Adventmail 2023/14 (Tiere)

Jetzt sind Kathi und Susi tot. Aber über viele Jahre waren die beiden Katzen meines Vaters Rudolf und seiner Frau Inge Fixpunkte, wenn ich regelmäßig anlässlich der Pastoraltagung zu ihnen auf Besuch nach Salzburg kam. Sie gehörten dort zum Inventar … – nein, viel mehr als das: Ich hatte oft den Eindruck, als wären SIE die Regentinnen im Haus, deren Bedürfnisse Vorrang vor jenen der „Dosenöffner“ hatten.
So merkte ich z.B., dass es meinen Gastgebern nicht ganz recht war, wenn ich mich auf dem mit einem Lammfell versehenen Schaukelstuhl im Wohnzimmer niederließ. Aber es schien ihnen doch zu peinlich zu sein, mir zu sagen, dass dies doch der gewohnte Platz von Kathi (oder war es Susi? egal) sei. Aus dem Gästezimmer waren die Katzen spätabends, wenn absehbar war, dass dieses in der Nacht von einem unerwünschten Fremdling besetzt würde, nicht leicht zu vertreiben. Schon davor waren sie auf den Esstisch gehüpft, um zu begutachten, was denn da serviert wird – für mich ein No-go, aber offenbar nicht in Rudis Haus, auch wenn er die Katzen mit entschuldigendem Blick auf mich vom Tisch nahm.
Ich bring’s auf den Punkt: Kathi/Susi und ich – wir nervten einander. Das „Jo, bist d‘ scho wieda hungrig?“ als Reaktion auf babyähnliches Katzengeschrei, die Kratzspuren an Tapeten und Polstermöbel, das ganze Gschistigschasti um ach so putzige Waschgesten, Schnurrgeräusche oder „Sich-einen-Schlafplatz-in-der-Decke-auf-meinem-Vater-zurechttreten“ ließ mich die Augen verdrehen.
Nein, Katzenliebhaber werde ich keiner mehr. Und das nicht nur, weil ein Test vor Jahren eine leichte Allergie auf Katzen ergab. Eher schon, weil ich einmal eine Freundin mit einer eifersüchtigen Katze hatte – die aus Protest das Hochbett „markierte“, auf dem wir uns nachts niederließen. Den ekligen Geruch hab ich heute noch in der Nase.
Wie auch immer, Kathi und Susi sind nach fast zwei Jahrzehnten in die Ewigen Mäusejagdgründe eingegangen. Und Rudolf (82) und Inge (81) fühlen sich zu alt, um nochmals Katzen anzuschaffen. So wie es aussieht, werde ich vor meiner Pensionierung noch EIN Mal, im kommenden Jänner, von der Pastoraltagung berichten und dies mit einem katzenfreien Besuch bei beiden verbinden.

Adventmail 2023/13 (Tiere)

Nicht genug, dass ich mit dem Heiligen Geist theologisch so meine Probleme habe (Reicht nicht ein Gott? Braucht’s für dessen liebevolle, ermutigende Energie und Weisheit eine eigene göttliche Person?) – er muss auch noch meist in Form einer Taube dargestellt werden. Ausgerechnet.
Für einen Großstadtmenschen wie mich sind diese zu Recht mit einem Fütterungsverbot belegten, kopfwippenden, schon in aller Herrgottsfrüh vorm Fenster gurrenden, denkmalbescheißenden „Ratten mit Flügeln“ (Woody Allen) ein Ärgernis.
Ok, die Apostelgeschichte im Neuen Testament spricht auch von „Zungen, zerteilt wie von Feuer“, in denen sich Gottes Geist auf alle Anwesenden setzt. Und bei Johannes ist vom Geist als dem lebendigen Wasser (Joh 7,37f) die Rede. Die Taube geht auf die Schilderung der Taufe Jesu bei Matthäus zurück: „Wie eine Taube“ sei der Geist Gottes auf Jesus herniedergekommen (Mt 3,16).
Der Vogel stehe dabei für ein Geschehen zwischen Himmel und Erde, weisen Theolog:innen hin. Wer die Hebräische Bibel kennt, denkt an die Erzählung von Noah: Er sendet laut Genesis eine Taube von der Arche aus, die zur Überbringerin der frohen Botschaft von der Bewohnbarkeit der Erde und damit Verkünderin des Friedens zwischen Gott und den Menschen wird. Sie schaffe als Opfertier, welches als „rein“ gilt, eine Verbindung zur himmlischen Sphäre, heißt es. Und dass die Brieftaube als Übermittlerin von (Froh-)Botschaften verlässlich ihren Weg zum Ziel findet, lege ebenfalls das Bild der Taube als Analogie des Heiligen Geistes nahe.
Dennoch: Der Spiritus Sanctus braucht statt der Taube ein anderes Symboltier. Eines, das in Krisenzeiten Hoffnung gibt – wie der Phönix? Oder für Beharrlichkeit und Resilienz steht – wie die Küchenschabe? Oder der Verborgenheit Gottes entspricht – wie der Chinesische Flussdelfin? Nein, zu altgriechisch, zu abstoßend, zu ausgestorben… vielleicht doch lieber Friedenstauben.

Auf unzähligen Glasfenstern: der Heilige Geist in Gestalt einer Taube

Adventmail 2023/12 (Tiere)

Das teuerste Tier Österreichs kommt mit einem 25,1 mal 22,6 cm großen „Gehege“ aus. Es hat ein flauschiges Fell in verschiedenen Braun- und Grautönen bis zum getrübten Weiß und ist extrem scheu: Sein Besitzer zeigt es nur alle fünf Jahre bzw. bei ganz besonderen Anlässen einer staunenden Öffentlichkeit – und dies geschieht nach Absprache mit dem Bundesdenkmalamt.
Die Rede ist von Albrecht Dürers Aquarell „Feldhase“, das dank der Sammelleidenschaft des Habsburgerkaisers Rudolf II. heute – wie auch andere großartige Werke der Naturbeobachtung des Meisters aus Nürnberg („Betende Hände“, „Das große Rasenstück“, „Flügel einer Blauracke“) – in Österreich, in der Albertina, zu bewundern ist. Dürer malte den Hasen 1502, als mit der Renaissance auch das Interesse an exakter Naturnachbildung neu erwachte und damit der malerische Realismus aufkam. Der „Dürer-Hase“ begeisterte schon zu seiner Entstehungszeit. Die Vielzahl der 13 Kopien und Paraphrasen belegen jedoch nur die unerreicht hohe Qualität des Originals.

Dürers Feldhase in der Albertina – Österrteichs teuerstes Tier

Eine Besonderheit liegt nicht im Auge des Betrachters, sondern des Hasen: Denn darin spiegelt sich ein Fensterkreuz. Damit deutet Dürer an, dass sich das Tier im Haus befindet und es praktisch auszuschließen ist, dass der damals 30-Jährige einen lebenden Feldhasen gezeichnet und gemalt hat.
Nach seinem Tod 1528 blieb das Aquarell drei Generationen lang im Familienbesitz. Ein Enkel verkaufte das kostbare Erbe in den 1570er-Jahren an Kardinal Antoine Perrenot de Granvella, der im Dienst der spanischen Habsburger stand. Rudolf II. erwarb den Feldhasen danach zusammen mit 250 weiteren Arbeiten Dürers und gibt damit bis heute Anlass, der verlorenen Größe des Hauses Österreich nachzutrauern, das heute mehr bedeutende Kunst restituieren muss, als es erwerben kann.
Ich bin schon mindestens zweimal fasziniert vor dem Feldhasen gestanden und hab die feinen Pinselstriche Dürers bewundert. Es war wohl eine Kopie des Meisterwerks, denn das Original ist in der Albertina bis wenige Ausnahmen nicht zu sehen.

