Dirk Stermann, „Mir geht’s gut, wenn nicht heute, dann morgen“, Rowohlt 2023 *****

Die 1927 geborene Psychoanalytikerin und Holocaust-Überlebende Erika Freeman war 2019 zu Gast in der ORF-Satireshow „Willkommen Österreich“, und das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft mit Moderator Dirk Stermann. Der Kabarettist und mehrfache Buchautor, den ich während einer beiderseitigen Karenzvaterschaft mal persönlich kennenlernte, führte mit der als Erika Polesiuk in Wien geborenen und als Jüdin von dort 1939 vertriebenen, während der Pandemie im Hotel Imperial residierenden Analytikerin von Größen wie Mia Farrow und Marlon Brando zahllose Gespräche.
Ob dabei Audiodateien entstanden, weiß ich nicht. Vieles ist unter Anführungszeichen und vermittelt nicht nur deshalb den Eindruck von Authentizität: Die Greisin Erika ist alles andere als senil und erzählt auf höchst anregende Weise weise über ihre Lebensgeschichte. Darüber, wie es Juden in Wien erging (als sie in den 60er Jahren das erste Mal wieder nach Österreich kam, wurde sie im Hotel mit den Worten „Wir nehmen keine Juden“ empfangen), ihre Emigration als Zwölfjährige in die USA, ihre Rolle bei der Entstehung des Staates Israel mit Bekanntschaften von Golda Meir oder Moshe Dayan, ihre Medienauftritte und Wertschätzung unter zahlreichen Berühmtheiten bis hin zur Verleihung der österreichische Staats- und der Wiener Ehrenbürgerschaft.
Ich war immer wieder berührt von der hassfreien Lebenskunst dieser großen kleinen Frau, von ihrem Humor und ihrer titelgebenden Gelassenheit: Ihr gehe es gut, sagt die inzwischen 98-Jährige, wenn nicht heute, dann morgen.

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