Es war einmal ein großes Schiff, ein richtig großes. Es war das größte Kreuzfahrtschiff seines Landes, zog Tausende Urlaubswillige an, die sich im weltweit größten Wellness Center an Bord eines Schiffes vergnügen konnten.
Oder nein, vielleicht sollte ich mit diesem alten Witz beginnen: Was sind die drei dünnsten Bücher der Welt? Antwort: Das Buch des deutschen Humors, das äthiopische Kochbuch und die italienischen Heldensagen.
Der Kapitän der Costa Concordia, die am Abend des 13. Jänner 2012 vor der Insel Giglio mit einem Felsen kollidierte, als viele der 3200 Passagiere beim Abendessen saßen, steht für zwei Aspekte meines Adventthemas: Flucht aus der Verantwortung und Evakuierung, also möglichst geordnete Flucht angesichts einer drohenden Gefahr. Die Gefahr begann damit, dass Francesco Schettino sein Schiff riskant nahe an die Insel steuern ließ, obwohl keine Detailkarte der Küste zur Verfügung stand. Es folgten Kollision mit einem Felsen, ein etwa 70 Meter langer Riss an der linken Bordwand, Überflutung der Generatorräume, totaler Stromausfall und Manövrierunfähigkeit. Das Schiff bekam immer mehr Schlagseite, Panik brach aus, nach 30 Minuten rief das Horn zur Evakuierung, die bis circa 4:45Uhr andauerte, mindestens 200 Reisende sprangen über Bord und schwammen an Land. 32 Passagiere starben, darunter keineR der 77 ÖsterreicherInnen.
Kapitän Schettino war zu diesem Zeitpunkt längst in Sicherheit. Sein vorzeitiges Verlassen des Schiffs erklärt er später mit einem Ausrutscher, durch den er in ein Rettungsboot gefallen sei.
Im Februar 2015 wurde Schettino nach einem zweijährigen Prozess in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Fünf Jahre fasste er für das fahrlässige Herbeiführen der Havarie aus, zehn Jahre für fahrlässige Tötung zusammen mit fahrlässiger Körperverletzung, ein Jahr für die Zurücklassung Hilfsbedürftiger und vorzeitiges Verlassen des Schiffs, dazu ein Monat wegen der unzureichenden Kommunikation mit den Behörden. Schettinos Anwälte legten Berufung ein. Bis das Verfahren durch die weiteren Instanzen gegangen ist, könnten Jahre vergehen. Schettino bleibt derweil auf freiem Fuß.
Nachsatz: Die Costa Concordia diente Jean-Luc Godard 2010 als Kulisse für seinen gesellschaftskritischen „Film Socialisme“, das Schiff war darin als Metapher für Dekadenz und Bourgeoisie.