Heute zum Abschluss ein Recherchebericht. Ich tippe „Menschheitsfamilie“ in das Google-Suchfeld und finde zuallererst eine Übersetzungsseite ins Englische. „Human Family“, das hätte ich auch so gesagt. Ich klicke auf „News“ …. und lese etwas über eine Spendensammlung von Adveniat zugunsten von bedrohter Schöpfung und ebensolchen Indigenas. Einen kirchlichen Akzent hat auch der Treffer über den Weltjugendtag vom Sommer in Krakau, bei dem Papst Franziskus die jungen TeilnehmerInnen aus aller Damen und Herren Länder ermutigte, sich in der Gesellschaft zu engagieren und sich für Dialog und gegen Hass und Ressentiments einzusetzen.
Ich schränke auf Österreich-Ergebnisse ein und stoße gleich mal auf die von Rev. Sun Myung Moon gegründete „Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung“. Aha, Moon-Sekte; gibt’s die also noch…
Mäßiger Ernteertrag bisher. „Menschheitsfamilie“ – das könnte doch einen Impuls zu Weihnachten geben, der das Herz öffnet und dessen Wärme verströmen lässt, oder?
Ich probier’s mit einem „Gottesurteil“ wie beim „Bibelstechen“: Für den 24. Dezember soll der 24. Link auf der Suchergebnisliste maßgeblich sein. Mal sehen. Und mir wird ein Buch empfohlen, nämlich „Genealogie und Menschheitsfamilie: Dramaturgie der Humanität von Lessing bis Büchner“ von Helmut J. Schneider.
Das ist mir heute zu sophisticated.
Also krame ich in meinem Hirn nach eigenen Erfahrungen zum Thema. Und mir fallen Aleppo und Aotearoa ein.
Aleppo, weil das derzeit die Hölle auf Erden ist und mir die Tränen kommen, wenn ich an meine Reise dorthin vor neun Jahren denke und an die Videos dort Eingekesselter.
Ungleich erfreulicher ist die Erinnerung an die Maori (sprich: ‚Mauri‘), die ich vor neun Monaten auf der anderen Seite der Welt, in „Aotearoa“ (Neuseeland) traf. Und das in Form von vielen Ortsbezeichnungen, dem dort gelesenen Buch „Unter dem Tagmond“ der Maori-Dichterin Keri Hulme, Aug-in-Aug-Begegnungen auf den Straßen von Christchurch, Wellington oder Auckland – und einer Folklore-Darbietung im Kulturzentrum „Te Puia“ in Rotorua, bei der ich den traditionellen Kriegstanz „Haka“ üben durfte. Die Männer machen dabei eine Fratze aus ihrem Gesicht, indem sie möglichst viel Weißes von den Augäpfeln zeigen, die Zunge herausstrecken und dabei Furcht einflößende Töne von sich geben. Befremdend, eigentlich.
Bei all diesen Begegnungen mit einer Kultur am anderen Ende der Erde wuchsen meine Hochachtung und auch meine Zuneigung. Als sich meine Reisegruppe am Ende von unserem seit Jahrzehnten in NZL lebenden Guide Helmut verabschiedete, schrieb ich „Kia ora, e hoa!“ (Leb wohl, mein Freund) auf die gemeinsame Karte. Er verstand und freute sich sichtlich.
Ich kann griesgrämig, zynisch und manchmal ganz schön rechthaberisch sein. Aber unterm Strich liebe ich die Menschen in all ihrer Vielfalt.
Habt ein wunderbares Weihnachtsfest, Ihr Lieben!
Schlagwort-Archiv: 2016
Adventmails 2016/23 (Familie)
Ich war schon Teil einer Patchwork-Familie, lange bevor dieser Begriff in der Demografie gängig wurde. Meine Mutter wurde als 21-Jährige von einem frühreifen 17-Jährigen schwanger, der letztlich ehrgeizigere Lebenspläne hatte als sich in diesem Alter schon an eine Familie zu binden. Die beiden blieben in Kontakt und sind es immer noch, aber über gelegentliche Besuche und regelmäßige Alimentzahlungen ging die Präsenz des Karriere machenden Vaters viele Jahre lang nicht hinaus.
