Adventmails 2015/24 (Flucht)

Der alte Mann kam aus dem Zwischenstromland – also dem Irak – in das damals reichste Land der Welt. In seiner Heimat war es unwirtlich geworden, es herrschte eine große Hungersnot im Land. Also packte der Alte alles, was nicht niet- und nagelfest war, und seine Großfamilie nahm er auch gleich mit. Ein typischer Wirtschaftsflüchtling eben, dieser Abraham aus dem Alten Testament, der erst in Ägypten zum Fremdling und dann in Kanaan zum Ausgangspunkt eines großen Volkes wurde, heute von Juden, Christen und Muslimen unter dem Titel Stammvater gleichermaßen verehrt. In der Jetztzeit und hierzulande hätte er null Chancen auf einen Aufenthaltstitel.
Auch ohne Theologe zu sein, weiß der grundsympathische Tote-Hosen-Bandleader Campino, dass „die Bibel das Flüchtlingsbuch Nummer 1“ ist. Dort wuseln Heimatvertriebene nur so rum. Auch Isaak hielt es wie sein Papa, ihn trieb eine Hungersnot nach Gerar, zu Abimelech, dem König der Philister. Nächste Generation, nächste Flucht: Diesmal Jakob, der seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht abgeluchst hatte und vor dessen Zorn zu seinem Onkel Laban nach Haran enteilte. Mose musste nach der Ermordung eines Ägypters, der garstig zu einem Landsmann war, als politischer Flüchtling in Land Midian. Da würd ich gerne wissen, was die heimischen Asylbehörden sagen würden, wenn ein Antragsteller als Fluchtgrund angäbe: Naja, ich hab da wen erschlagen…
Jesus selbst war ein Flüchtling, und das laut Matthäus bereits als Baby, von Josef in Ägypten in Sicherheit gebracht. Was er als Erwachsener zu dem Thema sagte, ist unmissverständlich und sogar ein Kriterium für die Erlangung des ewigen Lebens: „Denn […] ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen. […] Was immer ihr für einen meiner Brüder getan habt – und wäre er noch so gering geachtet gewesen – das habt ihr für mich getan.“
Knapp 2000 Jahre später sprach Campino, „wer sich wirklich auf christliche Werte beruft, der kann doch nicht darüber diskutieren, ob die Bitte um Asyl in Ordnung ist oder nicht“. In dem „Cicero“-Interview lobt der Sänger übrigens auch ganz ausdrücklich – was nicht oft vorzukommen scheint – Angela Merkel. „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“, hatte die deutsche Kanzlerin ungewohnt emotional angemerkelt. „Dafür könnt ich sie fast umarmen“, so Campino.
Mit dieser subtilen Bezugnahme auf den Weihnachtsengel (Angela!) beende ich meine diesjährige Adventserie, empfehle für heute überraschende Umarmungen von sonst fernstehenden Menschen und empfehle … mich.
Ein gesegnetes Weihnachtsfest Euch allen! Robert

Adventmails 2015/23 (Flucht)

