Dass ich auf Kurzurlaub in Bad Leonfelden war, wisst Ihr schon. Nicht aber, dass ich vom Wellnesshotel einen Wanderweg entlang zur ein paar Kilometer entfernten tschechischen Grenze gejoggt bin. Direkt beim Grenzübergang gibt’s die „Schwedenschanze“, eine alte Befestigungsanlage, an der ein Gedenkstein und eine hölzerne Kanonennachbildung an die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges erinnern.
Leicht verschwitzt las ich aber auch andere Erinnerungen auf den Info-Tafeln: Dort, gleich hinter dem bis 1989 zugezogenen Eisernen Vorhang, lag das südlichste Dorf Tschechiens. Doch von Radvanov (Reifmaß) ist nichts mehr übrig. Wie hunderte andere Ortschaften wurde es von der CSSR-Staatsführung nach dem Zweiten Weltkrieg geschliffen, ein menschenleerer Grenzstreifen eingerichtet, die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung legitimiert durch die „Benes-Dekrete“ abgesiedelt.
Damals gab es eine Fluchtbewegung in Mitteleuropa, die die heutige in den Schatten stellt. Insgesamt wurden in der Tschechoslowakei bis 1947 etwa 2,9 Millionen Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung (die davor zu großen Teilen Hitlerdeutschland unterstützte) pauschal zu Staatsfeinden erklärt und ausgebürgert. Darunter auch der heutige Wiener Erzbischof Christoph Schönborn und seine Familie. Dessen sudetendeutsche Großmutter starb trotz rassischer NS-Einstufung als „Halbjüdin“ in einem tschechischen KZ, die Flucht der Schönborns endete in Schruns.
Die Benes-Dekrete bezeichnete Schönborn viel, viel später als „menschenrechtlich unhaltbar“, auch wenn sie zum Teil durch die historische Situation bedingt gewesen seien. „Die andere Seite aber“, so der Kardinal, der seine Erfahrungen als Flüchtlingskind regelmäßig in die aktuelle Debatte einfließen lässt: „Ich glaube, es ist notwendig, einen Schlussstrich zu ziehen. Können wir denn wollen, dass die jetzigen Bewohner der Häuser der Vertriebenen wieder vertrieben werden?“