Es ist wieder so weit: Ich hole Tonfiguren aus Lateinamerika, die ich vor ein paar Jahren im Salzburger Bildungshaus St. Virgil gekauft habe, aus ihrer Schachtel, löse sie vom schützenden Zeitungspapier und stelle sie im Wohnzimmer zu einem weihnachtlichen Ensemble zusammen: Maria, Josef und das neugeborene Kind, die drei Weisen aus dem Morgenland – und Ochs und Esel, die bei den meisten Krippenszenerien nicht fehlen dürfen. Dabei ist im Weihnachtsevangelium nach Lukas keine Rede von diesen beiden Nutztieren, erwähnt werden nur Hirten, die auf freiem Feld Nachtwache bei ihrer Schafherde hielten und dann (wohl ohne die Tiere allein zu lassen) auf Geheiß der Engel den Messias bewundern.
Aber warum Ochs und Esel?
Dafür gibt es theologische Gründe. Und weil dem Volksglauben die Berichte in den Evangelien zu karg, zu wenig ausgeschmückt waren.
Die früheste noch existierende, wenn auch stark stilisierte künstlerische Darstellung von Ochs und Esel, die dem Jesuskind huldigen, ziert einen Sarkophag in Sant’Ambrogio in Mailand, entstanden etwa um 385 n. Chr., kurz nachdem das Christentum im Imperium Romanum zur Staatsreligion erklärt worden war.
Glaubensgeschichtlich waren Ochs und Esel – von Kirchenvätern der Spätantike allegorisch gedeutet als vom Gesetz unterjochte Juden und als Heiden – schon VOR Maria und Josef an der Krippe. Außerdem verweisen beide Tiere schon auf die gesamte Geschichte Jesu: Der Ochse war ein gängiges Opfertier, er kündigt somit das Opfer Christi schon an. Der Esel wiederum war das Reittier der Könige – siehe Palmsonntag! – und der Karawanenführer; nur mit einem Esel an der Spitze einer Karawane konnte man die oft steinigen Wüstenpassagen sicheren Schrittes durchqueren und dessen feines Witterungsvermögen für den Lebensquell Wasser optimal nutzen.
Explizit genannt wurden beide Tiere in dem um 600 n. Chr. entstandenen apokryphen – also nicht in den Kanon der Bibel aufgenommenen – „Pseudo-Matthäus-Evangelium“. Dort heißt es: „Sie (Maria) legte den Knaben in eine Krippe, und Ochs und Esel beteten ihn an. Da ging in Erfüllung, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist: ‚Es kennt der Ochse seinen Besitzer und der Esel die Krippe seines Herren. Aber Israel erkennt’s nicht und mein Volk vernimmt’s nicht. ‚“ (Jes 1,3) Eine implizite Mahnung zum Glauben also.
Franz von Assisi war der erste, der zu Weihnachten ein Krippenspiel veranstaltete. Im kleinen Dorf Greccio in Latium wollte er zu Weihnachten 1223 den Menschen die Botschaft von Weihnachten näherbringen, indem er die Dorfbewohner:innen samt ihrem Getier einlud, die Betlehemszene selbst nachzuspielen – ein offenkundiger Gegensatz zu den festlichen Pontifikalmessen in den damaligen Kathedralen. Ochs und Esel stellten die Armseligkeit eines Stalles dar. Franziskus wollte damit laut dem Südtiroler Theologen Martin Lintner sinngemäß vermitteln: „Wir sind arme Leute und leben oft in schäbigen Behausungen. Auch unser Inneres gleicht oft einem Stall – da gibt es Mist und Unrat, aber auch heimelige Wärme. Jesus ist sich jedenfalls nicht zu minder, bei uns einzukehren.“
PS: Euch allen ein herzerwärmendes Fest heute Abend und eine beglückende Weihnachtszeit.
Ich hab da noch ein Geschenk für Euch, nämlich eine zweite Spotify-Liste, diesmal mit lauter Songs mit Tieren im Titel. Und nein, „Rudolph the Red Nosed Reindeer“ kommt nicht vor, obwohl dieses Außenseiter-freundliche Lied jahrelang ein Fixpunkt des familiären Weihnachtssingens war. Dafür „Puff, the Magic Dragon“ von Peter, Paul and Mary, „Little Red Rooster“ von Howlin‘ Wolf, Lennons „I am the Walrus“ und McCartneys „Blackbird“, Dylans „Man Gave Name to All the Animals“, Marleys „Three Little Birds“,“Apeman“ von den Kinks und Zawinuls Jazz Standard „Birdland“…
Insgesamt 44 Songs aus der schier unendlichen Playlist von Liedern, die Tiere unterschiedlichster Art im Titel haben. Miles Davis kommt dabei in „Bye Bye Blackbird“ ebenso ohne Text aus wie Henry Mancinis „Pink Panther“-Thema, „Alley Cat“ von Chet Atkins oder das genannte „Birdland“. Alle anderen widmen der reichhaltigen Fauna neben hübschen oder mitreißenden Melodien auch unterhaltsame, manchmal kritische und tiefgründige Verse.
Es mag daran liegen, dass mir die Musik der Sixties und Seventies rein biographisch schon näher liegen als die aktuelle Popmusik: Aber nimmt man sich die Songtitel zum Maßstab, habe ich den Eindruck, als käme es auch in der musikalischen Entwicklung zu einem „Artensterben“: Tiere in Liedern werden seltener. Immer weniger „Pretty Flamingo(s)“, „Running Bear(s)“, „White Rabbit(s)“, „Hound Dog(s)“, „Fox(es) on the Run“ oder „Horse(s) with No Name“. Schade eigentlich.
Aber hört selbst. 2 Stunden 41 Minuten Spielzeit. Und viele Perlen darunter, versprochen.