Dass ich auf Kurzurlaub in Bad Leonfelden war, wisst Ihr schon. Nicht aber, dass ich vom Wellnesshotel einen Wanderweg entlang zur ein paar Kilometer entfernten tschechischen Grenze gejoggt bin. Direkt beim Grenzübergang gibt’s die „Schwedenschanze“, eine alte Befestigungsanlage, an der ein Gedenkstein und eine hölzerne Kanonennachbildung an die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges erinnern.
Leicht verschwitzt las ich aber auch andere Erinnerungen auf den Info-Tafeln: Dort, gleich hinter dem bis 1989 zugezogenen Eisernen Vorhang, lag das südlichste Dorf Tschechiens. Doch von Radvanov (Reifmaß) ist nichts mehr übrig. Wie hunderte andere Ortschaften wurde es von der CSSR-Staatsführung nach dem Zweiten Weltkrieg geschliffen, ein menschenleerer Grenzstreifen eingerichtet, die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung legitimiert durch die „Benes-Dekrete“ abgesiedelt.
Damals gab es eine Fluchtbewegung in Mitteleuropa, die die heutige in den Schatten stellt. Insgesamt wurden in der Tschechoslowakei bis 1947 etwa 2,9 Millionen Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung (die davor zu großen Teilen Hitlerdeutschland unterstützte) pauschal zu Staatsfeinden erklärt und ausgebürgert. Darunter auch der heutige Wiener Erzbischof Christoph Schönborn und seine Familie. Dessen sudetendeutsche Großmutter starb trotz rassischer NS-Einstufung als „Halbjüdin“ in einem tschechischen KZ, die Flucht der Schönborns endete in Schruns.
Die Benes-Dekrete bezeichnete Schönborn viel, viel später als „menschenrechtlich unhaltbar“, auch wenn sie zum Teil durch die historische Situation bedingt gewesen seien. „Die andere Seite aber“, so der Kardinal, der seine Erfahrungen als Flüchtlingskind regelmäßig in die aktuelle Debatte einfließen lässt: „Ich glaube, es ist notwendig, einen Schlussstrich zu ziehen. Können wir denn wollen, dass die jetzigen Bewohner der Häuser der Vertriebenen wieder vertrieben werden?“

Adventmails 2015/22 (Flucht)

Es war einmal ein großes Schiff, ein richtig großes. Es war das größte Kreuzfahrtschiff seines Landes, zog Tausende Urlaubswillige an, die sich im weltweit größten Wellness Center an Bord eines Schiffes vergnügen konnten.
Oder nein, vielleicht sollte ich mit diesem alten Witz beginnen: Was sind die drei dünnsten Bücher der Welt? Antwort: Das Buch des deutschen Humors, das äthiopische Kochbuch und die italienischen Heldensagen.
Der Kapitän der Costa Concordia, die am Abend des 13. Jänner 2012 vor der Insel Giglio mit einem Felsen kollidierte, als viele der 3200 Passagiere beim Abendessen saßen, steht für zwei Aspekte meines Adventthemas: Flucht aus der Verantwortung und Evakuierung, also möglichst geordnete Flucht angesichts einer drohenden Gefahr. Die Gefahr begann damit, dass Francesco Schettino sein Schiff riskant nahe an die Insel steuern ließ, obwohl keine Detailkarte der Küste zur Verfügung stand. Es folgten Kollision mit einem Felsen, ein etwa 70 Meter langer Riss an der linken Bordwand, Überflutung der Generatorräume, totaler Stromausfall und Manövrierunfähigkeit. Das Schiff bekam immer mehr Schlagseite, Panik brach aus, nach 30 Minuten rief das Horn zur Evakuierung, die bis circa 4:45Uhr andauerte, mindestens 200 Reisende sprangen über Bord und schwammen an Land. 32 Passagiere starben, darunter keineR der 77 ÖsterreicherInnen.
Kapitän Schettino war zu diesem Zeitpunkt längst in Sicherheit. Sein vorzeitiges Verlassen des Schiffs erklärt er später mit einem Ausrutscher, durch den er in ein Rettungsboot gefallen sei.
Im Februar 2015 wurde Schettino nach einem zweijährigen Prozess in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Fünf Jahre fasste er für das fahrlässige Herbeiführen der Havarie aus, zehn Jahre für fahrlässige Tötung zusammen mit fahrlässiger Körperverletzung, ein Jahr für die Zurücklassung Hilfsbedürftiger und vorzeitiges Verlassen des Schiffs, dazu ein Monat wegen der unzureichenden Kommunikation mit den Behörden. Schettinos Anwälte legten Berufung ein. Bis das Verfahren durch die weiteren Instanzen gegangen ist, könnten Jahre vergehen. Schettino bleibt derweil auf freiem Fuß.
Nachsatz: Die Costa Concordia diente Jean-Luc Godard 2010 als Kulisse für seinen gesellschaftskritischen „Film Socialisme“, das Schiff war darin als Metapher für Dekadenz und Bourgeoisie.

