Eins muss man dem Mann lassen: Joachim Meyerhoff kann richtig gut erzählen. Auch wenig spektakuläre Nebenbeigeschichten, die sich in diesem Buch meist um seine 86-jährige Mutter ranken, lesen sich leicht, machen schmunzeln, wecken Bewunderung für die so agile, reflektierte Greisin. Wobei – darf man “Greisin” sagen zu einer Frau, die mit dem Auto durch die Landstraßen Schleswig-Holsteins düst? Die zu kaum erreichbaren Apfelbäumen in ihrem Ein-und-alles-Garten hochklettert? Die bei kühlen Temperaturen in der Ostsee weit hinausschwimmt? Die kurzerhand eine Lesung für den indisponierten, berühmten Schauspieler-und-Autor-Sohn übernimmt und dafür tosenden Applaus erntet?
Joachim, mittlerweile Mitte 50, flüchtet aus einer Lebenskrise im ungeliebten Berlin zu seiner liebenswerten Mutter aufs Land und verbringt dort 10 erholsame Wochen, ist viel an der frischen Luft und schreibt am bereits 6. Band seiner Autobiografie-Reihe “Alle Toten fliegen hoch”. Mehr als er selbst steht dabei seine manchmal schrullige, oft altersweise Gastgeberin im Mittelpunkt, ergänzt durch Geschichten aus der Theaterwelt wie jene, als Meyerhoff als Panther Baghira in einer Dschungelbuch-Kindertheateraufführung in Ulm auftrat oder als einer seiner wenigen TV-Auftritte zum Desaster wurde. Das ist zwar nicht immer so berührend wie der Band über seine Kindheit in einer Psychiatrischen Anstalt in Norddeutschland, nicht so unterhaltsam wie seine Ausbildungszeit als “Lieberling” im Münchner Haus der Großeltern und nicht so augenzwinkernd wie das Buch über seine Parallelliebschaften … aber lesenswert allemal.
Wie interreligiöser Religionsunterricht die Demokratie stärkt
An immer mehr Schulen werden christliche und muslimische Schüler gemeinsam unterrichtet. Das fördere demokratische Werte wie Respekt vor Vielfalt, sagen Verantwortliche.
Wir leben in zerrissenen Zeiten, auch religiös: Aktuelle Tendenzen, das „Eigene“ durch Abgrenzung vom anderen zu definieren, fördern Feindbildkonstruktionen, beklagt Carla Amina Baghajati, Leiterin des Schulamtes der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGÖ) und langjähriges „weibliches Gesicht“ des Islam in Österreich. In den Echokammern der sozialen Medien verstärke sich diese Dynamik noch, ehrlicher Dialog finde kaum noch statt. „Wir erleben eine Aufladung religiöser ‚Identität‘ durch Versatzstücke, die oft nicht mehr verstanden, aber emotional wirksam eingesetzt werden – auch als Manipulation“, so Baghajati, ohne islamistische Hassprediger und christliche Fundamentalisten-Videos ausdrücklich zu benennen. Es brauche religiöse Bildung und Mündigkeit, um Anspielungen entschlüsseln und Missbrauch erkennen zu können.
Verantwortliche für den Religionsunterricht, der den anerkannten Religionsgemeinschaften in Österreich per Gesetz zusteht, halten seit einiger Zeit mit Feldversuchen eines interreligiösen Religionsunterrichts dagegen – als Ergänzung zum bisher gewohnten konfessionellen… Allahu akbar und Vaterunser gemeinsam in einer Religionsstunde, geht das? … (mehr in DIE FURCHE, 28.8.2025, online 24.8.)
Urlaubswoche im JUFA Erlaufsee (14.-21.8.)
Im Vorjahr war es noch (gemäß der Ursprungsidee) ein Familienurlaub mit Kindern, Enkeln, Neffen, Bruder, sogar Zwillingen vom Exmann der Liebsten. Heuer bleiben von der JUFA-Besetzung 2024 nur noch wir beide und Lisa/Stefan und deren mittlerweile 4 Kinder zwischen 6 Jahren und 3 Monaten übrig. Statt nach Fürstenfeld ging’s heuer zum Erlaufsee ins Mariazellerland, wo wir mit meinen 3 Enkeln bereits vor 4 Jahren (im JUFA Siegmundsberg) urlaubten.
