Adventmails 2015/20 (Flucht)

Heute schreibt meine Kinofreundin Michaela über eine syrische Gastfamilie in ihrer Hausgemeinschaft – und das ausgiebig. Aber es lohnt sich (und außerdem ist heute – hoffentlich mußegetränkter –Samstag). Danke, Michaela!
Seit einigen Wochen hängt ein besonderes Bild an unserer Haustür. Unser Haus das ist das Wohnprojekt Wien im 2. Bezirk und „wir“, das sind die Bewohnerinnen, die dieses Haus gemeinsam geplant und gekauft haben und jetzt als Gemeinschaftsprojekt selbst verwalten. Das Bild haben unsere neuesten Mitbewohnerinnen gemalt. Ahmad, Alaa und ihr dreijähriger Sohn, Moudeh, sind im September von Syrien geflüchtet und wohnen nun seit über zwei Monaten bei uns. Das Bild zeigt die Schrecken des Krieges, der sie in die Flucht getrieben hat, nachdem sie zuvor aus Sicherheitsgründen mehrmals im eigenen Land umgezogen waren.

Gäste aus Syrien im Wohnprojekt Wien im 2. Bezirk

Sie haben damals sehr lang überlegt, haben sie erzählt, ob nur Ahmad, der sowohl vom Heer Assads als auch von der IS schon sehr nachdrücklich als Mitkämpfer „angefragt“ worden war, oder auch Alaa, damals bereits hochschwanger (ihr zweites Kind kommt dieser Tage zur Welt) und der kleine Moudeh den beschwerlichen Fluchtweg auf sich nehmen sollen. Schließlich haben sie – fast in letzter Minute – beschlossen, gemeinsam zu fliehen. Über die Türkei und Griechenland sind sie nach Österreich gekommen.
Hier waren sie zunächst mit Hunderten anderen in der Stadthalle notuntergebracht, was vor allem für Moudeh und Alaa sehr belastend war. Eine Helferin hat ihre Verzweiflung damals erkannt, sie kurzerhand mitgenommen und vorübergehend im Büro ihres Mannes untergebracht. Über einen Arbeitskollegen, dessen Schwägerin bei uns im Haus wohnt, hat sie dann erfahren, dass es hier eine Wohnmöglichkeit geben könnte.
Denn ziemlich genau zum gleichen Zeitpunkt hat unsere Hausgemeinschaft beschlossen, unser größtes Gästeappartement im Dachgeschoss an eine Flüchtlingsfamilie zu vergeben. Das „Matching“ war also perfekt, und Alaa, Moudeh und Ahmad sind nun bei uns. Kurz zuvor hatte eine Familie im Haus bereits eine syrische Frau nach der Flucht bei sich in der Wohnung aufgenommen.
Wenn es nach „Quoten“ ginge, die derzeit oft und oft so unselig diskutiert werden, hätten wir damit eine Quote von rund 5 % in unserem Haus. Das ist im Vergleich zu all dem Diskutierten zahlenmäßig sehr viel, in der Realität des Alltags nichtsdestotrotz aber kaum spürbar und leicht mitzutragen.
Rasch hat sich im Haus ein Unterstützerinnen-Kreis aus einigen Bewohnerinnen gebildet, Recherchen und Begleitung bei notwendigen Amtswegen wurden aufgeteilt, und gemeinsam mit der Familie, bei der die drei zunächst untergekommen waren, Unterstützung bei Arztbesuchen, Kindergartensuche, beim Deutschlernen und in vielen anderen Aspekten rund um das neue Leben hier in Österreich angeboten.
Die Balance zwischen Hilfe und Selbstständigkeit ist dabei immer wieder herausfordernd. Nicht alles lief und läuft reibungslos, viel haben wir schon von- und miteinander gelernt.