Adventmails 2015/21 (Flucht)

Ich bin ja nicht auf der Flucht!“ versus „Erholen kann ich mich auch daheim“ – das sind oft gebrauchte Stehsätze (oder Running Gags?) zwischen meiner Liebsten und mir, wenn es um Planung und Durchführung eines gemeinsamen Urlaubs geht. Es ist nämlich so: SIE will abschalten, den Stress hinter sich lassen, Genuss durch Muße erleben, ja sich sogar mal den Luxus von Langeweile gönnen. ICH dagegen will was erleben, was von der Welt sehen, wo hinfahren, wo ich Körper und Geist bewegen kann und auf dem Weg dorthin auch noch Sehenswertes „mitnehmen“.
So wie im letzten Sommer, wo wir einen Aktivurlaub mit Wandern, Radeln und Paddeln in den polnischen Masuren buchten und auf der Anreise Stopps im Elbsandsteingebirge, In Dresden und Breslau einlegten, und auf der Rückfahrt Krakau und den Nationalpark „Slowakisches Paradies“ besuchten. Gut, für diese Stationen hatten wir nicht wirklich viel Zeit, denn zweieinhalb Wochen Ferien sind schnell vorbei, aber „flüchtig“ würde ICH das jetzt nicht nennen. SIE schon. Gefallen hat’s ihr eh, aber erholt war sie danach nicht. Jetzt würde ich Urlaub brauchen, seufzt sie dann.

So geht’s auch: SIE entspannt, ICH sorge für Bewegung (in den Masuren)

Wenn wir mal – wie Ende Oktober – in Bad Leonfelden einem Mühlviertler Wellnesshotel ein verlängertes Wochenende verbringen, mache ich natürlich Vorschläge, was wir dort unternehmen könnten. Denn Krumau muss man gesehen haben, oder? Auch ein Ausflug nach Freistadt lohnt sich. Und Wandern in der schönen Gegend sowieso. Ich mache also Vorschläge, basierend auf gründlicher Recherche schon vor Reiseantritt. Und ehrlich, ich wäre mitnichten frustriert oder gar böse, wenn es dann hieße: „Mach du nur. Ich bleib in der Wellnesszone und lese. Denn: Ich bin ja nicht auf der Flucht…“ Doch zu meiner Überraschung kommt SIE mit. Beschwert sich dann. Und kündigt an: SO nie wieder.
Für nächsten Sommer hab ich übrigens schon eine Idee… – was heißt EINE…!

Adventmails 2015/20 (Flucht)

Heute schreibt meine Kinofreundin Michaela über eine syrische Gastfamilie in ihrer Hausgemeinschaft – und das ausgiebig. Aber es lohnt sich (und außerdem ist heute – hoffentlich mußegetränkter –Samstag). Danke, Michaela!
Seit einigen Wochen hängt ein besonderes Bild an unserer Haustür. Unser Haus das ist das Wohnprojekt Wien im 2. Bezirk und „wir“, das sind die Bewohnerinnen, die dieses Haus gemeinsam geplant und gekauft haben und jetzt als Gemeinschaftsprojekt selbst verwalten. Das Bild haben unsere neuesten Mitbewohnerinnen gemalt. Ahmad, Alaa und ihr dreijähriger Sohn, Moudeh, sind im September von Syrien geflüchtet und wohnen nun seit über zwei Monaten bei uns. Das Bild zeigt die Schrecken des Krieges, der sie in die Flucht getrieben hat, nachdem sie zuvor aus Sicherheitsgründen mehrmals im eigenen Land umgezogen waren.

Gäste aus Syrien im Wohnprojekt Wien im 2. Bezirk

Sie haben damals sehr lang überlegt, haben sie erzählt, ob nur Ahmad, der sowohl vom Heer Assads als auch von der IS schon sehr nachdrücklich als Mitkämpfer „angefragt“ worden war, oder auch Alaa, damals bereits hochschwanger (ihr zweites Kind kommt dieser Tage zur Welt) und der kleine Moudeh den beschwerlichen Fluchtweg auf sich nehmen sollen. Schließlich haben sie – fast in letzter Minute – beschlossen, gemeinsam zu fliehen. Über die Türkei und Griechenland sind sie nach Österreich gekommen.
Hier waren sie zunächst mit Hunderten anderen in der Stadthalle notuntergebracht, was vor allem für Moudeh und Alaa sehr belastend war. Eine Helferin hat ihre Verzweiflung damals erkannt, sie kurzerhand mitgenommen und vorübergehend im Büro ihres Mannes untergebracht. Über einen Arbeitskollegen, dessen Schwägerin bei uns im Haus wohnt, hat sie dann erfahren, dass es hier eine Wohnmöglichkeit geben könnte.
Denn ziemlich genau zum gleichen Zeitpunkt hat unsere Hausgemeinschaft beschlossen, unser größtes Gästeappartement im Dachgeschoss an eine Flüchtlingsfamilie zu vergeben. Das „Matching“ war also perfekt, und Alaa, Moudeh und Ahmad sind nun bei uns. Kurz zuvor hatte eine Familie im Haus bereits eine syrische Frau nach der Flucht bei sich in der Wohnung aufgenommen.
Wenn es nach „Quoten“ ginge, die derzeit oft und oft so unselig diskutiert werden, hätten wir damit eine Quote von rund 5 % in unserem Haus. Das ist im Vergleich zu all dem Diskutierten zahlenmäßig sehr viel, in der Realität des Alltags nichtsdestotrotz aber kaum spürbar und leicht mitzutragen.
Rasch hat sich im Haus ein Unterstützerinnen-Kreis aus einigen Bewohnerinnen gebildet, Recherchen und Begleitung bei notwendigen Amtswegen wurden aufgeteilt, und gemeinsam mit der Familie, bei der die drei zunächst untergekommen waren, Unterstützung bei Arztbesuchen, Kindergartensuche, beim Deutschlernen und in vielen anderen Aspekten rund um das neue Leben hier in Österreich angeboten.
Die Balance zwischen Hilfe und Selbstständigkeit ist dabei immer wieder herausfordernd. Nicht alles lief und läuft reibungslos, viel haben wir schon von- und miteinander gelernt.
Wir wissen nun, dass unser heimischer Kürbis vielen Syrerinnen überhaupt nicht schmeckt, Second-Hand-Kleidung im arabischen Raum unüblich ist und das Darauf-Angewiesen-Sein als beschämend erlebt wird, auch wenn klar ist, dass sich daran derzeit nur wenig ändern lässt, und dass wir haben erfahren, dass das hiesige Kindergarten-Eingewöhnungs-Prozedere befremdlich und ablehnend wirken kann. Wir kennen immer mehr syrische Gerichte, treffen uns zuweilen zum „Frauen-Tee“ und lernen deutsche und arabische Worte. Schokolade schmeckt uns allen gleichermaßen. Auch übers hiesige Asylverfahren haben wir schon einiges gemeinsam gelernt. Alaa, Moudeh und Ahmad haben mittlerweile eine „weiße Karte“, d.h. dass Österreich sich als für ihr Asylverfahren zuständig erklärt und ihren Asyl-Antrag entgegengenommen hat. Mittlerweile wird auch die Grundversorgung, wie für Asylwerberinnen vorhergesehen, ausbezahlt (200 Euro monatliches Verpflegungsgeld pro Erwachsenen, 90 Euro pro Kind plus Wohngeld). Bis vor kurzem waren die drei bis auf die finanzielle Unterstützung aus unserem hausinternen Solifonds ohne Geld. Was sie hatten, haben sie für die Flucht gebraucht. Auch jetzt zahlen wir als Hausgemeinschaft ein wenig „dazu“. Die dafür notwendigen wenigen Euros pro Monat sind selbst für unsere jungen studierenden Mitbewohnerinnen kein Thema und leistbar. In vielerlei Angelegenheiten heißt es für unseren neuen syrischen Mitbewohnerinnen nun warten. Zunächst auf die Geburt ihres zweiten Kindes, die absehbar und für die alles gut vorbereitet ist. Weit uneinschätzbarer als die Dauer einer Schwangerschaft ist die Länge des Asylverfahrens. Vor allem das Nicht-arbeiten-Dürfen belastet. Ahmad war es gewohnt, hart zu arbeiten und damit gut für seine Familie zu sorgen. Er besucht jetzt engagiert einen Deutschkurs und hat sich im Rahmen von „More“, dem Flüchtlingsprogramm der Universitäten, als Student an der TU eingeschrieben und hofft, bald wieder im Bau(ingeneur)wesen arbeiten zu können.
Alaa lernt im Selbststudium und hier mit uns im Haus so gut es geht Deutsch. Für Frauen mit Babys und Kleinkindern fehlt es an Sprachkursen mit Kinderbetreuung.
Die Situation in der Heimat ist bedrückend, die Sorge um Familienangehörige groß. Trotzdem wird oben am Dach, wenn wir in der Küche beisammen sitzen, auch viel gelacht.
Viel musste in der Heimat zurückgelassen werden, ihren wunderbaren Humor haben Ahmad und Alaa mitgenommen. „Mir wurde ja schon bei der Hochzeit eine Reise nach Europa versprochen“, hat Alaa neulich erzählt. „Eigentlich hab ich mir da ja Paris als Ziel und eine Flugreise vorgestellt. Jetzt sind wir hier in Wien. Das ist auch gut.“
Damit es wirklich „gut“ werden und sein kann, für Ahmad, Alaa und Moudeh, vor allem aber, damit auch für die vielen anderen Menschen auf der Flucht, die noch immer in Notunterkünften oder in der Kälte an Grenzen warten, irgendwo ein „new home“ (wie auf dem gemalten Bild) gefunden wird, muss sich noch vieles tun. Dass „Menschen nach der Flucht aufnehmen“ nicht immer einfach und trotzdem eigentlich ganz leicht und sehr bereichernd ist, zeigt das Zusammenleben in unserem Haus.
Um so größer die Schande, dass derzeit auch in Österreich Zäune aufgebaut werden, um Menschen wie Alaa, Moudeh und Ahmad draußen zu halten.

