Adventmail 2017/24 (Thema Geheimnisse)

„Das Wort Geheimnis ist sicher eines der fundamentalsten Schlüsselworte des Christentums und seiner Theologie“, heißt es einleitend im entsprechenden Artikel in Herders Theologischem Wörterbuch, das seit den 1970er-Jahren in meiner Redaktion geduldig auf Wissbegierige wartet. Zu „Geheimnis“ wollte offenbar noch niemand etwas recherchieren, denn – welche Ironie – just hier war die Seite mit der vorherigen (Eintrag „Geburtenkontrolle“) nein, nicht verklebt, sondern fix verbunden. Ich musste eine Schere einsetzen, um zum vom großen Karl Rahner umschriebenen „Geheimnis“ vorzudringen.
Doch inhaltlich gelang mir das nicht, Rahners Mystagogie erweist sich für mich Theologie-Entwöhnten als nebeliger Schwurbelsprech. Also „Lexikon für Theologie und Kirche“, 1995. Dort heißt es erläuternd zu Rahner, letztlich gebe es nur EIN Geheimnis, nämlich dass sich der unbegreifliche Gott uns „zur Unmittelbarkeit schenkt, so dass er selber die innerste Wirklichkeit unseres Daseins wird“. Alles klar soweit?
Ich glaube an Gott und hoffe auf ein von Liebe durchtränktes Weiterleben nach dem Tod, wie immer das aussehen wird. Und dieser mein Glaube gibt mir immer wieder Anstöße, im Hier und Jetzt meine besten Möglichkeiten auszuloten und zu ergreifen, um mein Dasein und jenes anderer ein wenig mehr zu „beglücken“. Und misslingt dies auch öfter mal, rechne ich auf die Barmherzigkeit eines Gottes, der mich – wie es heißt – mehr liebt als meine mir Nächsten.
Dieser Kern meiner Weltanschauung lässt mich auch über mir reichlich fremde „Geheimnisse“ des christlichen Glaubens hinwegsehen – wie Verwandlung von Wein in das Blut Christi, Reliquienverehrung, Jungfrauengeburt. Auf all das Vorgestanzte, Formelhafte, Altehrwürdige am Katholizismus, das vielen als Stütze dienen mag, könnte ich verzichten. Weil es mich tendenziell langweilt.
Unverzichtbar ist mir jedoch das Lebendige, das sich für Aufmerksame alltäglich zeigt. Louis Armstrong besingt das so berührend: „I see trees of green, red roses too / I see them bloom for me and you / And I think to myself: what a wonderful world / I see skies of blue and clouds of white / The bright blessed day, the dark sacred night … I hear babies crying, I watch them grow / They’ll learn much more than I’ll never know…“
What a wonderful world, für „religiös Musikalische“ voll von den Spuren Gottes. DAS ist mir Geheimnis genug.
Albert Einstein sagte: „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle. Es ist das Grundgefühl, das an der Wiege von wahrer Kunst und Wissenschaft steht. Wer es nicht kennt und sich nicht mehr wundern kann, der ist sozusagen tot und sein Auge erloschen.“
Seid gesegnet, Ihr Lieben, zu Weihnachten und auch sonst, vom liebenden, herausfordernden, geheimnisvollen Gott.

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