Die Insel Lampedusa, mit rund 20 km2 Fläche etwa so klein wie die zu Wien gehörenden Wasserflächen, liegt – man kann es so drastisch sagen – am Arsch von Europa: 100 km südlicher als Tunis, etwa auf der Höhe von Kreta und Zypern, die Luftlinie von Rom dorthin ist ähnlich lang wie jene von Rom nach Österreich. In ihrem Namen steckt „Lampa“, das Licht des Leuchtturms, und der verspricht Rettung mitten im Meer. Lampedusa war immer Stützpunkt für Schiffbrüchige und Durchreisende aus Europa nach Afrika und umgekehrt.
Wenn die erste Reise eines neugewählten Papstes nicht in die politischen Machtzentren der Welt führt, nicht in die Metropolen der Ökumene oder in Städte mit prachtvollen Bischofskirchen und auch nicht in die Sommerresidenz Castel Gandolfo, sondern auf das kleine, arme, von Flüchtlingsschicksalen umbrandete Lampedusa, dann ist das ein Zeichen. Franziskus, der Prophet auf dem Stuhl Petri, setzte dieses Zeichen am 8. Juli 2013. Er traf Einheimische und Bootsflüchtlinge, bei einer Bootsfahrt vor der Küste warf der Papst einen Kranz ins Mittelmeer – zum Gedenken an die Menschen, die bei der gefährlichen Überfahrt von Nordafrika ums Leben kamen. Zu diesem Zeitpunkt schätzte man die Zahl der dabei ertrunkenen oder verdursteten auf mindestens 20.000.
In seiner Predigt bei der Messfeier im Hafen von Lampedusa beklagte der Papst – inzwischen vielzitiert – die heutige „Globalisierung der Gleichgültigkeit“. Diese mache alle zu „anonymen Verantwortlichen ohne Namen und ohne Gesicht“. Immer wieder erreichten ihn Nachrichten über umgekommene Bootsflüchtlinge und hätten sich wie ein Stich ins Herz angefühlt, sagte Franziskus. „Und da habe ich gespürt, dass ich heute hierher kommen musste, um zu beten, um eine Geste der Nähe zu setzen, aber auch um unsere Gewissen wachzurütteln, damit sich das Vorgefallene nicht wiederhole.“ Franziskus richtete bei der Messe auch Grüße an die muslimischen Flüchtlinge. „Die Kirche ist euch nahe auf eurer Suche nach einem würdevolleren Leben für euch und eure Familien.“
Ich war immer papstkritisch, die Glorifizierung des „Heiligen Vaters“ (wenn, dann ist das Gott!) ist mir unangenehm. Paul VI., der erste Papst meiner Erinnerung, war mir zu langweilig, Johannes Paul I. zu kurz im Amt, Johannes Paul II. zu lang im Amt, Benedikt XVI. zu knöchern. Aber Franziskus, der nach seiner Wahl mit Buona Sera grüßte, mit einem geschenkten gebrauchten Kleinwagen herumfährt und zum Entsetzen seiner Securitys spontan an einer Roma-Siedlung halten lässt, völlig überraschte Briefschreiber anruft, Straßenzeitungen lange Interviews gibt, rund um den Petersplatz Duschen für Obdachlose bauen lässt, Hölderlin-Gedichte, Tango und den Fußballklub von San Lorenzo liebt – auf den steh ich total.