Adventmails 2015/19 (Flucht)

Wenn an diesem Wochenende die Schirennläufer mit 100 und mehr Sachen die Grödener Abfahrt runtersausen, ist das ein guter Anlass, um über die dabei wirkenden Fliehkräfte zu recherchieren. Über die dortige Saslong fand ich keine Daten dazu, doch auf der Kitzbüheler Streif, die (zumindest in Österreich) als die schwierigste Abfahrt der Welt gilt, werden die Athleten angeblich Fliehkräften bis zum Zehnfachen ihres Körpergewichts ausgesetzt. Hieße das, die Kniegelenke eines Bröckerls wie Klaus Kröll oder Dominik Paris müssten dann in Hochgeschwindigkeitskurven bis zu einer Tonne Belastung aushalten? Klingt doch etwas unwahrscheinlich, auch wenn das in der demnächst im TV zu sehenden Doku „Streif – One Hell of a Ride“ behauptet wird.
Bei Formel-1-Rennfahrern ist der Nacken der belastetste Körperteil, heißt es. Etwa 5 g Fliehkraft zerren daran in einer Kurve. Kopf und Helm wiegen dann nicht mehr nur 7,5 Kilogramm, sondern 37,5 Kilogramm.
Ärger scheinen die Fliehkräfte bei den Teilnehmern der „Red Bull Air Race“-Weltmeisterschaft zu sein. Wenn die Piloten ihre Flugzeuge möglichst schnell durch einen aus aufblasbaren „Air Gates“ bestehenden Slalomkurs lenken, erreichen sie Geschwindigkeiten von bis zu 370 km/h. Bei den engen Kurven knapp über dem Boden bedeutet dies Fliehkräfte von bis zu 10 g.
Schneller, höher, stärker. Dazu ein Witz: Streiten sich drei Buben, wessen Vater der schnellste von allen ist. Sagt der erste: „Meiner ist Chauffeur. Der rast mit seinem Mercedes in zwei Stunden nach Salzburg!“. Der zweite darauf: „Das ist ja gar nichts. Mein Vater ist Pilot und düst mit dem Airbus mit 950 km/h in drei Stunden nach Marokko!“ Der dritte bleibt ungerührt: „Schnellster ist trotzdem meiner. Der ist Magistratsbeamter in Wien und hat Dienst bis 16 Uhr, ist aber jeden Tag schon um 15 Uhr zuhause!“
Auf YouTube gibt es beeindruckende Videos zum Thema, z.B. über Rummelplätze, wo ohne Fliehkraft gar nix geht, oder was passiert, wenn eine Spielplatzdrehscheibe mit Mopedantrieb beschleunigt wird oder wie ein LKW etwas zu forsch in die Kurve fährt.