Die JUFA-Hotels sind ja zuletzt in finanzielle Turbulenzen geraten. Ein Investor muss den Fortbestand des (zu?) rasch gewachsenen Unternehmens sichern. Und das merkt man am Personal: Chaos bei Buchungsänderungen (wegen Erkrankung der Enkel mussten Zimmer storniert werden), Chaos beim Frühstücksbuffet (fehlende Butter, Tassen), überfordertes Management (neben Administration noch Getränke ausschenken??). Hoffentlich ist all das unter neuer Führung bald im Griff, sonst: JUFA ade.



Das Haus liegt am Ortsrand von Mariazell, zum Erlaufsee sind’s zu Fuß etwa 25 Minuten, mit dem Auto gute fünf. Am Wochenende kann’s bei Schönwetter auf dem Parkplatz dann schon mal eng werden. Das klare Seewasser hat rund 20 Grad, ich war also wenig schwimmen. Einmal lief ich rund um den See, was deutlich anspruchsvoller war als ich’s von der Alten Donau gewohnt bin. Highlights waren die Wanderung durch die Ötschergräben mit Stefan und Mathis (6), die ich alleine noch bis zur Erlaufstauseeschänke verlängerte – 18.000 Schritte an diesem Tag – und der Ausflug auf die Gemeindealpe mit herrlicher Rundumsicht und Runterdüsen mit Mountain Carts auf Schotterstraßen.

Beim Kickerl in der Sporthalle merke ich voranschreitendes Alter: Wie schon im Vorjahr zwickten die Adduktoren. Schonender war da schon das Yannis-Schaukeln auf den Oberschenkeln und dafür mit einem herzigen Baby-Lächeln belohnt werden. Auch Claudia widmete sich intensiv der Kinderbetreuung, “Großeltern” dabei zu haben ist für die meisten Eltern schon ein dickes Plus.
Eine Entdeckung war die “Wuchtlwirtin” auf dem Traisenradweg unweit von Mariazell: Hausmannskost vom Feinsten und riesige Buchteln mit Vanillesoße – köstlich!
Die beiden letzten Tage kamen Freunde von Stefan/Lisa nach; eine fünfköpfige Familie aus Tirol; die Freiräume nutzten Claudia und ich für Paarunternehmungen. Auf dem Rückweg dann noch ein kleiner Umweg zu Muttern nach Kapfenberg.
Fazit: schöne Gegend, Quartier mit Verbesserungsbedarf, Besetzung gemessen an der Ursprungsidee zu dünn… das Projekt “Familienurlaub” bedarf einer Neukonzeption.
“Was uns verbindet” (Carine Tardieu, F/B 2024) ***
“Was uns verbindet”, war nach dem Ansehen dieses Melodrams der Pariserin Carine Tardieu offensichtlich: Kaum jemals diskutierten wir (diesmal 6) Mitglieder der Kinomittwochrunde so ausgiebig über einen Film. Und die Meinungen divergierten… Dazu später mehr.
Es geht um eine alleinstehende Buchhändlerin Mitte 50, Sandra (Valeria Bruni Tedeschi), die von einer Notsituation überrumpelt wird: Sie muss auf Elliott, den kleinen Sohn aus der Nachbarwohnung, aufpassen, denn das Elternpaar muss zur Entbindung ins Krankenhaus. Nachdem die Mutter bei der Geburt stirbt, entwickelt Sandra zu dem Jungen, dem verwitweten Vater und dem neugeborenen Mädchen eine zunehmend tiefe Bindung, wird für die Verbliebenen mehr als ein “Anhang” (frz. Originaltitel. “L’attachement”).
Der weitere Plot begleitet die Neukonsolidierung der Restfamilie, und es geschieht viel: Trauerbewältigung, Annäherungsversuche des Witwers Alex bei Sandra, Neuverheiratung von Alex mit einer Kinderärztin und Trennung von ihr, Einigung mit dem leiblichen Vater von Elliott… wobei die feministische Single-Frau Sandra etwas ins Hintertreffen gerät – als Attachement? “Ein unaufgeregtes Drama, das von überzeugenden Darstellern und liebevoll gezeichneten Figuren getragen wird”? Dem “Filmdienst” hat’s offenbar etwas besser gefallen als mir. Aber ja: eh nett. [Und vielleicht hat meine Zurückhaltung auch damit zu tun, dass ich am selben Abend noch Wenders’ großartigen Film über Sebastiao Salgado “Das Salz der Erde” (2014) sah…]
Und was sagten die Kinogefährt:innen? Tolle Dialoge, zu viele Handlungsfäden und Hauptfiguren, Trauerreaktionen berührend und nachvollziehbar, alterskluges Kind, frühreifes Baby, Männerentwicklungen nicht nachvollziehbar …
De gustibus non est disputandum / Über Geschmack lässt sich nicht streiten? Kann man doch. Zumindest diskutieren.
Dirk Stermann, “Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen”, Rowohlt 2023 *****
Die 1927 geborene Psychoanalytikerin und Holocaust-Überlebende Erika Freeman war 2019 zu Gast in der ORF-Satireshow “Willkommen Österreich”, und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Moderator Dirk Stermann. Der Kabarettist und mehrfache Buchautor, den ich während einer beiderseitigen Karenzvaterschaft mal persönlich kennenlernte, führte mit der als Erika Polesiuk in Wien geborenen und als Jüdin von dort 1939 vertriebenen, während der Pandemie im Hotel Imperial residierenden Analytikerin von Größen wie Mia Farrow und Marlon Brando zahllose Gespräche.
Ob dabei Audiodateien entstanden, weiß ich nicht. Vieles ist unter Anführungszeichen und vermittelt nicht nur deshalb den Eindruck von Authentizität: Die Greisin Erika ist alles andere als senil und erzählt auf höchst anregende Weise weise über ihre Lebensgeschichte. Darüber, wie es Juden in Wien erging (als sie in den 60er Jahren das erste Mal wieder nach Österreich kam, wurde sie im Hotel mit den Worten “Wir nehmen keine Juden” empfangen), ihre Emigration als Zwölfjährige in die USA, ihre Rolle bei der Entstehung des Staates Israel mit Bekanntschaften von Golda Meir oder Moshe Dayan, ihre Medienauftritte und Wertschätzung unter zahlreichen Berühmtheiten bis hin zur Verleihung der österreichische Staats- und der Wiener Ehrenbürgerschaft.
Ich war immer wieder berührt von der hassfreien Lebenskunst dieser großen kleinen Frau, von ihrem Humor und ihrer titelgebenden Gelassenheit: Ihr gehe es gut, sagt die inzwischen 98-Jährige, wenn nicht heute, dann morgen.
Ausstellungen “Remix”/”Damian Hurst. Zeichnungen”, Albertina modern, 5.8.25 **

Wieder in der Albertina modern, zuerst in der Schau “Remix. Von Gerhard Richter bis Katharina Grosse”, mit der ich ehrlich gesagt wenig anfangen konnte. Die zugrunde liegende deutsche Sammlung Viehof umfasst auch Werke von Beuys, Baselitz und anderen, mir unbekannten Künstler:innen. Am eindrücklichsten, weil ironisch, Martin Kippenbergers Alter-Ego-Skulptur “Martin, ab in die Ecke und schäm dich”. Dass Superstar Gerhard Richter, dessen Kölner Dom-Glasfender ich bewunderte, ein stilisiertes Schloss Neuschwanstein in blaugrünem Nebel platziert … nun ja. Eh. Oder die Alltagsgegenstände von Joseph Beuys, sollen die zeigen, dass eh jede:r ein:e Künstler:in ist?



Dann für sich genommen ausstellungsunwürdige Zeichnungen, die die in kleiner Auswahl in der Albertina modern präsenten Arbeiten eines anderen Superstars der Kunstszene, des Briten Damian Hurst, begleiten. Am spannendsten aber ein Film zum Projekt „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ aus, bei dem Hirst 2017 eigene Werke als Fundstücke aus einem antiken Schiffswrack inszenierte. Nicht nutzen konnte ich Hirsts Zeichenmaschine „Making Beautiful Drawings“, die mittels Drehscheibe bunte Kreise auf Papier zaubert und auch mich zum Künstler gemacht hätte…
Michael Niavarani, “Homo Idioticus 2.0- Der Trottel ist zurück”, Theater im Park, 1.8.25 ****
Hypochondrie, hemmungsloses Essen und ordinär sein – das sind laut Michael Niavarani die drei Problemzonen, vor denen er als herausragender Vertreter der Spezies “Homo Idioticus” immer wieder stehe. Vor allem das letztere ist unüberhörbar: Ich schlug meiner Liebsten in der Pause des Soloprogramms im Theater im Park eine Art Bullshit Bingo vor: Wie oft würde Nia in der zweite Hälfte “Oaschloch”, “scheißn” oder “pudern” sagen?
Ja, Humor der deftigen Art muss man mögen, wenn man zu Nia geht. Und alle bekommen bei ihm ihr Fett weg – Trump, Babler, Mikl-Leitner, die Kirche, die Grünen, das Publikum, die Bibel, die FPÖ sowieso, aber auch er selbst nimmt sich auf die Schaufel und macht sich etwa über seine bei ihm als 60-Jährigem nachlassende Libido lustig. Die Wuchteldichte ist hoch, und seien wir ehrlich: Witze über Tabus und Peinlichkeiten aus der Unterleibsregion reizen das Zwerchfell verlässlich. Auf Subtilität kann ich auch mal verzichten (zumal die Tickets gratis waren; geschenkter Gaul und so).

Gegen Ende verband Niavarani seine Blödeleien mit einer Botschaft: pro Demokratie, Vielfalt, Toleranz, Nachhaltigkeit. Und seine Tour de Force durch die Menschheitsgeschichte schloss er mit der Frage, wie unsere Zeit wohl in den Geschichtsbüchern in 50 Jahren beschrieben werde. Sein zweckoptimistischer Ausblick: “Es is si’ grod no ausgangen.”
Ein gelungener Abend ohne den prognostizierten Regen in einer Location mit viel Platz zwischen den Sitzen, großen Schattenbäumen und Publikumsservice (gratis Regenschutz) in der Prinz-Eugen-Straße.
Ausstellung Henri Cartier-Bresson/Christine de Grancy; 29.7.25, Foto Arsenal ****
Henri Cartier-Bresson (1908-2004) war für die Fotografie des 20. Jht.s sowas wie Picasso für die Bildende Kunst. Ich kannte von ihm bisher vor allem seine Straßenbilder wie jenes von dem stolz zwei Weinflaschen tragenden Buben in der Pariser Rue Mouffetard aus dem Jahr 1954, die seine Virtuosität bei der Kunst des Zum-rechten-Zeitpunkt-Auslösens zeigen. Die aktuelle Wiener Ausstellung zeigt Schwarzweißaufnahmen, die Cartier-Bressons dokumentarische Präsenz bei historischen Ereignissen und Schauplätzen aufzeigen: Gandhi einen Tag vor seiner Ermordung, Fotoserien im davor dem Westen unbekannten China zur Revolutionszeit und im Moskau der Chruschtschow-Ära, Kuba mit Che Guevara und Fidel Castro, Mauerbau in Berlin oder Resistance in Frankreich zur Weltkriegszeit. “Watch, watch, watch!” lautet der Titel der Schau; beeindruckend, was sich in einem 95-jährigen Leben so alles ansammelt.

Die zweite Ausstellung ist der heuer im März verstorbenen Christine de Grancy gewidmet. Es dominieren ihre Bilder von Wiener Dächern – etwa jenem des Parlaments, des Burgtheaters oder der beiden Museen am Ring. Es macht Staunen, was sich dort oben an Skulpturen, Herrschaftssymbolen und Göttergestalten so umtut. Christines Freund André Heller würdigt sie mit dem schönen Satz in typischem Hellerdeutsch: Ihre Lichtbilder, die “aus dem Fegefeuer der Banalität” herausführen, seien “betroffen machende Glücksfälle aus dem geheimnisvollen Revier der unsentimentalen Kunst”.

Beide Ausstellungen machen Lust, wieder mal in Schwarzweiß zu fotografieren. Die Licht-Schatten-Effekte haben einen besonderen Reiz.
Tonio Schachinger, Echtzeitalter, Rowohlt 2023 *****
Manche Bücher lesen sich schnell – entweder weil sie an viele eigene Erfahrungen anknüpfen oder einfach gute Literatur sind. Tonio Schachingers “Echtzeitalter” bietet beides.
Es geht um Till Kokorda und seine Schülerjahre im – dem Therasianum nachempfundenen – Elitegymnasium Marianum. Dort gerät er unter die strenge Fuchtel des Deutsch und Französisch unterrichtenden Klassenvorstand Dolinar, verliert den Vater durch dessen Krebstod, verfällt sukzessive dem Echtzeitstrategie-Computerspiel (AOE/Age of Empire 2), schließt in der Oberstufe Freundschaft mit Fina – und Feli, in die er sich erst heimlich, dann deklariert und erfolgreich verliebt, während er erwachsen wird.
Eine Coming-of-Age-Geschichte also, in einem Ambiente, das mit Bildungsdünkel und teils schwarzer Pädagogik auf eines von drei Studien vorbereitet – Jus, Wirtschaft oder Medizin. Und das vor dem Hintergrund von bekannt Wienerischem wie Karlsplatz, Café Alt Wien oder Ellmayer sowie von zeitnahen Ereignissen wie dem Ibiza-Skandal, der Kanzlerschaft von Kurz oder der Pandemie, die Till die Hürde Matura schließlich leicht nehmen lässt.
Schachinger, geboren in Neu-Delhi als Spross eines österreichischen Diplomaten und einer Künstlerin mexikanisch-ecuadorianischer Herkunft, verarbeitet in seinem 2023 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman viel Biografisches. Und er macht das geistreich, humorvoll, unterhaltsam, mit einer ihm schon für seinen Debütroman von der Buchpreis-Jury attestierten „rotzigen, witzigen und originellen“ Erzählerstimme. Gut, Internet-Gaming interessiert mich nicht wirklich, auch meine Tetris- und Gran-Turismo-Phase liegen lang zurück, aber Schachinger macht die Faszination eines Identität suchenden und zum autogrammbegehrten Nerd-Star werdenden Teenagers dafür plausibel. Der “Standard” lobte den Autor für ein Buch, “das Pointen schleudern und zugleich seine Figuren psychologisch schlüssig reifen lassen kann”. Gut gesagt.
Radtour Mürzzuschlag – Mariazell – St. Pölten, 23./24.7.25
Die Wetterprognose war schauerlich: Viel Regen sei in diesem feuchten Sommer mit bisher eher kurzen Hitzeperioden zu rechnen. Ich hatte aber schon länger die Zuganreise nach Mürzzuschlag und die Rückreise von St. Pölten geplant und auch das Nachtquartier in Mariazell schon reserviert. Ob am zweiten Tag dann auch Freund Heinrich und andere Mitglieder der WhatsApp-Gruppe „geRADeaus“ den Traisenradweg entlang dabei sind, würde sich zeigen.

Feucht wurde es bereits kurz nach dem Losfahren in Wien, also nahm ich die U-Bahn zum Hauptbahnhof. Der Mürztalradweg ab Mürzzuschlag war nass wie nach heftigem Regen, der Himmel noch düster, aber die Strecke bis Mürzsteg gut ausgebaut, sehr angenehm. Münsterbesuch und Kaffeestop in Neuberg, 550 Höhenmeter ging’s dann rauf zum Niederalpl und zu einem jener Skigebiete auf 1220m, die dem Klimawandel zum Opfer fallen (werden). Mit bis zu 70 Sachen dann runter nach Wegscheid, danach nordwärts Richtung Marienwallfahrtsort, bei angenehmen Temperaturen knapp über 20 Grad. Vorbei am JUFA Sigmundsberg, wo Claudia und die drei Enkelsöhne bereits einmal urlaubten, dann die letzte Steigung rauf nach Mariazell bei immer mehr aufklarendem Himmel.
