Ausstellung “Du sollst dir ein Bild machen”, Künstlerhaus, 27.10.2025 ******

Eine Ausstellung über Kunst und Religion – so einen Kelch lasse ich nicht an mir vorübergehen. Zumal der Titel “Du sollst dir ein Bild machen” ja schon ein Stück Widerspruch bzw. Ungehorsam gegenüber biblischen Vorgaben bedeutet, wonach wir uns eben KEIN Bildnis … Aber bitte: Wie anders als über (bildhafte) Vorstellungen können wir uns dem letztlich unvorstellbaren Gott annähern? Und hat nicht auch Jesus mit seiner vertraulichen Anrede “abba” (Papa) familiäre Anschaulichkeit provoziert?

“In Konzeption und Ausrichtung steht die Schau nicht für vordergründige Provokation oder lauten Protest, sondern für einen differenzierten Blick, für die Suche nach Gemeinsamkeiten und das Bestreben, einen Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und Religion zu fördern”, erklärt Kurator Günther Oberhollenzer in den Presseunterlagen. Aber ganz ohne Provokation und Protest geht es bei den Werken der 42 ausgestellten Kunstschaffenden (darunter Marina Abramović, Manfred Erjautz, Valie Export, Martin Kippenberger, Arnulf Rainer, Bettina Rheims – und Johannes Rass, Sohn meiner Freundin Gaby) nicht ab, dazu ist die Last des Jahrhundertelang mit weltlicher und “Seelenbesetzungs”-Macht einhergehenden Christentums noch zu präsent.

In dieser Holzbox kann man mit einem “KI-Jesus” hinterm Beichtgitter über Glaubensfragen sprechen

Unterteilt ist die Schau in sieben Kapitel: Ikone, (Schein-)Heiligkeit, Kreuz, Auferstehung, Göttlichkeit, Madonna und Letztes Abendmahl. Gleich im ersten Raum eine Begegnung mit Jesus, wie sie “moderner” kaum sein könnte: In einer einzeln zu betretenden hölzernen “Beicht-Box” kann man mit einem digitalen Christus über Glaubensfragen sprechen. Die KI geht in Sekundenschnelle auf das jeweilige Gegenüber ein – “nicht als technische Spielerei, sondern als ernsthafter Austausch über persönliche und spirituelle Fragen”, wie es heißt. Hochinteressant!

Vorne an der Box eine Variante des bekannten “Lego-Kreuzes” von Manfred Erjautz, rechts davon ein Stück der “Himmelsleiter” aus Neonröhren, die Billi Thanner für den Südturm des Stephansdoms schuf.

Kippenbergers “Fred the Frog Rings the Bell” erregte 2008 in Bozen fromme Gemüter

Schon berühmt ist der unter Blasphemieverdacht stehende gekreuzigte Frosch von Martin Kippenberger; viel expliziter kirchenkritisch ist Deborah Sengls Wachsskulptur “Von Schafen und Wölfen”, die ein zähnefletschendes tierisches Zwitterwesen mit wollenem Kraushaar im liturgischen Priestergewand zeigt. Einige Arbeiten blicken aus feministischer Perspektive auf Glaubensgestalten und -inhalte: So die Projektion “Göttin schuf Eva”, die Michelangelos berühmtes Sixtina-Fresko persifliert, die “Putzmadonna” von Valie Export oder ein Triptychon von Bettina Reims mit einer gekreuzigten barbusigen Frau.

Erfreulich oft bekommt Humor in der Ausstellung Platz, und das nicht nur in sarkastischer Abgrenzung vom Althergebrachten. Ein Beispiel: Lois Hechenblaikners fotografische Gegenüberstellungen alter Glaubensrituale und heutiger kommerzverseuchter Alm-Rausch-Seligkeit. Oder ein in Schokolade gegossener Jesus als wörtlich genommener “my sweet Lord” (Timm Ulrichs).

Geistlicher als Wolf im Schafspelz … nicht gerade vertrauenserweckend

Einige Werke wie Thomas Riess’ “Transsurfing”, das im Raum “Auferstehung” eine sich in Licht auflösende Gestalt zeigt, leisten Übersetzungsarbeit: Wie könnte Spiritualität heute veranschaulicht werden – jenseits der Notwendigkeit, sich an unjesuanischen Altlasten der Glaubensgeschichte abzuarbeiten? Besonders eindrucksvoll in diesem Kontext auch die Holzarbeiten des aus der Schnitzerei-Tradition des Grödnertals entstammenden Südtirolers Aron Demetz.

“Chapeau zu dieser Schau! Unbedingte Empfehlung!” schrieb Johannes Rauchenberger, der selbst gerade seine “Gott hat kein Museum”-Ausstellung im Grazer KULTUM kuratierte. Dem kann ich mich nur anschließen.

Lesung Johanna Grillmayer, Buchhandlung Seeseiten, 22.10.2025

Durch meine jetzt drei dort lebenden Söhne bin ich regelmäßig in der Wiener Seestadt. Noch nie war ich allerdings in der Buchhandlung “Seeseiten”, wo meine liebe Freundin und Kollegin Johanna Grillmayer aus dem dritten Band (“Ein guter Mann”) ihrer Dystopie-Trilogie las. Über das dort gekaufte und von Johanna nett signierte Buch kann ich anders als über die beiden ersten Bände noch nichts schreiben, wohl aber über die überaus sympathische Buchhandlung. Die Seeseiten sind geräumig, bieten viel Platz zum Schmökern in entspannter Atmosphäre, sogar Getränke kann man dazu erwerben. Ein Wohlfühlladen.

Und der Chef – der auch aus ORF-Sendungen bekannter Buchliebhaber Johannes Kößler – machte es der Autorin und den leider nur 15 Besucherinnen und Besuchern so angenehm wie möglich: mit einer launigen Begrüßung, viel Wertschätzung für das Romangroßprojekt von Johanna, klugen Fragen nach der Lesung und Wein und Brötchen zum Ausklang.

Romanautorin Johanna Grillmayer las in der Seestadtbuchhandlung “Seeseiten”

Und für den Rest des Jahres sind weitere interessante Veranstaltungen in der Buchhandlung angekündigt…

50 Wiener Bäume, Buchpräsentation mit Sharing Dinner, magdas Wien, 14.10.2025

Nicht nur wer “Im Prater blüh’n wieder die Bäume” von Robert Stolz kennt, assoziiert die Hauptallee mit den weißen und rosa Blüten der dort aufgereihten Rosskastanien. Nur leider, wenn man dem Topfachmann für Wiener Baumkultur, Thomas Roth, glauben kann, hat dieser frühlingshaft erfreuliche Anblick ein Ablaufdatum. Denn die Rosskastanie ist einer jener Bäume, die dem Klimawandel besonders schlecht gewappnet sind.

Unter den 49 weiteren, die der in den Bereichen Gehölzkunde, Baumschulwesen, Garten- und Landschaftsgestaltung lehrend tätige Boku-Absolvent in seinem neuen Buch auflistet, sind aber auch andere, die Hitze, Salz und Wassermangel in der Millionenstadt deutlich besser vertragen. Und Roth kann darüber unterhaltsam schreiben, was ich aufgrund des Buchtitels “50 Wiener Bäume” nicht von vornherein erwartet hätte.

Vorgestellt hat Roth sein im Falter-Verlag erschienenes Buch am 14.10. im Gespräch mit Naturressort-Leiterin Katharina Kropshofer, hingelockt hatte mich und Claudia vor allem das magdas-Hotel als Veranstaltungsort und das dort gebotene Abendessen. Rund um die an langen Tischen platzierten 80 (?) Gäste hatte Roth Zweige und (tlw.) essbare Früchte seiner ausgewählten Bäume angeordnet. Darunter solche, von denen ich noch nie etwas gehört hatte – wie Taschentuchbaum, Gummiulme, Milchorange oder Schlafbaum, aber auch Platane, Gingko und die bedrohte Kastanie. Zu den problematischsten invasiven Arten in Europa zählt der Götterbaum, einer Pflanzen-Hydra, die umso üppiger nachwächst, je mehr man sie beschneidet.

Dazu gab’s rund 45 min Info, danach feines Essen – ein “Sharing Dinner” – und nette Gespräche mit uns davor unbekannten Frauen und Gastgeberin Gabriela Sonnleitner; magdas, wir kommen wieder!

