Ich war schon Teil einer Patchwork-Familie, lange bevor dieser Begriff in der Demografie gängig wurde. Meine Mutter wurde als 21-Jährige von einem frühreifen 17-Jährigen schwanger, der letztlich ehrgeizigere Lebenspläne hatte als sich in diesem Alter schon an eine Familie zu binden. Die beiden blieben in Kontakt und sind es immer noch, aber über gelegentliche Besuche und regelmäßige Alimentzahlungen ging die Präsenz des Karriere machenden Vaters viele Jahre lang nicht hinaus.
Beide Eltern gründeten später mit anderen Partnern eine Familie. Was bewirkte, dass ich ab der Heirat meiner Mutter 1969 – da war ich 10 – einen anderen Familiennamen hatte als meine Eltern. Und dass ich in jeweils zwei Geschwister von jedem Elternteil dazubekam. Seit ich 14 war, besuchte ich dann auch regelmäßig die Familie meines in Salzburg sesshaft gewordenen Vaters.
Und das Patchwork geht weiter: Ich heiratete mit 27, bekam mit meiner Frau drei Buben, sah ringsum Ehen kriseln und zerbrechen – und erlebte 2004 selbst eine schmerzhafte Scheidung. Ab 2006 zogen nacheinander meine drei Söhne zu mir in die autofreie Siedlung, in eine „Patchwork-Männer-WG“; derzeit lebt mein Jüngster, Fabian (20), mit mir und sitzt, während ich dies schreibe, (wenig überraschend) am Küchentisch vorm Laptop.
Vor fast neun Jahren lernte ich Claudia kennen und lieben, die als ebenfalls Geschiedene für ihre zwei indischen Adoptivkinder Sitha und Samuel (jetzt 19 und 18) Hauptverantwortung trägt. Ihr Ex-Mann, mit dem Sitha und Sam in engem Kontakt stehen, hat wieder geheiratet und wurde mit rund 50 noch Vater von Zwillingen. Claudia und ihre Anverwandten wurden jedenfalls auch für mich zu meiner bisher letzten Patchwork-Familie.
Diese biografischen „Klimawechsel“ halte ich trotz mancher Beschwerden beim „Wetterumschwung“ für bereichernd. Vor dem Heiligen Abend steht aber jedes Jahr eine herausfordernde Abwägung hinsichtlich der Konstellation an: Feiern wie bisher mit Ex-Ehefrau, den beiden jüngeren Söhnen Moritz und Fabian und zwei Langzeitfreunden (auch Claudia und ihre Kids waren schon ein paar Mal dabei)? Oder finde ich mit Claudia (deren Kinder heuer bei der Vater-family mitfeiern) eine neue Form, mit Gesang, Evangelium, Geschenken, feinem Essen und Mitfeiernden jenseits der Kleinfamilie – so wie ich’s gern hab?