Ich nannte sie Tante, heute würde man sagen: Tagesmutter. Ab meinem dritten Lebensjahr brachte mich meine Mutter, bevor sie zur Arbeit in die Schuhabteilung des „GÖC“ (Grosseinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine) ging, an jedem Werktag in die Wohnung des ebenfalls am Brucker Koloman-Wallisch-Platz gelegenen Wohnung von Josefine Dietz. Es ist eine meiner ersten Kindheitserinnerungen: Ich staunte über die aufgebaute elektrische Eisenbahn des etwa 15-jährigen Enkels der damals 60-jährigen dauergewellten Frau, die sich durch Kinderbetreuung ein Zubrot zur wohl spärlichen Witwenpension verdienen wollte. Die resolute Art der Frau Dietz habe sie ziemlich eingeschüchtert, erzählte mir meine Mutter damals. Aber mich wieder mitzunehmen ging nicht – als Alleinerzieherin und Vollzeitangestellte brauchte sie eine Untertagsbleibe für mich. Später sollte sie die alte Frau schätzen lernen nach dem Motto „raue Schale, weicher Kern“. Wobei auch der Kern manchmal sehr hart blieb. Dafür, dass ich keine Schwammerl oder Rahmsuppe mochte, hatte die Tante wenig Verständnis. Denn gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Die damals übliche schwarze Pädagogik bekam stärker als ich ein später aufgenommenes, zweites Pflegekind zu spüren: Der etwa gleichaltrige Wolfi machte sich manchmal in die Hose, was die Tante einmal so in Rage brachte, dass sie dem weinenden Buben den Inhalt seiner Unterhose ins Gesicht schmierte. Aber Frau Dietz hatte, wie es so schön heißt, auch ihre guten Seiten, auch nach meinem 8. Geburtstag, als mir meine Mutter das nachmittägliche Alleinezuhausebleiben schon zutraute, besuchten wir sie manchmal. Und erst viel später, in der Studienzeit, schrieb ich folgendes Gedicht:
Als ich klein war, hatte ich Angst
Meine Pflegemutter hatte Rahmsuppe gekocht. Ich hasste Rahmsuppe. Meine Pflegemutter sagte: Iss!!! Ich aß und mich ekelte. Der Kümmel würgte mich.
Ich erbrach das Verschluckte wieder in den Teller. Meine Pflegemutter merkte nichts. Ich aß weiter, schluckte Erbrochenes und Rahmsuppe hinunter und auch Furcht und Verzweiflung.
Was mir zu denken gibt: Heute finde ich Rahmsuppe gar nicht so übel.
Donald Trump ist – viel mehr, als er Republikaner ist – ein Selbstdarsteller. Und ein Nepotist. Ihr wisst schon, das ist einer, der seinem Neffen (lat. Nepos) Posten, Aufträge, Einfluss, jedenfalls Vorteile, verschafft. Bzw. dem Mann seiner Tochter und „eigentlichen First Lady“ (Tagesanzeiger) Ivanka, über den wiederum die FAZ schon am 17. November schrieb: „Der Einfluss von Schwiegersohn Jared Kushner in Donald Trumps Team ist kaum zu überschätzen.“ Wie das „Wall Street Journal“ berichtete, soll Kushner im Weißen Haus eine Schlüsselrolle übernehmen, wobei noch entschieden werde, ob es eine offizielle oder inoffizielle unbezahlte Stelle wird, die er besetzen soll. Ivana Trump, die erste Frau des Wahlsiegers, brachte sich als amerikanische Botschafterin in ihrem Geburtsland Tschechien ins Gespräch. Ihre Qualifikationen: Sie spreche Tschechisch und sei „ziemlich bekannt in der ganzen Welt“, lautete die Eigenwerbung.
Ob derlei Vetternwirtschaft die Amerikaner verstört, wage ich zu bezweifeln. Immerhin gibt es im Land aller möglichen Begrenztheiten einen Gewöhnungseffekt hinsichtlich einflussreicher Familien wie den Kennedys (John F. machte – eine Premiere in der US-Demokratie – seinen gleichwohl fähigen Bruder Robert F. zum Justizminister), den Bushs oder den Clintons. In Österreich fällt mir aus jüngerer Zeit nur Erwin Pröll ein, dessen Nepos Josef einst die große ÖVP-Hoffnung und Kanzlerkandidat war. Verwandtenbevorzugung gibt es, seit Politik betrieben wird, und sie fällt umso leichter, je geringer die demokratische Kontrolle ist. Berüchtigt war der Kardinalnepotimus von Kirchenfürsten in Mittelalter und Neuzeit. Bis zum 17. Jahrhundert wurden etwa päpstlichen Verwandten ganze Teilgebiete des Kirchenstaates als Lehen gegeben, um eigene Fürstentümer zu errichten. Der letzte für seinen Nepotismus bekannte Papst war Pius XII., der seinen Neffen Giulio, Carlo und Marcantonio Fürstentitel und hohe Posten in Italiens Politik und Finanzwelt verschaffte. Übrigens: Nach JFK‘s Präsidentschaft wurde der Nepotismus in den USA gesetzlich verboten: Bei Ämtervergaben dürfen keine nahen Verwandten berücksichtigt werden. Das gilt (noch?) auch für The Donald. Dennoch saßen seine drei Kinder aus erster Ehe im Übergangsteam, das nach der Wahl mit Hochdruck daran arbeitete, Trumps Regierung zusammenzustellen. „Viele Beobachter fühlen sich an Clan-Strukturen von Bananenrepubliken erinnert, bei denen nicht klar ist, wo die Politik endet und das Familiengeschäft beginnt“, spottete die FAZ über die Entwicklung in einer der ältesten Demokratien der Welt.
Der unmittelbare Anstoß zur diesjährigen Adventmail-Serie erfolgte durch ein Familientreffen der „Eiblischen“. Meine 1989 verstorbenen Großeltern Johann (Jgg. 1909) und Theresia Eibl (Jgg. 1911) wurden zwischen 1932 und 1944 neunmal Eltern – von Maria, Theresia, Helene, Alfred, Franziska (meiner Mutter), Hildegard, Hans, Ingrid und Edeltraud. Diese neun Kinder waren wiederum fruchtbar und mehrten sich – wenn auch zeitgeistbedingt nicht mehr so exzessiv. 21 Enkel bilden die nächste Generation; einige von ihnen – z.B. ich – sind inzwischen selber wieder Großeltern. Interessant übrigens, dass sich die weibliche Überzahl in meiner Eltern/Tanten/Onkel-Generation wieder ausgeglichen hat: Meine CousInen und ich sind geschlechtsmäßig ausgewogen, bei unseren Kind(eskind)ern gibt es einen männlichen Überhang. Unterm Strich: halb Frauen, halb Männer. Aber das nur nebenbei. 99 Personen wurden eingeladen, als es nach dem Muster der regelmäßigen Treffen der Geschwister Maria bis Edeltraud (die allesamt noch leben!) heuer im September ein generationenübergreifendes Meeting geben sollte. Und 99 waren auf dem überdimensionalen Stammbaum verzeichnet, den die Gastgeberin, meine Cousine Iris, an einer Wand angebracht hatte. Zwei Drittel davon, 65, folgten der Einladung, viele davon lernten sich überhaupt erst kennen bzw. sahen sich nach vielen Jahren wieder. Was auch an der großen geografischen Breite der Eiblischen liegt. Sie sind verstreut im gesamten deutschsprachigen Raum – von Hamburg und Bonn im Norden über Aarau und Baden bei Zürich im Westen bis Graz im Süden und Floridsdorf im Osten. Ach ja, ein Großcousin von mir lebt mit Family seit kurzem in London, weshalb er seine ursprüngliche Zusage zum Familientreffen wieder zurücknehmen musste. Diese Einbindung in eine so große Sippschaft (auch mein Vater, von dem ich getrennt aufwuchs, hat drei Geschwister und einige Nichten/Neffen, drei Kinder sowie sieben Enkel) spüre ich im Alltag wenig, mit meinen nicht gerade ums Eck wohnenden Eltern und Geschwistern telefoniere ich selten – obwohl ich sie alle sehr lieb hab. Aber zugleich fühle ich mich irgendwie familiär gut aufgehoben, wissend um Hilfsbereitschaft im Krisenfall, wohlig eingebunden in einen Strom des Lebens und seiner Weitergabe, der das Dasein (neben vielem anderen) bereichert.
Liebe Adventmail-BezieherInnen, liebe FreundInnen, “Wenn alle Bande sich auflösen, wird man zu den häuslichen zurückgewiesen.” Das schrieb der große Johann Wolfgang von über die Familie. Oscar Wilde sah es weniger prosaisch und seufzte: “Ach, was für ein Kreuz ist doch diese öde Familiensimpelei!” Und nicht unzitiert darf im Lutherjahr der Reformator aus Wittenberg bleiben: “Die Familie ist die Quelle des Segens und Unsegens der Völker.” Familie also lautet das diesjährige Thema meiner Adventmails (2015: “Flucht”, 2014: “Sterne”, 2013: Jukebox aus lauter Lieblingsliedern usw. bis zum Start im Jahr 2003). Religiös Relevantes wie die “heilige Familie” oder das auf dem Olymp der Griechengötter noch wenig beachtete Inzesttabu soll dabei ebenso in 24 tägliche Kästchen gepackt werden wie Querbezüge zur Musik/Kunst/Literatur oder Nepotismus im Weißen Haus. Diesmal aber vor allem – persönlich Erlebtes und Erliebtes. Etliches muss jedenfalls noch ausformuliert werden, aber das wird schon. Den Anstoß zur diesjährigen Serie gab ein großes Fest am 25. September. Davon mehr im ersten Adventmail am kommenden Donnerstag (hoffentlich jenseits von “öder Familiensimpelei”). Bis dann! Robert
Verabschiedung mit Einladung zu Abschieds-Event von Robert Mitscha-Eibl an alle Mitarbeitenden von Redaktion und Medienbüro am 16. Jänner 2025
Wien, 1.12.2025 (KAP) Eine Ära der katholischen Publizistik geht zu Ende: Robert Mitscha-Eibl, langjähriger Redakteur der Nachrichtenagentur Kathpress, wechselt mit Jahresende in den Ruhestand. Er wolle diese biografische Wende mit einem rauschenden Abschieds-Event am 16. Jänner ab 16.30 Uhr an seiner dann schon ehemaligen Wirkungsstätte begehen, zu dem alle Mitarbeitenden von Redaktion und Medienbüro eingeladen seien, kündigte der Jubilar im Selbstinterview an. Für das leibliche Wohl wolle er mit einem dreigängigen Menü sorgen, es werde Musik und ein seinem Kulturressort angemessenes Unterhaltungsprogramm geben.
Bei der Rede zum Abschluss der KMA-Ausbildung (1994)
Im Rückblick auf seine fast 32-jährige Tätigkeit gab Mitscha-Eibl zu, die Bezeichnung „Sesselkleber“ sei angesichts dieser Dauer nicht ganz von der Hand zu weisen. Allerdings habe sich der Redakteur, wie er versichert, täglich mehrmals vom Sessel erhoben, in die redaktionseigene Küche begeben, um sich mit Kaffee oder einem Mittagsmahl zu versorgen. Zuletzt hätten sich auch Willhaben-Geschäfte gehäuft, für die er als Innenstadtarbeiter von seiner Gattin immer wieder gerne in Anspruch genommen worden sei. „Gottseidank hat mittlerweile die KI meine redaktionelle Tätigkeit – unbemerkt vom jeweiligen Chef vom Dienst – weitgehend übernommen, sodass ich mich ungestört meinen Urlaubsplanungen hingeben konnte“, gab Mitscha-Eibl Einblick in seinen Arbeitsalltag. Dies wolle er bei etwaigen Aufträgen des Chefredakteurs für „Zuarbeit“ an Wochenenden oder bei Abendveranstaltungen weiter so halten, versicherte Mitscha-Eibl. Kathpress-CR Paul Wuthe betrachtet den Abschied seines steirischen Landsmannes „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, wie er beteuerte: „Lachend, weil das Kathpress-Budget durch den Abgang eines Silberrückens doch merklich entlastet wird. Weinend, weil ich die Dienst- und Urlaubslisten nun selbst erstellen und mich auch um sprachpolizeilichen Ersatz umsehen muss.