Auf dem Berliner Oranienplatz protestierte von Oktober 2012 bis April 2014 eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge gegen den Umgang mit Asylwerbern. Dieses Thema greift Jenny Erpenbeck in ihrem jüngsten, penibel recherchierten Roman „Gehen, ging, gegangen“ auf, der es auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2015 schaffte. Hauptperson ist aber kein Flüchtling, Erpenbeck beschreibt die Ereignisse aus der Sicht eines gerade emeritierten Universitätsprofessors für alte Sprachen. Dieser Richard ist ein einsamer Bildungsbürger, die Frau gestorben, er von der Geliebten verlassen. Kinder hat er nicht, so lebt er allein in seinem Haus vor den Toren Berlins, das ihm aus DDR-Zeiten verblieben ist.
Unterwegs zum Einkaufen in Berlin kommt er an einer Demo auf dem Oranienplatz vorbei, die die afrikanischen Flüchtlinge bei ihrem Hungerstreik unterstützen soll. Doch Richard bemerkt live gar nichts davon, erst ein abendlicher Bericht in den TV-Nachrichten weckt sein Interesse. Er kehrt auf den Platz zurück, mit Notizbuch und Stift ausstaffiert, befragt er die Geflüchteten über ihre Geschichte. „Wenn du Glück hast, wirst du geschlagen, wenn du Pech hast, wirst du erschossen“, bekommt Richard zu hören. Oder: “Dann haben sie aus den Telefonen die SIM-Karten herausgenommen und vor unseren Augen zerbrochen, dann die Speicherkarten … Broke the memory.“
Der alte Wissenschaftler wird aktiv. Versorgt die Flüchtlinge mit Kleidung und Nahrung, begleitet sie zu anstehenden Behördenterminen, quartiert einige der Männer bei sich ein, arbeitet sich, zunehmend fassungslos, durch den europäischen Paragrafendschungel und erkennt: „Mit Dublin II hat sich jedes europäische Land, das keine Mittelmeerküste besitzt, das Recht erkauft, den Flüchtlingen, die übers Mittelmeer kommen, nicht zuhören zu müssen. Ein sogenannter Asylbetrüger ist also auch jemand, der eine wahre Geschichte dort erzählt, wo man sie nicht anhören muss.“
Doch trotz der wachsenden Empathie behält Richard die „europäische Brille“ auf, nennt die Flüchtlinge „Fremdling“ oder „Schwarzhäutige“ bzw. gibt ihnen Spitznamen, weil er sich die afrikanischen Namen nicht merken kann. Das mögen manche Rezensenten nicht. „Für Richard ist das Unglück der anderen Projektions- und Reflexionsfläche für die Ambivalenzen seiner eigenen Existenz“, heißt es etwa in der NZZ. Und der „Spiegel“ reibt sich an dem „Wohlstandsbürger, der sich weltoffen und aufgeklärt fühlt und die eigene, von Ressentiments durchsetzte Ignoranz nicht bemerkt“. Erpenbecks Roman sei „auf Feuilletons und Preisjurys zugeschrieben; anders gesagt: auf Leser zugeschrieben, die sich in Richard wiederfinden werden“. Na und? Jenny Erpenbeck hat ein Anliegen. Und eine gesunde Empörung, die sie im „profil“ so formulierte: „Sich wegen eines Krieges auf den Weg zu machen, die zerstörte Heimat verlassen zu müssen, ist eine Tragödie, und da wollen wir diese Menschen allen Ernstes in Zäune laufen lassen, die mit dreieckigen Rasierklingen bestückt sind?“
Auf „Perlentaucher“ ist eine lange Bücherliste zum Thema Flucht und Vertreibung zu finden. Darauf finden sich Namen wie Anna Seghers, Walter Benjamin, Christa Wolf und Günter Grass.