Ich lebe mein Leben (Rainer Maria Rilke)
Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.
Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.
Rilke, der inhaltlich und formal wohl begnadetste Lyriker deutscher Sprache, schreibt hier in wunderbaren Versen über das zwangsläufig unvollendete Leben und dessen – schwer erreichbare? – Mitte: Gott. Einen „uralten Turm“ nennt er Ihn, und mir fallen dabei die Steintürme Swanetiens im georgischen Kaukasus ein, wo ich heuer im Sommer urlaubte. Diese archaischen Bauten zerfallen heute teilweise, somit ist Gott vielleicht eher Falke? Gesang? Oder Sturm?
Dazu fällt mir ein, wie in der Bibel (1 Kön 19,11ff) eine Gottesbegegnung des Propheten Elija geschildert wird: „Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, ging dem Herrn voraus. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanftes, leises Säuseln…“ Und genau in diesem Säuseln erkannte Elija Gott, und er verhüllte ehrfürchtig sein Gesicht.
Ich fand in einem in Studienzeiten entstandenen Gedichtchen noch ein anderes Bild für den Höchsten. Es geht so:
Gott
du vöglein
nistest in den augenblicken
in denen mir
zum zwitschern ist