Wir wissen nun, dass unser heimischer Kürbis vielen Syrerinnen überhaupt nicht schmeckt, Second-Hand-Kleidung im arabischen Raum unüblich ist und das Darauf-Angewiesen-Sein als beschämend erlebt wird, auch wenn klar ist, dass sich daran derzeit nur wenig ändern lässt, und dass wir haben erfahren, dass das hiesige Kindergarten-Eingewöhnungs-Prozedere befremdlich und ablehnend wirken kann. Wir kennen immer mehr syrische Gerichte, treffen uns zuweilen zum „Frauen-Tee“ und lernen deutsche und arabische Worte. Schokolade schmeckt uns allen gleichermaßen. Auch übers hiesige Asylverfahren haben wir schon einiges gemeinsam gelernt. Alaa, Moudeh und Ahmad haben mittlerweile eine „weiße Karte“, d.h. dass Österreich sich als für ihr Asylverfahren zuständig erklärt und ihren Asyl-Antrag entgegengenommen hat. Mittlerweile wird auch die Grundversorgung, wie für Asylwerberinnen vorhergesehen, ausbezahlt (200 Euro monatliches Verpflegungsgeld pro Erwachsenen, 90 Euro pro Kind plus Wohngeld). Bis vor kurzem waren die drei bis auf die finanzielle Unterstützung aus unserem hausinternen Solifonds ohne Geld. Was sie hatten, haben sie für die Flucht gebraucht. Auch jetzt zahlen wir als Hausgemeinschaft ein wenig „dazu“. Die dafür notwendigen wenigen Euros pro Monat sind selbst für unsere jungen studierenden Mitbewohnerinnen kein Thema und leistbar. In vielerlei Angelegenheiten heißt es für unseren neuen syrischen Mitbewohnerinnen nun warten. Zunächst auf die Geburt ihres zweiten Kindes, die absehbar und für die alles gut vorbereitet ist. Weit uneinschätzbarer als die Dauer einer Schwangerschaft ist die Länge des Asylverfahrens. Vor allem das Nicht-arbeiten-Dürfen belastet. Ahmad war es gewohnt, hart zu arbeiten und damit gut für seine Familie zu sorgen. Er besucht jetzt engagiert einen Deutschkurs und hat sich im Rahmen von „More“, dem Flüchtlingsprogramm der Universitäten, als Student an der TU eingeschrieben und hofft, bald wieder im Bau(ingeneur)wesen arbeiten zu können.
Alaa lernt im Selbststudium und hier mit uns im Haus so gut es geht Deutsch. Für Frauen mit Babys und Kleinkindern fehlt es an Sprachkursen mit Kinderbetreuung.
Die Situation in der Heimat ist bedrückend, die Sorge um Familienangehörige groß. Trotzdem wird oben am Dach, wenn wir in der Küche beisammen sitzen, auch viel gelacht.
Viel musste in der Heimat zurückgelassen werden, ihren wunderbaren Humor haben Ahmad und Alaa mitgenommen. „Mir wurde ja schon bei der Hochzeit eine Reise nach Europa versprochen“, hat Alaa neulich erzählt. „Eigentlich hab ich mir da ja Paris als Ziel und eine Flugreise vorgestellt. Jetzt sind wir hier in Wien. Das ist auch gut.“
Damit es wirklich „gut“ werden und sein kann, für Ahmad, Alaa und Moudeh, vor allem aber, damit auch für die vielen anderen Menschen auf der Flucht, die noch immer in Notunterkünften oder in der Kälte an Grenzen warten, irgendwo ein „new home“ (wie auf dem gemalten Bild) gefunden wird, muss sich noch vieles tun. Dass „Menschen nach der Flucht aufnehmen“ nicht immer einfach und trotzdem eigentlich ganz leicht und sehr bereichernd ist, zeigt das Zusammenleben in unserem Haus.
Um so größer die Schande, dass derzeit auch in Österreich Zäune aufgebaut werden, um Menschen wie Alaa, Moudeh und Ahmad draußen zu halten.

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