Adventmails 2015/12 (Flucht)

„Was ich noch zu sagen hätte,/ dauert eine Zigarette/ und ein letztes Glas im Steh’n“, sang Reinhard Mey einst. Dieses „letzte Glas“ nennt man in der Schweiz „Herrgöttli“, in deutschen Landen „Scheidebecher“, „Absacker“ oder „Schlürschluck“. Und bei uns in (Ost-)Osterreich „Fluchtachterl“.
In der Online-Version des Österreichischen Wörterbuches (www.oesterreichisch.net) ist „Fluchtachterl“ zwischen „Flitscherl“ (leichtlebige Frau) und „Flügerl“ (Getränk aus Red Bull und Wodka) eingetragen und als „letztes Glas Wein vor dem Aufbruch“ beschrieben.
Die Bezeichnung Scheidebecher stammt ursprünglich aus dem norddeutschen bzw. westfälischen Raum. Das hinderte den österreichischen Paradedichter Franz „Es ist ein gutes Land“ Grillparzer aber nicht daran, das Piefkewort in „Worte des Abschieds“ zu verwenden: „Und da Gefühle mitgefühlt nur heilen, / Vergiß auch du uns nicht, die schwach und jung, / Und wie wir heut den Scheidebecher teilen, / So teile mit uns – die Erinnerung.“
Das ist brav gedichtet, Grillparzerl. Aber besser – und österreichischer – wäre doch gewesen:
Mehr als jedes Fluchtachterl
gilt etwas als ein Suchtmachterl,
das grad, wenn Gottes Lichtbringerl
erfreut auch alle Nichtsingerl:
Es leckt sich jedes Kind’s Züngerl,
wenn’s gibt die süßen Windringerl,
und auch die Hochge-Nusskipferl*
sind niemals ein Verdrussgipferl.
Und ruft man mich zum Festschluckerl;
ich lieber im Geäst** huckerl
und füll mein Süßigkeitenbäucherl,
wie’s ist seit alten Zeiten Bräucherl,
bis zum letzten Friststünderl,
wenn’s kommt, das liebe Christkinderl
Der Baumbehang – ein Suchtmachterl,
mehr als jedes Fluchtachterl.

*besser wäre hier gewesen: Vanillekipferl. Aber: eine Silbe zuviel, und: kein Reim…
**gemeint ist natürlich das Geäst des Christbaums

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