Adventmail 2023/11 (Tiere)

Blöder Hund/Affe. Dumme Gans/Kuh. Du Esel/Kamel/Rindviech. Spatzenhirn, „bei dir piept’s wohl“… es gibt viele Beleidigungen, die auf die angebliche Dummheit von Tieren Bezug nehmen. Dabei ist die Intelligenz von Tieren seit langem ein Thema der Forschung. Obwohl einige Tierarten offensichtlich und sprichwörtlich klug (Fuchs, Eule) sind, neigen Menschen dazu, die Fähigkeiten anderer Arten zu unterschätzen.
Ein Grund, warum Tieren die Klugheit abgesprochen wird, ist die Art und Weise ihrer Messung. Viele Tests, die zur Beurteilung der Intelligenz von Tieren durchgeführt werden, waren oder sind allzu menschenorientiert und basieren auf Fähigkeiten wie Sprache und abstraktem Denken. Wenn Tiere an solchen Tests „scheitern“, werden sie oft als dumm oder unterbemittelt abgestempelt. Tiere haben jedoch ihre eigenen spezifischen Fähigkeiten und sind in ihrer Umgebung durchaus lebenstüchtig, also „intelligent“. Zum Beispiel können Eichhörnchen und Vögel Nahrung verstecken, um sie später zielsicher zu finden, Affen und Raben können Werkzeuge herstellen und verwenden, um Nahrung zu bekommen, können einander necken und täuschen.
Menschen haben die Fähigkeit, komplexe Gedanken und Ideen durch Sprache auszudrücken, was es ihnen ermöglicht, ihre Intelligenz und ihr Wissen mit anderen zu teilen. Tiere haben keine so hochdifferenzierte Sprache und sich nicht auf die gleiche Weise ausdrücken. Dies bedeutet jedoch nicht, dass sie nicht in der Lage sind, komplexe Probleme zu lösen oder sich an neue Situationen anzupassen. Tiere nutzen andere Formen der Kommunikation, wie Körperhaltung, Mimik und Geruch, um miteinander zu interagieren und Informationen auszutauschen.
Ein Faktor, der dazu beiträgt, dass Tieren oft unterschätzt werden, ist die menschliche Arroganz. Menschen haben eine lange Geschichte der Dominanz über andere Arten und betrachten sich oft als Krone der Schöpfung. Es gilt anzuerkennen, dass Tiere auf ihre eigene Weise intelligent sind und ihre Fähigkeiten für ihr Überleben und ihre Anpassung an ihre Umgebung von großer Bedeutung sind.

Adventmail 2023/10 (Tiere)

„Schreiben Sie einen Limerick mit fünf Zeilen, in dem ‚Wien‘ und ‚Delfin‘ vorkommen.“ Mit dieser Anweisung wollte ich es Chat GPT nicht allzu schwer machen, mithilfe künstlicher Intelligenz etwas unterhaltsam Kreatives zustande zu bringen. Die Fähigkeiten von KI waren heuer ein Dauerthema, gerade im Journalismus, der – wie es heißt – vor einer Wende stehe, da die maschinell erstellten Texte jenen der Profis um nichts nachstehen würden.
Nun ja. Limerick-Verfassende brauchen die KI-Konkurrenz aktuell noch nicht zu fürchten. Denn der oben genannte Auftrag wurde im März von Chat GPT wie folgt erfüllt: „Gab’s einst einen Delphin,/ er schwamm durch die Donau wie im Wind./ Die Leute erstaunt,/ haben ihm zugeschaut,/ doch dann schwamm er fort, der kluge Gesell.“
Na gut, Chat GPT lernt ja noch, lassen wir uns ein paar Monate Zeit, dachte ich. Und nach einem halben Jahr dieselbe Anfrage, diesmal mit folgendem Ergebnis: „In Wien, da gibt’s einen Delfin,/ Er schwamm durch die Donau ganz sinnvoll hin./ Mit einem Sprung, so elegant,/ Brachte er Touristen in Entzückenland,/ In der Donaumetropole, oh welch ein Gewinn!“
Riss mich auch nicht vom Hocker. Und „Entzückenland“, im Ernst?? Das kann ich doch besser, so mein Ehrgeiz. Aber urteilt selbst:

„Ins Mittelmeer und auch durch Wien
schwamm die Donau entlang ein Delphin.
Das wurde dem Tier nicht zu viel,
denn Griechenland war sein Ziel.
Es war – was kein Wunder ist – Delphi-affin.“

Gibt’s Varianten von Hobby-Poet:innen unter euch?

Adventmail 2023/09 (Tiere)

Stell dir vor, unsere Zivilisation wäre plötzlich dadurch infrage gestellt, dass bis auf eine kleine Gruppe von Menschen alle anderen verschwunden wären. Keiner mehr da, der Öffis chauffiert. Keine, die Kleidung verkauft. Niemand, der die Versorgung mit Energie und Wasser sicherstellt.
Und die Ernährung? Die Waren in Kühlregalen wären bald verdorben, die Konserven enden wollend oder ebenfalls mit Ablaufdatum versehen, die Milch gebenden und Eier legenden Nutztiere wären ohne Versorgung dem Tod geweiht. Wir müssten also – wie unsere Vorfahren in Zeiten von Sammlern und Jägerinnen – auf die Pirsch gehen. Und wären ohne Know-how hoffnungslos überfordert.
Das ist im Wesentlichen das Ausgangsszenario im Romanerstling „That’s life in Dystopia“ meiner lieben Kollegin Johanna Grillmayer, der seit Oktober in guten Buchhandlungen aufliegt. Bei ihren peniblen Recherchen (Wann erlegt man welches Wild? Wie stellt man Fallen? Wie zerteilt man die Beute?…) kam ihr, wie sie mir erzählte, zugute, dass ihr Vater Hobbyjäger war und sich zuhause ein Waffenschrank und sogar der ausgestopfte Kopf eines Keilers befanden. Johanna kennt auch die Fachterminologie: Sie weiß z.B., dass „ansprechen“ die präzise Beobachtung, Identifizierung und Beurteilung von Wild vor der Schussabgabe durch den Jäger bedeutet. „Kirrung“ ist ausgelegte Nahrung, um Tiere anzulocken, „Ständer“ nennt man die Beine des Federwilds, „Ruder“ jedoch die von Schwimmvögeln. „Aufbrechen“ meint, die Innereien der erlegten Tiere entnehmen, und wer Wild „entnimmt“, meint damit etwas euphemistisch: töten.
Im Roman beschafft sich die verbliebene „Robinson“-Gruppe von sechs Männern und zwei Frauen, die die nicht näher beschriebene Apokalypse unbeschadet überstanden, das Wissen um Jagd aus Fachliteratur; auch Gewehre finden sich. Aber über das Schießen auf Rehe, Wildschweine oder Hasen zu lesen und das dann auch umzusetzen sind zwei Paar Schuhe. Könnte ich das, der seine „Beute“ fein aufgeschnitten und in Folie verpackt im Supermarkt macht? Wenn’s ums Überleben geht vielleicht.
Das wirklich Fesselnde an Johannas Roman ist übrigens die Schilderung, wie sich die kleine Gruppe der etwa 20-Jährigen als „Gesellschaft“ konsolidiert. Nicht die schlechteste Inspiration zu ihrem Erstling bildete Marlen Haushofers „Die Wand“ mit nur einer Heldin und mehreren Tieren. Ein Zitat daraus steht am Beginn des Romans: „Es gibt keine vernünftigere Regung als Liebe.“ Also falls wer von euch noch ein Weihnachtsgeschenk braucht…

Adventmail 2023/08 (Tiere)

Kurz vor Allerheiligen las ich im „Standard“ ein Interview mit Michael Köhlmeier, der sich darin für einen humaneren Umgang mit Tieren aussprach. „Am ärmsten ist das Schwein, sein Nutzen für uns besteht nur in seinem Tod. Die Hälfte der Richter im Jenseits sind höchstwahrscheinlich Schweine. Dann gnade uns Gott.“
Das führt mich Spaltenbodengegner zur Frage: Auch wenn sie keine so prominente Rolle beim Jüngsten Gericht einnehmen: Kommen Tiere in den Himmel? Haben sie überhaupt eine Seele?
Seit 2011 gibt es in Wien einen Tierfriedhof. Er liegt, ein wenig zurückversetzt, gegenüber vom Haupttor des Zentralfriedhofs. Ein Hundegrab für fünf Jahre kostet knapp 600 Euro, ein Grabstein bis zu 1.000 und für die jährliche Grabpflege werden noch einmal 95 Euro fällig. Manche mögen es verrückt finden, doch es ist ein Faktum, dass für viele Menschen, ob Single oder in Familien, das Haustier ein wichtiger Lebenspartner ist.
Die Bibel spricht von der Seele als göttlichem Lebensatem, die Menschen und Tieren gleichermaßen in sich tragen. Kirchenlehrer Thomas von Aquin definierte eine Wachstumsseele und eine Empfindungsseele, die Menschen und Tiere miteinander teilen – im Unterschied zur Vernunftseele, die nur dem Menschen eigen sei. Der Mensch besitzt aufgrund seiner Vernunft also eine Sonderstellung, die er im Auftrag Gottes als Dienst an der Schöpfung recht gebrauchen soll.
Im Mittelalter gab es Gerichtsprozesse gegen Tiere, die „etwas angestellt“ hatten: Auch wenn das heute komisch klingt, die Menschen damals waren überzeugt, dass Tiere auch Teil der Rechtsgemeinschaft sind. In manchen Kirchen ist es heute üblich, dass Gläubige ihren Hund in die Messe mitnehmen.
Darf, wer seinen Hund bestattet, darauf hoffen, dem Flocki oder Rex im Himmel wieder zu begegnen? Der Apostel Paulus schrieb, dass die ganze Schöpfung darauf wartet, aus ihrem Leiden und vom Tod befreit zu werden. In der Bergpredigt sagt Jesus: Selig die Armen, denn ihnen gehört das Himmelreich. Ich glaube, dass damit auch die Tiere gemeint sind. Sie sind ja die Schwächsten, weil sie ihre Bedürfnisse nicht artikulieren können, und leiden – jedenfalls in Ländern mit industrieller Landwirtschaft – am meisten unter der qualvollen Ausbeutung durch die Menschen. Ich glaube, dass Gott auf der Seite seiner Geschöpfe steht – und wir sollten das auch tun.

Adventmail 2023/07 (Tiere)