Beide Eltern gründeten später mit anderen Partnern eine Familie. Was bewirkte, dass ich ab der Heirat meiner Mutter 1969 – da war ich 10 – einen anderen Familiennamen hatte als meine Eltern. Und dass ich in jeweils zwei Geschwister von jedem Elternteil dazubekam. Seit ich 14 war, besuchte ich dann auch regelmäßig die Familie meines in Salzburg sesshaft gewordenen Vaters.
Und das Patchwork geht weiter: Ich heiratete mit 27, bekam mit meiner Frau drei Buben, sah ringsum Ehen kriseln und zerbrechen – und erlebte 2004 selbst eine schmerzhafte Scheidung. Ab 2006 zogen nacheinander meine drei Söhne zu mir in die autofreie Siedlung, in eine „Patchwork-Männer-WG“; derzeit lebt mein Jüngster, Fabian (20), mit mir und sitzt, während ich dies schreibe, (wenig überraschend) am Küchentisch vorm Laptop.
Vor fast neun Jahren lernte ich Claudia kennen und lieben, die als ebenfalls Geschiedene für ihre zwei indischen Adoptivkinder Sitha und Samuel (jetzt 19 und 18) Hauptverantwortung trägt. Ihr Ex-Mann, mit dem Sitha und Sam in engem Kontakt stehen, hat wieder geheiratet und wurde mit rund 50 noch Vater von Zwillingen. Claudia und ihre Anverwandten wurden jedenfalls auch für mich zu meiner bisher letzten Patchwork-Familie.
Diese biografischen „Klimawechsel“ halte ich trotz mancher Beschwerden beim „Wetterumschwung“ für bereichernd. Vor dem Heiligen Abend steht aber jedes Jahr eine herausfordernde Abwägung hinsichtlich der Konstellation an: Feiern wie bisher mit Ex-Ehefrau, den beiden jüngeren Söhnen Moritz und Fabian und zwei Langzeitfreunden (auch Claudia und ihre Kids waren schon ein paar Mal dabei)? Oder finde ich mit Claudia (deren Kinder heuer bei der Vater-family mitfeiern) eine neue Form, mit Gesang, Evangelium, Geschenken, feinem Essen und Mitfeiernden jenseits der Kleinfamilie – so wie ich’s gern hab?
Adventmails 2016/22 (Familie)
Als Kathpress-Redakteur habe ich regelmäßig mit familienpolitischen Stellungnahmen entsprechend thematisch ausgerichteter katholischer Organisationen und Personen zu tun. Und habe dabei aus mehreren Gründen oft inhaltliche Probleme.
Beim Katholischen Familienverband, geleitet von einem durchaus honorigen Steuerberater, geht es fast immer nur ums Geld („Familien schwer benachteiligt, buh!“). Und wenn um anderes, dann um Wahlfreiheit, verstanden als Recht der Frauen, sich statt für den Beruf für Kinderbetreuung und Haushalt entscheiden zu können. Viel zu selten (aber doch) ergänzt durch die Forderung, dass auch den Papas eine Auszeit vom Karrieremachen zustehen muss.
Ja, eh.
„Familienbischof“ Klaus Küng, ein Opus-Dei-Mann, fährt ein absolutes Minderheitenprogramm: Sein Fokus liegt auf kinderreichen Familien, die nicht diskriminiert werden dürften, auf Lebensschutz, der bis in die Schlafzimmer (verheirateter!) Paare hineinreicht, und auf „Hauskirche“, in der die Eltern die ersten Katecheten ihrer Kinder sein sollen.
Sorry, mir ist das alles zu eng, zu rückwärtsgewandt. Eine gute Familienpolitik muss Querschnittsmaterie sein und braucht in erster Linie ein tragfähiges soziales Netz und entsprechende Ressourcen für Wenigverdienende, für pflegebedürftige Alte, für Flüchtlinge, für (anfangs noch und später immer weniger) wissensdurstige Kinder, bei Krankheit und Schicksalsschlägen.
