„Literatur im Dialog“ nennt sich der Lesungsreigen mit den Schauspieler:innen Nicholas Ofczarek und Tamara Metelka sowie dem Violinisten Nikolai Tunkowitsch, die der Reihe nach Rilke, Kafka und Bernhard in den Mittelpunkt ihrer Abende im Radiokulturhaus stellen. Und vielleicht war es keine so gute Idee, vor der Veranstaltung im nahen „Stöckl im Park“ einen Zwiebelrostbraten mit böhmischem einzunehmen – oder aber das Wechselspiel von Briefpassagen des Einzelgängers Franz K. und seiner Freundin und Übersetzerin Milena Jesenská und den eingestreuten „Das Glück is a Vogerl“-Variationen des Geigers geriet zu anstrengend… Jedenfalls war die einsetzende Müdigkeit ein harter Gegner an diesem Abend, der auch von meinen Begleiterinnen C., S. und H. nur mit Mühe im Zaum gehalten werden konnte. Im Zwiebelsfall Letzteres.
Kafka war ja schon ein schräger Vogel, ein zwanghafter Schmerzensmann und gefühlsintensiver Bürohengst, ungeachtet seiner grandiosen und auch heute, 100 Jahre nach seinem Tod, noch gut lesbaren Texte. Die Briefe an seine Vertraute Milena, die als aufmüpfige Kommunistin 1944 im KZ Ravensbrück starb, waren mir zu anstrengend, zu verschroben, zu skrupulös.
Jesenska schrieb unmittelbar nach dem Tod Kafkas am 3. Juni 2024 einen Nachruf für eine Prager Zeitung, der wie folgt beginnt: Franz Kafka. Vorgestern starb im Sanatorium Kierling in Klosterneuburg bei Wien Dr. Franz Kafka, ein deutscher Schriftsteller, der in Prag gelebt hat. Es kannten ihn hier nur wenige, denn er war ein Einsiedler, ein wissender, vom Leben erschreckter Mensch. Er litt bereits jahrelang an einer Lungenkrankheit, und obwohl er sie behandeln ließ, hat er sie doch auch bewusst gehegt und geistig gefördert. »Wenn die Seele und das Herz die Bürde nicht mehr ertragen, dann nimmt die Lunge die Hälfte auf sich, damit die Last wenigstens einigermaßen gleichmäßig verteilt sei«, schrieb er einmal in einem Brief, und so verhielt es sich auch mit seiner Krankheit.
Den Kafka-Sammelband aus meiner Studienzeit als Germanist möchte ich mir gerne wieder mal hernehmen…