“ Stv. CR Georg Pulling war für eine Stellungnahme nicht erreichbar, er war bei einer Pro-Oriente-„Vorstandssitzung“. Nachsatz: Oder beim ICO. Oder beim ÖRKÖ. Auf die Frage, ob er zu seinem Abschiedsfest nicht auch langjährige Wegbegleiter wie Franz M., Maria J. oder den nicht ganz an seine eigene Dienstdauer heranreichenden Christoph S. einladen möchte, antwortete Mitscha-Eibl: „Lieber nicht. Es werden da Dinge zur Sprache kommen, die für außer-redaktionelle Ohren verstörend wirken könnten.“ Apropos Ohren. Der rüstige Rentner bittet seine Festgäste, laut zu sprechen, denn im Laufe seines Berufslebens habe sich eine Akzentverschiebung ergeben: Aus anfänglichen Gehorch-problemen seien Gehörprobleme geworden. Dass er auf dem linken Augen blind geworden sei, dementierte der Publizist. Dass Mitscha-Eibl über eine kabarettistisch-humorige Ader zu verfügen meint, soll sich laut Beobachtern im Programm des Abends niederschlagen. Dementiert wurde seitens des Festkomitées, dass Mitscha-Eibl mittels eines dreistündigen Diavortrags Bilanz über seine Kathpress-Zeit ziehen will: „Zwei Stunden müssen genügen.“ Unrichtig sei weiters, dass anstelle von Abschiedsgeschenken um Spenden auf ein Caritas-Konto gebeten wird. Die sicherlich reichhaltigen Mitbringsel seien auf einigen in den Redaktionsräumlichkeiten verteilten Geschenktischen rechtzeitig vor dem Verlassen des Festes zu deponieren. Lassen wir zuletzt den dreifachen Vater, zweifachen Ehemann und einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn nochmals persönlich mit einem Appell an seine Adressat:innen zu Wort kommen: „Du bist herzlich eingeladen. Bring Hunger und gute Laune mit!“ (Service: Abschiedsfest RME, 16. Jänner 2025, 16.30 Uhr, Konferenzraum Kathpress, Anmeldung: robert.mitscha-eibl@kathpress.at)
Der alte Mann kam aus dem Zwischenstromland – also dem Irak – in das damals reichste Land der Welt. In seiner Heimat war es unwirtlich geworden, es herrschte eine große Hungersnot im Land. Also packte der Alte alles, was nicht niet- und nagelfest war, und seine Großfamilie nahm er auch gleich mit. Ein typischer Wirtschaftsflüchtling eben, dieser Abraham aus dem Alten Testament, der erst in Ägypten zum Fremdling und dann in Kanaan zum Ausgangspunkt eines großen Volkes wurde, heute von Juden, Christen und Muslimen unter dem Titel Stammvater gleichermaßen verehrt. In der Jetztzeit und hierzulande hätte er null Chancen auf einen Aufenthaltstitel. Auch ohne Theologe zu sein, weiß der grundsympathische Tote-Hosen-Bandleader Campino, dass „die Bibel das Flüchtlingsbuch Nummer 1“ ist. Dort wuseln Heimatvertriebene nur so rum. Auch Isaak hielt es wie sein Papa, ihn trieb eine Hungersnot nach Gerar, zu Abimelech, dem König der Philister. Nächste Generation, nächste Flucht: Diesmal Jakob, der seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht abgeluchst hatte und vor dessen Zorn zu seinem Onkel Laban nach Haran enteilte. Mose musste nach der Ermordung eines Ägypters, der garstig zu einem Landsmann war, als politischer Flüchtling in Land Midian. Da würd ich gerne wissen, was die heimischen Asylbehörden sagen