Adventmails 2015/06 (Flucht)

Heute schreibt hier meine Schwägerin, die kürzlich gemeinsam mit meinem Bruder spontane Notquartier-Gastgeberin einer syrischen Familie war. Danke, Fiona!
Freitag, der 23.10.2015: Andreas ist wie fast jeden Freitag beim Fußball. Ich bin mit Theo (1 ½) zuhause und lese mit, was gerade in der WhatsApp-Gruppe über die aktuelle Lage am Hauptbahnhof Graz geschrieben wird. Je später der Abend, umso gewisser die Tatsache – heute werden zum ersten Mal nicht alle Flüchtlinge im letzten Zug „Direction Germany“ Platz finden. Die Transitlager sind – gleich wie der 20-Uhr-Zug – bis zum Bersten gefüllt, und die ersten Ankömmlinge versuchen sich den kalten Betonboden im Nordtunnel mithilfe einiger weniger Decken gemütlicher zu machen. Ein wenig erfolgversprechendes Unterfangen. Ich verspüre so etwas wie schlechtes Gewissen in meiner wohlig warmen 126m2-Wohnung inkl. leerem Gästezimmer, all das fünf Gehminuten vom Bahnhof entfernt.
Nach mehreren Versuchen erreiche ich Andreas am Telefon, schildere ihm kurz die Lage. Er überlegt nicht lange und sagt ja. Ich bitte Medina, eine Freundin vor Ort, eine Familie zu mir zu bringen, denn Theo schläft bereits, selbst kann ich die Wohnung somit nicht verlassen. Ich merke, wie ich während der Vorbereitungen (oberflächlicher Schnellputz, Betten überziehen etc.) zunehmend nervöser werde.
Kurz vor 24 Uhr ist es dann soweit. Medina steht mit 3 Erwachsenen und 2 Kindern, die sie soeben am Bahnhof geweckt hat, vor der Türe. Ich bin erleichtert, alle machen einen sehr sympathischen Eindruck und sprechen Englisch. Die beiden Mädchen schlafen tief und fest in den Armen ihrer Eltern, die ältere ist jedoch krank und hat leichtes Fieber. Kurz nach den Gästen kommt auch Andreas zuhause an und sucht sofort eifrig nach Gewand, das den beiden Männern passen könnte. Sie erzählen uns, dass sie seit 15 Tagen in keinem Bett geschlafen haben und auch keine Möglichkeit hatten zu duschen und etwas Frisches anzuziehen. Wir bieten ihnen an, bei uns zu duschen; die beiden Männer deuten sofort auf die Frau, weil sie entweder nicht davon ausgehen, dass das Wasser für alle reicht, oder sie nicht unverschämt erscheinen wollen. Letztendlich verbringen alle drei jeweils eine knappe halbe Stunde im Bad und verlassen es strahlend. Ich kann nur erahnen, wie sich eine simple Dusche anfühlen muss nach so langer Zeit.
Noor und Mustafa sind Mitte/Ende 20 und die Eltern von Maya (3) und Masa (2). Talal ist 25 und der Bruder von Mustafa. Sie kommen aus Idlib/Syrien und haben studiert, bevor sich die Situation in den letzten Jahren immer weiter zugespitzt hat. Sie wollen weiter nach Schweden, da der Bruder von Noor bereits seit über einem Jahr dort lebt.
Irgendwann gegen 1 Uhr wird Theo durch die fremden Stimmen aus dem Vorraum wach und kann seinen Augen kaum trauen – da spielt ein fremdes kleines Mädchen vergnügt in seinem Bällchenbad. An Schlaf ist jetzt erst mal nicht zu denken, stattdessen wird ausgiebig gemeinsam gespielt.
Nach einem ausgiebigen Frühstück und einer herzlichen Verabschiedung begleite ich die Gäste am nächsten Tag zum Bahnhof. Sobald sie WLAN-Empfang haben, melden sie sich und halten uns auf dem Laufenden. Es dauert fünf Tage, bis sie in Schweden ankommen. Nach einigen Quartierwechseln sind sie mittlerweile in Vetlanda untergebracht und fühlen sich dort sehr wohl.
Seit diesem Wochenende Ende Oktober stehen wir fast täglich in Kontakt und besprechen über Facebook und WhatsApp alles, was uns bewegt; von den neuesten Entwicklungen des Asylverfahrens über die Situation in Syrien bis hin zu unseren Kindern und Alltagsgeschichten. Die außergewöhnlichen Umstände unseres Kennenlernens scheinen eine besondere Verbindung zwischen uns bewirkt zu haben. Ich freue mich darauf, unsere Freunde eines Tages in Schweden zu besuchen.

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