Und: Damit Familien bestmöglich zu Ersterfahrungsstätten von Solidarität werden können, braucht es auch Wohnformen, die Zusammenhalt statt Vereinzelung fördern: etwa von der öffentlichen Hand geförderte Siedlungen in überschaubarer Größe und mit guter sozialer Durchmischung, mit Gemeinschaftseinrichtungen wie Veranstaltungsräumen, Grünflächen, Bibliotheken, wo man wie früher bei der Bassena miteinander ins Gespräch kommt und Anteilnahme üben kann.
Ich würde übrigens immer noch gerne in einem Wohnprojekt mit Wahlverwandten leben, wie vor 25, 30 Jahren, als entsprechende Versuche knapp scheiterten.
Adventmails 2016/21 (Familie)
Für dieses Adventkästchen habe ich 4,10 Euro investiert. Es war die Titelseite des Jännerheftes des Hamburger „NEON“-Magazins, die mich im Thalia auf der Landstraße zur Kassa schreiten ließ. „Ok, Mama. Ich geh zum Friseur“ stand da unter dem Brustbild einer über und über behaarten Gestalt. Und darunter, erläuternd: „Was passiert, wenn wir auf den Rat unserer Eltern hören?“
NEON-Redakteure erinnern sich in dieser Titelstory an gut gemeinte, manchmal nervende oder genervte, jedenfalls oft gehörte Ratschläge ihrer Väter und Mutter. Das reicht von Kleinigkeiten wie einem regelmäßigen Friseurbesuch über die Ermunterung, sich mit den familiären Vorfahren zu beschäftigen bis hin zu lebensrichtungweisenden Impulsen wie eine Lehre in einer Sparkassenfiliale oder zur Zusage „Den Mann fürs Leben findest du nicht in der Disko, sondern zufällig auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt“. Und versuchen, diese Ratschläge – Jahre später – umzusetzen.
Die insgesamt fünf gut geschriebenen, unterhaltsamen, oft zum Schunzeln anregenden Texte über ein Bankpraktikum, einen Haarschnitt, eine Ururgroßvaterrecherche, Tischmanierenbeachtung und den Versuch, sich an einem Edeka-Parkplatz ansprechen zu lassen, sind eingeleitet mit: „Eltern sind nicht allwissend. Sie haben, im Gegenteil, von ziemlich vielem überhaupt keine Ahnung. Ihre Ratschläge klingen oft langweilig, unseren Leben fremd…“ Und weiter unten heißt es dem zum Trotz: „Auch wenn wir jedes Mal wieder die Augen verdrehen, ahnen wir: Die Wahrscheinlichkeit, dass unsere Eltern wissen, was für uns am besten ist, ist ziemlich hoch. Weil sie uns länger kennen als wir uns selbst.“
Ich erinnere mich: Unter dem Eindruck meiner schlechten Noten in Latein, Französisch und Mathematik legte mir meine Mutter nahe, nach einjährig verzögerter Matura nicht (als erster der „Eiblischen“) ein Studium zu beginnen, sondern beruflich etwas Sicheres anzupeilen. Zum Beispiel zur Bahn zu gehen wie einer meiner Onkel und mein Opa. Oder in eine Bank. Dafür konnte ich mich nicht erwärmen und „riskierte“ eine Uni-Ausbildung für jenen Beruf, den ich am besten kannte: Lehrer. Keine Ahnung, ob ich weniger glücklich geworden wäre – aber mein Leben hätte sicher einen völlig anderen Verlauf genommen, hätte ich statt Theologie und Germanistik zu studieren, Tickets gezwickt, Züge geführt oder Fahrdienste geleitet.
Meinen Söhnen gab ich – so meine Selbsteinschätzung – kaum inhaltliche Vorgaben mit auf den Weg. Dass ich Fabian etwa die Popperschule nahelegte, war keine Weichenstellung für sein jetziges Informatikstudium. Am besten und am glücklichsten seid ihr, wenn ihr das tut, woran euer Herz hängt, so meine „Direktive“. Aber macht was aus euren Talenten, engagiert euch, lasst euch begeistern und nicht hängen, gebt euer Bestes!
