Einer gegen alle, alle gegen einen – der auf der Flucht ist. Das ist das Spielprinzip von „Scotland Yard“, dem Spiel des Jahres 1983, in dem sich ein „Mr. X“ durch gewiefte Taktik dem Zugriff der Häscher zu entziehen sucht. Mit U-Bahn, Bussen und Taxis macht er auf dem Stadtplan der Londoner City verdeckte Züge und muss nur zwischendurch immer wieder mal seinen Standort verraten, um seinen Verfolgern die Gelegenheit zu besserer Koordination zu geben. Schaffen es diese bis zum 24. Zug, Mr. X zu erwischen oder ihm jeden Ausweg abzusperren, haben sie gewonnen; wenn nicht, gibt es nur einen Sieger.
Im Hause Mitscha-Eibl wurde immer viel gemeinsam gespielt – Brettspiele wie „Die Siedler von Catan“, „Cluedo“, Heimlich & Co.“, „Bluff“ oder eben „Scotland Yard“, in den letzten Jahren mit den ebenfalls spielbegeisterten Krömers auch „7 Wonders“, „Pandemie“ sowie Kartenspiele wie „Hearts“, „Hose runter!“ oder „Tichu“ (der gegenwärtige Favorit!). Früher war ich auch mehrmals Gast beim Spielefest im Wiener Austria Center, bevor mir der Massenandrang zuviel wurde. Jedenfalls schätze ich es, dass sich auch in meiner autofreien Siedlung in Floridsdorf regelmäßig eine kleine Runde zum Was-auch-immer-Spielen zusammenfindet.
Gemeinsam zu spielen unterhält, fördert Fairness, Solidarität und Intelligenz und ist eine Form von Eskapismus, die ich jeder/m nur empfehlen kann. Unterm Christbaum werden wohl auch wieder ein, zwei neue Spiele liegen. Wer von Euch ist auch gerne Brett- oder KartenspielerIn und möchte mal auf eine Partie vorbeikommen?
Schlagwort-Archiv: 2015
Adventmails 2015/13 (Flucht)
„Die reichen Staaten sollten sich auf eine andere, gewaltige Flüchtlingsbewegung gefasst machen: die Klimaflüchtlinge.“ So beginnt ein Gastbeitrag des Hamburger Rechtsphilosophen Reinhard Merkel im Feuilletonteil der FAZ (22.9.2015). Als „Jahrhundert des Flüchtlings“ bezeichnete 1995 ein Bericht des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge das zwanzigste Jahrhundert. „Heute wissen wir, dass es das 21. sein wird“, meint Merkel. Die gegenwärtige Flüchtlingskrise in Europa sei Vorbotin eines künftigen Zustands der Welt, der bleiben wird: eines Zeitalters erzwungener Migration. „Kriege, Bürgerkriege, Naturkatastrophen und Armut wird es geben, wie es sie immer gab, und wie eh und je werden sie unzählige Menschen zum Verlassen ihrer Heimat nötigen. Aber ihr Anteil am Umfang der globalen Migration wird in den kommenden Jahrzehnten weit übertroffen werden vom Einfluss eines anderen Verursachers: dem des Klimawandels.“
So, jetzt male ich mal schwarz: Wenn schon ein regional überschaubarer Konflikt eine solche Entsolidarisierung auslöst wie jener in den ISIS-Staaten Syrien und Irak, was geschieht dann erst, wenn – wie von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon schon 2009 prognostiziert – die klimabedingte Völkerwanderung vor 2050 bis zu 350 Millionen Flüchtlinge auf den Weg bringt? Die Abschottung würde ebenso gigantisch wie aussichtslos sein, um ihre Existenz Gebrachte würden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abgewiesen, und in Europa rechtfertigte man all dies mit notwendigem Schutz vor aufgebauschten Bedrohungen. „Wir können nicht die ganze Welt aufnehmen!“, „Sollen doch auch einmal die Saudis/Amerikaner/Chinesen…!“, „Die haben doch eine ganz andere Kultur/Religion/Mentalität!“ – solche Sätze werden zu hören sein und sind es schon, der Nationalismus wird blühen, und der Aggression nach außen werden innerstaatliche Gräben entsprechen.
Würde ich in einem stracheregierten Österreich noch gerne leben wollen? Nein, aber ich würde durchzutauchen suchen, in der Hoffnung auf Einsicht bei der nächsten Wahl.
„Da wird ei‘m halt angst und bang,/ Die Wöd steht auf kaan’ Foi mehr lang“, sang Johann Nestroy 1833 als fatalistischer Schuster Knieriem angesichts des drohenden Kometen. 15 Jahre später kam es zwar nicht zu einem Einschlag, aber zu einer Revolution. Heute heißt dieser Komet Klimaerwärmung – und was kommt in 15 Jahren?
Adventmails 2015/12 (Flucht)
„Was ich noch zu sagen hätte,/ dauert eine Zigarette/ und ein letztes Glas im Steh’n“, sang Reinhard Mey einst. Dieses „letzte Glas“ nennt man in der Schweiz „Herrgöttli“, in deutschen Landen „Scheidebecher“, „Absacker“ oder „Schlürschluck“. Und bei uns in (Ost-)Osterreich „Fluchtachterl“.
In der Online-Version des Österreichischen Wörterbuches (www.oesterreichisch.net) ist „Fluchtachterl“ zwischen „Flitscherl“ (leichtlebige Frau) und „Flügerl“ (Getränk aus Red Bull und Wodka) eingetragen und als „letztes Glas Wein vor dem Aufbruch“ beschrieben.
Die Bezeichnung Scheidebecher stammt ursprünglich aus dem norddeutschen bzw. westfälischen Raum. Das hinderte den österreichischen Paradedichter Franz „Es ist ein gutes Land“ Grillparzer aber nicht daran, das Piefkewort in „Worte des Abschieds“ zu verwenden: „Und da Gefühle mitgefühlt nur heilen, / Vergiß auch du uns nicht, die schwach und jung, / Und wie wir heut den Scheidebecher teilen, / So teile mit uns – die Erinnerung.“
Das ist brav gedichtet, Grillparzerl. Aber besser – und österreichischer – wäre doch gewesen:
Mehr als jedes Fluchtachterl
gilt etwas als ein Suchtmachterl,
das grad, wenn Gottes Lichtbringerl
erfreut auch alle Nichtsingerl:
Es leckt sich jedes Kind’s Züngerl,
wenn’s gibt die süßen Windringerl,
und auch die Hochge-Nusskipferl*
sind niemals ein Verdrussgipferl.
Und ruft man mich zum Festschluckerl;
ich lieber im Geäst** huckerl
und füll mein Süßigkeitenbäucherl,
wie’s ist seit alten Zeiten Bräucherl,
bis zum letzten Friststünderl,
wenn’s kommt, das liebe Christkinderl
Der Baumbehang – ein Suchtmachterl,
mehr als jedes Fluchtachterl.
*besser wäre hier gewesen: Vanillekipferl. Aber: eine Silbe zuviel, und: kein Reim…
**gemeint ist natürlich das Geäst des Christbaums
Adventmails 2015/11 (Flucht)
Die Insel Lampedusa, mit rund 20 km2 Fläche etwa so klein wie die zu Wien gehörenden Wasserflächen, liegt – man kann es so drastisch sagen – am Arsch von Europa: 100 km südlicher als Tunis, etwa auf der Höhe von Kreta und Zypern, die Luftlinie von Rom dorthin ist ähnlich lang wie jene von Rom nach Österreich. In ihrem Namen steckt „Lampa“, das Licht des Leuchtturms, und der verspricht Rettung mitten im Meer. Lampedusa war immer Stützpunkt für Schiffbrüchige und Durchreisende aus Europa nach Afrika und umgekehrt.
Wenn die erste Reise eines neugewählten Papstes nicht in die politischen Machtzentren der Welt führt, nicht in die Metropolen der Ökumene oder in Städte mit prachtvollen Bischofskirchen und auch nicht in die Sommerresidenz Castel Gandolfo, sondern auf das kleine, arme, von Flüchtlingsschicksalen umbrandete Lampedusa, dann ist das ein Zeichen. Franziskus, der Prophet auf dem Stuhl Petri, setzte dieses Zeichen am 8. Juli 2013. Er traf Einheimische und Bootsflüchtlinge, bei einer Bootsfahrt vor der Küste warf der Papst einen Kranz ins Mittelmeer – zum Gedenken an die Menschen, die bei der gefährlichen Überfahrt von Nordafrika ums Leben kamen. Zu diesem Zeitpunkt schätzte man die Zahl der dabei ertrunkenen oder verdursteten auf mindestens 20.000.
