Samira Sitha* war zweieinhalb, Samuel* Rakesh ein Jahr jünger, als sie aus einem indischen Kinderheim der Missionarinnen der Nächstenliebe (Mutter-Teresa-Orden) nach Österreich kamen, adoptiert und eingeflogen am 20. Dezember 1999 von Claudia und ihrem damaligen Ehemann. Es war ein Wechsel weg von einem ärmlichen Schlafsaal mit Dutzenden Gitterbetten und wenig Ansprache oder gar „Pädagogik“ in ein innovatives Architekten-Wohnhaus in bester Wiener Lage, in eine völlig andere Kultur mit fremder Sprache und – nie zuvor gesehen – Schnee!
Ich kenne Sitha und Sam nun schon bald neun Jahre, fast so gut wie ihre Mutter, meine Claudia. Dieser Tage fragte ich die beiden Geschwister, deren (unbekannte) Geburtsdaten mit nur siebenmonatigem Abstand beurkundet sind, ob sie manchmal über ihre Herkunft nachdenken, an etwaige noch lebende Blutsverwandte. Ob sie Indien als eine Art zweite Heimat sehen. Ob sie, dunkelhäutig wie sie sind, angesprochen werden auf ihr „Fremdsein“. Denn auch für Jugendliche ohne diesen Hintergrund stellt sich bei der Identitätsfindung doch irgendwann die Frage nach den eigenen Wurzeln, nach dem Wo-komme-ich-her?
Sitha erzählt von einem Traum, den sie schon öfter hatte: Sie trifft auf der Straße in Wien eine Cousine aus Indien, die sie gesucht hat – „ein komisches Gefühl“ für die längst hier Beheimatete. Denn Indien sei ihr „Geburtsland“, Österreich aber „Heimat“ – was für Sitha evidenter ist als für Bekannte, die sie nach ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer Sprachkompetenz fragen, oder für Touristen, die sie auf Englisch anreden. Auch ihre Hamburger Großeltern väterlicherseits taten (und tun?) sich nicht so leicht mit der Tatsache, Adoptivenkeln zu haben. Der Großvater „vergaß“ bei einem runden Geburtstag (zum großen Ärger seiner damaligen Schwiegertochter Claudia) auf Sitha und Sam bei der Aufzählung seiner Enkel, die Großmutter hatte früher Bedenken, sich bei Berührungen mit den beiden „schmutzig“ zu machen.
Auf derartiges Aufblitzen von Rassismus stoßen sie im Wiener Alltag eigentlich nie, sagen Sitha und auch Sam. Das Interesse an ihrem „Anderssein“ erleben sie als freundlich, nie ausgrenzend. Und mit Indien, das sie vor acht Jahren einmal gemeinsam mit ihren mitteleuropäischen Eltern besuchten, verbinden sie Bettelei auf der Straße, Elend, Krankheit – und Fremdsein, wenn sie z.B. auf Hindi angesprochen werden und kein Wort verstehen.
Für Sam sind all diese Fragen weit weg, es beschäftige ihn nicht, meint er, bevor er mit einem aus der Karibik stammenden, ebenfalls dunkelhäutigen Freund ins Fitnessstudio geht. Sitha denkt öfters darüber nach, zuletzt angestoßen auch durch eine neue Beziehung zu einem jungen Wiener. Sie sagt: „Ich bin schon sehr froh, hier in Österreich zu sein.“
*das waren/sind die beiden von den neuen Eltern gewählten Vornamen