In Kärnten glaubte man, in der „Thomasnacht“, der längsten des Jahres, in die Zukunft sehen zu können. Ein bei Jungbauern beliebter Brauch war das „Zaunstecken zählen“: Man nannte eine Zahl und zählte dann rechts von der Zauntür den entsprechenden Zaunpfahl ab. Dessen Aussehen sollte jenem der zukünftigen Liebsten entsprechen: jung und frisch oder alt und morsch.
In Altbayern wiederum glaubte man an die Weissagung in Träumen in jener Nacht: Wenn sich eine ledige Frau vor ihrem Bett ganz nackt auf einen Schemel stellte und folgenden Spruch aufsagte, dann sollte sie im Traum ihren künftigen Mann sehen: „Betschemel, i tritt di, heiliger Thomas, i bitt di, lass mi sehn den Herzallerliebsten mein in dieser heiligen Nacht!“
Der heilige Thomas wurde deswegen angerufen, weil der 21. Dezember traditionell dem „Ungläubigen“ unter den Aposteln gewidmet war (erst seit der Liturgiereform 1970 ist sein kath. Festtag der 3. Juli; die Protestanten blieben beim Dezembertermin). Thomas wurde wegen seiner Zweifel an der Auferstehung Jesu berühmter als andere Apostel: Erst als er – wie verlangt – die Wundmale des Auferstandenen sehen und berühren durfte, bekannte er: „Mein Herr und mein Gott!“ Immerhin: Damit erkannte er laut der Bibel als erster der Jünger die göttliche Natur Christi.
Seine Zweifel machten Thomas zum Schutzpatron der Theologen. Das gefällt mir als skeptischer Mag.theol., und ich hätte da auch ein paar Fragen in Bezug auf Glaubenswahrheiten – Fragen, die mir das Studium nicht schlüssig beantworten konnte: Wofür hat Jesus sich selbst gehalten? Steht Gott auf stellvertretendes Leid? Warum nützt er seine Allmacht nicht für unschuldige Tsunami-Opfer? Und wer bitte soll das mit der Trinität verstehen?