Adventmail 2019/01 (Thema Gedichte)

Der fliegende Robert (Hans Magnus Enzensberger)

Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! -,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.

Dieses Gedicht des seit kurzem 90-jährigen H. M. Enzensberger greift “Die Geschichte vom fliegenden Robert” aus dem “Struwwelpeter” auf. Und es verkehrt deren Zeigefingerpädagogik (“Wenn der Regen niederbraust,/ Wenn der Sturm das Feld durchsaust,/ Bleiben Mädchen oder Buben / Hübsch daheim in ihren Stuben…”) in ihr Gegenteil. In Enzensbergers Version mit ihrem Freiheitsdrang und auch ihrer Flucht vor der harten Realität habe ich mich schon als junger Mann gut wiedergefunden.
Die Struwwelpeter-Version hat meine erste Frau Claudia mal als Geschenk für mich in eine schöne Zeichnung gepackt. Ich halte dieses 30 Jahre alte A4-Blatt mit einem noch lockigen Robert, der zwischen Regenwolken der Sonne entgegenschwebt, während weniger Wagemutige in engen Häusern kauern, bis heute in Ehren – es hängt in meinem Zimmer.

„Der fiiegende Robert“ – ein Text, mit dem ich mich als Reisefreudiger gerne identifiziere

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert