Adventmails 2016/05 (Familie)

Dieses Adventkästchen habe ich umgeschrieben. Es sprengte den Rahmen. Von der Idee, Pop- und Rockbands mit familiären Bezügen im Namen aufzulisten wie The Mamas and the Papas, Sly and the Family Stone, die Geschwister-Bands BeeGees (=Brothers Gibb), Jackson Five, Sister Sledge („We Are Family“), die Neville Brothers oder die Allman Brothers Band kam ich auf andersnamige Gruppen, die aus Geschwistern bestehen – wie die Kings of Leon, Oasis oder die White Stripes. Dazu kommen von Paaren gebildete wie ABBA oder Generationen übergreifende wie die Carter Family oder die Kelly Family.
Und dann erst Eltern/Kinder/Geschwister als Thema – unerschöpflich! Ich nenne nur Elvis mit „That’s Alright Mama“, John Lennon oder Eminem mit ihren anklagenden „Mother“ und „Cleanin’ Out My Closet“, Cat Stevens mit „Father and Son“, Madonna mit „Papa Don’t Preach“, die Beatles mit dem kleinen Familiendrama „She’s Leaving Home“, The Temptations mit „Papa Was A Rolling Stone“ oder Crosby, Stills, Nash & Young mit dem pädagogischen “Teach Your Children Well”…. Ihr hättet sicher spontan viele weitere Einfälle.
Hervorheben möchte ich hier den Ausnahmegitarristen und –komponisten Eric Clapton, der in „My Father’s Eyes“ über seinen Vater reflektiert, den er nie kennenlernte. Der im März 1945 geborene Eric war der uneheliche Sohn der erst 16-jährigen Patricia Clapton. Sein Vater, Edward Fryer, war als 24-jähriger Weltkriegssoldat zu dieser Zeit in England stationiert und zog noch vor der Geburt zurück zu seiner Frau nach Kanada. Eric wuchs bei seinen Großeltern auf und erfuhr erst als 9-Jähriger, dass Patricia nicht seine Schwester, sondern seine Mutter war – eine Erkenntnis, die ihn ziemlich aus der Bahn warf.
„My Father’s Eyes“, geschrieben 1998, handelt von dieser unsicheren Grundlage, auf der Eric sein Leben aufgebaut sah. Gleichzeitig merke er jedoch, dass er, wenn er in die Augen seines Sohnes blickt, den Zusammenhang findet, den er schon immer gesucht hat.
Eric Claptons Privatleben war lange unstet. 1979 heiratete er seine langjährige Liebe Pattie, nachdem diese von (seinem Freund) George Harrison geschieden worden war. Die Ehe zerbrach jedoch 1988, nicht zuletzt wegen Erics Beziehung mit der ebenfalls verheirateten Yvonne Kelly, die 1985 Ruth gebar – zu der sich Eric erst Jahre später als Vater bekannte. Auch mit seiner nächsten Lebensgefährtin, der Schauspielerin Lori Del Santo, bekam Clapton 1986 ein Kind: Sohn Conor. Der kam mit vier Jahren auf tragische Weise ums Leben, als er aus dem 53. Stock eines New Yorker Wohnhauses fiel. Im berührenden „Tears In Heaven“ verarbeitete Eric dieses Drama.
2002 heiratete er Melia McEnery, eine 31 Jahre jüngere US-Amerikanerin, die Eric zum Vater dreier weiterer Töchter machte: Julie Rose, Ella May und Sophie. Diese Ehe hält bis jetzt. Der stets rastlose Rockstar scheint in einer Geborgenheit angekommen zu sein, die er in seiner jüngsten Kindheit verlor.

Adventmails 2016/04 (Familie)

Nicht dass ich behaupten würde, die Gegenwart sei frei von Turbulenzen oder das Leben heute generell beschaulich. Aber wenn ich mir die Lebenszeit und –welt meiner Großeltern vor Augen halte (mit denen ich mich anlässlich des großen „Eiblischen-Festes“ am 24. September beschäftigte), so muss ich doch sagen: Die Existenz meiner Generation ist ungleich abgesicherter als derjenigen, die zwei Weltkriege miterlebt hat.
Schon unglaublich, wie viel sich in nur zwei Generationen verändert hat: Als Opa Hans 1909 und Oma Resi 1911 geboren wurden, saß Kaiser Franz Joseph seit mehr als sechs Jahrzehnten auf dem Habsburgerthron. Die Amtszeit des letzten österr. Kaisers Karl (1916-18) haben die beiden in voller Länge miterlebt. Als Opa und Oma noch in die Windeln machten, wurde die Titanic in einer Werft in Belfast gebaut; sie war bei der Indienstnahme am 2. April 1912 das größte Schiff der Welt – allerdings nur bis zum 15. April 1912.
Als Opa geboren wurde, der spätere Eisenbahner, fuhren auf den Normalspurbahnnetzen der Monarchie noch ausschließlich Dampfloks. Die Strecke Wien-Pressburg wurde 1914 elektrifiziert, die Semmeringbahn schrittweise erst ab 1956. Es gab noch keine Fließbänder, keine Reißverschlüsse und keine Verkehrsampeln – all das wurde erst zwischen 1912 und 1915 erfunden bzw. entdeckt. Auch Radio oder gar Fernsehen waren 1909 und 1911 noch unbekannt. Am 1. April 1923 wurde erstmals eine Hörfunksendung in Österreich ausgestrahlt – Klavierstücke auf Radio Hekaphon in Wien.
Damals gingen Hans und Resi noch in die Schule. 1869 wurde in Österreich die Schulpflicht von 6 auf 8 Jahre verlängert, Oma und Opa besuchten so lange eine Volksschule, Hauptschulen für die 10- bis 14-Jährigen wurden erst 1927 eingeführt. Dass Bildung ein Privileg ist, erkennen wir an den Biografien von Hans und Resi Eibl; auch deren neun Kinder konnten kein Gymnasium oder gar eine Uni besuchen, erst in meiner Generation wurde das zur Normalität, erst recht in jener meiner Kinder. Dabei wäre Oma gerne Lehrerin geworden.
Wieviel sie vom Ersten Weltkrieg mitbekamen, wissen wir nicht; jedenfalls überlebten sie ihn ebenso unbeschadet wie ihre Eltern. Und ebenso die Pandemie der Spanischen Grippe, die 1918-20 25 Millionen Opfer forderte, darunter Egon Schiele, Max Weber und Sophie Freud.
Die Kennenlerngeschichte von Oma und Opa ist ein Schmankerl: Hans kam als „Auswärtiger“ zu Resi – eigentlich zu ihrer Schwester Maria – in die Feldbacher Gegend und machte sich damit bei den einheimischen Burschen nicht beliebt: Der kommt und will uns unsere Dirndln abspenstig machen?! Man lauerte dem dreisten Stenz auf, doch ausgerechnet die Eltern von Maria und Resi boten dem jungen Mann über Nacht Schutz vor den Fäusten der Einheimischen; und siehe da – es stellte sich heraus, dass Resi dem Hans besser gefiel als Maria. Und offenbar auch umgekehrt, denn 1931 wurde Hochzeit gefeiert.
Damals litt Österreich nach unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929. Es gab eine enorme Arbeitslosigkeit und eine Polarisierung in der Politik zwischen Sozialisten und Christlich-Sozialen bzw. Austrofaschisten. Die Chance auf eine bessere Arbeit bei der Eisenbahn war der Grund, warum Hans und Resi aus der bäuerlichen Ost- in die industrialisierte Obersteiermark, nach Leoben, übersiedelten. Zwischen 1932 und 1944 bekam das Paar neun Kinder, durch den „Anschluss“ an Hitlerdeutschland 1938 kamen die ersten fünf Kinder der Eibls in Österreich, die weiteren vier aber im Deutschen Reich zur Welt.
In der Endphase des Kriegs wurden die Eibl-Kinder fort aus der bombengefährdeten steirischen Industriezone in ländliche Gebiete in Sicherheit gebracht – eine wochenlange Trennung, die allen Beteiligten schwer fiel.
Opas Kriegseinsatz in Marburg war nur kurz, als Eisenbahner wurde er zur Erhaltung der Infrastruktur gebraucht. Er hatte keine Kriegsgefangenschaft durchzustehen, wohl aber ein hungerndes Nachkriegsösterreich. Zusätzlich zur einheimischen Bevölkerung mussten nach der Befreiung vom NS-Regime auch noch etwa 300.000 Heimatvertriebene vorwiegend aus slawischen Gebieten des „1000-jährigen“ Reichs versorgt werden.
Erst im Herbst ihres Lebens wurde es für Hans und Resi geruhsam: Zurück in der Oststeiermark empfingen sie gerne Besuch ihrer Kinder und Enkel, bei denen Opa so manches Bummerl beim Schnapsen bekam und Oma selbst gezogenen Krauthäuptelsalat mit reichlich Kernöl servierte.

Der “Eiblische”-Stammbaum, liebevoll gestaltet von Gastgeberin Iris

Wie sehr ihr bewegtes Schicksal sie zusammengeschweißt hatte, mag man daran erkennen, dass Hans und Resi 1989 innerhalb weniger Wochen verstarben – ein weiteres Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, den Fall der Berliner Mauer im selben Jahr und den Zusammenbruch des Kommunismus, schenkten sie sich…

Adventmails 2016/03 (Familie)

Ich nannte sie Tante, heute würde man sagen: Tagesmutter. Ab meinem dritten Lebensjahr brachte mich meine Mutter, bevor sie zur Arbeit in die Schuhabteilung des „GÖC“ (Grosseinkaufsgesellschaft österreichischer Consumvereine) ging, an jedem Werktag in die Wohnung des ebenfalls am Brucker Koloman-Wallisch-Platz gelegenen Wohnung von Josefine Dietz.
Es ist eine meiner ersten Kindheitserinnerungen: Ich staunte über die aufgebaute elektrische Eisenbahn des etwa 15-jährigen Enkels der damals 60-jährigen dauergewellten Frau, die sich durch Kinderbetreuung ein Zubrot zur wohl spärlichen Witwenpension verdienen wollte. Die resolute Art der Frau Dietz habe sie ziemlich eingeschüchtert, erzählte mir meine Mutter damals. Aber mich wieder mitzunehmen ging nicht – als Alleinerzieherin und Vollzeitangestellte brauchte sie eine Untertagsbleibe für mich. Später sollte sie die alte Frau schätzen lernen nach dem Motto „raue Schale, weicher Kern“.
Wobei auch der Kern manchmal sehr hart blieb. Dafür, dass ich keine Schwammerl oder Rahmsuppe mochte, hatte die Tante wenig Verständnis. Denn gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Die damals übliche schwarze Pädagogik bekam stärker als ich ein später aufgenommenes, zweites Pflegekind zu spüren: Der etwa gleichaltrige Wolfi machte sich manchmal in die Hose, was die Tante einmal so in Rage brachte, dass sie dem weinenden Buben den Inhalt seiner Unterhose ins Gesicht schmierte.
Aber Frau Dietz hatte, wie es so schön heißt, auch ihre guten Seiten, auch nach meinem 8. Geburtstag, als mir meine Mutter das nachmittägliche Alleinezuhausebleiben schon zutraute, besuchten wir sie manchmal. Und erst viel später, in der Studienzeit, schrieb ich folgendes Gedicht:

Als ich klein war,
hatte ich Angst

Meine Pflegemutter hatte Rahmsuppe gekocht.
Ich hasste Rahmsuppe.
Meine Pflegemutter sagte: Iss!!!
Ich aß und mich ekelte.
Der Kümmel würgte mich.

Ich erbrach das Verschluckte wieder in den Teller.
Meine Pflegemutter merkte nichts.
Ich aß weiter,
schluckte Erbrochenes und Rahmsuppe hinunter
und auch Furcht und Verzweiflung.

Was mir zu denken gibt:
Heute finde ich Rahmsuppe gar nicht so übel.

Adventmails 2016/02 (Familie)

Donald Trump ist – viel mehr, als er Republikaner ist – ein Selbstdarsteller. Und ein Nepotist. Ihr wisst schon, das ist einer, der seinem Neffen (lat. Nepos) Posten, Aufträge, Einfluss, jedenfalls Vorteile, verschafft. Bzw. dem Mann seiner Tochter und „eigentlichen First Lady“ (Tagesanzeiger) Ivanka, über den wiederum die FAZ schon am 17. November schrieb: „Der Einfluss von Schwiegersohn Jared Kushner in Donald Trumps Team ist kaum zu überschätzen.“ Wie das „Wall Street Journal“ berichtete, soll Kushner im Weißen Haus eine Schlüsselrolle übernehmen, wobei noch entschieden werde, ob es eine offizielle oder inoffizielle unbezahlte Stelle wird, die er besetzen soll. Ivana Trump, die erste Frau des Wahlsiegers, brachte sich als amerikanische Botschafterin in ihrem Geburtsland Tschechien ins Gespräch. Ihre Qualifikationen: Sie spreche Tschechisch und sei „ziemlich bekannt in der ganzen Welt“, lautete die Eigenwerbung.

Ob derlei Vetternwirtschaft die Amerikaner verstört, wage ich zu bezweifeln. Immerhin gibt es im Land aller möglichen Begrenztheiten einen Gewöhnungseffekt hinsichtlich einflussreicher Familien wie den Kennedys (John F. machte – eine Premiere in der US-Demokratie – seinen gleichwohl fähigen Bruder Robert F. zum Justizminister), den Bushs oder den Clintons. In Österreich fällt mir aus jüngerer Zeit nur Erwin Pröll ein, dessen Nepos Josef einst die große ÖVP-Hoffnung und Kanzlerkandidat war.
Verwandtenbevorzugung gibt es, seit Politik betrieben wird, und sie fällt umso leichter, je geringer die demokratische Kontrolle ist. Berüchtigt war der Kardinalnepotimus von Kirchenfürsten in Mittelalter und Neuzeit. Bis zum 17. Jahrhundert wurden etwa päpstlichen Verwandten ganze Teilgebiete des Kirchenstaates als Lehen gegeben, um eigene Fürstentümer zu errichten. Der letzte für seinen Nepotismus bekannte Papst war Pius XII., der seinen Neffen Giulio, Carlo und Marcantonio Fürstentitel und hohe Posten in Italiens Politik und Finanzwelt verschaffte.
Übrigens: Nach JFK‘s Präsidentschaft wurde der Nepotismus in den USA gesetzlich verboten: Bei Ämtervergaben dürfen keine nahen Verwandten berücksichtigt werden. Das gilt (noch?) auch für The Donald. Dennoch saßen seine drei Kinder aus erster Ehe im Übergangsteam, das nach der Wahl mit Hochdruck daran arbeitete, Trumps Regierung zusammenzustellen. „Viele Beobachter fühlen sich an Clan-Strukturen von Bananenrepubliken erinnert, bei denen nicht klar ist, wo die Politik endet und das Familiengeschäft beginnt“, spottete die FAZ über die Entwicklung in einer der ältesten Demokratien der Welt.

Adventmails 2016/01 (Familie)

Der unmittelbare Anstoß zur diesjährigen Adventmail-Serie erfolgte durch ein Familientreffen der „Eiblischen“.
Meine 1989 verstorbenen Großeltern Johann (Jgg. 1909) und Theresia Eibl (Jgg. 1911) wurden zwischen 1932 und 1944 neunmal Eltern – von Maria, Theresia, Helene, Alfred, Franziska (meiner Mutter), Hildegard, Hans, Ingrid und Edeltraud. Diese neun Kinder waren wiederum fruchtbar und mehrten sich – wenn auch zeitgeistbedingt nicht mehr so exzessiv. 21 Enkel bilden die nächste Generation; einige von ihnen – z.B. ich – sind inzwischen selber wieder Großeltern.
Interessant übrigens, dass sich die weibliche Überzahl in meiner Eltern/Tanten/Onkel-Generation wieder ausgeglichen hat: Meine CousInen und ich sind geschlechtsmäßig ausgewogen, bei unseren Kind(eskind)ern gibt es einen männlichen Überhang. Unterm Strich: halb Frauen, halb Männer.
Aber das nur nebenbei.
99 Personen wurden eingeladen, als es nach dem Muster der regelmäßigen Treffen der Geschwister Maria bis Edeltraud (die allesamt noch leben!) heuer im September ein generationenübergreifendes Meeting geben sollte. Und 99 waren auf dem überdimensionalen Stammbaum verzeichnet, den die Gastgeberin, meine Cousine Iris, an einer Wand angebracht hatte. Zwei Drittel davon, 65, folgten der Einladung, viele davon lernten sich überhaupt erst kennen bzw. sahen sich nach vielen Jahren wieder.
Was auch an der großen geografischen Breite der Eiblischen liegt. Sie sind verstreut im gesamten deutschsprachigen Raum – von Hamburg und Bonn im Norden über Aarau und Baden bei Zürich im Westen bis Graz im Süden und Floridsdorf im Osten. Ach ja, ein Großcousin von mir lebt mit Family seit kurzem in London, weshalb er seine ursprüngliche Zusage zum Familientreffen wieder zurücknehmen musste.
Diese Einbindung in eine so große Sippschaft (auch mein Vater, von dem ich getrennt aufwuchs, hat drei Geschwister und einige Nichten/Neffen, drei Kinder sowie sieben Enkel) spüre ich im Alltag wenig, mit meinen nicht gerade ums Eck wohnenden Eltern und Geschwistern telefoniere ich selten – obwohl ich sie alle sehr lieb hab. Aber zugleich fühle ich mich irgendwie familiär gut aufgehoben, wissend um Hilfsbereitschaft im Krisenfall, wohlig eingebunden in einen Strom des Lebens und seiner Weitergabe, der das Dasein (neben vielem anderen) bereichert.

