Apropos Eskapismus: Angesichts von Kriegen und Terrorakten, der Klimaerwärmung, den Plastikteilchen in den Weltmeeren, der „Vererbung“ von Bildungsarmut, des Verlustes an politischer Kultur, der Ausbeutung der Amazon-Angestellten, der ungelösten Finanzkrise undundund lieber eine Folge von „Game of Thrones“ oder den neuen Bond anzuschauen, mit Rapid Wien, dem FC Barcelona oder Bayern München mitzufiebern, sich über den Hintern von Kim Kardashian oder das neue Kleid von Kate Middleton zu ereifern – Ist das nicht eine Art Wirklichkeits- oder Weltflucht?
Ich gestehe, auch ich habe starke Realitätsfluchtbedürfnisse, wenn ich im Advent geschenkebesorgungsbedingt das Gewusel und Gedudel in einem Einkaufszentrum ertragen muss, in Öffis auf Teenager treffe, die vor lauter Handywischen nicht mitbekommen (wollen), dass ihr Sitzplatz gebraucht wird, oder wenn ich als Chef vom Dienst in der Redaktion den 17. Artikel gegenlesen muss…
Der britische Schriftsteller und damalige Philologe in Oxford, J.R.R. Tolkien, hielt 1939 – ein halbes Jahr vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und zwei nach seinem Phantasy-Erstling „Der Hobbit“ – einen vielbeachteten Vortrag „On Fairy Stories“ (Über Märchen), in dem er sich energisch gegen Vorwürfe des Eskapismus verteidigte: “Why should a man be scorned (verachtet) if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison walls?” Die Literatur sieht Tolkien wie lange vor ihm Sigmund Freud in seinem Aufsatz „Der Dichter und das Phantasieren“ als eine Möglichkeit, Wünsche und Sehnsüchte in Erfüllung gehen zu lassen, die in der „wirklichen“ Welt unerfüllbar sind. Ähnliches behauptete bekanntlich Karl Marx in Bezug auf die Religion als „das Opium des Volkes“.
Wer so spricht, hält die Welt für ein Gefängnis. Das tue ich nicht, halte gelegentlichen Eskapismus aber dennoch für legitim, ja sogar für eine not-wendige Ablenkung vom allzu Schweren oder allzu Täglichen. Leicht-Sinn belebt nämlich.