Kurzurlaub 28.1.-31.1.25 Bad Tatzmannsdorf, Reduce Hotel Thermal

Unsere erste Reise als Pensionisten-Ehepaar – in ein Thermenhotel, in dem wir den Altersdurchschnitt wohl um einiges senkten. Nach dem Frühstücksbüffet zweimal Sport (Joggen im burgenländischen Umland), dann kleines Mittagessen mit Suppe und Salat, ab 14h Nachmittagsjause mit Kuchen und Fruchtsäften, abends 4-Gang-Wahlmenü plus Käse. Und natürlich Schwimmen in den warmen Thermalbecken, Saunieren mit Duftöl-Aufguss, lesen, entspannen, lang schlafen in den geräumigen Zimmern. Ein Tipp für alle, die dorthin fahren: Kaffee bei Kaplan am Kurpark, plus beste Krapfen des Burgenlandes. Also ohne Sport hätte ich dort noch mehr zugenommen als den einen Kilo plus nach der Heimkehr…

Ohne Worte, ohne Stress

Johanna Grillmayer: “Ein sicherer Ort” (Müry Salzmann Verlag 2024)****

Ich bin voreingenommen: Denn ich mag und schätze Johanna Grillmayer und die Gespräche mit ihr (Wie schafft sie es, als Journalistin die Zeit und Energie fürs Bücherschreiben aufzubringen??). Das Thema ihres ersten („That’s life in Dystopia“) und ein Jahr später erschienenen zweiten Buches ist, wie eine überschaubare Gruppe von Frauen, Männern und immer mehr Kindern mit einer nicht näher beschriebenen Katastrophe zurechtkommt, die den allergrößten Teil der übrigen Menschheit vernichtet und zivilisatorischen Errungenschaften, ja Selbstverständlichkeiten den Boden entzieht. Wovon sich ernähren, wenn auch haltbare Konserven ausgehen? Wie leben, wenn Häuser und Verkehrswege allmählich verfallen? Worauf im Zusammenleben Wert legen, wie sich auf was einigen? Wie mit Konflikten, ja Gewalt umgehen, wenn es keine regulierenden Instanzen mehr gibt?
All das anhand der davor in Wien lebenden Jola, ihrer zwei Männer Jakob und Marek und weiterer Gefährt:innen nachzuvollziehen ist spannend und lässt immer wieder darüber nachdenken. Worauf kommt’s an? Und wäre ICH dem Kampf ums Überleben, dem Ringen ums gute Leben gewachsen? Im ersten Band funktioniert das besser als im zweiten, fand ich. In „Ein sicherer Ort“ vermisste ich etwas die nuancierte Charakterzeichnung der Hauptpersonen. Rückblenden in die Zeit „VdE“ (vor dem Ereignis) sind rar, hätten vielleicht das Verständnis für das Agieren danach vertieft. Figuren wie die „Dorfvorsitzende“ Em oder der zwischendurch inhaftierte Gewalttäter Sepp hätten sich mehr Differenziertheit verdient. Unnötig anstrengend fand ich, dass Handlungsbögen durch das Wechselspiel verschiedener Zeitebenen und Perspektiven immer wieder unterbrochen werden und die Fortsetzung erst Seiten später folgt.
Wie schon das erste endet das zweite Buch mit einem Cliffhanger. Erst die angedeutete Übersiedlung der Gruppe vom Ex-Hotel im Alpenvorland ins Burgenland, nun die erfolgreiche Wiederinbetriebnahme einer Bahnlinie in die Steiermark. Offen bleibt, was die ausgeweitete Mobilität für das Dorf bedeutet, ob sich der reuige (?) Sepp in die Gemeinschaft integriert, ob das improvisierte Gerichtsverfahren nachhaltige Wirkung erzielt. Werden diese Fragen im schon geschriebenen dritten und vierten Buch beantwortet?

Axel Hacke: Aua! Die Geschichte meines Körpers (DuMont 2024, EUR 20.-)*****

Der Mann kann schreiben. Und er hat Humor, Selbstironie und keine Scheu vor Selbstentblößung. Das zeigen Kapitel wie „Zähne“, „“Bauch“, „Darm“ oder „Penis“, in denen der Starkolumnist und Erfolgsautor Hacke ausgehend von eigenen Leibeserfahrungen allgemeingültig Interessantes darlegt. Das ist Infotainment at it‘s best: Unterhaltsames, das zu wissen sich lohnt. Und manchmal Anlass zum Staunen und zur Erkenntnis „Das kenn ich von mir“ ist. Z.B. den Tinnitus im Ohr. Oder Schulterschmerzen. Für Männer untypisch ist wohl Hackes Bereitschaft, schnell mal zum Arzt zu gehen.

Es geht aber nicht nur um Physiologie und Anatomie, die Hacke’schen Körperteile sind für den Autor immer wieder Anlass zu Querverweisen vor allem auf Literatur und Wissenschaft. Die Kapitel des kleinen 220-Seiten-Bändchens sind kurz genug, dass man sie vor dem Einschlafen oder bei längeren Klogängen gut lesen kann. Bestens geeignet zum Verschenken – da kann man nichts falsch machen.

Adventmail 2024/24 (Farben)

Ich gehe gern in Kirchen. Morgen nachmittags in die Weihnachtsvesper in den Stephansdom (wenn es mein Heiligabend-Dienst zeitlich erlaubt). Selten am Sonntag, da wird mir bei Gottesdiensten schnell mal fad. Aber regelmäßig als Tourist, wenn ich z.B. mit dem Fahrrad in eine fremde Stadt komme und mir dann gerne deren spirituelles Zentrum – einen Dom oder sonstige Kirche – aufsuche. Es stimmt schon: Gotteshäuser haben heute oft etwas Museales, auch wenn draußen vor der Kirchenpforte reges Getriebe herrscht, finden sich drin im Haupt- und in den Nebenschiffen meist wenige Interessierte. Und von denen knipsen viele. Auch ich.
Aber das tue ich nicht ohne Ehrfurcht vor dem Herzblut, das Dutzende Menschen über Generationen in Kirchen gestalterisch hinterließen. Wie arm dagegen die Einkaufstempel, die Banken, Versicherungen oder Verwaltungsgebäude, die sich sonst so in Stadtzentren sammeln. Auf die Kirchenbank setzen, den Blick nach oben lenken, den konsumfreien Raum, gefüllt mit den Bitt- und Dankgebeten Tausender, genießen – das mag ich und tue es bei jeder Reise. Und auch manchmal in der Heimat.
Und besonders liebe ich das Spiel von Farbe und Licht der Kirchenfenster, das zu den oft dunklen Räumen einen reizvollen bunten Kontrast bildet. Ich durchsuchte meine Reisefotos und halte euch einige der schönsten Beispiele dafür vor Augen, dass Theologie leuchten kann, wenn sie statt auf Formeln und Paragrafen auf Durchlässigkeit und Buntheit setzt.
Mögt ihr zu Weihnachten und im Jahr 2025 auch viele solcher Augenblicke haben, die Labsal für die Seele sind! Das wünscht euch von Herzen Robert (der heute und am Freitag seine letzten Arbeitstage als Kathpress-Redakteur hat)

Rosette im Straßburger Münster

Oben ein Foto von der prächtigen Rosette im Münster von Straßburg, wo ich im Sommer 2022 radelnd unterwegs war. Und weitere “live erlebte” vier von Gerhard Richter, Kölner Dom; Stanisław Wyspiański, Franziskus-Basilika Krakau; Markus Prachensky, Stadtpfarrkirche Enns; Marc Chagall, Fraumünster Zürich

Markus Prachensky, Stadtpfarrkirche Enns

Adventmail 2024/23 (Farben)

Es ist der letzte Tag vor Weihnachten. Ich habe lange zugewartet, um über „Ampelkoalition“ zu schreiben. So wie es heute aussieht, kommt Türkis-Rot-Pink in Österreich unter viel Hängen und Würgen zustande.
In Deutschland gab es ja die Ampel in den korrekten Farben Rot-Gelb-Grün. Doch Gelb, die Liberalen, schalteten von Grün auf Rot, die Koalition zerbrach. In Österreich wurde bereits in den 1990er Jahren ein Regierungsbündnis von SPÖ, Liberalem Forum und Grünen diskutiert – und letztlich verworfen. Jetzt waren die Vorzeichen für eine Einigung angesichts eines enormen Budgetlochs ungleich schwieriger.