würden, wenn ein Antragsteller als Fluchtgrund angäbe: Naja, ich hab da wen erschlagen… Jesus selbst war ein Flüchtling, und das laut Matthäus bereits als Baby, von Josef in Ägypten in Sicherheit gebracht. Was er als Erwachsener zu dem Thema sagte, ist unmissverständlich und sogar ein Kriterium für die Erlangung des ewigen Lebens: „Denn […] ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen. […] Was immer ihr für einen meiner Brüder getan habt – und wäre er noch so gering geachtet gewesen – das habt ihr für mich getan.“ Knapp 2000 Jahre später sprach Campino, „wer sich wirklich auf christliche Werte beruft, der kann doch nicht darüber diskutieren, ob die Bitte um Asyl in Ordnung ist oder nicht“. In dem „Cicero“-Interview lobt der Sänger übrigens auch ganz ausdrücklich – was nicht oft vorzukommen scheint – Angela Merkel. „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land”, hatte die deutsche Kanzlerin ungewohnt emotional angemerkelt. „Dafür könnt ich sie fast umarmen“, so Campino. Mit dieser subtilen Bezugnahme auf den Weihnachtsengel (Angela!) beende ich meine diesjährige Adventserie, empfehle für heute überraschende Umarmungen von sonst fernstehenden Menschen und empfehle … mich. Ein gesegnetes Weihnachtsfest Euch allen! Robert
Dass ich auf Kurzurlaub in Bad Leonfelden war, wisst Ihr schon. Nicht aber, dass ich vom Wellnesshotel einen Wanderweg entlang zur ein paar Kilometer entfernten tschechischen Grenze gejoggt bin. Direkt beim Grenzübergang gibt’s die „Schwedenschanze“, eine alte Befestigungsanlage, an der ein Gedenkstein und eine hölzerne Kanonennachbildung an die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges erinnern. Leicht verschwitzt las ich aber auch andere Erinnerungen auf den Info-Tafeln: Dort, gleich hinter dem bis 1989 zugezogenen Eisernen Vorhang, lag das südlichste Dorf Tschechiens. Doch von Radvanov (Reifmaß) ist nichts mehr übrig. Wie hunderte andere Ortschaften wurde es von der CSSR-Staatsführung nach dem Zweiten Weltkrieg geschliffen, ein menschenleerer Grenzstreifen eingerichtet, die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung legitimiert durch die „Benes-Dekrete“ abgesiedelt. Damals gab es eine Fluchtbewegung in Mitteleuropa, die die heutige in den Schatten stellt. Insgesamt wurden in der Tschechoslowakei bis 1947 etwa 2,9 Millionen Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung (die davor zu großen Teilen Hitlerdeutschland unterstützte) pauschal zu Staatsfeinden erklärt und ausgebürgert. Darunter auch der heutige Wiener Erzbischof Christoph Schönborn und seine Familie. Dessen sudetendeutsche Großmutter starb trotz rassischer NS-Einstufung als “Halbjüdin” in einem tschechischen KZ, die Flucht der Schönborns endete in Schruns. Die Benes-Dekrete bezeichnete Schönborn viel, viel später als „menschenrechtlich unhaltbar“, auch wenn sie zum Teil durch die historische Situation bedingt gewesen seien. „Die andere Seite aber“, so der Kardinal, der seine Erfahrungen als Flüchtlingskind regelmäßig in die aktuelle Debatte einfließen lässt: „Ich glaube, es ist notwendig, einen Schlussstrich zu ziehen. Können wir denn wollen, dass die jetzigen Bewohner der Häuser der Vertriebenen wieder vertrieben werden?”