Ich lese viel seltener Sachbücher als Belletristik, und noch viel seltener solche über Tiere. Eins jedoch kaufte ich mir vor ein paar Jahren. Es heißt „Rabenschwarze Intelligenz“ und stammt vom deutschen Evolutionsbiologen Josef Reichholf. Krähenvögel interessieren mich nicht erst, seit ich mich über Wilhelm Buschs Hans Huckebein amüsierte. Bilder von Kolkraben, deren Flugshows ich einmal bei einem Besuch im Cumberland Wildpark in Grünau (OÖ.) bewunderte, wählte ich früher sogar als Facebook-Profilfotos. Mein Totemtier sozusagen.
Es gibt viele verblüffende Beispiele für die Intelligenz von Tieren, aber eines der beeindruckendsten ist vielleicht die Fähigkeit von Krähen, komplexe Werkzeuge zu verwenden. Sie gehören mit Papageien zu den intelligentesten Vögeln und sind in der Lage, eine Vielzahl von Tools zu nutzen, um an Nahrung zu gelangen. Einige Arten von Krähen verwenden Zweige, um Insekten aus Baumrinden zu fischen, andere verwenden Steine als Ambosse, um Nüsse zu knacken. Und sie finden und nutzen Werkzeuge nicht nur, sie modifizieren sie auch, um sie für bestimmte Aufgaben besser geeignet zu machen. Zum Beispiel haben Wissenschaftler:innen beobachtet, dass Krähen Zweige zu einem Haken verbiegen, um besser an Insekten heranzukommen.
In einer Studie aus dem Jahr 2014 wurden Krähen trainiert, einen Draht so zu biegen, um Futter aus einem Röhrchen zu fischen. Die Vögel erkannten schnell, dass sie den Draht wiederverwenden konnten, anstatt jedes Mal einen neuen biegen zu müssen, und bewahrten ihr Werkzeug auf.
Reichholf erzählt in seinem Buch vom hochintelligenten Kolkraben Mao, der zum Vertrauten eines gewissen Carlo wurde. Dieser wurde auf Bauernhöfen von Hunden oft zähnefletschend empfangen und verbellt – bis Mao eingriff: Als einmal ein Schäferhund Carlo kläffend verfolgte, versetzte ihm der aus der Luft eingreifende Rabe mit seinem mächtigen Schnabel einen kräftigen Hieb zwischen die Ohren. Der Hund „sträubte alle Haare, machte einen gewaltigen Satz mit allen vieren in die Luft und sauste heulend zum Hof zurück“, berichtete Reichholf. Anderen Hofhunden erging es genauso und alle lernten. „Keiner wagte mehr, Carlo anzubellen, gleichgültig, ob er mit dem schwarz gefiederten Ungeheuer oder alleine unterwegs war.“

Adventmail 2023/06 (Tiere)

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er ist ein Allesfresser und verspeist seit jeher auch Tiere. Kleinkinder stecken Regenwürmer oder Käfer in den Mund, mit Ess-Tabus verbundener Ekel wird erst später sozial erworben. Und das ist kulturell durchaus unterschiedlich, wie wir wohl alle von Reisen wissen. Auf Märkten in Thailand z.B. werden Taranteln, Skorpione, Insektenlarven u.a. No-Gos für Mitteleuropäer:innen feilgeboten. Mein Mut bei der Reise dorthin 2018 reichte immerhin zum Kosten einer knusprigen Larve, davor hatte ich schon mal eine Heuschrecke gegessen. Kein Problem hätte ich mit dem in Fernost als Delikatesse geltenden Hundefleisch, so wie ich bei einem Feinschmecker-Event schon mal Biber, zubereitet von Starkoch Max Stiegl, genoss. Oder Papageientaucher auf Island.
Besonders beliebt ist in Österreich Schweinefleisch, der Jahresverbrauch liegt bei 33,5 kg pro Kopf (Geflügel: 13 kg, Rind/Kalb: 10 kg). Warum aber essen sowohl Juden als auch Muslime kein Schwein? Das geht auf religiöse Vorschriften zurück, wonach Schweine als buchstäblich unrein gelten. Es gibt mehrere wissenschaftliche Erklärungsversuche dafür. Der überzeugendste: Durch Vergrößerung der Ackerflächen, Rodungen und Erosion gingen in den Ländern des Nahen Ostens und Nordafrikas die vormals ausgedehnten Wälder um 2000 v. Chr. auf nur noch kleine Restbestände zurück. Die Schweine, die bis dahin in Eichen- und Buchenwäldern Schatten, Nahrung und feuchten Schlamm zum Suhlen fanden, verloren dadurch ihre ökologische Nische und wurden zu Nahrungskonkurrenten des Menschen – im Gegensatz zu den Wiederkäuern Rind, Schaf und Ziege.
Eines der bekanntesten Nahrungstabus ist das ebenfalls religiös begründete Verbot für Hindus, Rinder zu schlachten und zu essen. Im Christentum gab es bis zum Beginn der Neuzeit ein päpstliches Schlachtverbot für Pferde, Aleviten essen keine Hasen, Inkastämme in Peru keine Hirsche. Es gibt aber auch nichtreligiöse Verbote: So ist innerhalb der EU das Schlachten von Hunden und der Handel mit Hundefleisch seit 1986 untersagt. Insekten werden von der Mehrheit der Europäer nicht als Nahrungsmittel in Betracht gezogen, obwohl viele Arten prinzipiell essbar sind und in vielen Kulturen des „Südens“ auch verzehrt werden. Forschende fanden in zwölf untersuchten Kulturräumen insgesamt 38 Fleischtabus (aber nur sieben Pflanzentabus).
In der christlichen Fastenzeit war Fleisch lange strengstens untersagt. Kurfürst Maximilian ging in Bayern im 17. Jahrhundert sogar so weit, Verstöße mit Haftstrafen zu ahnden. Doch die Not machte vor allem die Ordensleute erfinderisch. Seit dem Konstanzer Konzil (1414-1418) hieß es: Alles, was im Wasser lebt, wird als Fisch gezählt. Und Fische waren ja schließlich erlaubt. Somit kamen in der Fastenzeit in Klöstern neben Fischen auch Biber und Fischotter auf den Tisch. Das soll angeblich fast zur Ausrottung der Tiere geführt haben.

