Adventmail 2019/02 (Thema Gedichte)

Ich lebe mein Leben (Rainer Maria Rilke)

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rilke, der inhaltlich und formal wohl begnadetste Lyriker deutscher Sprache, schreibt hier in wunderbaren Versen über das zwangsläufig unvollendete Leben und dessen – schwer erreichbare? – Mitte: Gott. Einen „uralten Turm“ nennt er Ihn, und mir fallen dabei die Steintürme Swanetiens im georgischen Kaukasus ein, wo ich heuer im Sommer urlaubte. Diese archaischen Bauten zerfallen heute teilweise, somit ist Gott vielleicht eher Falke? Gesang? Oder Sturm?
Dazu fällt mir ein, wie in der Bibel (1 Kön 19,11ff) eine Gottesbegegnung des Propheten Elija geschildert wird: „Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln…“ Und genau in diesem Säuseln erkannte Elija Gott, und er verhüllte ehrfürchtig sein Gesicht.
Ich fand in einem in Studienzeiten entstandenen Gedichtchen noch ein anderes Bild für den Höchsten. Es geht so:

Gott
du vöglein
nistest in den augenblicken
in denen mir
zum zwitschern ist

Adventmail 2019/01 (Thema Gedichte)

Der fliegende Robert (Hans Magnus Enzensberger)

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! -,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

Dieses Gedicht des seit kurzem 90-jährigen H. M. Enzensberger greift “Die Geschichte vom fliegenden Robert” aus dem “Struwwelpeter” auf. Und es verkehrt deren Zeigefingerpädagogik (“Wenn der Regen niederbraust,/ Wenn der Sturm das Feld durchsaust,/ Bleiben Mädchen oder Buben / Hübsch daheim in ihren Stuben…”) in ihr Gegenteil. In Enzensbergers Version mit ihrem Freiheitsdrang und auch ihrer Flucht vor der harten Realität habe ich mich schon als junger Mann gut wiedergefunden.
Die Struwwelpeter-Version hat meine erste Frau Claudia mal als Geschenk für mich in eine schöne Zeichnung gepackt. Ich halte dieses 30 Jahre alte A4-Blatt mit einem noch lockigen Robert, der zwischen Regenwolken der Sonne entgegenschwebt, während weniger Wagemutige in engen Häusern kauern, bis heute in Ehren – es hängt in meinem Zimmer.

“Der fiiegende Robert” – ein Text, mit dem ich mich als Reisefreudiger gerne identifiziere

Adventmails 2019 (Ankündigung)

Liebe AdventmailbezieherInnen!

Es gab eine Zeit, da las ich Gedichte.
Ja, mehr noch: Es gab eine Zeit, da schrieb ich Gedichte.
Darauf möchte ich in journalistische Zwecksprache Abgeglittener heuer in meinen Adventmails zurückkommen und euch AdressatInnen ermutigen, euch mit Poesie, mit Lyrik zu beschäftigen – zumindest die paar Minuten am Tag, die das Lesen der 24 Mails erfordert.
Vor 40 Jahren begann ich Germanistik zu studieren, schon davor und erst recht währenddessen versuchte ich mich als Dichter und hatte in Graz auch einige öffentliche Auftritte in dieser Funktion. Der Ertrag dieser Zeit liegt mittlerweile gut verwahrt in Ordnern, die schon vor meiner Übersiedlung zu Claudia vor einem Jahr lange Zeit unbeachtet herumstanden.
In Bananenschachteln verpackt hatte ich auch Lyrikbände von SprachkünstlerInnen wie Bachmann, Fried, Enzensberger, Domin, Gernhardt, Hesse, Marti oder Kunze, deren Verse mir viel bedeute(te)n. Einige möchte ich heuer im Advent vorstellen und kühn mit eigenen sowie mit erläuternden Anmerkungen ergänzen.
Ich weiß schon: Gedichtbände sind heutzutage Ladenhüter und auch Ihr MailbezieherInnen lest mehrheitlich sicher lieber Krimis als Lyrik. Dennoch möchte ich Euch Lyrik ans Herz legen, denn
1. bin ich seit September 60 und blicke aus diesem Anlass gerne zurück auf das, was mich bereichert hat
2. trauere ich angesichts all der journalistischen Handwerksarbeit in meinem Alltag über den Verlust an sprachlich verdichteten, Augen und Herz öffnenden VorLieben
3. finde ich, die von 1. bis 24. Dezember verbreiteten Zeilen sind es wert, (wieder)entdeckt zu werden.

Wenn mir jemand von euch eigene lyrische Genüsse/Ergüsse übermitteln möchte, freue ich mich.
Einen Advent voll von Poesiemomenten in jeder Hinsicht wünscht euch
Robert

17.1.25 „Planet der Tiere“, Immersium Wien ***

Was ist eine „immersive“ Ausstellung? Nun, eine, die statt auf Exponate in Schaukästen mit kleingedruckten Erläuterungstexten auf Äktschn für die Besuchenden setzt. Bewegte Bilder statt Schrift, Unterhaltung statt Wissen, Mitmach-Turnübungen statt gedämpfter Schritte durch heilige Hallen – all das ein Trend, dem sich schon die Marxhalle mit Ausstellungen zu Monet, Van Gogh und zuletzt Pompeji erfolgreich verschrieben hat.
Ich war am ersten Tag der in Kooperation mit der ORF-Universum-Reihe erarbeiteten Schau vor Ort, als manche technischen Spielereien noch nicht so recht funktionierten. Dennoch gab’s Späße wie Gleichgewichthalten mit Pinguinen auf einer „Eisscholle“, eine Tiefseefahrt mit einer 3D-Brille oder eine wilde Fahrt auf dem Jeep durch eine tierreiche Landschaft, bei dem ich auf einer sich bewegenden Plattform stand… Eh nett, aber eher etwas, zu dem ich meine 12-, 10- und 8-jährigen Enkel hätte mitnehmen sollen.

Immer schön in der Mitte der Eisscholle bleiben!

Adventmail 2017/24 (Thema Geheimnisse)

„Das Wort Geheimnis ist sicher eines der fundamentalsten Schlüsselworte des Christentums und seiner Theologie“, heißt es einleitend im entsprechenden Artikel in Herders Theologischem Wörterbuch, das seit den 1970er-Jahren in meiner Redaktion geduldig auf Wissbegierige wartet. Zu „Geheimnis“ wollte offenbar noch niemand etwas recherchieren, denn – welche Ironie – just hier war die Seite mit der vorherigen (Eintrag „Geburtenkontrolle“) nein, nicht verklebt, sondern fix verbunden. Ich musste eine Schere einsetzen, um zum vom großen Karl Rahner umschriebenen „Geheimnis“ vorzudringen.
Doch inhaltlich gelang mir das nicht, Rahners Mystagogie erweist sich für mich Theologie-Entwöhnten als nebeliger Schwurbelsprech. Also „Lexikon für Theologie und Kirche“, 1995. Dort heißt es erläuternd zu Rahner, letztlich gebe es nur EIN Geheimnis, nämlich dass sich der unbegreifliche Gott uns „zur Unmittelbarkeit schenkt, so dass er selber die innerste Wirklichkeit unseres Daseins wird“. Alles klar soweit?
Ich glaube an Gott und hoffe auf ein von Liebe durchtränktes Weiterleben nach dem Tod, wie immer das aussehen wird. Und dieser mein Glaube gibt mir immer wieder Anstöße, im Hier und Jetzt meine besten Möglichkeiten auszuloten und zu ergreifen, um mein Dasein und jenes anderer ein wenig mehr zu „beglücken“. Und misslingt dies auch öfter mal, rechne ich auf die Barmherzigkeit eines Gottes, der mich – wie es heißt – mehr liebt als meine mir Nächsten.
Dieser Kern meiner Weltanschauung lässt mich auch über mir reichlich fremde „Geheimnisse“ des christlichen Glaubens hinwegsehen – wie Verwandlung von Wein in das Blut Christi, Reliquienverehrung, Jungfrauengeburt. Auf all das Vorgestanzte, Formelhafte, Altehrwürdige am Katholizismus, das vielen als Stütze dienen mag, könnte ich verzichten. Weil es mich tendenziell langweilt.
Unverzichtbar ist mir jedoch das Lebendige, das sich für Aufmerksame alltäglich zeigt. Louis Armstrong besingt das so berührend: „I see trees of green, red roses too / I see them bloom for me and you / And I think to myself: what a wonderful world / I see skies of blue and clouds of white / The bright blessed day, the dark sacred night … I hear babies crying, I watch them grow / They’ll learn much more than I’ll never know…“
What a wonderful world, für „religiös Musikalische“ voll von den Spuren Gottes. DAS ist mir Geheimnis genug.
Albert Einstein sagte: “Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.”
Seid gesegnet, Ihr Lieben, zu Weihnachten und auch sonst, vom liebenden, herausfordernden, geheimnisvollen Gott.

