Er war Alkoholiker in einer psychiatrischen Klinik. Er drehte Kunden als Mitarbeiter in einem Callcenter Systemlotto-Scheine an. Er machte als Somalier Kwami Ogonno und Teil eines Filmteams bei Aufnahmen Erfahrungen mit latentem oder offenem Rassismus in Deutschland. Er suchte als Sandler Obdachlosenunterkünfte auf und erlebte dort zahlreiche Missstände aus nächster Nähe.
Günter Wallraff (*1942) ist eine journalistische Legende. „Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.“ Das schrieb er im Vorwort zu seinem Bestseller „Ganz unten“ (1985), dem mit fünf Millionen verkauften Exemplaren und 38 Übersetzungen bis heute erfolgreichsten deutschen Sachbuch seit 1945. Zwei Jahre hatte Wallraff dafür undercover gearbeitet, als türkischer Gastarbeiter Ali Levent Sinirlioglu bei Unternehmen wie McDonald’s und Thyssen… Unerkannt, obwohl er damals schon berühmt war, „berüchtigt“ würden manche sagen. Denn in den 1970er Jahren hatte Wallraff als Redakteur der Bild-Zeitung seinen ersten großen Coup gelandet. Seine dreieinhalbmonatige Zeit als „Der Aufmacher. Der Mann, der bei ‚Bild‘ Hans Esser war“ verarbeitete er in einem gleichnamigen Buch. Darin wies er dem Boulevardblatt schwere journalistische Versäumnisse und unsaubere Recherchemethoden nach.
Inspiriert mag Wallraff dabei von Heinrich Böll gewesen sein, der 1974 mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ebenfalls eine kritische Auseinandersetzung mit dem Axel-Springer-Verlag veröffentlichte. Dem Literaturnobelpreisträger von 1972 hatte der junge Wallraff schon zu Gymnasialzeiten Gedichte geschickt, später heiratete er Bölls Nichte. Vielleicht auch ein Zeichen seiner Beharrlichkeit.
Die muss einer haben – bis zur Starrköpfigkeit und Bereitschaft, für seine Überzeugungen den Kopf hinzuhalten –, wenn er solche Dinge tut: Im Mai 1974 kettete sich Wallraff in Athen an einen Lichtmast und verteilte Flugblätter gegen den Terror der griechischen Militärdiktatur. Geheimpolizisten misshandelten ihn an Ort und Stelle. Im Hauptquartier der Sicherheitspolizei wurde er gefoltert. Nach seiner Verurteilung zu 14 Monaten Einzelhaft kam er ins Gefängnis, aus dem er im August 1974 nach dem Zusammenbruch des Regimes wieder freikam. Nachzulesen ist das alles in Wallraffs „Unser Faschismus nebenan“.
Und im Oktober 2015 wurde bekannt, dass sich der damals 72-Jährige als Austauschgeisel für einen vom IS in Syrien entführten US-Soldaten anbot; die US-Botschaft lehnte allerdings ab.
Seit 2015 wird in Deutschland der „Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik“ an Personen oder Institutionen verliehen, die sich „auf originelle und ausgewogene Weise kritisch mit dem Journalismus auseinandersetzen“.
Wir bräuchten mehr Wallraffs.
Geheimtipp Rudi:
Buch von Gert Voss, „Ich würd‘ gern wissen, wie man ein Geheimnis spielt“, daraus Zitat Seite 11: „Wenn sich das Theater am Kino messen will, wird es sicherlich überflüssig. Kino und Fernsehen suggerieren dem Zuschauer, das, was er sieht, sei wirklich. Die Geschwindigkeit der Bilder läßt den Eindruck tatsächlicher Bewegung entstehen. Theater hingegen spielt, um eine Illusion zu erzeugen, und es ist vom Zuschauer überprüfbar, daß es nur aus Imagination besteht. Theater ist eine Demokratie des Auges, Kino ist eine Diktatur des Auges.“