Adventmails 2016/03 (Familie)

Ich nannte sie Tante, heute würde man sagen: Tagesmutter. Ab meinem dritten Lebensjahr brachte mich meine Mutter, bevor sie zur Arbeit in die Schuhabteilung des „GÖC“ (Grosseinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine) ging, an jedem Werktag in die Wohnung des ebenfalls am Brucker Koloman-Wallisch-Platz gelegenen Wohnung von Josefine Dietz.
Es ist eine meiner ersten Kindheitserinnerungen: Ich staunte über die aufgebaute elektrische Eisenbahn des etwa 15-jährigen Enkels der damals 60-jährigen dauergewellten Frau, die sich durch Kinderbetreuung ein Zubrot zur wohl spärlichen Witwenpension verdienen wollte. Die resolute Art der Frau Dietz habe sie ziemlich eingeschüchtert, erzählte mir meine Mutter damals. Aber mich wieder mitzunehmen ging nicht – als Alleinerzieherin und Vollzeitangestellte brauchte sie eine Untertagsbleibe für mich. Später sollte sie die alte Frau schätzen lernen nach dem Motto „raue Schale, weicher Kern“.
Wobei auch der Kern manchmal sehr hart blieb. Dafür, dass ich keine Schwammerl oder Rahmsuppe mochte, hatte die Tante wenig Verständnis. Denn gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Die damals übliche schwarze Pädagogik bekam stärker als ich ein später aufgenommenes, zweites Pflegekind zu spüren: Der etwa gleichaltrige Wolfi machte sich manchmal in die Hose, was die Tante einmal so in Rage brachte, dass sie dem weinenden Buben den Inhalt seiner Unterhose ins Gesicht schmierte.
Aber Frau Dietz hatte, wie es so schön heißt, auch ihre guten Seiten, auch nach meinem 8. Geburtstag, als mir meine Mutter das nachmittägliche Alleinezuhausebleiben schon zutraute, besuchten wir sie manchmal. Und erst viel später, in der Studienzeit, schrieb ich folgendes Gedicht:

Als ich klein war,
hatte ich Angst

Meine Pflegemutter hatte Rahmsuppe gekocht.
Ich hasste Rahmsuppe.
Meine Pflegemutter sagte: Iss!!!
Ich aß und mich ekelte.
Der Kümmel würgte mich.

Ich erbrach das Verschluckte wieder in den Teller.
Meine Pflegemutter merkte nichts.
Ich aß weiter,
schluckte Erbrochenes und Rahmsuppe hinunter
und auch Furcht und Verzweiflung.

Was mir zu denken gibt:
Heute finde ich Rahmsuppe gar nicht so übel.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert