Wir sprachen über Inzucht bzw. Inzest. Was nicht dasselbe ist: Inzucht beim Menschen bezeichnet die Fortpflanzung zwischen Blutsverwandten, Inzest dagegen den Geschlechtsverkehr naher Verwandter unabhängig von der Fortpflanzung („Blutschande“).
Wer sich in der griechischen Mythologie auskennt, weiß, dass Zeus und seine eifersüchtige Gattin Hera Bruder und Schwester waren. Beide waren wie die Gottheiten Hestia, Demeter, Hades und Poseidon Sprösslinge von Rhea und Kronos, die ebenfalls Geschwister waren. Zeus und Hera wurden Eltern von Ares, Hephaistos, Hebe und Eileithyia; mit seiner Schwester Demeter zeugte der offenbar dauergeile Chefgott Zeus die Persephone. Aber auch die Zeuskinder machten so weiter: Hephaistos nahm seine Halbschwester Aphrodite zur Frau, die betrog ihn unter anderem mit Halbbruder Ares.
Was offenbar nicht ging, war eine Mutter-Sohn-Verbindung wie in der Sage von Ödipus, der noch dazu seinen Vater meuchelte. Inzest und Vatermord, unwissentlich zwar, aber dennoch Erfüllung eines Fluchs und Sühne, verkündet durch das Orakel von Delphi.
Naja, Mythos halt, könnte man sagen.
Aber das Inzesttabu war auch in der Realität nicht immer so beschaffen wie heutzutage. Unter den Pharaonen des Alten Ägypten war die Geschwisterehe verbreitet, das blieb dort so auch nach der hellenistischen Eroberung: Die berühmte Caesar-Geliebte Kleopatra VII. ging mit ihren Brüdern Ptolemaios XIII. und Ptolemaios XIV. nach ptolemäischer Tradition eine Geschwisterehe ein und lustwandelte mit diesen – bildlich gesprochen – auf den Streets of „Philadelphia“ (griechisch für „Geschwisterliebe“).