Die deutsche Ampelkoalition
zerbrach an inneren Querelen

Ich wage mal einen Ausblick:
Türkis, Rot und Pink finden einen Minimalkonsens, den sie als „Kein weiter wie bisher“ verkaufen (was für die seit langem regierende ÖVP eine kuriose Aussage ist). Die Flaggschiff-Projekte der Regierungspartner – strenge Ausländer- und Asylpolitik bzw. Standortsicherung (ÖVP), Vermögenssteuern bzw. Gesundheitsreformen (SPÖ) und Bildungsoffensive bzw. Föderalismuseinhegung (NEOS) – werden durch Klientelpolitik und die Vorbehalte der anderen Partner so ausgehöhlt, dass sie der eigenen Anhängerschaft als fauler Kompromiss erscheinen. Das Unvermögen, dem jeweils anderen Erfolge zu gönnen, führt wie schon bei Türkis-Grün zu einem schwelenden Dauerkonflikt.
Den die FPÖ mit ihrer gehässigen Stammtisch-Oppositionspolitik zu nützen weiß. Und weitere Erfolge bei der Landtagswahl im Burgenland, den Gemeinderatswahlen in NÖ, der Steiermark und in Vorarlberg und sogar deutliche Zuwächse bei der Landtagswahl in Wien erzielt. Dennoch hält die österreichische Ampel bis zur nächsten Bundespräsidentenwahl 2028 durch, zerbricht dann aber an inneren Querelen. Bei der anschließenden NR-Wahl erreicht die FPÖ 35 Prozent, der neue Bundespräsident Otmar Karas kann nicht anders, als Oppositionsführer Kickl diesmal mit der Regierungsbildung zu beauftragen.
Die dann mit einem VP-Wirtschaftsbündler als Juniorpartner gebildete Regierung macht für die Wirtschaftskrise die Migration verantwortlich, ignoriert die zunehmenden Klimakatastrophen, legt der EU jeden greifbaren Stein in den Weg, stutzt den ORF auf ein willfähriges Medienorgelchen zusammen und schaltet die Medien gleich, reagiert auf die wachsende Protestbewegung auf den Straßen mit bisher ungekannter Polizeigewalt…
Nein, stopp, so nicht, bitte nicht! Lasst uns alle miteinander dazu beitragen, dass es so nicht kommt und Österreich ein Land bleibt, in dem wir gerne alt werden.

Adventmail 2024/22 (Farben)