Berni Wagner, Monster, Kabarett Niedermair, 13.10.2025 *****

Meine Top-5-Lieblingskabarettisten im bezüglich Humorist:innen reich gesegneten Österreich sind Klaus Eckel, Alex Kristan, Thomas Stipsits, natürlich Altmeister Josef Hader – und seit gestern Berni Wagner. Für sein aktuelles (fünftes) Programm “Monster” erhielt der 34-jährige Linzer Wahlwiener zurecht den Österreichischen Kabarettpreis 2025.

Berni macht sich über klischeehafte “richtige Männer” lustig und deren Eigenart, z.B. ihm mit einschlägigen Schimpfwörtern die damit verbundenen Eigenschaften abzusprechen. Was ihn aber nicht anficht. Er sei bekennender Warmduscher, lieber ein Weichei als Hodenkrebskandidat, und auch wenn er “Mädchen” oder “Muschi” tituliert wird, stört ihn das nicht – denn er mag beides. Bei traditionellen Polterabenden und Junggesellenabschieden wisse er oft nicht, ob die Kumpels den Betreffenden in einen neuen Lebensabschnitt begleiten oder aber ihm eine Nahtoderfahrung verabreichen möchten. Und: “Richtige Männer” wirken oft, als litten sie unter “umgekehrtem Tourette”: Hin und wieder fällt neben Tiraden auch einmal ein normales Wort.

Doch auch in ihm selbst schlummert ein durch kindliche Krampuserfahrungen genährtes Monster, lässt Berni das immer wieder mit einbezogene Publikum im leider sehr engen Niedermair wissen. Es regt sich, wenn etwa Öffi-Benutzer den Platz neben ihnen mit ihrem Koffer verstellen oder wenn jemand sein Handy laut per Videocall benutzt und es dabei wie ein Butterbrot hält. Berni versucht sein inneres Monster mithilfe eines guruhaften Fitnesstrainers zu kultivieren – mit zweifelhaftem Erfolg. Sein theatralisches Talent zeigt der Kabarettist, wenn er mit übergeworfener Boxermantel-Kapuze vom warmduschenden Dr. Jekyll zum monsterhaften Mr. Hyde mutiert.

Zum Schluss wird der studierte Biologe ernst und erklärt, dass Charles Darwin falsch verstanden wird: Nicht die Stärksten, Rücksichtslosesten in der Natur setzen sich durch, sondern die Anpassungs- und Teamfähigen. So ist es.

Große Empfehlung. Anschauen!

Wienführung für Besserwisser mit Guide Wolfgang Reisinger, 27.9.2025 ******

Wisst Ihr, was ein “Dachhase” ist? (1) Aus welcher Nation die größte Minderheit in Wien komme? (2) Wie lange es auf Wiens Straßen Linksverkehr gab? (3) Und was bedeutet es, wenn ein Fiaker eine Porzellanfahrt macht? (4) Oder hättet Ihr vermutet, dass bei Beethovens Begräbnis 20.000 Verehrer im damals noch deutlich kleineren Wien mittrauerten, bei Falcos dagegen “nur” 5.000? Dass der kleine, große Napoleon in der Augustinerkirche eine Enkelin von Kaiserin Maria Theresia heiratete, ohne selbst anwesend zu sein?

Solche Staunen machenden Bildungsschätze erschloss mir und den gut 20 Gästen meiner Geburtstagsführung durch Wien unser Guide Wolfgang Reisinger am Tag nach meinem Jubelfest, dem 27. September. Ich hatte mich im Internet schlau gemacht, wer sowohl Wissenswertes als auch Unterhaltsames bei einem Spaziergang durch die Innenstadt vermitteln könnte – und ich gestehe, meine Recherchen als Redakteur waren nicht immer so ins Schwarze treffend wie diesmal: Wolfgang machte, da waren wir uns einig, einen Superjob. Keine Vorträge an Overtourism-Plätzen, sondern Ratespiele an gut ausgewählten Nischen, bei denen nicht nur die Besserwissenden mit Pez-Zuckerl als Pluspunkten belohnt wurden, sondern auch jene, die witzig-originelle Falschantworten ablieferten. Wie mein jüngster Sohn Fabian, der die Frage nach der Bezeichnung für einen mit Alkohol angereicherten Einspänner-Kaffees schlagfertig “Entspanner” antwortete.