Adventmail 2017/23 (Thema Geheimnisse)

Er war Alkoholiker in einer psychiatrischen Klinik. Er drehte Kunden als Mitarbeiter in einem Callcenter Systemlotto-Scheine an. Er machte als Somalier Kwami Ogonno und Teil eines Filmteams bei Aufnahmen Erfahrungen mit latentem oder offenem Rassismus in Deutschland. Er suchte als Sandler Obdachlosenunterkünfte auf und erlebte dort zahlreiche Missstände aus nächster Nähe.
Günter Wallraff (*1942) ist eine journalistische Legende. „Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.“ Das schrieb er im Vorwort zu seinem Bestseller „Ganz unten“ (1985), dem mit fünf Millionen verkauften Exemplaren und 38 Übersetzungen bis heute erfolgreichsten deutschen Sachbuch seit 1945. Zwei Jahre hatte Wallraff dafür undercover gearbeitet, als türkischer Gastarbeiter Ali Levent Sinirlioglu bei Unternehmen wie McDonald’s und Thyssen… Unerkannt, obwohl er damals schon berühmt war, „berüchtigt“ würden manche sagen. Denn in den 1970er Jahren hatte Wallraff als Redakteur der Bild-Zeitung seinen ersten großen Coup gelandet. Seine dreieinhalbmonatige Zeit als „Der Aufmacher. Der Mann, der bei ‚Bild‘ Hans Esser war“ verarbeitete er in einem gleichnamigen Buch. Darin wies er dem Boulevardblatt schwere journalistische Versäumnisse und unsaubere Recherchemethoden nach.
Inspiriert mag Wallraff dabei von Heinrich Böll gewesen sein, der 1974 mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ebenfalls eine kritische Auseinandersetzung mit dem Axel-Springer-Verlag veröffentlichte. Dem Literaturnobelpreisträger von 1972 hatte der junge Wallraff schon zu Gymnasialzeiten Gedichte geschickt, später heiratete er Bölls Nichte. Vielleicht auch ein Zeichen seiner Beharrlichkeit.
Die muss einer haben – bis zur Starrköpfigkeit und Bereitschaft, für seine Überzeugungen den Kopf hinzuhalten –, wenn er solche Dinge tut: Im Mai 1974 kettete sich Wallraff in Athen an einen Lichtmast und verteilte Flugblätter gegen den Terror der griechischen Militärdiktatur. Geheimpolizisten misshandelten ihn an Ort und Stelle. Im Hauptquartier der Sicherheitspolizei wurde er gefoltert. Nach seiner Verurteilung zu 14 Monaten Einzelhaft kam er ins Gefängnis, aus dem er im August 1974 nach dem Zusammenbruch des Regimes wieder freikam. Nachzulesen ist das alles in Wallraffs „Unser Faschismus nebenan“.
Und im Oktober 2015 wurde bekannt, dass sich der damals 72-Jährige als Austauschgeisel für einen vom IS in Syrien entführten US-Soldaten anbot; die US-Botschaft lehnte allerdings ab.
Seit 2015 wird in Deutschland der „Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik“ an Personen oder Institutionen verliehen, die sich „auf originelle und ausgewogene Weise kritisch mit dem Journalismus auseinandersetzen“.
Wir bräuchten mehr Wallraffs.

Geheimtipp Rudi:
Buch von Gert Voss, “Ich würd’ gern wissen, wie man ein Geheimnis spielt”, daraus Zitat Seite 11: “Wenn sich das Theater am Kino messen will, wird es sicherlich überflüssig. Kino und Fernsehen suggerieren dem Zuschauer, das, was er sieht, sei wirklich. Die Geschwindigkeit der Bilder läßt den Eindruck tatsächlicher Bewegung entstehen. Theater hingegen spielt, um eine Illusion zu erzeugen, und es ist vom Zuschauer überprüfbar, daß es nur aus Imagination besteht. Theater ist eine Demokratie des Auges, Kino ist eine Diktatur des Auges.”

Adventmail 2017/22 (Thema Geheimnisse)

„Ich gehöre der ‚nationalchristlichen Abwehrfront‘ an und habe schon etliche Mohammedaner und Neger aufgemischt. Und am kommenden Wochenende planen wir die Entführung des Großmuftis von Österreich und wollen aufzeichnen, wie er im Ramadan Schnitzel frisst und Bier säuft.“ Nehmen wir an, ein Mann würde solche Worte zu einem Priester sprechen, in einem vertraulichen Beichtgespräch oder sonstigen seelsorglichen Kontext – der Kleriker müsste laut kirchlichem und auch laut staatlichem Recht Stillschweigen gegenüber Dritten bewahren. Es gälte das Beichtgeheimnis, das nicht nur in Österreichs Judikatur respektiert wird – auch in der deutschen oder Schweizerischen; im laizistischen Frankreich würde sich der Beichtvater bei einer Nichtanzeige allerdings strafbar machen. Hierzulande jedoch dürfte ein katholischer Priester, von dem die Polizei Kenntnisse um Straftaten wie obige vermutete, nicht vernommen werden. Und dieses Vernehmungsverbot gilt für alle Geistlichen einer in Österreich bestehenden Kirche oder Religionsgemeinschaft, die eine Seelsorgetätigkeit ausüben.
Das Beichtgeheimnis gilt als „heilig“ und „unverletzlich“: Wer es direkt verletzt, das heißt, sein Wissen bewusst preisgibt, wird nach katholischem Kirchenrecht mit der Exkommunikation bestraft. Ein Priester kann nur (und muss sogar) darauf hinwirken, dass der Beichtende keine weiteren Untaten begeht, dass er sich vielleicht den Behörden stellt, aber er muss die Informationen für sich behalten.
Ab 2010 zutage getretene Altlasten in der Kirche führten zu Vorstößen, im Fall von Kindesmissbrauch das Beichtgeheimnis zu lockern, ja Priester (wie in Irland) zur Anzeige zu verpflichten. Dadurch könnten ev. weitere Taten verhindert werden, wurde argumentiert. Auch die unerträgliche Situation für den Geistlichen würde entschärft, der von der Gefährdung weiterer Opfer weiß, aber nichts unternehmen darf.
Die Rechtslage blieb aber trotz der damals (zurecht großen) öffentlichen Empörung unverändert. Der Innsbrucker Strafrechtler und Kriminologie-Lehrende Klaus Schwaighofer fand dies in einem „Presse“-Gastkommentar auch gut so. Und ich kann ihm folgen. Denn: Man dürfe „davon ausgehen, dass nur Umkehrwillige ihre Sünden beichten. Wer ginge denn noch zur Beichte, wenn er wüsste, dass der Beichtvater ihn anzeigen müsste?“ Wer Priester unter Strafandrohung zur Anzeige zwingt, stellt diesen vor die Wahl zwischen gerichtlicher Strafe oder kirchenrechtlicher Exkommunikation – unzumutbar, wie Schwaighofer befand. Schwierig wäre es auch festzulegen, in welchen Sonderfällen das Beichtgeheimnis durchbrochen werden soll: Mord? Raub? Diebstahl? Wo zieht man die Grenze? Und, so der Experte: Fällt die Barriere hier, kämen auch andere Berufsgeheimnisse in Gefahr: „Wird man als Nächstes auch Rechtsanwälte dazu verpflichten, Verdächtige bestimmter schwerer Straftaten anzuzeigen, die juristischen Rat bei ihnen gesucht haben?“

Adventmail 2017/21 (Thema Geheimnisse)

Apropos “Fremdgeh-Songs”: ER muss länger arbeiten, wieder mal, angeblich. SIE riecht den Braten und vertraut sich seinem besten Freund an. Von ihm fühlt sich die Vernachlässigte verstanden, geborgen, und sie gibt sich schließlich dem hin, der sich als „more than just a friend“ erweist.
Diese Geschichte besingt Kenny Rogers mit sexy-sonorer Stimme in seinem Hit „Daytime friends and nighttime lovers“, und das reimt er mit “Hoping no one else discovers / Where they go, what they do, in their secret hideaway”. Und weiter: “Daytime friends and nighttime lovers / They don’t want to hurt the others / So they love in the nighttime / And shake hands in the light of day.”
Tja, tagsüber freundlicher Small Talk und höchstens Händeschütteln und rituelles Bussi, abends/nachts jedoch eine Intimität, die kein Tageslicht verträgt… Auch wenn es wohl nur selten der beste Freund/die beste Freundin des Partners ist, auf den sich das Begehren richtet – Liebesgeheimnisse rund ums Fremdgehen, sei es nur angedacht oder ausgeführt, werden wohl Thema jeder längeren Beziehung und sind nicht erst seit Madame Bovary und Anna Karenina Thema der Weltliteratur. Wie viel Intimität mit Dritten verträgt eine Zweierbeziehung? Und warum macht es einen Unterschied, ob diese Intimität auch körperliche Facetten hat? Ist es nach einem Seitensprung besser zu „gestehen“ oder ist das nur eine letztlich bequeme Strategie, Verantwortung abzugeben? Vor solche Fragen wird wohl jedes Paar einmal gestellt. Und Geheimrezept gibt’s dazu keines, auch nicht von Kenny Rogers. Ich weiß, wovon ich rede; ich war 18 Jahre verheiratet. Und in einem guten halben Jahr, nach 13 Jahren Pause, werde ich wieder zum Ehemann.

Und den Geheimtipp steuert heute Robert GM. bei:
Weihnachten ist ja auch das Fest des Herbergs-Findens: Im Herzen Wiens versteckt sich das Hotel Orient – Tiefer Graben 30. Es bietet Zimmer für drei Stunden und auch für die ganze Nacht. „Diskretion ist eine der beiden Kerntugenden im Hotel Orient; Sauberkeit die andere.“ Das „Orient“ rühmt sich ein Ort zu sein, „an dem Sehnsüchte gestillt und wieder neu entfacht werden, ein ums andre Mal“.

Adventmail 2017/20 (Thema Geheimnisse)

Im Internet gibt’s Listen wie „53 Songs About Secrets and Keeping Secrets“ oder „The Best Songs with Secrets in the Title”. Fallen euch einige Beispiele ein?
Vielleicht den Beatles-Song aus ihrer Anfangszeit “Do you want to know a secret?”, der trotz reichlich banalem Text einige für Fab-Four-Fans interessante secrets birgt: John Lennon komponierte es 1962 unter dem Eindruck eines Liedes aus dem Disney-Film „Snow White and the seven dwarfs“, das ihm seine Mutter Julia als Kind vorgesungen hatte. Veröffentlicht wurde der Song auf dem Premierealbum „Please Please Me“ wie üblich unter Lennon/McCartney, gesungen wurde es aber von George Harrison, weil – wie John in einem Interview 1980 sagte – “it only had three notes and he wasn’t the best singer in the world”. Den US-Fans war’s egal, dort erreichte die Single-Auskoppelung 1964 Platz 2 der Billboard Charts – Harrisons erster Top-Ten-Song als Leadsänger. Erst 1969 konnte er das mit seinem Number One Hit „Something“ toppen – einem viel besseren Lied als „Do you… ?“.
Bekannt ist auch „Secret Love“ von den Bee Gees, weniger schon „Secrets“ von Tears For Fears, „In My Secret Life“ des altersweisen Leonhard Cohen oder das Seal-Video „Secret“, in dem er mit seiner damaligen Frau, der Schreckschraube Heidi Klum, nackt kuschelt. Im Radio viel gespielt wurden auch die Fremdgeh-Balladen „Daytime Friends and Nighttime Lovers“ von Kenny Rogers und „Me and Mrs. Jones“ von Billy Paul; zurecht vergessen wurden „ Secret Journey“ von The Police oder „A Saucerful of Secrets“ von Pink Floyd. Eine Entdeckung wert ist dagegen die Interpretation des American-Songbook-Klassikers „Secret love“ durch die blinde US-Jazzsängerin Diane Schuur.
Ein Nummer-eins-Hit in mehreren Ländern wurde Madonnas „Secret“, veröffentlicht als Single aus dem Album „Bedtime Stories“ (1994), einer Phase, als sich Madonna als lasziver Vamp inszenierte und sich in Videos so provokant „brüstete“, dass es viele Männer „schwanzte“. Und dazu ein persönliches secret: Über die „Namenskollegin“ der Gottesmutter schrieb ich Anfang der 90er-Jahre (noch vor ihrem Meisterwerk „Ray of Light“) ein durchaus wertschätzendes Porträt für die damalige Huch-kirchenkritisch!-Monatszeitung „Kirche intern“. Die Mitarbeit dort hätte – in der Ära Groer – fast verhindert, dass ich Kathpress-Redakteur werde.

Adventmail 2017/19 (Thema Geheimnisse)

Mir sind ja Männerbünde eher suspekt, und das nicht erst seit die Burschenschafterpartei an die Macht kommt. Auch bei Ordensgemeinschaften denke ich mir manchmal, schade, dass es keine gemischtgeschlechtlichen gibt. Okay, Themen wie Verliebtheit, Sex oder Eifersucht zwischen Mann und Frau würden Energien binden, aber ehrlich: Gibt’s das alles nicht auch in Klöstern, in denen sich nur Männer (oder Frauen) tummeln?
Aber ich wollte heute über Freimaurer schreiben, über die ich vor langer Zeit mal einen Artikel schrieb. Und mein Eindruck seit damals: Grundideale wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Toleranz und Humanität sind durchaus ehrenwert und kein nachvollziehbarer Grund, warum ein Katholik nicht auch Freimaurer sein könnte (wie Joseph Ratzinger dies 1983 in seiner Funktion als Präfekt der Glaubenskongregation bis heute verbindlich festhielt). Die Freimaurer bekennen sich zum Grundsatz der Gewissens-, Glaubens- und Geistesfreiheit „und verwerfen jeden Zwang, der diese Freiheit bedroht“, hieß es demgegenüber in der Lichtenauer Erklärung von 1970, der Gespräche zwischen Vertretern des Geheimbundes und der katholischen Kirche (darunter Kardinal König) vorausgingen. Und weiter: „Sie achten jedes aufrichtige Bekenntnis und jede ehrliche Überzeugung. Sie verwerfen jegliche Diskriminierung Andersdenkender.“ Das klingt doch gut, atmet den Geist der europäischen Aufklärung.
Aber warum dann das Arkanprinzip, mit dem sich Freimaurer zur Verschwiegenheit verpflichten, z.B. über Rituale oder andere Logenbrüder? Das klingt doch nach Machtklüngeln, Seilschaften, geheimer Verschwörung. Begründet wird dies mit zu wahrender Privatsphäre. Der Sitz der Logen, ihre Vorsitzenden und ihre Satzungen sind aber öffentlich bekannt, ihre Schriften zugänglich.
Maria Theresias Gatte Franz Stephan von Lothringen, Joseph Haydn und natürlich Wolfgang Amadeus Mozart mit seiner Freimaurer-Oper „Die Zauberflöte“ zählen zu den Promis in den Anfängen, Fred Sinowatz, Jörg Mauthe oder Karlheinz Böhm zu den Vertretern der österreichischen Freimaurerei aus jüngerer Vergangenheit.
Aktuell ist die Ausstellung „300 Jahre Freimaurer: Das wahre Geheimnis“ in der Nationalbibliothek zu sehen. Bei der Eröffnung sagte Alt-HBP Heinz Fischer, die Freimaurerei trete in Österreichs Politik seit langem kaum in Erscheinung. „Wenn den Freimaurern bisweilen vorgeworfen wird, dass sie im Hintergrund Macht ausüben, so weiß ich aus langjähriger Erfahrung, dass die Meinungsbildung im Bereich der Politik viel zu komplex ist, als dass ein diskreter Männerbund mit sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und Interessen geheim, aber effektiv die Fäden ziehen und überdurchschnittlich Macht ausüben kann.” Viel zu komplex? Das lässt im Blick auf die Burschenschafter hoffen…