Sich zu schminken ist eine jahrtausendealte Praxis, die in fast allen Kulturen der Menschheit zu finden ist. Die Gründe für das Schminken, seine Bedeutung und die verwendeten Materialien haben sich dabei im Laufe der Geschichte stark gewandelt. In Europa reicht die Geschichte des Schminkens von antiken Ritualen bis hin zur modernen Kosmetikindustrie. Ob als Ausdruck von Zugehörigkeit, als Mittel zur Repräsentation oder als Verdeutlichen der eigenen Persönlichkeit – das Schminken hat sich über die Jahrhunderte immer wieder gewandelt. In der modernen Gesellschaft ist es nicht nur ein kosmetischer Akt, sondern auch ein Mittel der Selbsterkenntnis und -verwirklichung, das in seiner Vielfalt für die individuelle Freiheit steht.
Ich selbst hatte eine etwas hippieeske Zeit während meines Studiums, in der ich nicht nur von Muttern gestrickte Legwarmer und ein aus dem Lockenkopf hinten herabhängendes Zöpfchen trug. Ab und an verwendete ich einen Kajalstift, um meinen Augen mehr Kontur zu geben. Ich fand mich attraktiver damit.
Und das ist auch der Grund für Schminken generell. Schon im Alten Ägypten wurden Kosmetika zur Betonung von Augen, Lippen und Haut eingesetzt. Im antiken Hellas galt starkes Make-up als sittenlos, während die Römerinnen es als Zeichen des Wohlstands betrachteten. Sie verwendeten Bleiweiß als Grundierung für eine blasse Haut, die als vornehm galt, und färbten die Lippen und Wangen rot. Ersteres war gesundheitsschädlich, aber was soll’s, wenn man/frau schöner sein möchte?
Nach dem Mittelalter, in dem Schminken oft als Sünde betrachtet wurde, erlebte die Kosmetik in Renaissance und Barock einen enormen Aufschwung. In den höfischen Kreisen Italiens und später in Frankreich wurde es zunehmend Mode, das Gesicht zu pudern und die Lippen und Wangen rot zu färben. Eine blasse Haut war das Ideal – und das blieb jedenfalls für Frauen bis ins 20. Jht. so, als das Reisen in sonnige Länder zum Statussymbol wurde. Am Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. trugen Männer und Frauen Puder, Rouge und künstliche Schönheitsflecken (sogenannte „Mouches“), die je nach Position und Form Flirtsignale aussendeten.
Im 19. Jahrhundert setzte sich zunehmend der Trend zur „natürlichen Schönheit“ durch. Kosmetika wurden zwar noch verwendet, jedoch eher dezent und nur in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen. In England und Frankreich wurde der Begriff „Schönheitspflege“ allmählich als etwas Normales und Akzeptables angesehen.
Mit Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte sich das Schminken in Europa radikal. Durch den Einfluss von Film und Werbung wurde Kosmetik zu einem Massenprodukt. Die Kosmetikindustrie entwickelte sich in rasantem Tempo und Marken wie Maybelline und L’Oréal wurden populär. Freilich blieb das Schminken Spiegelbild der raschen gesellschaftlichen Veränderungen. In den 1950er Jahren herrschte das Ideal der gepflegten Hausfrau vor, in den 1970er Jahren wurde das Outfit schriller, zugleich gab es feministisch inspirierte Kritik an der Erwartung, Frauen hätten den Männern zu gefallen. Heute ist die Kosmetikkultur diversifiziert und individualisiert wie nie zuvor. Social Media und Influencer tragen das ihre dazu bei, dass Außenwirkung wieder enorm wichtig geworden ist.

Adventmail 2024/21 (Farben)

„Bildung. Alles, was man wissen muss“ (1999) lautet ein 700-Seiten-Konvolut des studierten Anglisten, Historikers und Philosophen Dietrich Schwanitz, das ich mit Begeisterung verschlang. Wie schon Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ war das ein Buch, das Allgemeinwissen pointiert und unterhaltsam vermittelt. Und das Kapitel bei Schwanitz, das mich am meisten amüsierte, war jenes über „verbotenes Wissen“, über das, „was man nicht wissen sollte“. Darin war von „Königs“ die Rede, also von europäischen Herrscherhäusern und dazugehörigem Tratsch in der Regenbogenpresse, von Celebrities, aber auch von Leistungssport und Autovernarrtheit, vom Fernsehprogramm und den Banalitäten darin.
Apropos. Es gibt Menschen, die ich sehr schätze und die ich lieb habe, die sehen sich gerne Dinge wie „Dschungelcamp“, „Love Island“, „Der Bachelor“ oder „Masked Singer“ an (ich will jetzt keine Namen nennen). Neulich bin ich beim Rumzappen auf ein Trash-TV-Format gestoßen, bei dem Singles ihre möglichen Partner nackt kennenlernen können. Bei “Naked Attraction – Dating hautnah” stand eine Frau vor sechs Telefonzellen-artigen Boxen, die nicht den Blick in das Gesicht des Kandidaten freigaben, aber dafür auf alles, was südlich der Brust lag. „Geht’s noch tiefer?!“, dachte ich mir.
Aber ich wollte heute eigentlich über „Die Bunte“ schreiben, die der Burda-Verlag seit 70 Jahren auflegt. „Neues aus der Welt der Reichen und Schönen, der Stars und Sternchen, der Royals und des Adels“ ist da zu lesen, „auch aktuelle Trends aus den Bereichen Beauty, Mode, Lifestyle und Gesundheit werden aufgegriffen“, heißt es. Die verkaufte Auflage betrug im 3. Quartal 2024 322.075 Exemplare; das ist zwar ein Minus von 57 Prozent gemessen an der Zahl von vor 25 Jahren, aber immer noch viele Frauen blättern als Lesezirkel-Abonnentin oder unter der Trockenhaube eines Frisörs darin herum. Und lesen womöglich Fake News: Tom Cruise, angeblich „zeugungsunfähig“, klagte „Die Bunte“ ebenso erfolgreich wie der deutsche Ex-Bundespräsident Christian Wulff (angedichtete Affäre) oder Caroline von Hannover (erfundenes Interview).
Da kann ich als „Falter“-Abonnent nur sagen. Hol mich hier raus!

Adventmail 2024/20 (Farben)

„I’m dreaming of a white Christmas / Just like the ones I used to know“: So beginnt die mit rund 50 Millionen Exemplaren meistverkaufte Single der Welt, gesungen von Ober-Crooner Bing Crosby. Er nahm den von Irving Berlin 1940 komponierten Song zwei Jahre später auf und landete damit zu Weihnachten für elf Wochen an der Spitze der US-Charts. Damit nicht genug: Das Lied kehrte im Dezember 1943 und 1944 erneut auf Platz eins zurück – der Weltkrieg weckte wohl Sehnsüchte nach Idylle –, außerdem 1945 und 1946 und war in den folgenden Jahren ein Dutzend Mal in den Top 40 vertreten.
Schnee gehört zu Weihnachten einfach dazu, glauben viele. Die meteorologische Statistik sagt allerdings etwas anderes. In Wien konnte man die letzten richtigen Weihnachtstage mit Schnee, wie man es aus klischeehaften Weihnachtsfilmen kennt, im Jahr 1996 erleben. Damals lag schon ab dem 21. Dezember eine geschlossene Schneedecke, die über den Jahreswechsel hin anhielt. Am Heiligen Abend gab es sogar neun Zentimeter Neuschnee. 2016 gab es zuletzt am Morgen an der Wetterstation Hohe Warte eine Schneedecke. Die war jedoch durchbrochen und mit weniger als 1 Zentimeter Höhe auch sehr dünn.
„Weiße Weihnachten kommen in Österreich in tiefen Lagen nicht allzu oft vor und in den letzten Jahren wurden sie noch seltener”, erklärte Klimatologe Alexander Orlik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG). „Im Zeitraum von 1951 bis 1980 gab es in den Landeshauptstädten noch doppelt so oft einen 24. Dezember mit einer geschlossenen Schneedecke wie im Zeitraum von 1983 bis heute. “
In den fast durchwegs sehr milden 2000er-Jahren sind weiße Weihnachten aber nochmals deutlich seltener geworden und die meisten Landeshauptstädte verzeichneten die jeweils längste Serie an Weihnachten ohne Schnee am 24. Dezember. So erlebt St. Pölten seit 2008 in Serie grüne Weihnachten, in Bregenz, Salzburg, Linz, Graz und Klagenfurt gibt es seit 2011 keinen Schnee an den Festtagen, in Innsbruck seit 2017.
Ich habe den Eindruck, als sollten immer öfter Weihnachtsbeleuchtung und Lichterketten statt des ausbleibenden Schnees für Weihnachtsstimmung sorgen. Da gibt es Weihnachtsmänner, die sich von Balkonen abseilen, ein ganzes Rentier-Gespann im Vorgarten, blau blinkende Eiszapfen und in allen Farben leuchtende Sterne. All das sorgt manchmal für einen optischen Overkill. Erlaubt ist, was gefällt, auch wenn es die Nachbar:innen nervt. In Österreich gibt es noch keine Rechtsprechung zu privater Weihnachtsbeleuchtung, teilt die Mietervereinigung mit.