In seiner Predigt bei der Messfeier im Hafen von Lampedusa beklagte der Papst – inzwischen vielzitiert – die heutige „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Diese mache alle zu „anonymen Verantwortlichen ohne Namen und ohne Gesicht“. Immer wieder erreichten ihn Nachrichten über umgekommene Bootsflüchtlinge und hätten sich wie ein Stich ins Herz angefühlt, sagte Franziskus. „Und da habe ich gespürt, dass ich heute hierher kommen musste, um zu beten, um eine Geste der Nähe zu setzen, aber auch um unsere Gewissen wachzurütteln, damit sich das Vorgefallene nicht wiederhole.“ Franziskus richtete bei der Messe auch Grüße an die muslimischen Flüchtlinge. „Die Kirche ist euch nahe auf eurer Suche nach einem würdevolleren Leben für euch und eure Familien.“
Ich war immer papstkritisch, die Glorifizierung des „Heiligen Vaters“ (wenn, dann ist das Gott!) ist mir unangenehm. Paul VI., der erste Papst meiner Erinnerung, war mir zu langweilig, Johannes Paul I. zu kurz im Amt, Johannes Paul II. zu lang im Amt, Benedikt XVI. zu knöchern. Aber Franziskus, der nach seiner Wahl mit Buona Sera grüßte, mit einem geschenkten gebrauchten Kleinwagen herumfährt und zum Entsetzen seiner Securitys spontan an einer Roma-Siedlung halten lässt, völlig überraschte Briefschreiber anruft, Straßenzeitungen lange Interviews gibt, rund um den Petersplatz Duschen für Obdachlose bauen lässt, Hölderlin-Gedichte, Tango und den Fußballklub von San Lorenzo liebt – auf den steh ich total.
Adventmails 2015/10 (Flucht)
Kurz vor Weihnachten soll es nochmals in Erinnerung gerufen sein: Ich mag Geschenke. Solche, die ich bekomme, und solche, die ich selber mache. Letztere sind oft Produkte steter und doch unangestrengter Aufmerksamkeit, was dieser oder jener Person wohl gefallen könnte, und oft hab ich schon einen Fundus und bin froh über Anlässe, um Erworbenes wieder loszuwerden.
Manche meiner Nachkommen – ich will jetzt keine Namen nennen – sind in Bezug auf Geschenkemachen deutlich weniger … wie soll ich’s sagen … fokussiert. Die mehr oder minder liebevoll gestalteten Gutscheine für die Eltern zu Festtagen sind Legion. Manches davon, z.B. eine noch nicht konkretisierte gemeinsame Billard-Unternehmung, geriet (fast) schon in Vergessenheit.
Ende November jedoch, immerhin schon zwei Monate nach meinem Geburtstag, hieß es: „Room Escape“! Das ist ein Spiel, bei dem sich eine Gruppe von bis zu vier Personen durch Benutzung ihrer grauen Zellen aus einer ebensolchen befreien muss und dafür exakt 60 Minuten Zeit hat. Gregor und ich saßen in vier m2 in einem Eventkeller im 9. Wiener Bezirk, Moritz und Fabian in der gegenüberliegenden Zelle, und wir mussten in Sträflingskleidung versteckte Hinweise finden und Logikaufgaben lösen, um erst aus den Zellen und dann aus dem davorliegenden Room zu escapen. Es war sauschwer, und wir waren so knapp an der Lösung dran, dass uns der Veranstalter nach Ablauf der Stunde noch den letzten Code in eine Safe-Tastatur eingeben ließ.
Derlei kooperative Spiele boomen derzeit (OpenTheDoor, Exitthink, Smart Rooms), „Room escape“ hat Spaß gemacht. Wie überhaupt gemeinsame Unternehmungen ein Hit in etwaigen Söhnegeschenken an ihren Vater sind. Wie ich – kurz vor Weihnachten – nur mal anmerken wollte…
PS: „Room escape“ hat eine Facebook-Seite, und beim Eintrag am 25. November ist jenes Foto zu sehen, das besagter Veranstalter von uns im Gefängnis geschossen hat. Voilà:

Adventmails 2015/09 (Flucht)
Es ist Dienstag, der 8. Dezember, 15.20 Uhr, und ich erlege mir Regeln auf: „Ausflüchte“ googeln, auf News klicken und, egal was dabei rauskommt, den aktuellsten Eintrag als Thema dieses Adventmails nehmen…
Ergebnis ist folgende Schlagzeile des US-Korrespondenten der Berliner Tageszeitung „Die Welt“: „Obama will keinen Krieg gegen den Islam“. Es geht um die Fernsehbotschaft aus Weißen Haus an die Nation, kurz nach dem islamistischen Anschlag in San Bernardino.
Der US-Präsidenten wandte sich darin gegen Pauschalurteile gegen den Islam insgesamt. Nur eine sehr kleine Minderheit unter den Muslimen weltweit und in den USA paktierten mit den IS-Killern. Obama räumte aber ein, dass sich in einigen muslimischen Gemeinschaften eine extremistische Ideologie ausgebreitet habe. „Dies ist ein Problem, das die Muslime angehen müssen, ohne Ausflüchte.“
Da haben wir sie also, die Ausflüchte. Es geht nicht um Politikerausflüchte, sondern um „die Muslime“. Hm. Ich versuche mir grad vorzustellen, wie „die Christen“ mit dem Problem umzugehen hätten, dass der am Heiligen Abend (!) vor genau 150 Jahren (!) gegründete Ku-Klux-Klan immer noch sein Unwesen treibt, ja seit der Wahl von Barack Obama zum Präsidenten im Jahr 2008 neuen Zulauf verzeichnet. Diese rassistische Terrorbande, die sich selbst als eine radikal protestantische Organisation betrachtet und zuletzt gezielt schwarze Kirchengemeinden attackierte, konnte in einem Mutterland der Demokratie noch nicht unschädlich gemacht werden??, könnten sich Muslime fragen. Und, mit derselben „Logik“: Wo bleibt die Fatwa des Papstes gegen den Ku-Klux-Klan?
Also doch Politikerausflüchte. Denn der Staat mit seinem Gewaltmonopol und nicht die Religionsgemeinschaften sind zuallererst dafür zuständig, in ihrem Bereich gegen Terror – woher dieser auch immer kommt – vorzugehen und die Sicherheit der BürgerInnen zu gewährleisten. Und da fiele mir für die USA schnell was ein: Waffenverkäufe beschränken, Menschenrechte verteidigen statt aushöhlen (Guantanamo!, Patriot Act!), soziale Ungleichheiten eindämmen usw.
Adventmails 2015/08 (Flucht)
Die frühere EU-Außenministerin Catherine Ashton hat eine stark ausgeprägte Retrogenie bzw. Opisthogenie, wie man ein „fliehendes Kinn“ medizinisch-veraltet nennt. Ich erzähle aber heute über den russischen Box-Exweltmeister Nikolai Walujew, der eine extrem fliehende Stirn hat und auch sonst jemand ist, dem nachts zu begegnen einem schreckhaften Menschen mit Herzschwäche schlecht bekommen würde. Aber seht selbst:

Schon als 12-Jähriger war Nikolai 1,96 m groß, kein Wunder, dass er seine sportliche Karriere als Basketballer begann. Mit 20 – inzwischen 2,13 m hoch – wandte er sich dem Boxen zu, als Amateur in nur 15 Kämpfen aber wenig erfolgreich. Dann als Profi erlitt Walujew unter seinem Kampfnamen „The Beast from the East“ in 53 Kämpfen nur 2 Niederlagen, jeweils als amtierender WBA-Weltmeister. Gegen die ukrainischen Brüder Vitali (47 Siege, 2 Niederlagen) und Wladimir Klitschko (68:4), beide sicher bessere Boxer als Walujew, trat der ungelenk wirkende Russe niemals an. Wie Vitali, heute Bürgermeister von Kiew, hat er politische Ambitionen: Seit 2011 sitzt Walujew in der russischen Duma.
Als ich „fliehende Stirn“ in Wikipedia eingab, stieß ich zu meiner Verblüffung auf die ausnehmend attraktiv dargestellte Nofretete (ihr Name Neferet-iti bedeutet „Die Schöne ist gekommen“). Frühere Porträts von ihr als jenes berühmte aus dem Ägyptischen Museum Berlin weisen besagtes Körpermerkmal wie auch bei ihrem Göttergatten Echnaton auf.
