Eine Ausstellung über Kunst und Religion – so einen Kelch lasse ich nicht an mir vorübergehen. Zumal der Titel „Du sollst dir ein Bild machen“ ja schon ein Stück Widerspruch bzw. Ungehorsam gegenüber biblischen Vorgaben bedeutet, wonach wir uns eben KEIN Bildnis … Aber bitte: Wie anders als über (bildhafte) Vorstellungen können wir uns dem letztlich unvorstellbaren Gott annähern? Und hat nicht auch Jesus mit seiner vertraulichen Anrede „abba“ (Papa) familiäre Anschaulichkeit provoziert?
„In Konzeption und Ausrichtung steht die Schau nicht für vordergründige Provokation oder lauten Protest, sondern für einen differenzierten Blick, für die Suche nach Gemeinsamkeiten und das Bestreben, einen Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und Religion zu fördern“, erklärt Kurator Günther Oberhollenzer in den Presseunterlagen. Aber ganz ohne Provokation und Protest geht es bei den Werken der 42 ausgestellten Kunstschaffenden (darunter Marina Abramović, Manfred Erjautz, Valie Export, Martin Kippenberger, Arnulf Rainer, Bettina Rheims – und Johannes Rass, Sohn meiner Freundin Gaby) nicht ab, dazu ist die Last des Jahrhundertelang mit weltlicher und „Seelenbesetzungs“-Macht einhergehenden Christentums noch zu präsent.

Unterteilt ist die Schau in sieben Kapitel: Ikone, (Schein-)Heiligkeit, Kreuz, Auferstehung, Göttlichkeit, Madonna und Letztes Abendmahl. Gleich im ersten Raum eine Begegnung mit Jesus, wie sie „moderner“ kaum sein könnte: In einer einzeln zu betretenden hölzernen „Beicht-Box“ kann man mit einem digitalen Christus über Glaubensfragen sprechen. Die KI geht in Sekundenschnelle auf das jeweilige Gegenüber ein – „nicht als technische Spielerei, sondern als ernsthafter Austausch über persönliche und spirituelle Fragen“, wie es heißt. Hochinteressant!
Vorne an der Box eine Variante des bekannten „Lego-Kreuzes“ von Manfred Erjautz, rechts davon ein Stück der „Himmelsleiter“ aus Neonröhren, die Billi Thanner für den Südturm des Stephansdoms schuf.

Schon berühmt ist der unter Blasphemieverdacht stehende gekreuzigte Frosch von Martin Kippenberger; viel expliziter kirchenkritisch ist Deborah Sengls Wachsskulptur „Von Schafen und Wölfen“, die ein zähnefletschendes tierisches Zwitterwesen mit wollenem Kraushaar im liturgischen Priestergewand zeigt. Einige Arbeiten blicken aus feministischer Perspektive auf Glaubensgestalten und -inhalte: So die Projektion „Göttin schuf Eva“, die Michelangelos berühmtes Sixtina-Fresko persifliert, die „Putzmadonna“ von Valie Export oder ein Triptychon von Bettina Reims mit einer gekreuzigten barbusigen Frau.
Erfreulich oft bekommt Humor in der Ausstellung Platz, und das nicht nur in sarkastischer Abgrenzung vom Althergebrachten. Ein Beispiel: Lois Hechenblaikners fotografische Gegenüberstellungen alter Glaubensrituale und heutiger kommerzverseuchter Alm-Rausch-Seligkeit. Oder ein in Schokolade gegossener Jesus als wörtlich genommener „my sweet Lord“ (Timm Ulrichs).

Einige Werke wie Thomas Riess‘ „Transsurfing“, das im Raum „Auferstehung“ eine sich in Licht auflösende Gestalt zeigt, leisten Übersetzungsarbeit: Wie könnte Spiritualität heute veranschaulicht werden – jenseits der Notwendigkeit, sich an unjesuanischen Altlasten der Glaubensgeschichte abzuarbeiten? Besonders eindrucksvoll in diesem Kontext auch die Holzarbeiten des aus der Schnitzerei-Tradition des Grödnertals entstammenden Südtirolers Aron Demetz.
„Chapeau zu dieser Schau! Unbedingte Empfehlung!“ schrieb Johannes Rauchenberger, der selbst gerade seine „Gott hat kein Museum“-Ausstellung im Grazer KULTUM kuratierte. Dem kann ich mich nur anschließen.