Es war einmal ein großes Schiff, ein richtig großes. Es war das größte Kreuzfahrtschiff seines Landes, zog Tausende Urlaubswillige an, die sich im weltweit größten Wellness Center an Bord eines Schiffes vergnügen konnten. Oder nein, vielleicht sollte ich mit diesem alten Witz beginnen: Was sind die drei dünnsten Bücher der Welt? Antwort: Das Buch des deutschen Humors, das äthiopische Kochbuch und die italienischen Heldensagen. Der Kapitän der Costa Concordia, die am Abend des 13. Jänner 2012 vor der Insel Giglio mit einem Felsen kollidierte, als viele der 3200 Passagiere beim Abendessen saßen, steht für zwei Aspekte meines Adventthemas: Flucht aus der Verantwortung und Evakuierung, also möglichst geordnete Flucht angesichts einer drohenden Gefahr. Die Gefahr begann damit, dass Francesco Schettino sein Schiff riskant nahe an die Insel steuern ließ, obwohl keine Detailkarte der Küste zur Verfügung stand. Es folgten Kollision mit einem Felsen, ein etwa 70 Meter langer Riss an der linken Bordwand, Überflutung der Generatorräume, totaler Stromausfall und Manövrierunfähigkeit. Das Schiff bekam immer mehr Schlagseite, Panik brach aus, nach 30 Minuten rief das Horn zur Evakuierung, die bis circa 4:45Uhr andauerte, mindestens 200 Reisende sprangen über Bord und schwammen an Land. 32 Passagiere starben, darunter keineR der 77 ÖsterreicherInnen. Kapitän Schettino war zu diesem Zeitpunkt längst in Sicherheit. Sein vorzeitiges Verlassen des Schiffs erklärt er später mit einem Ausrutscher, durch den er in ein Rettungsboot gefallen sei. Im Februar 2015 wurde Schettino nach einem zweijährigen Prozess in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Fünf Jahre fasste er für das fahrlässige Herbeiführen der Havarie aus, zehn Jahre für fahrlässige Tötung zusammen mit fahrlässiger Körperverletzung, ein Jahr für die Zurücklassung Hilfsbedürftiger und vorzeitiges Verlassen des Schiffs, dazu ein Monat wegen der unzureichenden Kommunikation mit den Behörden. Schettinos Anwälte legten Berufung ein. Bis das Verfahren durch die weiteren Instanzen gegangen ist, könnten Jahre vergehen. Schettino bleibt derweil auf freiem Fuß. Nachsatz: Die Costa Concordia diente Jean-Luc Godard 2010 als Kulisse für seinen gesellschaftskritischen “Film Socialisme”, das Schiff war darin als Metapher für Dekadenz und Bourgeoisie.
„Ich bin ja nicht auf der Flucht!“ versus „Erholen kann ich mich auch daheim“ – das sind oft gebrauchte Stehsätze (oder Running Gags?) zwischen meiner Liebsten und mir, wenn es um Planung und Durchführung eines gemeinsamen Urlaubs geht. Es ist nämlich so: SIE will abschalten, den Stress hinter sich lassen, Genuss durch Muße erleben, ja sich sogar mal den Luxus von Langeweile gönnen. ICH dagegen will was erleben, was von der Welt sehen, wo hinfahren, wo ich Körper und Geist bewegen kann und auf dem Weg dorthin auch noch Sehenswertes „mitnehmen“. So wie im letzten Sommer, wo wir einen Aktivurlaub mit Wandern, Radeln und Paddeln in den polnischen Masuren buchten und auf der Anreise Stopps im Elbsandsteingebirge, In Dresden und Breslau einlegten, und auf der Rückfahrt Krakau und den Nationalpark „Slowakisches Paradies“ besuchten. Gut, für diese Stationen hatten wir nicht wirklich viel Zeit, denn zweieinhalb Wochen Ferien sind schnell vorbei, aber „flüchtig“ würde ICH das jetzt nicht nennen. SIE schon. Gefallen hat’s ihr eh, aber erholt war sie danach nicht. Jetzt würde ich Urlaub brauchen, seufzt sie dann.
So geht’s auch: SIE entspannt, ICH sorge für Bewegung (in den Masuren)
Wenn wir mal – wie Ende Oktober – in Bad Leonfelden einem Mühlviertler Wellnesshotel ein verlängertes Wochenende verbringen, mache ich natürlich Vorschläge, was wir dort unternehmen könnten. Denn Krumau muss man gesehen haben, oder? Auch ein Ausflug nach Freistadt lohnt sich. Und Wandern in der schönen Gegend sowieso. Ich mache also Vorschläge, basierend auf gründlicher Recherche schon vor Reiseantritt. Und ehrlich, ich wäre mitnichten frustriert oder gar böse, wenn es dann hieße: „Mach du nur. Ich bleib in der Wellnesszone und lese. Denn: Ich bin ja nicht auf der Flucht…“ Doch zu meiner Überraschung kommt SIE mit. Beschwert sich dann. Und kündigt an: SO nie wieder. Für nächsten Sommer hab ich übrigens schon eine Idee… – was heißt EINE…!