Adventmail 2024/19 (Farben)

Ich komme aus der „grünen Mark“ (was politisch leider so gar nicht zutrifft). 60 Prozent der Fläche der Steiermark sind von Wald bedeckt. Sogar noch etwas drüber liegt der Waldflächenanteil von Kärnten, in Gesamtösterreich beträgt er ca. 47 Prozent. Zum Vergleich: In Finnland – Europas Spitzenreiter – sind es 73,7, im landschaftlich wunderschönen Island nur 0,5 Prozent. Die waldreichsten Länder der Erde gemessen an ihrer Fläche sind Gabun, Guayana und Surinam mit jeweils um die 90 Prozent der Bodenfläche.
Zurück zu meiner Heimat: Die ersten zehn Jahre meines Lebens lebte ich in der baumfreien Innenstadt von Bruck/Mur, die nächsten ca. zehn Jahre in der Hochschwabsiedlung von Kapfenberg am Waldrand. Zwischen den Monokulturfichten spielte ich mit selbst gebastelten Pfeilen und Bogen Winnetou-Geschichten nach, baute Verstecke aus Geäst und beobachtete manchmal ein Reh, das sich aus dem Wald auf die Wiese traute. Wald wurde mir vertraut und zur Wohlfühlumgebung, im späteren Leben immer wieder genossen z.B. rund um den Hilmteich bei Graz, in der Korneuburger Au, auf dem Weg zum Michelberg bei Stockerau oder heuer auf der Ostsee-Radtour im Gespensterwald kurz vor Rostock.
Auch wenn ich sie nicht umarmen möchte: Bäume sind meine Freunde, der Duft des Waldes und das Grün in vielen Schattierungen sind Reichtümer, die ich nicht missen möchte.

Radtour auf einer aufgelassenen Bahnstrecke von Hamburg nach Lübeck

Adventmail 2024/18 (Farben)

“Das Einzige, was man den handelnden Personen vorwerfen kann, ist, dass sie Trottel sind.” Das ist das Zitat eines ÖVP-Politikers über ÖVP-Politiker, näherhin das, was der ehemalige Vizekanzler Erhard Busek 2021 als 80-Jähriger, ein Jahr vor seinem Tod, über die Chats zwischen Kurz, Blümel und Schmid (Stichworte: “Kriegst eh alles, was du willst” und „Ich liebe meinen Kanzler!“) anmerkte. Der christlichsoziale Busek wechselte 1976 vom ÖVP-Generalsekretariat zur Wiener Landespartei, der er gleich mal unter dem Siegel „bunte Vögel“ ein grünes Image gab, noch bevor die Umweltschutz-Bewegung eine politische Partei wurde. Buseks liberaler Kurs machte die Stadtpartei zu einer von der Bundespartei unabhängigen Marke: Er sammelte Querdenker und Quereinsteiger – eben „bunte Vögel“ – um sich und erzielte bei den Wahlen 1978 und 1983 im roten Wien Erfolge, von denen die ÖVP heute nur träumen kann. Erst als Helmut Zilk 1984 Bürgermeister wurde, sank Buseks Stern in der Kommunalpolitik.
Ich Mur-Mürz-Furchen-Spross habe noch kein einziges Mal die Volkspartei gewählt. Und doch gab es immer auch Vertreter:innen, vor denen ich den Hut zog. Hätten die Buseks, Schaumayers, Neissers, Fischlers oder Rieglers dort heute noch das Sagen statt der schwer erträglichen NÖ-Schwarzen, der FPÖ-affinen Landeshäuptlinge und der ethikunbelasteten IV-ler und Wirtschaftsbündler, könnte ich es mir aber vorstellen. Und sollte Othmar Karas bei der nächsten Bundespräsidentschaftswahl antreten (wohl mit türkisem Gegenkandidaten), dann ist meine Stimme für ihn eine ernsthafte Option.
Parteien müssen „bunt“ sein, Vielfalt zulassen und anderen Meinungen mit Respekt begegnen, finde ich. Die Hasspostings und Fake News in Plattformen wie „X“, formerly known as Twitter, nehme ich ausdrücklich davon aus. Bei demokratischen Standards oder Menschenrechten. darf es aber keine Abstriche geben. Stephen Bannons Aufforderung „Flood the zone with shit“ macht bunt zu kackbraun.
Das Schlusswort gebührt dem bunten, überzeugten Europäer Erhard Busek: „Europa hat die moralische Pflicht, Menschen, die in Not sind, Schutz zu gewähren. Alles andere untergräbt unsere Werte.“