Adventmails 2015/24 (Flucht)

Der alte Mann kam aus dem Zwischenstromland – also dem Irak – in das damals reichste Land der Welt. In seiner Heimat war es unwirtlich geworden, es herrschte eine große Hungersnot im Land. Also packte der Alte alles, was nicht niet- und nagelfest war, und seine Großfamilie nahm er auch gleich mit. Ein typischer Wirtschaftsflüchtling eben, dieser Abraham aus dem Alten Testament, der erst in Ägypten zum Fremdling und dann in Kanaan zum Ausgangspunkt eines großen Volkes wurde, heute von Juden, Christen und Muslimen unter dem Titel Stammvater gleichermaßen verehrt. In der Jetztzeit und hierzulande hätte er null Chancen auf einen Aufenthaltstitel.
Auch ohne Theologe zu sein, weiß der grundsympathische Tote-Hosen-Bandleader Campino, dass „die Bibel das Flüchtlingsbuch Nummer 1“ ist. Dort wuseln Heimatvertriebene nur so rum. Auch Isaak hielt es wie sein Papa, ihn trieb eine Hungersnot nach Gerar, zu Abimelech, dem König der Philister. Nächste Generation, nächste Flucht: Diesmal Jakob, der seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht abgeluchst hatte und vor dessen Zorn zu seinem Onkel Laban nach Haran enteilte. Mose musste nach der Ermordung eines Ägypters, der garstig zu einem Landsmann war, als politischer Flüchtling in Land Midian. Da würd ich gerne wissen, was die heimischen Asylbehörden sagen würden, wenn ein Antragsteller als Fluchtgrund angäbe: Naja, ich hab da wen erschlagen…
Jesus selbst war ein Flüchtling, und das laut Matthäus bereits als Baby, von Josef in Ägypten in Sicherheit gebracht. Was er als Erwachsener zu dem Thema sagte, ist unmissverständlich und sogar ein Kriterium für die Erlangung des ewigen Lebens: „Denn […] ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen. […] Was immer ihr für einen meiner Brüder getan habt – und wäre er noch so gering geachtet gewesen – das habt ihr für mich getan.“
Knapp 2000 Jahre später sprach Campino, „wer sich wirklich auf christliche Werte beruft, der kann doch nicht darüber diskutieren, ob die Bitte um Asyl in Ordnung ist oder nicht“. In dem „Cicero“-Interview lobt der Sänger übrigens auch ganz ausdrücklich – was nicht oft vorzukommen scheint – Angela Merkel. „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land“, hatte die deutsche Kanzlerin ungewohnt emotional angemerkelt. „Dafür könnt ich sie fast umarmen“, so Campino.
Mit dieser subtilen Bezugnahme auf den Weihnachtsengel (Angela!) beende ich meine diesjährige Adventserie, empfehle für heute überraschende Umarmungen von sonst fernstehenden Menschen und empfehle … mich.
Ein gesegnetes Weihnachtsfest Euch allen! Robert

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