Adventmails 2016 (Ankündigung)

Liebe Adventmail-BezieherInnen, liebe FreundInnen,
“Wenn alle Bande sich auflösen, wird man zu den häuslichen zurückgewiesen.” Das schrieb der große Johann Wolfgang von über die Familie. Oscar Wilde sah es weniger prosaisch und seufzte: “Ach, was für ein Kreuz ist doch diese öde Familiensimpelei!” Und nicht unzitiert darf im Lutherjahr der Reformator aus Wittenberg bleiben: “Die Familie ist die Quelle des Segens und Unsegens der Völker.”
Familie also lautet das diesjährige Thema meiner Adventmails (2015: “Flucht”, 2014: “Sterne”, 2013: Jukebox aus lauter Lieblingsliedern usw. bis zum Start im Jahr 2003). Religiös Relevantes wie die “heilige Familie” oder das auf dem Olymp der Griechengötter noch wenig beachtete Inzesttabu soll dabei ebenso in 24 tägliche Kästchen gepackt werden wie Querbezüge zur Musik/Kunst/Literatur oder Nepotismus im Weißen Haus. Diesmal aber vor allem – persönlich Erlebtes und Erliebtes. Etliches muss jedenfalls noch ausformuliert werden, aber das wird schon.
Den Anstoß zur diesjährigen Serie gab ein großes Fest am 25. September. Davon mehr im ersten Adventmail am kommenden Donnerstag (hoffentlich jenseits von “öder Familiensimpelei”). Bis dann!
Robert

Adventmails 2015/24 (Flucht)

Der alte Mann kam aus dem Zwischenstromland – also dem Irak – in das damals reichste Land der Welt. In seiner Heimat war es unwirtlich geworden, es herrschte eine große Hungersnot im Land. Also packte der Alte alles, was nicht niet- und nagelfest war, und seine Großfamilie nahm er auch gleich mit. Ein typischer Wirtschaftsflüchtling eben, dieser Abraham aus dem Alten Testament, der erst in Ägypten zum Fremdling und dann in Kanaan zum Ausgangspunkt eines großen Volkes wurde, heute von Juden, Christen und Muslimen unter dem Titel Stammvater gleichermaßen verehrt. In der Jetztzeit und hierzulande hätte er null Chancen auf einen Aufenthaltstitel.
Auch ohne Theologe zu sein, weiß der grundsympathische Tote-Hosen-Bandleader Campino, dass „die Bibel das Flüchtlingsbuch Nummer 1“ ist. Dort wuseln Heimatvertriebene nur so rum. Auch Isaak hielt es wie sein Papa, ihn trieb eine Hungersnot nach Gerar, zu Abimelech, dem König der Philister. Nächste Generation, nächste Flucht: Diesmal Jakob, der seinem Bruder Esau das Erstgeburtsrecht abgeluchst hatte und vor dessen Zorn zu seinem Onkel Laban nach Haran enteilte. Mose musste nach der Ermordung eines Ägypters, der garstig zu einem Landsmann war, als politischer Flüchtling in Land Midian. Da würd ich gerne wissen, was die heimischen Asylbehörden sagen würden, wenn ein Antragsteller als Fluchtgrund angäbe: Naja, ich hab da wen erschlagen…
Jesus selbst war ein Flüchtling, und das laut Matthäus bereits als Baby, von Josef in Ägypten in Sicherheit gebracht. Was er als Erwachsener zu dem Thema sagte, ist unmissverständlich und sogar ein Kriterium für die Erlangung des ewigen Lebens: „Denn […] ich war ein Fremder und ihr habt mich aufgenommen. […] Was immer ihr für einen meiner Brüder getan habt – und wäre er noch so gering geachtet gewesen – das habt ihr für mich getan.“
Knapp 2000 Jahre später sprach Campino, „wer sich wirklich auf christliche Werte beruft, der kann doch nicht darüber diskutieren, ob die Bitte um Asyl in Ordnung ist oder nicht“. In dem „Cicero“-Interview lobt der Sänger übrigens auch ganz ausdrücklich – was nicht oft vorzukommen scheint – Angela Merkel. „Wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land”, hatte die deutsche Kanzlerin ungewohnt emotional angemerkelt. „Dafür könnt ich sie fast umarmen“, so Campino.
Mit dieser subtilen Bezugnahme auf den Weihnachtsengel (Angela!) beende ich meine diesjährige Adventserie, empfehle für heute überraschende Umarmungen von sonst fernstehenden Menschen und empfehle … mich.
Ein gesegnetes Weihnachtsfest Euch allen! Robert

Adventmails 2015/23 (Flucht)

Dass ich auf Kurzurlaub in Bad Leonfelden war, wisst Ihr schon. Nicht aber, dass ich vom Wellnesshotel einen Wanderweg entlang zur ein paar Kilometer entfernten tschechischen Grenze gejoggt bin. Direkt beim Grenzübergang gibt’s die „Schwedenschanze“, eine alte Befestigungsanlage, an der ein Gedenkstein und eine hölzerne Kanonennachbildung an die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges erinnern.
Leicht verschwitzt las ich aber auch andere Erinnerungen auf den Info-Tafeln: Dort, gleich hinter dem bis 1989 zugezogenen Eisernen Vorhang, lag das südlichste Dorf Tschechiens. Doch von Radvanov (Reifmaß) ist nichts mehr übrig. Wie hunderte andere Ortschaften wurde es von der CSSR-Staatsführung nach dem Zweiten Weltkrieg geschliffen, ein menschenleerer Grenzstreifen eingerichtet, die überwiegend deutschsprachige Bevölkerung legitimiert durch die „Benes-Dekrete“ abgesiedelt.
Damals gab es eine Fluchtbewegung in Mitteleuropa, die die heutige in den Schatten stellt. Insgesamt wurden in der Tschechoslowakei bis 1947 etwa 2,9 Millionen Personen aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Bevölkerung (die davor zu großen Teilen Hitlerdeutschland unterstützte) pauschal zu Staatsfeinden erklärt und ausgebürgert. Darunter auch der heutige Wiener Erzbischof Christoph Schönborn und seine Familie. Dessen sudetendeutsche Großmutter starb trotz rassischer NS-Einstufung als “Halbjüdin” in einem tschechischen KZ, die Flucht der Schönborns endete in Schruns.
Die Benes-Dekrete bezeichnete Schönborn viel, viel später als „menschenrechtlich unhaltbar“, auch wenn sie zum Teil durch die historische Situation bedingt gewesen seien. „Die andere Seite aber“, so der Kardinal, der seine Erfahrungen als Flüchtlingskind regelmäßig in die aktuelle Debatte einfließen lässt: „Ich glaube, es ist notwendig, einen Schlussstrich zu ziehen. Können wir denn wollen, dass die jetzigen Bewohner der Häuser der Vertriebenen wieder vertrieben werden?”

Adventmails 2015/22 (Flucht)