Adventmails 2015/18 (Flucht)

Als Teenager sah ich „Papillon“ (1973) mit Steve McQueen und Dustin Hoffman im Kino. Die spannende Geschichte um die Flucht aus einer Strafkolonie in Französisch-Guayana beeindruckte mich so, dass ich danach auch noch den autobiografischen Roman von Henri Charrière las.
Es folgten noch einige weitere Filme über Gefängnisausbrüche in meiner „Cineastenkarriere“, etwa die Komödie „I Love You Phillip Morris“ (2009) mit Jim Carrey in der Rolle des Trickbetrügers und Hochstaplers Steven Russell, der in der Gefängnisbibliothek den ebenfalls schwulen Phillip (Ewan McGregor) kennen und lieben lernt. Der mit einem Hochbegabten-IQ ausgestattete Steven täuscht, um sich selbst und Phillip zu befreien, seinen eigenen Tod vor. Als „Anwalt“ gelingt es ihm, auch Phillip zu befreien. Das alles ist tatsächlich passiert, auch dass man den beiden auf die Schliche kam und sie wieder einsitzen mussten.
Mein absoluter Lieblings-FluchtausdemGefängnis-Film ist aber „Die Verurteilten“ (1994) nach einer Short Story von Stephen King. Tim Robbins spielt darin den – zu Unrecht – zu lebenslanger Haft verurteilten Andy, Morgan Freeman dessen Freund und Mithäftling „Red“. Der frühere Bankmanager Andy muss einen Spießrutenlauf mit Übergriffen durch andere Insassen und brutale Aufseher erdulden, erringt aber allmählich das Vertrauen des korrupten Bankdirektors und wäscht für ihn in großem Umfang Bestechungsgelder. Red, Spezialist für Besorgungen aller Art, verschafft Andy einen kleinen Geologenhammer und das Poster eines leicht bekleideten Filmstars. Jahre vergehen, bis sich durch Zufall Andys Unschuld herausstellt. Doch der Bankdirektor vernichtet die Beweise dafür, weil er seinen Buchhalter nicht verlieren will und dessen Wissen um seine Machenschaften fürchtet.
Wie Andy mithilfe von Hammer und Poster doch freikommt und zuletzt Red nach dessen Entlassung in Mexiko wieder trifft, macht den 142 Minuten langen Film höchst sehenswert und auch zu einer großen Geschichte über Freundschaft. Nicht umsonst belegt der Film seit mehreren Jahren ununterbrochen den ersten Platz in den Top 250 der Internet-Filmdatenbank IMDb. Und Guido Tartarotti, mein Lieblings-Kolumnist, erwähnte kürzlich „Die Verurteilten“ in einer „Kurier“-Glosse. Er zitierte Andy mit Worten, die gut zu Weihnachten passen: „Die Hoffnung ist eine gute Sache. Vielleicht sogar die beste. Und gute Dinge können nicht sterben.“

Adventmails 2015/17 (Flucht)

„Wir wollten die Flucht nach vorne antreten.“ Mit diesem Satz begründete Ex-Skisprungtrainer Alex Pointner in der „Tiroler Tageszeitung“ am Allerseelentag, warum er und seine Frau Angela nach dem Selbstmordversuch ihrer Tochter an die Öffentlichkeit gingen. Klartext reden, um Gerüchte und Mauschelei hintanzuhalten, so das Motiv hinter der Darlegung des Paares, wie sie mit diesem Familientrauma umgehen.
Ich erfuhr davon nicht aus der Zeitung, sondern zu Allerheiligen durch das „Ö3-Frühstück bei mir“, als die Pointners bei Claudia Stöckl zu Gast waren. Fast ein Jahr davor, am 5. November 2014, wollte die 16-jährige Nina nicht mehr leben. Wie ihr jüngerer Bruder Max litt sie unter Depressionen, genetisch bedingt, so Mutter Angela. Sie berichtete im Radio auch vom Moment, als sie ihre leblose Tochter im Freizeitraum des Innsbrucker Hauses fand. „Es war der schrecklichste Moment meines Lebens, von diesem Vorfall zu erfahren. Die erste Zeit war ich wie gelähmt“, sagte Alex, mit 32 Medaillen als Skisprungtrainer so erfolgreich wie kein anderer zuvor. „Natürlich habe ich mich oft gefragt, ob ich als Trainer zu viel unterwegs war, mich zu wenig um die Familie gekümmert habe“, bekannte er. Sein Therapeut sagte: „Man kann Vergangenes nicht wiedergutmachen. Aber man kann es jetzt gut machen.“ Seine Frau Angela – ebenfalls therapeutisch begleitet – sucht Ausgleich im Schreiben zu finden, jüngst erscheint ihr Fantasy-Roman über einen Koma-Patienten.
Auch Tochter Nina liegt jetzt im Wachkoma, Prognosen sind aufgrund des Sauerstoffmangels nach dem Suizidversuch verhalten. Es ist die Hoffnung, die den Pointners Kraft gibt, und Angela beharrt darauf, dass sie sich davon „nicht abbringen lässt“.
Davon im Radio zu hören, hat mich berührt – auch ein wenig unangenehm. Aber vielleicht muss man ja berühmt sein und nach der Erfolgstrainerlaufbahn nun mit Vorträgen sein Brot verdienen bzw. gerade ein Buch veröffentlicht haben, um das Bedürfnis zu haben, auf diese Art „die Flucht nach vorne anzutreten“.

Falls jemand „Frühstück bei mir“ nachhören will: https://www.youtube.com/watch?v=L8-TdI6gNLo

Adventmails 2015/16 (Flucht)

Auf dem Berliner Oranienplatz protestierte von Oktober 2012 bis April 2014 eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge gegen den Umgang mit Asylwerbern. Dieses Thema greift Jenny Erpenbeck in ihrem jüngsten, penibel recherchierten Roman „Gehen, ging, gegangen“ auf, der es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015 schaffte. Hauptperson ist aber kein Flüchtling, Erpenbeck beschreibt die Ereignisse aus der Sicht eines gerade emeritierten Universitätsprofessors für alte Sprachen. Dieser Richard ist ein einsamer Bildungsbürger, die Frau gestorben, er von der Geliebten verlassen. Kinder hat er nicht, so lebt er allein in seinem Haus vor den Toren Berlins, das ihm aus DDR-Zeiten verblieben ist.
Unterwegs zum Einkaufen in Berlin kommt er an einer Demo auf dem Oranienplatz vorbei, die die afrikanischen Flüchtlinge bei ihrem Hungerstreik unterstützen soll. Doch Richard bemerkt live gar nichts davon, erst ein abendlicher Bericht in den TV-Nachrichten weckt sein Interesse. Er kehrt auf den Platz zurück, mit Notizbuch und Stift ausstaffiert, befragt er die Geflüchteten über ihre Geschichte. „Wenn du Glück hast, wirst du geschlagen, wenn du Pech hast, wirst du erschossen“, bekommt Richard zu hören. Oder: “Dann haben sie aus den Telefonen die SIM-Karten herausgenommen und vor unseren Augen zerbrochen, dann die Speicherkarten … Broke the memory.“
Der alte Wissenschaftler wird aktiv. Versorgt die Flüchtlinge mit Kleidung und Nahrung, begleitet sie zu anstehenden Behördenterminen, quartiert einige der Männer bei sich ein, arbeitet sich, zunehmend fassungslos, durch den europäischen Paragrafendschungel und erkennt: „Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen. Ein sogenannter Asylbetrüger ist also auch jemand, der eine wahre Geschichte dort erzählt, wo man sie nicht anhören muss.“
Doch trotz der wachsenden Empathie behält Richard die „europäische Brille“ auf, nennt die Flüchtlinge „Fremdling“ oder „Schwarzhäutige“ bzw. gibt ihnen Spitznamen, weil er sich die afrikanischen Namen nicht merken kann. Das mögen manche Rezensenten nicht. „Für Richard ist das Unglück der anderen Projektions- und Reflexionsfläche für die Ambivalenzen seiner eigenen Existenz“, heißt es etwa in der NZZ. Und der „Spiegel“ reibt sich an dem „Wohlstandsbürger, der sich weltoffen und aufgeklärt fühlt und die eigene, von Ressentiments durchsetzte Ignoranz nicht bemerkt“. Erpenbecks Roman sei „auf Feuilletons und Preisjurys zugeschrieben; anders gesagt: auf Leser zugeschrieben, die sich in Richard wiederfinden werden“. Na und? Jenny Erpenbeck hat ein Anliegen. Und eine gesunde Empörung, die sie im „profil“ so formulierte: „Sich wegen eines Krieges auf den Weg zu machen, die zerstörte Heimat verlassen zu müssen, ist eine Tragödie, und da wollen wir diese Menschen allen Ernstes in Zäune laufen lassen, die mit dreieckigen Rasierklingen bestückt sind?“
Auf „Perlentaucher“ ist eine lange Bücherliste zum Thema Flucht und Vertreibung zu finden. Darauf finden sich Namen wie Anna Seghers, Walter Benjamin, Christa Wolf und Günter Grass.

