45 Mio). Österreich liegt mit 15 Mio. Besuchern knapp hinter der Türkei an 8. Stelle, noch vor Deutschland oder Griechenland (allerdings fehlt Spanien in dieser Liste). Die meisten Einnahmen pro Tourist verzeichnen unsere Freunde in Katar; die höchsten Tourismus-Einnahmen insgesamt die USA. Mit knapp 100 Mio. Auslandsreisen im Jahr 2020 lag Deutschland an erster Stelle.
Mit knapp 1,5 Milliarden internationalen Reiseankünften war das weltweite Tourismusaufkommen im Jahr 2019 so hoch wie nie zuvor. 2020 wurden lediglich rund 350 Millionen Ankünfte gezählt – dies entspricht ungefähr dem Niveau vom Jahr 1987. In Österreich lag das Niveau 2021 sogar auf jenem von 1970.

Skyline von San Francisco vom Fährschiff nach Sausalito aus gesehen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert