Henri Cartier-Bresson (1908-2004) war für die Fotografie des 20. Jht.s sowas wie Picasso für die Bildende Kunst. Ich kannte von ihm bisher vor allem seine Straßenbilder wie jenes von dem stolz zwei Weinflaschen tragenden Buben in der Pariser Rue Mouffetard aus dem Jahr 1954, die seine Virtuosität bei der Kunst des Zum-rechten-Zeitpunkt-Auslösens zeigen. Die aktuelle Wiener Ausstellung zeigt Schwarzweißaufnahmen, die Cartier-Bressons dokumentarische Präsenz bei historischen Ereignissen und Schauplätzen aufzeigen: Gandhi einen Tag vor seiner Ermordung, Fotoserien im davor dem Westen unbekannten China zur Revolutionszeit und im Moskau der Chruschtschow-Ära, Kuba mit Che Guevara und Fidel Castro, Mauerbau in Berlin oder Resistance in Frankreich zur Weltkriegszeit. „Watch, watch, watch!“ lautet der Titel der Schau; beeindruckend, was sich in einem 95-jährigen Leben so alles ansammelt.

Die zweite Ausstellung ist der heuer im März verstorbenen Christine de Grancy gewidmet. Es dominieren ihre Bilder von Wiener Dächern – etwa jenem des Parlaments, des Burgtheaters oder der beiden Museen am Ring. Es macht Staunen, was sich dort oben an Skulpturen, Herrschaftssymbolen und Göttergestalten so umtut. Christines Freund André Heller würdigt sie mit dem schönen Satz in typischem Hellerdeutsch: Ihre Lichtbilder, die „aus dem Fegefeuer der Banalität“ herausführen, seien „betroffen machende Glücksfälle aus dem geheimnisvollen Revier der unsentimentalen Kunst“.

Beide Ausstellungen machen Lust, wieder mal in Schwarzweiß zu fotografieren. Die Licht-Schatten-Effekte haben einen besonderen Reiz.