„Ihr sollt niemand auf Erden euren Vater nennen, denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel“, sagte Jesus (Mt 23,9). Tja, ChristInnen nennen Geistliche sehr wohl „Vater“ bzw. „Pater“, mögen sie nun Aufklärer von Verbrechen (Father Brown) oder deren Opfer (Père Jacques Hamel, dem Islamisten am 26. Juli während einer Messe die Kehle durchschnitten) sein.
Und einen nennen KatholikInnen sogar „Heiliger Vater“, den Papst nämlich. Und so sympathisch mir der warmherzige, ab morgen 80-jährige Argentinier auf dem Petrusstuhl auch ist – als Heiligen Vater bezeichne ICH ihn nie. Wie auch keinen seiner Vorgänger. So wie ich Franziskus einschätze, legte er auch keinen besonderen Wert auf eine solche Bezeichnung. Immerhin sagte er in seiner ersten Ansprache als neugewählter Bischof von Rom auf dem Balkon über dem Petersplatz zunächst schlicht: „Brüder und Schwestern, guten Abend!“ Und später dann: „Und nun möchte ich den Segen erteilen, doch zuerst bitte ich Euch um einen Gefallen. Bevor der Bischof das Volk segnet, bitte ich darum, dass Ihr den Herrn bittet, damit ich gesegnet werde.“
Einen, der so spricht, zeichnet Bescheidenheit aus. Und das Selbstbewusstsein, angesichts der Größe der bevorstehenden Aufgabe und der eigenen Unzulänglichkeit erst einmal auf das Fürbittgebet anderer angewiesen zu sein.
Ich las erst vor kurzem das pullitzerpreisgekrönte Buch „Der erste Stellvertreter“, in dem der US-Historiker David I. Kertzer darlegt, wie lange Pius XI. (1922-1938) bereit war, wegen Vergünstigungen für die Kirche ein Arrangement mit dem faschistischen Regime Mussolinis aufrechtzuerhalten, und wie sehr es sein Kardinalstaatssekretär und späterer Nachfolger Pius XII. darauf anlegte, dieses Arrangement gegen immer stärkere Bedenken des schon altersschwachen Pius XI. zu verteidigen.
„Mir ist eine ‚verbeulte‘ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist. Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein“, schrieb dagegen Franziskus in seiner Enzyklika „Evangelii gaudium“.
Also vielleicht doch ein Heiliger Vater, irgendwie. Jedenfalls ein Bruder Papst, der sich immer wieder im Sinne einer immer wieder von Jesus wiederholten, gerade heute hochaktuellen Aufforderung äußert: Fürchtet Euch nicht!