Stell dir vor, unsere Zivilisation wäre plötzlich dadurch infrage gestellt, dass bis auf eine kleine Gruppe von Menschen alle anderen verschwunden wären. Keiner mehr da, der Öffis chauffiert. Keine, die Kleidung verkauft. Niemand, der die Versorgung mit Energie und Wasser sicherstellt.
Und die Ernährung? Die Waren in Kühlregalen wären bald verdorben, die Konserven enden wollend oder ebenfalls mit Ablaufdatum versehen, die Milch gebenden und Eier legenden Nutztiere wären ohne Versorgung dem Tod geweiht. Wir müssten also – wie unsere Vorfahren in Zeiten von Sammlern und Jägerinnen – auf die Pirsch gehen. Und wären ohne Know-how hoffnungslos überfordert.
Das ist im Wesentlichen das Ausgangsszenario im Romanerstling „That’s life in Dystopia“ meiner lieben Kollegin Johanna Grillmayer, der seit Oktober in guten Buchhandlungen aufliegt. Bei ihren peniblen Recherchen (Wann erlegt man welches Wild? Wie stellt man Fallen? Wie zerteilt man die Beute?…) kam ihr, wie sie mir erzählte, zugute, dass ihr Vater Hobbyjäger war und sich zuhause ein Waffenschrank und sogar der ausgestopfte Kopf eines Keilers befanden. Johanna kennt auch die Fachterminologie: Sie weiß z.B., dass „ansprechen“ die präzise Beobachtung, Identifizierung und Beurteilung von Wild vor der Schussabgabe durch den Jäger bedeutet. „Kirrung“ ist ausgelegte Nahrung, um Tiere anzulocken, „Ständer“ nennt man die Beine des Federwilds, „Ruder“ jedoch die von Schwimmvögeln. „Aufbrechen“ meint, die Innereien der erlegten Tiere entnehmen, und wer Wild „entnimmt“, meint damit etwas euphemistisch: töten.
Im Roman beschafft sich die verbliebene „Robinson“-Gruppe von sechs Männern und zwei Frauen, die die nicht näher beschriebene Apokalypse unbeschadet überstanden, das Wissen um Jagd aus Fachliteratur; auch Gewehre finden sich. Aber über das Schießen auf Rehe, Wildschweine oder Hasen zu lesen und das dann auch umzusetzen sind zwei Paar Schuhe. Könnte ich das, der seine „Beute“ fein aufgeschnitten und in Folie verpackt im Supermarkt macht? Wenn’s ums Überleben geht vielleicht.
Das wirklich Fesselnde an Johannas Roman ist übrigens die Schilderung, wie sich die kleine Gruppe der etwa 20-Jährigen als „Gesellschaft“ konsolidiert. Nicht die schlechteste Inspiration zu ihrem Erstling bildete Marlen Haushofers „Die Wand“ mit nur einer Heldin und mehreren Tieren. Ein Zitat daraus steht am Beginn des Romans: „Es gibt keine vernünftigere Regung als Liebe.“ Also falls wer von euch noch ein Weihnachtsgeschenk braucht…