Heute schreibt meine Kinofreundin Michaela über eine syrische Gastfamilie in ihrer Hausgemeinschaft – und das ausgiebig. Aber es lohnt sich (und außerdem ist heute – hoffentlich mußegetränkter –Samstag). Danke, Michaela! Seit einigen Wochen hängt ein besonderes Bild an unserer Haustür. Unser Haus das ist das Wohnprojekt Wien im 2. Bezirk und “wir”, das sind die Bewohnerinnen, die dieses Haus gemeinsam geplant und gekauft haben und jetzt als Gemeinschaftsprojekt selbst verwalten. Das Bild haben unsere neuesten Mitbewohnerinnen gemalt. Ahmad, Alaa und ihr dreijähriger Sohn, Moudeh, sind im September von Syrien geflüchtet und wohnen nun seit über zwei Monaten bei uns. Das Bild zeigt die Schrecken des Krieges, der sie in die Flucht getrieben hat, nachdem sie zuvor aus Sicherheitsgründen mehrmals im eigenen Land umgezogen waren.
Gäste aus Syrien im Wohnprojekt Wien im 2. Bezirk
Sie haben damals sehr lang überlegt, haben sie erzählt, ob nur Ahmad, der sowohl vom Heer Assads als auch von der IS schon sehr nachdrücklich als Mitkämpfer “angefragt” worden war, oder auch Alaa, damals bereits hochschwanger (ihr zweites Kind kommt dieser Tage zur Welt) und der kleine Moudeh den beschwerlichen Fluchtweg auf sich nehmen sollen. Schließlich haben sie – fast in letzter Minute – beschlossen, gemeinsam zu fliehen. Über die Türkei und Griechenland sind sie nach Österreich gekommen. Hier waren sie zunächst mit Hunderten anderen in der Stadthalle notuntergebracht, was vor allem für Moudeh und Alaa sehr belastend war. Eine Helferin hat ihre Verzweiflung damals erkannt, sie kurzerhand mitgenommen und vorübergehend im Büro ihres Mannes untergebracht. Über einen Arbeitskollegen, dessen Schwägerin bei uns im Haus wohnt, hat sie dann erfahren, dass es hier eine Wohnmöglichkeit geben könnte. Denn ziemlich genau zum gleichen Zeitpunkt hat unsere Hausgemeinschaft beschlossen, unser größtes Gästeappartement im Dachgeschoss an eine Flüchtlingsfamilie zu vergeben. Das “Matching” war also perfekt, und Alaa, Moudeh und Ahmad sind nun bei uns. Kurz zuvor hatte eine Familie im Haus bereits eine syrische Frau nach der Flucht bei sich in der Wohnung aufgenommen. Wenn es nach „Quoten“ ginge, die derzeit oft und oft so unselig diskutiert werden, hätten wir damit eine Quote von rund 5 % in unserem Haus. Das ist im Vergleich zu all dem Diskutierten zahlenmäßig sehr viel, in der Realität des Alltags nichtsdestotrotz aber kaum spürbar und leicht mitzutragen. Rasch hat sich im Haus ein Unterstützerinnen-Kreis aus einigen Bewohnerinnen gebildet, Recherchen und Begleitung bei notwendigen Amtswegen wurden aufgeteilt, und gemeinsam mit der Familie, bei der die drei zunächst untergekommen waren, Unterstützung bei Arztbesuchen, Kindergartensuche, beim Deutschlernen und in vielen anderen Aspekten rund um das neue Leben hier in Österreich angeboten. Die Balance zwischen Hilfe und Selbstständigkeit ist dabei immer wieder herausfordernd. Nicht alles lief und läuft reibungslos, viel haben wir schon von- und miteinander gelernt. Wir wissen nun, dass unser heimischer Kürbis vielen Syrerinnen überhaupt nicht schmeckt, Second-Hand-Kleidung im arabischen Raum unüblich ist und das Darauf-Angewiesen-Sein als beschämend erlebt wird, auch wenn klar ist, dass sich daran derzeit nur wenig ändern lässt, und dass wir haben erfahren, dass das hiesige Kindergarten-Eingewöhnungs-Prozedere befremdlich und ablehnend wirken kann. Wir kennen immer mehr syrische Gerichte, treffen uns zuweilen zum “Frauen-Tee” und lernen deutsche und arabische Worte. Schokolade schmeckt uns allen gleichermaßen. Auch übers hiesige Asylverfahren haben wir schon einiges gemeinsam gelernt. Alaa, Moudeh und Ahmad haben mittlerweile eine “weiße Karte”, d.h. dass Österreich sich als für ihr Asylverfahren zuständig erklärt und ihren Asyl-Antrag entgegengenommen hat. Mittlerweile wird auch die Grundversorgung, wie für Asylwerberinnen vorhergesehen, ausbezahlt (200 Euro monatliches Verpflegungsgeld pro Erwachsenen, 90 Euro pro Kind plus Wohngeld). Bis vor kurzem waren die drei bis auf die finanzielle Unterstützung aus unserem hausinternen Solifonds ohne Geld. Was sie hatten, haben sie für die Flucht gebraucht. Auch jetzt zahlen wir als Hausgemeinschaft ein wenig “dazu”. Die dafür notwendigen wenigen Euros pro Monat sind selbst für unsere jungen studierenden Mitbewohnerinnen kein Thema und leistbar. In vielerlei Angelegenheiten heißt es für unseren neuen syrischen Mitbewohnerinnen nun warten. Zunächst auf die Geburt ihres zweiten Kindes, die absehbar und für die alles gut vorbereitet ist. Weit uneinschätzbarer als die Dauer einer Schwangerschaft ist die Länge des Asylverfahrens. Vor allem das Nicht-arbeiten-Dürfen belastet. Ahmad war es gewohnt, hart zu arbeiten und damit gut für seine Familie zu sorgen. Er besucht jetzt engagiert einen Deutschkurs und hat sich im Rahmen von “More”, dem Flüchtlingsprogramm der Universitäten, als Student an der TU eingeschrieben und hofft, bald wieder im Bau(ingeneur)wesen arbeiten zu können. Alaa lernt im Selbststudium und hier mit uns im Haus so gut es geht Deutsch. Für Frauen mit Babys und Kleinkindern fehlt es an Sprachkursen mit Kinderbetreuung. Die Situation in der Heimat ist bedrückend, die Sorge um Familienangehörige groß. Trotzdem wird oben am Dach, wenn wir in der Küche beisammen sitzen, auch viel gelacht. Viel musste in der Heimat zurückgelassen werden, ihren wunderbaren Humor haben Ahmad und Alaa mitgenommen. “Mir wurde ja schon bei der Hochzeit eine Reise nach Europa versprochen”, hat Alaa neulich erzählt. “Eigentlich hab ich mir da ja Paris als Ziel und eine Flugreise vorgestellt. Jetzt sind wir hier in Wien. Das ist auch gut.” Damit es wirklich “gut” werden und sein kann, für Ahmad, Alaa und Moudeh, vor allem aber, damit auch für die vielen anderen Menschen auf der Flucht, die noch immer in Notunterkünften oder in der Kälte an Grenzen warten, irgendwo ein „new home“ (wie auf dem gemalten Bild) gefunden wird, muss sich noch vieles tun. Dass „Menschen nach der Flucht aufnehmen“ nicht immer einfach und trotzdem eigentlich ganz leicht und sehr bereichernd ist, zeigt das Zusammenleben in unserem Haus. Um so größer die Schande, dass derzeit auch in Österreich Zäune aufgebaut werden, um Menschen wie Alaa, Moudeh und Ahmad draußen zu halten.