Adventmails 2015/05 (Flucht)

Es war an einem Sonntag Anfang September, als ich Schuhe und Kleidung, die ich entbehren konnte, in eine Tasche packte und mit meiner Liebsten nach Nickelsdorf düste. Am Grenzübergang trafen wir wenige Flüchtlinge, die diese Dinge bekommen sollten, erst recht keine im Sammellager, wo sich Dutzende ähnlicher Taschen und Säcke stapelten und die freiwilligen Helferinnen sichtlich überfordert mit dem Ordnen waren.
In den Social Media wurde Kritik laut, die gespendete Kleidung sei für viele eher Altkleider-Entsorgung als Spende. Ich geb’s zu, ein bissi fühlte ich mich da mitgemeint; etliche meiner weggegebenen Sachen hatte ich schon jahrelang nicht mehr benützt.
Du kannst ruhig etwas großzügiger sein, sagte ich mir selbst und bestellte drei T-Shirts mit der Aufschrift „Refugees welcome“ von der gleichnamigen Privatinitiative, die diese Botschaft mit Spenden für Flüchtlinge verbindet. Und die mir schon allein deshalb sympathisch ist, weil Karin M., eine geschätzte ehemalige Kollegin bei der Katholischen Jugend, dabei federführend ist. Zwei der Shirts verschenkte ich an meine jüngeren Söhne, eins behielt ich mir selbst.
Um ehrlich zu sein: Mich beschäftigt seither der Gedanke, dass Fabian oder Moritz wegen des Slogans auf ihrer Brust blöd angemacht werden könnten. Es gibt ja derzeit genug Idioten, die sich von sowas provoziert fühlen und vermeintlichen „Verrätern“ in entsprechender Stimmung gerne einbläuen (!), dass mia Österreicha Furrang vor dena Auslända hom. Noch nie hatte ich mir bei politischen Botschaften auf T-Shirts ein derart unbehagliches Gefühl. Das muss an der polarisierend aufgeheizten Stimmung liegen. Ingeborg Bachmann hatte wohl recht: Es kommen härtere Tage. (www.lyrikline.org/de/gedichte/die-gestundete-zeit-264)

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