Unter „fliehendes Kinn“ fand ich die Sandsteinskulptur “Lächelnde Madonna“, entstanden um 1260 im heutigen Bayern. Sie entspricht im Unterschied zu den meisten Mariendarstellungen keinem Schönheitsideal: „Die rundliche Form, die leicht gewölbte Stirn, das fliehende Kinn orientieren sich wohl an einem realen Modell“, vermutet Wikipedia.
Das erinnert mich an eine der vielen ausgeschnittenen Zeitungskuriositäten, die in meinem Klo kleben: „Wer war Maria?“, heißt es in einem Schnipsel aus der „Zeitung“ namens „Österreich“. „Experten enthüllen ihre letzten Geheimnisse: Sie war schön, schlank und 1,50 m groß. Und sie war keine Jungfrau.“
Menschliches, Allzumenschliches von Nikolai Walujew bis Mirjam von Nazareth – und das am Marienfeiertag.
Adventmails 2015/07 (Flucht)
Mein Kollege Franz, der mit mir ein Redaktionszimmer teilt, mokiert sich gerne über ungewöhnliche Konjunktive starker Verben. Als neulich ein Bericht der mit uns kooperierenden deutschen Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) das Wort „flöhen“ enthielt, schüttelte er belustigt den Kopf und besserte aus auf „würden … fliehen“.
In mir hat er diesbezüglich keinen Verbündeten. Ich schätze Konjunktive starker Verben wie „böten“, „schliefen“, „schlügen“, „vergäßen“ oder eben „flöhen“. Sie gehören wie Genitive zu einer fast schon verfolgten Minderheit, denen meine Sympathie gilt.
Und ich habe Freude an doppeldeutigen Aussagen wie dem Klassiker: Der gefangene Floh/der Gefangene floh. Oder: Er hat in Havanna L/liebe G/genossen. Hast du schon einmal T/tote F/fliegen gesehen?
Dass mich der Arzt als nächsten ansieht, wäre mir lieb, aber noch lieber, dass er mich als Nächsten ansieht.
Und vielleicht wird man in ein paar Jahren von mir sagen: Wäre er doch nur D/dichter!
Adventmails 2015/06 (Flucht)
Heute schreibt hier meine Schwägerin, die kürzlich gemeinsam mit meinem Bruder spontane Notquartier-Gastgeberin einer syrischen Familie war. Danke, Fiona!
Freitag, der 23.10.2015: Andreas ist wie fast jeden Freitag beim Fußball. Ich bin mit Theo (1 ½) zuhause und lese mit, was gerade in der WhatsApp-Gruppe über die aktuelle Lage am Hauptbahnhof Graz geschrieben wird. Je später der Abend, umso gewisser die Tatsache – heute werden zum ersten Mal nicht alle Flüchtlinge im letzten Zug „Direction Germany“ Platz finden. Die Transitlager sind – gleich wie der 20-Uhr-Zug – bis zum Bersten gefüllt, und die ersten Ankömmlinge versuchen sich den kalten Betonboden im Nordtunnel mithilfe einiger weniger Decken gemütlicher zu machen. Ein wenig erfolgversprechendes Unterfangen. Ich verspüre so etwas wie schlechtes Gewissen in meiner wohlig warmen 126m2-Wohnung inkl. leerem Gästezimmer, all das fünf Gehminuten vom Bahnhof entfernt.
Nach mehreren Versuchen erreiche ich Andreas am Telefon, schildere ihm kurz die Lage. Er überlegt nicht lange und sagt ja. Ich bitte Medina, eine Freundin vor Ort, eine Familie zu mir zu bringen, denn Theo schläft bereits, selbst kann ich die Wohnung somit nicht verlassen. Ich merke, wie ich während der Vorbereitungen (oberflächlicher Schnellputz, Betten überziehen etc.) zunehmend nervöser werde.
Kurz vor 24 Uhr ist es dann soweit. Medina steht mit 3 Erwachsenen und 2 Kindern, die sie soeben am Bahnhof geweckt hat, vor der Türe. Ich bin erleichtert, alle machen einen sehr sympathischen Eindruck und sprechen Englisch. Die beiden Mädchen schlafen tief und fest in den Armen ihrer Eltern, die ältere ist jedoch krank und hat leichtes Fieber. Kurz nach den Gästen kommt auch Andreas zuhause an und sucht sofort eifrig nach Gewand, das den beiden Männern passen könnte. Sie erzählen uns, dass sie seit 15 Tagen in keinem Bett geschlafen haben und auch keine Möglichkeit hatten zu duschen und etwas Frisches anzuziehen. Wir bieten ihnen an, bei uns zu duschen; die beiden Männer deuten sofort auf die Frau, weil sie entweder nicht davon ausgehen, dass das Wasser für alle reicht, oder sie nicht unverschämt erscheinen wollen. Letztendlich verbringen alle drei jeweils eine knappe halbe Stunde im Bad und verlassen es strahlend. Ich kann nur erahnen, wie sich eine simple Dusche anfühlen muss nach so langer Zeit.