Wir waren in Gruppen aufgeteilt, die in Plastiktrinkbechern ihre errungenen Pez-Punkte sammelten. Die Route führte von der Albertina über den Schweizerhof und den Graben zum Platz Am Hof. Und dank meiner Mitwissenden Helga, Gaby und Martina hatte meine Gruppe am Schluss die meisten Pezis gehortet. Das wurde von Guide Wolfgang mit dem Buch “99 Fragen zu österreichischen Sehenswürdigkeiten” belohnt. Nach diesem Geburtstag hab ich jetzt viel zu lesen 😉

Führung “Wien für Besserwisser”, Standort Albertina, ich mit PEZ-Sammelbox

Falls es wen interessiert, über den Startpunkt Albertina habe ich mir Folgendes gemerkt: Der Name des heute international renommierten Museums geht auf ein unter Hochadeligen seltenes Liebespaar zurück: Marie Christine (1742-1798), die Lieblingstochter Maria Theresias, wohnte in dem Gebäude hinter der (erst später errichteten) Oper mit ihrem Gemahl und Cousin 2. Grades, Albert von Sachsen-Teschen. Andere Nachkommen der Kaiserin trafen es nicht so gut wie die beiden Turteltäubchen – obwohl bei ihrer Hochzeit 1766 wegen des Todes des Kaiserinnengemahls Franz Stephan von Lothringen schwarz getragen wurde. Marie Antoinette und andere mussten sich der Heiratspolitik der Habsburger beugen. Albert und Marie Christine wurden zu Begründern der heutigen Kunstsammlung, die nach den Vornamen der beiden Eheleute ALBER- und -TINA benannt ist.

Danke, Wolfgang, für die höchst anregenden 2 Stunden mit dir und die Vermittlung unPEZahlbaren Wissens. Und sehr nett, dass du für die eingestreuten Fragen über das Geburtstagskind zum bisher aufmerksamsten (?) Leser meiner Website wurdest. Übrigens: Wolfgang lässt sich buchen.

(1) scherzhafte Umschreibung für Hauskatze (2) Serbien (3) bis zur Machtergreifung Hitlers 1938 (4)”Sehenswürdigkeiten” finden sich bei geschlossener Kutsche und betont langsamer Fahrt eher unter dem Rock der mitfahrenden Dame

Kafka-Abend “Milena!”, Lesung im Radiokulturhaus, 20.9.25

“Literatur im Dialog” nennt sich der Lesungsreigen mit den Schauspieler:innen Nicholas Ofczarek und Tamara Metelka sowie dem Violinisten Nikolai Tunkowitsch, die der Reihe nach Rilke, Kafka und Bernhard in den Mittelpunkt ihrer Abende im Radiokulturhaus stellen. Und vielleicht war es keine so gute Idee, vor der Veranstaltung im nahen “Stöckl im Park” einen Zwiebelrostbraten mit böhmischem einzunehmen – oder aber das Wechselspiel von Briefpassagen des Einzelgängers Franz K. und seiner Freundin und Übersetzerin Milena Jesenská und den eingestreuten “Das Glück is a Vogerl”-Variationen des Geigers geriet zu anstrengend… Jedenfalls war die einsetzende Müdigkeit ein harter Gegner an diesem Abend, der auch von meinen Begleiterinnen C., S. und H. nur mit Mühe im Zaum gehalten werden konnte. Im Zwiebelsfall Letzteres.

Kafka war ja schon ein schräger Vogel, ein zwanghafter Schmerzensmann und gefühlsintensiver Bürohengst, ungeachtet seiner grandiosen und auch heute, 100 Jahre nach seinem Tod, noch gut lesbaren Texte. Die Briefe an seine Vertraute Milena, die als aufmüpfige Kommunistin 1944 im KZ Ravensbrück starb, waren mir zu anstrengend, zu verschroben, zu skrupulös.

Jesenska schrieb unmittelbar nach dem Tod Kafkas am 3. Juni 2024 einen Nachruf für eine Prager Zeitung, der wie folgt beginnt: Franz Kafka. Vorgestern starb im Sanatorium Kierling in Klosterneuburg bei Wien Dr. Franz Kafka, ein deutscher Schriftsteller, der in Prag gelebt hat. Es kannten ihn hier nur wenige, denn er war ein Einsiedler, ein wissender, vom Leben erschreckter Mensch. Er litt bereits jahrelang an einer Lungenkrankheit, und obwohl er sie behandeln ließ, hat er sie doch auch bewusst gehegt und geistig gefördert. »Wenn die Seele und das Herz die Bürde nicht mehr ertragen, dann nimmt die Lunge die Hälfte auf sich, damit die Last wenigstens einigermaßen gleichmäßig verteilt sei«, schrieb er einmal in einem Brief, und so verhielt es sich auch mit seiner Krankheit.

Den Kafka-Sammelband aus meiner Studienzeit als Germanist möchte ich mir gerne wieder mal hernehmen…

Ausstellung Brigitte Kowanz, “Light is what we see”, Albertina 25.8. ***

Ich wollte auf dem Rückweg von der Routineuntersuchung bei der Augenärztin eigentlich etwas anderes, zum am Folgetag beginnenden Radurlaub passendes sehen: Aber die Themenausstellung “Fernweh” hatte die Albertina schon kurz davor abgesetzt. Stattdessen also Brigitte Kowanz, die Mauer-Preisträgerin, die ich als Kulturredakteur der Kathpress alljährlich unter den prominenten Ausgezeichneten im Namen des großen Kulturvermittlers Msgr. Otto Mauer erwähnt hatte.
Die Frage »Was ist Licht?« steht im Mittelpunkt des Schaffens von Kowanz. Ihre Antwort lautet: »Licht ist was man sieht« – ein Leitsatz, der auf das Paradoxon verweist, dass Licht zwar alles sichtbar macht, selbst normalerweise aber unsichtbar bleibt. Die gleichnamige Retrospektive führt durch das Werk einer bedeutendsten Gegenwartskünstlerin in Österreich.

Der Spiegel vermittelt eine Raumtiefe, die es so nicht gab.

Die gebogenen Neonröhren und Leuchtkörper sind nichts, was mein Auge auch nur annähernd so berührt wie die Skulpturen von Rodin, die Aquarelle von Nolde oder die Schattengesichter Caravaggios. Doch manches der Exponate ließ mich eben nicht unter-belichtet davorstehen.

Ausstellungen “Remix”/”Damian Hurst. Zeichnungen”, Albertina modern, 5.8.25 **

Künstler Kippenberger, in der Ecke, aber er schämt sich nicht wirklich

Wieder in der Albertina modern, zuerst in der Schau “Remix. Von Gerhard Richter bis Katharina Grosse”, mit der ich ehrlich gesagt wenig anfangen konnte. Die zugrunde liegende deutsche Sammlung Viehof umfasst auch Werke von Beuys, Baselitz und anderen, mir unbekannten Künstler:innen. Am eindrücklichsten, weil ironisch, Martin Kippenbergers Alter-Ego-Skulptur “Martin, ab in die Ecke und schäm dich”. Dass Superstar Gerhard Richter, dessen Kölner Dom-Glasfender ich bewunderte, ein stilisiertes Schloss Neuschwanstein in blaugrünem Nebel platziert … nun ja. Eh. Oder die Alltagsgegenstände von Joseph Beuys, sollen die zeigen, dass eh jede:r ein:e Künstler:in ist?

Dann für sich genommen ausstellungsunwürdige Zeichnungen, die die in kleiner Auswahl in der Albertina modern präsenten Arbeiten eines anderen Superstars der Kunstszene, des Briten Damian Hurst, begleiten. Am spannendsten aber ein Film zum Projekt „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ aus, bei dem Hirst 2017 eigene Werke als Fundstücke aus einem antiken Schiffswrack inszenierte. Nicht nutzen konnte ich Hirsts Zeichenmaschine „Making Beautiful Drawings“, die mittels Drehscheibe bunte Kreise auf Papier zaubert und auch mich zum Künstler gemacht hätte…

Michael Niavarani, “Homo Idioticus 2.0- Der Trottel ist zurück”, Theater im Park, 1.8.25 ****

Hypochondrie, hemmungsloses Essen und ordinär sein – das sind laut Michael Niavarani die drei Problemzonen, vor denen er als herausragender Vertreter der Spezies “Homo Idioticus” immer wieder stehe. Vor allem das letztere ist unüberhörbar: Ich schlug meiner Liebsten in der Pause des Soloprogramms im Theater im Park eine Art Bullshit Bingo vor: Wie oft würde Nia in der zweite Hälfte “Oaschloch”, “scheißn” oder “pudern” sagen?
Ja, Humor der deftigen Art muss man mögen, wenn man zu Nia geht. Und alle bekommen bei ihm ihr Fett weg – Trump, Babler, Mikl-Leitner, die Kirche, die Grünen, das Publikum, die Bibel, die FPÖ sowieso, aber auch er selbst nimmt sich auf die Schaufel und macht sich etwa über seine bei ihm als 60-Jährigem nachlassende Libido lustig. Die Wuchteldichte ist hoch, und seien wir ehrlich: Witze über Tabus und Peinlichkeiten aus der Unterleibsregion reizen das Zwerchfell verlässlich. Auf Subtilität kann ich auch mal verzichten (zumal die Tickets gratis waren; geschenkter Gaul und so).

Wir stammen vom Affen ab, und das ist gut so, sagt Niavarani. “Denn stellen Sie sich vor, wir würden uns begrüßen wie die Hunde…” (schnüffel, schnüffel)

Gegen Ende verband Niavarani seine Blödeleien mit einer Botschaft: pro Demokratie, Vielfalt, Toleranz, Nachhaltigkeit. Und seine Tour de Force durch die Menschheitsgeschichte schloss er mit der Frage, wie unsere Zeit wohl in den Geschichtsbüchern in 50 Jahren beschrieben werde. Sein zweckoptimistischer Ausblick: “Es is si’ grod no ausgangen.”
Ein gelungener Abend ohne den prognostizierten Regen in einer Location mit viel Platz zwischen den Sitzen, großen Schattenbäumen und Publikumsservice (gratis Regenschutz) in der Prinz-Eugen-Straße.

Ausstellung Henri Cartier-Bresson/Christine de Grancy; 29.7.25, Foto Arsenal ****

Henri Cartier-Bresson (1908-2004) war für die Fotografie des 20. Jht.s sowas wie Picasso für die Bildende Kunst. Ich kannte von ihm bisher vor allem seine Straßenbilder wie jenes von dem stolz zwei Weinflaschen tragenden Buben in der Pariser Rue Mouffetard aus dem Jahr 1954, die seine Virtuosität bei der Kunst des Zum-rechten-Zeitpunkt-Auslösens zeigen. Die aktuelle Wiener Ausstellung zeigt Schwarzweißaufnahmen, die Cartier-Bressons dokumentarische Präsenz bei historischen Ereignissen und Schauplätzen aufzeigen: Gandhi einen Tag vor seiner Ermordung, Fotoserien im davor dem Westen unbekannten China zur Revolutionszeit und im Moskau der Chruschtschow-Ära, Kuba mit Che Guevara und Fidel Castro, Mauerbau in Berlin oder Resistance in Frankreich zur Weltkriegszeit. “Watch, watch, watch!” lautet der Titel der Schau; beeindruckend, was sich in einem 95-jährigen Leben so alles ansammelt.

Den Fotos Cartier-Bressons merkte man schon an, dass die Auflösung inzwischen um Längen besser ist.

Die zweite Ausstellung ist der heuer im März verstorbenen Christine de Grancy gewidmet. Es dominieren ihre Bilder von Wiener Dächern – etwa jenem des Parlaments, des Burgtheaters oder der beiden Museen am Ring. Es macht Staunen, was sich dort oben an Skulpturen, Herrschaftssymbolen und Göttergestalten so umtut. Christines Freund André Heller würdigt sie mit dem schönen Satz in typischem Hellerdeutsch: Ihre Lichtbilder, die “aus dem Fegefeuer der Banalität” herausführen, seien “betroffen machende Glücksfälle aus dem geheimnisvollen Revier der unsentimentalen Kunst”.

Die Dachlandschaften de Grancys sind eine Einladung, in Wien den Blick nach oben zu lenken

Beide Ausstellungen machen Lust, wieder mal in Schwarzweiß zu fotografieren. Die Licht-Schatten-Effekte haben einen besonderen Reiz.