Es war einmal ein großes Schiff, ein richtig großes. Es war das größte Kreuzfahrtschiff seines Landes, zog Tausende Urlaubswillige an, die sich im weltweit größten Wellness Center an Bord eines Schiffes vergnügen konnten.
Oder nein, vielleicht sollte ich mit diesem alten Witz beginnen: Was sind die drei dünnsten Bücher der Welt? Antwort: Das Buch des deutschen Humors, das äthiopische Kochbuch und die italienischen Heldensagen.
Der Kapitän der Costa Concordia, die am Abend des 13. Jänner 2012 vor der Insel Giglio mit einem Felsen kollidierte, als viele der 3200 Passagiere beim Abendessen saßen, steht für zwei Aspekte meines Adventthemas: Flucht aus der Verantwortung und Evakuierung, also möglichst geordnete Flucht angesichts einer drohenden Gefahr. Die Gefahr begann damit, dass Francesco Schettino sein Schiff riskant nahe an die Insel steuern ließ, obwohl keine Detailkarte der Küste zur Verfügung stand. Es folgten Kollision mit einem Felsen, ein etwa 70 Meter langer Riss an der linken Bordwand, Überflutung der Generatorräume, totaler Stromausfall und Manövrierunfähigkeit. Das Schiff bekam immer mehr Schlagseite, Panik brach aus, nach 30 Minuten rief das Horn zur Evakuierung, die bis circa 4:45Uhr andauerte, mindestens 200 Reisende sprangen über Bord und schwammen an Land. 32 Passagiere starben, darunter keineR der 77 ÖsterreicherInnen.
Kapitän Schettino war zu diesem Zeitpunkt längst in Sicherheit. Sein vorzeitiges Verlassen des Schiffs erklärt er später mit einem Ausrutscher, durch den er in ein Rettungsboot gefallen sei.
Im Februar 2015 wurde Schettino nach einem zweijährigen Prozess in allen Anklagepunkten schuldig gesprochen. Fünf Jahre fasste er für das fahrlässige Herbeiführen der Havarie aus, zehn Jahre für fahrlässige Tötung zusammen mit fahrlässiger Körperverletzung, ein Jahr für die Zurücklassung Hilfsbedürftiger und vorzeitiges Verlassen des Schiffs, dazu ein Monat wegen der unzureichenden Kommunikation mit den Behörden. Schettinos Anwälte legten Berufung ein. Bis das Verfahren durch die weiteren Instanzen gegangen ist, könnten Jahre vergehen. Schettino bleibt derweil auf freiem Fuß.
Nachsatz: Die Costa Concordia diente Jean-Luc Godard 2010 als Kulisse für seinen gesellschaftskritischen “Film Socialisme”, das Schiff war darin als Metapher für Dekadenz und Bourgeoisie.

Adventmails 2015/21 (Flucht)

Ich bin ja nicht auf der Flucht!“ versus „Erholen kann ich mich auch daheim“ – das sind oft gebrauchte Stehsätze (oder Running Gags?) zwischen meiner Liebsten und mir, wenn es um Planung und Durchführung eines gemeinsamen Urlaubs geht. Es ist nämlich so: SIE will abschalten, den Stress hinter sich lassen, Genuss durch Muße erleben, ja sich sogar mal den Luxus von Langeweile gönnen. ICH dagegen will was erleben, was von der Welt sehen, wo hinfahren, wo ich Körper und Geist bewegen kann und auf dem Weg dorthin auch noch Sehenswertes „mitnehmen“.
So wie im letzten Sommer, wo wir einen Aktivurlaub mit Wandern, Radeln und Paddeln in den polnischen Masuren buchten und auf der Anreise Stopps im Elbsandsteingebirge, In Dresden und Breslau einlegten, und auf der Rückfahrt Krakau und den Nationalpark „Slowakisches Paradies“ besuchten. Gut, für diese Stationen hatten wir nicht wirklich viel Zeit, denn zweieinhalb Wochen Ferien sind schnell vorbei, aber „flüchtig“ würde ICH das jetzt nicht nennen. SIE schon. Gefallen hat’s ihr eh, aber erholt war sie danach nicht. Jetzt würde ich Urlaub brauchen, seufzt sie dann.

So geht’s auch: SIE entspannt, ICH sorge für Bewegung (in den Masuren)

Wenn wir mal – wie Ende Oktober – in Bad Leonfelden einem Mühlviertler Wellnesshotel ein verlängertes Wochenende verbringen, mache ich natürlich Vorschläge, was wir dort unternehmen könnten. Denn Krumau muss man gesehen haben, oder? Auch ein Ausflug nach Freistadt lohnt sich. Und Wandern in der schönen Gegend sowieso. Ich mache also Vorschläge, basierend auf gründlicher Recherche schon vor Reiseantritt. Und ehrlich, ich wäre mitnichten frustriert oder gar böse, wenn es dann hieße: „Mach du nur. Ich bleib in der Wellnesszone und lese. Denn: Ich bin ja nicht auf der Flucht…“ Doch zu meiner Überraschung kommt SIE mit. Beschwert sich dann. Und kündigt an: SO nie wieder.
Für nächsten Sommer hab ich übrigens schon eine Idee… – was heißt EINE…!