Adventmail 2023/05 (Tiere)

Es löste Heiterkeit aus, als vor einigen Jahren im Radio zu hören war, dass Hans Adler von einem Streik der AUA berichtet. Der frühere Chefredakteur der ORF-Wirtschaftsredaktion ist bei weitem nicht der einzige mit diesem edlen Familiennamen, allein mit seinem Vornamen Hans listet Wikipedia weitere neun mehr oder weniger prominente Männer auf; insgesamt sind es hunderte Personen, etwa der Individualpsychologe Alfred, der Krimiautor Jussi oder der SDAP/SPÖ-Gründer Viktor.
Mein Lieblingsjournalist im ORF ist auch tierisch gut. Armin Wolf verbeißt sich in so manchen Studiogast, ohne verbissen zu wirken. Das könnten Politiker sein wie Johannes Hahn oder früher Franz Fischler, Rudolf Hundstorfer und Gesine Schwan.
Auch die Kultur ist voll von Tiernamenträger:innen. Ich nenne nur den Essayisten Anton Kuh, den Bildenden Künstler Erwin Wurm, Austropop-Sänger Ulli Baer oder die grandiose Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier. Bei den Celebrities begnüge ich mich mit Daniela Katzenberger.
Eine meiner vielen Tanten heißt Edeltraud Mücke (das gäb‘ nach Verheiratung mit Michael Stich einen schönen Doppelnamen). Apropos Sport: Als Teenager schwärmte ich für den US-Schwimmstar Mark Spitz und der Ex-ÖFB-Teamkapitän Christian Fuchs war mir immer sehr sympathisch.
Im Netz stieß ich auf eine imposant lange Liste mit tierischen Familiennamen. Darunter auch „gestrafte“ Personen, die „Ferkel“ (308 in den USA, 47 in Deutschland, 1 in Österreich) heißen, „Hammel“ wie die Miss Austria 2009 Anna oder „Ziege“ wie der deutsche Fußball-Europameister von 1996, Christian.
Zu dem Thema fällt mir ein Witz ein:
Ein Jude namens Adolf Sauschädl will seinen Namen ändern lassen und geht dafür zum zuständigen Amt. Der Beamte äußert Verständnis und fragt den Antragsteller, welchen neuen Familiennamen er in Zukunft tragen möchte. Dessen Antwort: „Wieso Familiennamen? Ich möchte meinen Vornamen auf Moische ändern!“