„Die reichen Staaten sollten sich auf eine andere, gewaltige Flüchtlingsbewegung gefasst machen: die Klimaflüchtlinge.“ So beginnt ein Gastbeitrag des Hamburger Rechtsphilosophen Reinhard Merkel im Feuilletonteil der FAZ (22.9.2015). Als „Jahrhundert des Flüchtlings“ bezeichnete 1995 ein Bericht des UN-Hochkommissariats für Flüchtlinge das zwanzigste Jahrhundert. „Heute wissen wir, dass es das 21. sein wird“, meint Merkel. Die gegenwärtige Flüchtlingskrise in Europa sei Vorbotin eines künftigen Zustands der Welt, der bleiben wird: eines Zeitalters erzwungener Migration. „Kriege, Bürgerkriege, Naturkatastrophen und Armut wird es geben, wie es sie immer gab, und wie eh und je werden sie unzählige Menschen zum Verlassen ihrer Heimat nötigen. Aber ihr Anteil am Umfang der globalen Migration wird in den kommenden Jahrzehnten weit übertroffen werden vom Einfluss eines anderen Verursachers: dem des Klimawandels.“
So, jetzt male ich mal schwarz: Wenn schon ein regional überschaubarer Konflikt eine solche Entsolidarisierung auslöst wie jener in den ISIS-Staaten Syrien und Irak, was geschieht dann erst, wenn – wie von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon schon 2009 prognostiziert – die klimabedingte Völkerwanderung vor 2050 bis zu 350 Millionen Flüchtlinge auf den Weg bringt? Die Abschottung würde ebenso gigantisch wie aussichtslos sein, um ihre Existenz Gebrachte würden als „Wirtschaftsflüchtlinge“ abgewiesen, und in Europa rechtfertigte man all dies mit notwendigem Schutz vor aufgebauschten Bedrohungen. „Wir können nicht die ganze Welt aufnehmen!“, „Sollen doch auch einmal die Saudis/Amerikaner/Chinesen…!“, „Die haben doch eine ganz andere Kultur/Religion/Mentalität!“ – solche Sätze werden zu hören sein und sind es schon, der Nationalismus wird blühen, und der Aggression nach außen werden innerstaatliche Gräben entsprechen.
Würde ich in einem stracheregierten Österreich noch gerne leben wollen? Nein, aber ich würde durchzutauchen suchen, in der Hoffnung auf Einsicht bei der nächsten Wahl.
„Da wird ei‘m halt angst und bang,/ Die Wöd steht auf kaan’ Foi mehr lang“, sang Johann Nestroy 1833 als fatalistischer Schuster Knieriem angesichts des drohenden Kometen. 15 Jahre später kam es zwar nicht zu einem Einschlag, aber zu einer Revolution. Heute heißt dieser Komet Klimaerwärmung – und was kommt in 15 Jahren?