Ich bezog mein Zimmer in der Magnus Klause und brach bald nochmals auf, zum Erlaufsee und dem naheliegenden JUFA, wo wir in drei Wochen in größerer Besetzung sein werden. Und ich war ziemlich angetan von diesem Familienhotel: sehr verkehrsberuhigt im Grünen, viele Sportmöglichkeiten indoor und outdoor, ein ruhiger Innenhof mit Wiese und Kinderspielplatz, Fitnessraum, Bouldern, Kickfelder, freundliches Personal. Der Erlaufsee ist halt leider nicht in unmittelbarer Nähe. Zu Fuß eine halbe Stunde (wobei ich einen Fußweg im Wald entdeckte), mit dem Rad ca. 10 min, per Auto die Hälfte. Dort dann strahlender Sonnenschein und doch recht viele Badende im kristallklaren Wasser.



Abends dann fein Speisen im noblem Brauhaus Mariazell: Mir wurde allein ein Vierertisch zugewiesen, auf Nachfrage erklärte ich mich einverstanden, etwaige Tischnachbarn zu bekommen – und bald gesellte sich Leonard, ein nach Songwriter Cohen benannter Vorarlberger Fußwallfahrer, zu mir. Wir kamen ins Gespräch, und es zeigte sich, dass dabei die Leut‘ z’sammkommen: Leonard, ein studierter Wirtschafter und Berufsschul-Quereinsteiger, wird im nächsten Schuljahr „RuR“ unterrichten, also Schüler:innen unterschiedlichen religiösen Bekenntnisses eine Art Religionskunde. Darauf haben sich verschiedene christliche Konfessionen und die Aleviten in Vorarlberg und auch in Tirol geeinigt. Was für eine passende Ergänzung zu meinen Recherchen über interreligiösen Religionsunterricht, an dem ich gerade dran bin!
Am nächsten Morgen ein banger Blick aus dem Hotelzimmer. Der Himmel schwarzbewölkt, ein Anruf bei Heinrich in der Mariazellerbahn ergab aber: Vier unerschrockene Radler – zwei weniger als geplant – würden ab 11h die Traisen entlang radeln. Bis zum Treffpunkt am Bahnhof besuchte ich noch die Basilika, wo gerade einer der vielen Pilgergottesdienste gefeiert wurde. Dann begrüßte ich am Bahnhof meinen alten Freund Heinrich sowie die Jungpensionisten Paul und Thomas, letzterer sogar als einziger ohne E-Bike unterwegs. Was sich trotz des langen Anstiegs nach Gscheid nicht in langen Wartezeiten bemerkbar machte – der Mann ist superfit. Und die Strecke erst im Rechengraben, dann am Hubertussee und an der Wuchtlwirtin vorbei und ab St. Ägyd die Traisen entlang herrlich. Durch die vielen, teilweise steilen Bergabpassagen machten wir Tempo: 23,5 km/h Schnitt sollte das Display schließlich in St. Pölten anzeigen – so flott war ich bei einer 90km-Tour noch nie unterwegs. Daran änderte auch eine unliebsame Premiere (erster Bienenstich während des Radfahrens) nichts.
Mit dem Wetter hatten wir Glück: Es gab zwar einen heftigen Regenguss, aber zu einem Zeitpunkt, als wir in Lilienfeld zu Mittag aßen und bei Kaffee zuwarteten, bis es wieder aufklarte. Negativ überrascht war ich nur von meiner angeblich regendichten “Mi Velo”-Radtasche. Durch die beiden Reißverschlüsse vorne beim kleinen Fach und hinten für die Tragegurte dran ganz schön viel Wasser ein.

Gegen 17.30 Uhr waren wir in St. Pölten, Thomas und Paul verabschiedeten sich, ich blieb noch bis zur Railjet-Abfahrt um 19.03 bei Heinrich. Nass wurde meine Regenjacke erst, als ich beim Donauzentrum aus der U1 stieg…