Adventmails 2015/15 (Flucht)

Apropos Eskapismus: Angesichts von Kriegen und Terrorakten, der Klimaerwärmung, den Plastikteilchen in den Weltmeeren, der „Vererbung“ von Bildungsarmut, des Verlustes an politischer Kultur, der Ausbeutung der Amazon-Angestellten, der ungelösten Finanzkrise undundund lieber eine Folge von „Game of Thrones“ oder den neuen Bond anzuschauen, mit Rapid Wien, dem FC Barcelona oder Bayern München mitzufiebern, sich über den Hintern von Kim Kardashian oder das neue Kleid von Kate Middleton zu ereifern – Ist das nicht eine Art Wirklichkeits- oder Weltflucht?
Ich gestehe, auch ich habe starke Realitätsfluchtbedürfnisse, wenn ich im Advent geschenkebesorgungsbedingt das Gewusel und Gedudel in einem Einkaufszentrum ertragen muss, in Öffis auf Teenager treffe, die vor lauter Handywischen nicht mitbekommen (wollen), dass ihr Sitzplatz gebraucht wird, oder wenn ich als Chef vom Dienst in der Redaktion den 17. Artikel gegenlesen muss…
Der britische Schriftsteller und damalige Philologe in Oxford, J.R.R. Tolkien, hielt 1939 – ein halbes Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und zwei nach seinem Phantasy-Erstling „Der Hobbit“ – einen vielbeachteten Vortrag „On Fairy Stories“ (Über Märchen), in dem er sich energisch gegen Vorwürfe des Eskapismus verteidigte: “Why should a man be scorned (verachtet) if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison walls?” Die Literatur sieht Tolkien wie lange vor ihm Sigmund Freud in seinem Aufsatz „Der Dichter und das Phantasieren“ als eine Möglichkeit, Wünsche und Sehnsüchte in Erfüllung gehen zu lassen, die in der „wirklichen“ Welt unerfüllbar sind. Ähnliches behauptete bekanntlich Karl Marx in Bezug auf die Religion als „das Opium des Volkes“.
Wer so spricht, hält die Welt für ein Gefängnis. Das tue ich nicht, halte gelegentlichen Eskapismus aber dennoch für legitim, ja sogar für eine not-wendige Ablenkung vom allzu Schweren oder allzu Täglichen. Leicht-Sinn belebt nämlich.