Adventmails 2016/20 (Familie)
Samira Sitha* war zweieinhalb, Samuel* Rakesh ein Jahr jünger, als sie aus einem indischen Kinderheim der Missionarinnen der Nächstenliebe (Mutter-Teresa-Orden) nach Österreich kamen, adoptiert und eingeflogen am 20. Dezember 1999 von Claudia und ihrem damaligen Ehemann. Es war ein Wechsel weg von einem ärmlichen Schlafsaal mit Dutzenden Gitterbetten und wenig Ansprache oder gar „Pädagogik“ in ein innovatives Architekten-Wohnhaus in bester Wiener Lage, in eine völlig andere Kultur mit fremder Sprache und – nie zuvor gesehen – Schnee!
Ich kenne Sitha und Sam nun schon bald neun Jahre, fast so gut wie ihre Mutter, meine Claudia. Dieser Tage fragte ich die beiden Geschwister, deren (unbekannte) Geburtsdaten mit nur siebenmonatigem Abstand beurkundet sind, ob sie manchmal über ihre Herkunft nachdenken, an etwaige noch lebende Blutsverwandte. Ob sie Indien als eine Art zweite Heimat sehen. Ob sie, dunkelhäutig wie sie sind, angesprochen werden auf ihr „Fremdsein“. Denn auch für Jugendliche ohne diesen Hintergrund stellt sich bei der Identitätsfindung doch irgendwann die Frage nach den eigenen Wurzeln, nach dem Wo-komme-ich-her?
Sitha erzählt von einem Traum, den sie schon öfter hatte: Sie trifft auf der Straße in Wien eine Cousine aus Indien, die sie gesucht hat – „ein komisches Gefühl“ für die längst hier Beheimatete. Denn Indien sei ihr „Geburtsland“, Österreich aber „Heimat“ – was für Sitha evidenter ist als für Bekannte, die sie nach ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Sprachkompetenz fragen, oder für Touristen, die sie auf Englisch anreden. Auch ihre Hamburger Großeltern väterlicherseits taten (und tun?) sich nicht so leicht mit der Tatsache, Adoptivenkeln zu haben. Der Großvater „vergaß“ bei einem runden Geburtstag (zum großen Ärger seiner damaligen Schwiegertochter Claudia) auf Sitha und Sam bei der Aufzählung seiner Enkel, die Großmutter hatte früher Bedenken, sich bei Berührungen mit den beiden „schmutzig“ zu machen.
Auf derartiges Aufblitzen von Rassismus stoßen sie im Wiener Alltag eigentlich nie, sagen Sitha und auch Sam. Das Interesse an ihrem „Anderssein“ erleben sie als freundlich, nie ausgrenzend. Und mit Indien, das sie vor acht Jahren einmal gemeinsam mit ihren mitteleuropäischen Eltern besuchten, verbinden sie Bettelei auf der Straße, Elend, Krankheit – und Fremdsein, wenn sie z.B. auf Hindi angesprochen werden und kein Wort verstehen.
Für Sam sind all diese Fragen weit weg, es beschäftige ihn nicht, meint er, bevor er mit einem aus der Karibik stammenden, ebenfalls dunkelhäutigen Freund ins Fitnessstudio geht. Sitha denkt öfters darüber nach, zuletzt angestoßen auch durch eine neue Beziehung zu einem jungen Wiener. Sie sagt: „Ich bin schon sehr froh, hier in Österreich zu sein.“
*das waren/sind die beiden von den neuen Eltern gewählten Vornamen
Adventmails 2016/19 (Familie)
Thomas Manns „Buddenbrooks“ ist sowas wie die Mutter aller Familienromane. Ich war zwar schon im Buddenbrookshaus in Manns Geburtsstadt Lübeck, aber gelesen hab ich das Vielehunderteseitenwerk nichtmal als Germanistikstudent.