Noor und Mustafa sind Mitte/Ende 20 und die Eltern von Maya (3) und Masa (2). Talal ist 25 und der Bruder von Mustafa. Sie kommen aus Idlib/Syrien und haben studiert, bevor sich die Situation in den letzten Jahren immer weiter zugespitzt hat. Sie wollen weiter nach Schweden, da der Bruder von Noor bereits seit über einem Jahr dort lebt.
Irgendwann gegen 1 Uhr wird Theo durch die fremden Stimmen aus dem Vorraum wach und kann seinen Augen kaum trauen – da spielt ein fremdes kleines Mädchen vergnügt in seinem Bällchenbad. An Schlaf ist jetzt erst mal nicht zu denken, stattdessen wird ausgiebig gemeinsam gespielt.
Nach einem ausgiebigen Frühstück und einer herzlichen Verabschiedung begleite ich die Gäste am nächsten Tag zum Bahnhof. Sobald sie WLAN-Empfang haben, melden sie sich und halten uns auf dem Laufenden. Es dauert fünf Tage, bis sie in Schweden ankommen. Nach einigen Quartierwechseln sind sie mittlerweile in Vetlanda untergebracht und fühlen sich dort sehr wohl.
Seit diesem Wochenende Ende Oktober stehen wir fast täglich in Kontakt und besprechen über Facebook und WhatsApp alles, was uns bewegt; von den neuesten Entwicklungen des Asylverfahrens über die Situation in Syrien bis hin zu unseren Kindern und Alltagsgeschichten. Die außergewöhnlichen Umstände unseres Kennenlernens scheinen eine besondere Verbindung zwischen uns bewirkt zu haben. Ich freue mich darauf, unsere Freunde eines Tages in Schweden zu besuchen.
Adventmails 2015/05 (Flucht)
Es war an einem Sonntag Anfang September, als ich Schuhe und Kleidung, die ich entbehren konnte, in eine Tasche packte und mit meiner Liebsten nach Nickelsdorf düste. Am Grenzübergang trafen wir wenige Flüchtlinge, die diese Dinge bekommen sollten, erst recht keine im Sammellager, wo sich Dutzende ähnlicher Taschen und Säcke stapelten und die freiwilligen Helferinnen sichtlich überfordert mit dem Ordnen waren.
In den Social Media wurde Kritik laut, die gespendete Kleidung sei für viele eher Altkleider-Entsorgung als Spende. Ich geb’s zu, ein bissi fühlte ich mich da mitgemeint; etliche meiner weggegebenen Sachen hatte ich schon jahrelang nicht mehr benützt.
Du kannst ruhig etwas großzügiger sein, sagte ich mir selbst und bestellte drei T-Shirts mit der Aufschrift „Refugees welcome“ von der gleichnamigen Privatinitiative, die diese Botschaft mit Spenden für Flüchtlinge verbindet. Und die mir schon allein deshalb sympathisch ist, weil Karin M., eine geschätzte ehemalige Kollegin bei der Katholischen Jugend, dabei federführend ist. Zwei der Shirts verschenkte ich an meine jüngeren Söhne, eins behielt ich mir selbst.
Um ehrlich zu sein: Mich beschäftigt seither der Gedanke, dass Fabian oder Moritz wegen des Slogans auf ihrer Brust blöd angemacht werden könnten. Es gibt ja derzeit genug Idioten, die sich von sowas provoziert fühlen und vermeintlichen „Verrätern“ in entsprechender Stimmung gerne einbläuen (!), dass mia Österreicha Furrang vor dena Auslända hom. Noch nie hatte ich mir bei politischen Botschaften auf T-Shirts ein derart unbehagliches Gefühl. Das muss an der polarisierend aufgeheizten Stimmung liegen. Ingeborg Bachmann hatte wohl recht: Es kommen härtere Tage. (www.lyrikline.org/de/gedichte/die-gestundete-zeit-264)