Nicht dass ich behaupten würde, die Gegenwart sei frei von Turbulenzen oder das Leben heute generell beschaulich. Aber wenn ich mir die Lebenszeit und –welt meiner Großeltern vor Augen halte (mit denen ich mich anlässlich des großen „Eiblischen-Festes“ am 24. September beschäftigte), so muss ich doch sagen: Die Existenz meiner Generation ist ungleich abgesicherter als derjenigen, die zwei Weltkriege miterlebt hat.
Schon unglaublich, wie viel sich in nur zwei Generationen verändert hat: Als Opa Hans 1909 und Oma Resi 1911 geboren wurden, saß Kaiser Franz Joseph seit mehr als sechs Jahrzehnten auf dem Habsburgerthron. Die Amtszeit des letzten österr. Kaisers Karl (1916-18) haben die beiden in voller Länge miterlebt. Als Opa und Oma noch in die Windeln machten, wurde die Titanic in einer Werft in Belfast gebaut; sie war bei der Indienstnahme am 2. April 1912 das größte Schiff der Welt – allerdings nur bis zum 15. April 1912.
Als Opa geboren wurde, der spätere Eisenbahner, fuhren auf den Normalspurbahnnetzen der Monarchie noch ausschließlich Dampfloks. Die Strecke Wien-Pressburg wurde 1914 elektrifiziert, die Semmeringbahn schrittweise erst ab 1956. Es gab noch keine Fließbänder, keine Reißverschlüsse und keine Verkehrsampeln – all das wurde erst zwischen 1912 und 1915 erfunden bzw. entdeckt. Auch Radio oder gar Fernsehen waren 1909 und 1911 noch unbekannt. Am 1. April 1923 wurde erstmals eine Hörfunksendung in Österreich ausgestrahlt – Klavierstücke auf Radio Hekaphon in Wien.
Damals gingen Hans und Resi noch in die Schule. 1869 wurde in Österreich die Schulpflicht von 6 auf 8 Jahre verlängert, Oma und Opa besuchten so lange eine Volksschule, Hauptschulen für die 10- bis 14-Jährigen wurden erst 1927 eingeführt. Dass Bildung ein Privileg ist, erkennen wir an den Biografien von Hans und Resi Eibl; auch deren neun Kinder konnten kein Gymnasium oder gar eine Uni besuchen, erst in meiner Generation wurde das zur Normalität, erst recht in jener meiner Kinder. Dabei wäre Oma gerne Lehrerin geworden.
Wieviel sie vom Ersten Weltkrieg mitbekamen, wissen wir nicht; jedenfalls überlebten sie ihn ebenso unbeschadet wie ihre Eltern. Und ebenso die Pandemie der Spanischen Grippe, die 1918-20 25 Millionen Opfer forderte, darunter Egon Schiele, Max Weber und Sophie Freud.
Die Kennenlerngeschichte von Oma und Opa ist ein Schmankerl: Hans kam als „Auswärtiger“ zu Resi – eigentlich zu ihrer Schwester Maria – in die Feldbacher Gegend und machte sich damit bei den einheimischen Burschen nicht beliebt: Der kommt und will uns unsere Dirndln abspenstig machen?! Man lauerte dem dreisten Stenz auf, doch ausgerechnet die Eltern von Maria und Resi boten dem jungen Mann über Nacht Schutz vor den Fäusten der Einheimischen; und siehe da – es stellte sich heraus, dass Resi dem Hans besser gefiel als Maria. Und offenbar auch umgekehrt, denn 1931 wurde Hochzeit gefeiert.
Damals litt Österreich nach unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise von 1929. Es gab eine enorme Arbeitslosigkeit und eine Polarisierung in der Politik zwischen Sozialisten und Christlich-Sozialen bzw. Austrofaschisten. Die Chance auf eine bessere Arbeit bei der Eisenbahn war der Grund, warum Hans und Resi aus der bäuerlichen Ost- in die industrialisierte Obersteiermark, nach Leoben, übersiedelten. Zwischen 1932 und 1944 bekam das Paar neun Kinder, durch den „Anschluss“ an Hitlerdeutschland 1938 kamen die ersten fünf Kinder der Eibls in Österreich, die weiteren vier aber im Deutschen Reich zur Welt.
In der Endphase des Kriegs wurden die Eibl-Kinder fort aus der bombengefährdeten steirischen Industriezone in ländliche Gebiete in Sicherheit gebracht – eine wochenlange Trennung, die allen Beteiligten schwer fiel.
Opas Kriegseinsatz in Marburg war nur kurz, als Eisenbahner wurde er zur Erhaltung der Infrastruktur gebraucht. Er hatte keine Kriegsgefangenschaft durchzustehen, wohl aber ein hungerndes Nachkriegsösterreich. Zusätzlich zur einheimischen Bevölkerung mussten nach der Befreiung vom NS-Regime auch noch etwa 300.000 Heimatvertriebene vorwiegend aus slawischen Gebieten des „1000-jährigen“ Reichs versorgt werden.
Erst im Herbst ihres Lebens wurde es für Hans und Resi geruhsam: Zurück in der Oststeiermark empfingen sie gerne Besuch ihrer Kinder und Enkel, bei denen Opa so manches Bummerl beim Schnapsen bekam und Oma selbst gezogenen Krauthäuptelsalat mit reichlich Kernöl servierte.

Wie sehr ihr bewegtes Schicksal sie zusammengeschweißt hatte, mag man daran erkennen, dass Hans und Resi 1989 innerhalb weniger Wochen verstarben – ein weiteres Ereignis von weltgeschichtlicher Bedeutung, den Fall der Berliner Mauer im selben Jahr und den Zusammenbruch des Kommunismus, schenkten sie sich…