Meine Lieblings-Familienromane kommen aus dem Amerikanischen. „Garp und wie er die Welt sah“ erschloss mir bereits im vergangenen Jahrtausend die skurrile Welt von John Irving, bei dem es immer irgendwie um familiäre Lebenswelten geht, etwa in den ebenfalls empfehlenswerten „Hotel New Hampshire“ und „Witwe für ein Jahr“ (mein Irving-Favourite ist und bleibt „Owen Meany“, aber das nur nebenbei).
Anfang der 2000er Jahre las ich hintereinander Jonathan Franzens „Die Korrekturen“ und Jeffrey Eugenides‘ „Middlesex“, beides preisgekrönte Bücher über besondere Familien. Franzen erzählt die Geschichte der Familie Lambert aus einer Kleinstadt im Mittleren Westen, die sich für ein letztes gemeinsames Weihnachtsfest zusammenfinden soll: Dies wünscht sich Mutter Enid angesichts der fortgeschrittenen Parkinson-Erkrankung ihres Mannes Alfred von den drei sehr unterschiedlichen Kindern: Gary ist ein erfolgreicher, aber depressiver Banker in einer Ehekrise, Chip ein durch eine Affäre mit einer Studentin gescheiterter Literaturdozent, Denise eine ebenfalls affärebedingt entlassene Gourmetköchin. Der Versuch der Kinder, die Lebensmodelle der Eltern zu „korrigieren“, um eigenen Krisen vorzubeugen bzw. aus dem Weg zu gehen, bleibt erfolglos.
In „Middlesex“ schildert der aus einer griechisch-amerikanischen Einwandererfamilie stammende Eugenides eine ebensolche ab deren Emigration aus der Westtürkei nach Detroit. Im Mittelpunkt steht die/der hermaphrodite Calliope(Cal) Stephanides, die als Mädchen aufwuchs und der als Diplomat in Berlin sein Leben in Rückblenden erzählt. Der Roman schildert dabei die Unterscheidung zwischen „gender“ und „sex“ auf literarisch anspruchsvolle und auch oft vergnügliche Art.
Falls noch jemand zu Weihnachten richtig gute, familienlastige Bücher verschenken will, hier noch einige weitere Tipps: Arno Geiger, „Es geht uns gut“; Almudena Grandes, „Der Feind meines Vaters“; nochmals Jonathan Franzen mit „Unschuld“ und die autobiografischen, uneitlen und humorvollen Bücher von Burgschauspieler Joachim Meyerhoff wie z.B. „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“.
Adventmails 2016/18 (Familie)
Als ich Ehemann und Vater wurde.
Nach einer turbulenten, gezeitenähnlichen Phase der damals zweijährigen Beziehung zu meiner „ersten Claudia“ verbrachten wir zunächst getrennte Urlaube. Sie in England, ich in Irland. Ich war 26, ein Alter, über das Christa Wolf in „Nachdenken über Christa T.“ schrieb: „Auf irgendein Ergebnis laufen immer alle Bewegungen hinaus, jung und grün ist man auch nicht mehr, 26 inzwischen, man hat schon gespürt, dass man auch zu unentschieden sein kann, dass man auch aus Unbescheidenheit – oder wie soll man das nennen? – den Augenblick verpassen kann, für Liebe, für Leben, für alles, wofür es keinen Ersatz gibt. So muss man sich binden?“
Ich also in Irland, auf den wildromantischen Aran Islands, vor Wind und Regen flüchtend in eine kleine, karge, abgelegene Kirche, darin eine Statue der Jesusmutter und „heimlichen Göttin“ des Christentums, über die ich im selben Jahr meine Diplomarbeit geschrieben hatte. Ich dachte an Claudia und bat die sanft Lächelnde in einem Anflug von ungewohnter Marienfrömmigkeit um ein Zeichen, „ob ich der (Zu-)Meistgeliebten sagen soll, dass ich sie gerne heiraten würde“.
So schrieb ich in mein Tagebuch am 4.8.86, vor mehr als 30 Jahren, und dann noch: „Keine fünf Minuten darauf kam ein junges Paar aus Cork, Schutzsuchende wie ich und mir ein Zeichen. Ich war selig.“
In Rosslare Harbour in Wales wurde ich strahlend empfangen, nach der Wanderung auf dem Coast Path sagte ich in London: „Ich möchte dich heiraten.“ Und hörte: „Ich werde in diesen Herbst gehen mit dem Gefühl, dass unsere Beziehung jetzt zielgerichtet ist…“
Ein Monat später die überraschende und zugleich willkommene Gewissheit: Ich werde Vater! Zusammenziehen Anfang Dezember und Hochzeit – in einem Jahr, in dem ich auch noch mein Studium abschloss, Zivildienst machte und in der Schule zu unterrichten begann. Eine mitreißende Zeit, buchstäblich, mit viel Ungeplantem.
So, das beantwortet meine gestrige Ausgangsfrage nach der Familiengründung: Gib dich dem Leben hin, würde ich sagen, lass Raum für Forderndes und Förderndes, für das, was zu-fällt. Let it flow, let it be!
Adventmails 2016/17 (Familie)
ÖsterreicherInnen sind bei der Geburt ihres ersten Kindes heute deutlich älter als noch vor einer Generation. 1984 war eine Erstgebärende durchschnittlich 24 Jahre alt, 2014 jedoch 29 (skurril: Die Statistik Austria führt keine Aufzeichnungen über das Alter des Vaters bei der Geburt seines ersten Kindes. Nur sein Alter bei der Niederkunft seiner erstgebärenden Partnerin ist erfasst; somit lässt sich nicht ausschließen, dass ein Mann davor schon einmal Vater wurde). Bei Höhergebildeten kommen Spätgebärende noch häufiger vor: Eine „Durchschnittsfrau“ mit Uni- oder Akademieabschluss hat die 30 bereits überschritten.
Warum das so ist, kann sich jedeR denken: lange Ausbildungszeiten, Berufstätigkeit, Karrierewünsche.
Wann ist der richtige Zeitpunkt, eine Familie zu gründen?
Mein Sohn Gregor, 29, verheiratet mit der jetzt 25-jährigen Carmen, Vater dreier Kinder, meinte auf meine Frage: „So früh wie möglich.“ Soll heißen: Nicht erst bis zum erfolgten Berufseinstieg warten, ja nicht einmal bis zum Ausbildungsende, denn es ist schwer ok, jung Eltern zu werden. Zumal es tragfähige soziale Netze für junge Elternpaare gibt, wie er aus eigener Erfahrung weiß.
Sein Bruder Moritz, 28, antwortet auf dieselbe Frage: Es braucht einen Beruf mit einem Verdienst, der alle Beteiligten absichert. Er sagt nicht: eine glückliche Beziehung. Was wohl damit zu tun hat, dass Moritz eben erst eine Ausbildung begonnen hat und – obwohl beziehungserfahren – aktuell keine Partnerin hat (zumindest keine fixe;-).
Fabian, mein dritter, ist 20, weiter in seiner Ausbildung, beziehungsunerfahren. Seine Antwort ähnelt der seines mittleren Bruders: erst Versorgungssicherheit, am besten mit beiderseitigen Beiträgen der Partner.
Ich kann der Position Gregors am meisten abgewinnen, nicht zuletzt, weil ich sehr happy über meine drei kleinen Enkelsöhne bin. Biografien und Elternschaft lassen sich nicht gut am Reißbrett entwerfen, und etliche Paare, die lange auf den „richtigen Zeitpunkt“ wartet, bekommen dann letztlich gar kein Kind. John Lennon hat schon recht: „Life is what happens to you while you are busy making other plans …“
Und wie war das bei mir selber? Dazu suche ich mir jetzt mein Tagebuch von 1986 heraus und berichte euch morgen, was dabei herauskam…
Adventmails 2016/16 (Familie)
„Ihr sollt niemand auf Erden euren Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel“, sagte Jesus (Mt 23,9). Tja, ChristInnen nennen Geistliche sehr wohl „Vater“ bzw. „Pater“, mögen sie nun Aufklärer von Verbrechen (Father Brown) oder deren Opfer (Père Jacques Hamel, dem Islamisten am 26. Juli während einer Messe die Kehle durchschnitten) sein.
Und einen nennen KatholikInnen sogar „Heiliger Vater“, den Papst nämlich. Und so sympathisch mir der warmherzige, ab morgen 80-jährige Argentinier auf dem Petrusstuhl auch ist – als Heiligen Vater bezeichne ICH ihn nie. Wie auch keinen seiner Vorgänger. So wie ich Franziskus einschätze, legte er auch keinen besonderen Wert auf eine solche Bezeichnung. Immerhin sagte er in seiner ersten Ansprache als neugewählter Bischof von Rom auf dem Balkon über dem Petersplatz zunächst schlicht: „Brüder und Schwestern, guten Abend!“ Und später dann: „Und nun möchte ich den Segen erteilen, doch zuerst bitte ich Euch um einen Gefallen. Bevor der Bischof das Volk segnet, bitte ich darum, dass Ihr den Herrn bittet, damit ich gesegnet werde.“
Einen, der so spricht, zeichnet Bescheidenheit aus. Und das Selbstbewusstsein, angesichts der Größe der bevorstehenden Aufgabe und der eigenen Unzulänglichkeit erst einmal auf das Fürbittgebet anderer angewiesen zu sein.
Ich las erst vor kurzem das pullitzerpreisgekrönte Buch „Der erste Stellvertreter“, in dem der US-Historiker David I. Kertzer darlegt, wie lange Pius XI. (1922-1938) bereit war, wegen Vergünstigungen für die Kirche ein Arrangement mit dem faschistischen Regime Mussolinis aufrechtzuerhalten, und wie sehr es sein Kardinalstaatssekretär und späterer Nachfolger Pius XII. darauf anlegte, dieses Arrangement gegen immer stärkere Bedenken des schon altersschwachen Pius XI. zu verteidigen.
„Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein“, schrieb dagegen Franziskus in seiner Enzyklika „Evangelii gaudium“.
Also vielleicht doch ein Heiliger Vater, irgendwie. Jedenfalls ein Bruder Papst, der sich immer wieder im Sinne einer immer wieder von Jesus wiederholten, gerade heute hochaktuellen Aufforderung äußert: Fürchtet Euch nicht!
Adventmails 2016/15 (Familie)
Wir sprachen über Inzucht bzw. Inzest. Was nicht dasselbe ist: Inzucht beim Menschen bezeichnet die Fortpflanzung zwischen Blutsverwandten, Inzest dagegen den Geschlechtsverkehr naher Verwandter unabhängig von der Fortpflanzung („Blutschande“).
Wer sich in der griechischen Mythologie auskennt, weiß, dass Zeus und seine eifersüchtige Gattin Hera Bruder und Schwester waren. Beide waren wie die Gottheiten Hestia, Demeter, Hades und Poseidon Sprösslinge von Rhea und Kronos, die ebenfalls Geschwister waren. Zeus und Hera wurden Eltern von Ares, Hephaistos, Hebe und Eileithyia; mit seiner Schwester Demeter zeugte der offenbar dauergeile Chefgott Zeus die Persephone. Aber auch die Zeuskinder machten so weiter: Hephaistos nahm seine Halbschwester Aphrodite zur Frau, die betrog ihn unter anderem mit Halbbruder Ares.
Was offenbar nicht ging, war eine Mutter-Sohn-Verbindung wie in der Sage von Ödipus, der noch dazu seinen Vater meuchelte. Inzest und Vatermord, unwissentlich zwar, aber dennoch Erfüllung eines Fluchs und Sühne, verkündet durch das Orakel von Delphi.
Naja, Mythos halt, könnte man sagen.
Aber das Inzesttabu war auch in der Realität nicht immer so beschaffen wie heutzutage. Unter den Pharaonen des Alten Ägypten war die Geschwisterehe verbreitet, das blieb dort so auch nach der hellenistischen Eroberung: Die berühmte Caesar-Geliebte Kleopatra VII. ging mit ihren Brüdern Ptolemaios XIII. und Ptolemaios XIV. nach ptolemäischer Tradition eine Geschwisterehe ein und lustwandelte mit diesen – bildlich gesprochen – auf den Streets of „Philadelphia“ (griechisch für „Geschwisterliebe“).