Adventmail 2011/14 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Freundin …
MARTINA, 50, Arbeits- und Gesundheitspsychologin, Wien

1.) Ich hatte bis vor 2 Jahren einen Chef, der alles an sich zog, seither einen, der wenig präsent ist und viel delegiert. Was ist deiner Erfahrung nach der beste Führungsstil? Braucht es neben Teamfähigkeit auch Leadership?
Meiner Erfahrung nach vermissen MitarbeiterInnen häufig Orientierung, Klarheit, Information, Feedback und Anerkennung. Eine gute Führungskraft sorgt dafür, dass daran kein Mangel herrscht. Gelingt das nicht, dann fließt die Energie der MitarbeiterInnen nicht in die gemeinsame Aufgabenbewältigung, sondern in viele unzufriedene Fragen und Diskussionen.

2.) Ich hab den Eindruck, an Büroarbeitsplätzen wie meinem hat sich die soziale Interkommunikation von Raucherkammerln und Kaffeeküchen in Richtung E-Mail-Schreiben und Facebook-Einträge verlagert. Wie viel „Geplauder“ braucht’s, um sich im Job wohlzufühlen?
Ich glaube, die Reduktion der Plauderzeiten am Arbeitsplatz hat nicht nur mit den neuen Technologien und sozialen Netzwerken zu tun. In vielen Betrieben bleibt kaum mehr Zeit für „zweckfreie“ Kommunikation (für zweckmäßige übrigens auch immer weniger;-) Es wird immer üblicher, dass auch in Sitzungen im Internet gesurft wird oder SMS beantwortet werden. Häufig wird angenommen, dass ein Mensch sich gleichzeitig auf zwei Dinge konzentrieren kann und das Schlagwort von der „Multitasking-Fähigkeit“ geht um. In Wirklichkeit ist Aufmerksamkeit immer nur an einer Stelle möglich. D.h., wir befinden uns in einer Zeit der kommunikativen Ungleichzeitigkeit und Zerstreutheit. Alle sind physisch da, aber psychisch doch irgendwo anders.

3.) Ich weiß schon, Ferndiagnosen sind ganz schwierig. Aber: Hast du eine Vorstellung, warum die jetzige Regierung gar so wenig weiterbringt und sich die beiden Koalitionsparteien immer wieder blockieren?
Ich habe Vermutungen.
a.) Die Welt und die zu lösenden Aufgaben sind komplex und es ist nicht mehr so leicht möglich, Lösungen aus dem Bauch zu produzieren. Wenn Politiker selbst nicht mehr alles verstehen, lassen sie sich beraten und bekommen widersprüchliche Auskünfte, das macht sie unsicher und zögerlich. Es ist also alles sehr kompliziert, wie schon der alte Sinowatz sagte.
b.) In unserem Land neigt man zu „kniawachen“ Entscheidungen, also schmiegsame und biegsame Konstrukte, die es allen recht machen wollen. Da kommt dann natürlich kaum ein großer Wurf heraus, denn dazu braucht es den Entschluss, auch gegen Interessen einzelner Gruppen Positionen zu erklären, zu verteidigen und umzusetzen. Aber vielleicht macht ja die aktuelle Finanzkrise genug Druck, um die lang auf der Bank liegenden Reformbrocken endlich anzugehen.
c.) Es würden mir noch mehr Gründe einfallen, aber das wird dann doch zu lang und kompliziert 😉

Adventmail 2011/13 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an die Frau, mit der ich am 13.12. vor 25 Jahren am Traualtar stand und am 13.12. vor 8 Jahren vor dem Scheidungsrichter …
CLAUDIA, 53, Lehrerin und Liedermacherin (www.mitscha.at), Korneuburg

1.) Du schreibst seit Teenagertagen Lieder, die letzte CD ist allerdings schon ein Weilchen her. Was brauchst du, um ein furioses Alterswerk wie Johnny Cash hinzulegen?
Gute Voraussetzungen für meine Kreativität sind a) Anlässe, die mich an- und aufregen, sowie b) viel Zeit und Muße.
Das bedeutet für das Alterswerk, ich müsste vielleicht
a) von einer neuen Leidenschaft gepackt werden: Förderlich ist z.B. eine unerfüllbare erotische Anziehung, vor der man ja auch im Alter nicht gefeit sein soll. Aber es könnte natürlich auch eine politische Herausforderung sein. Kontraproduktiv ist, dass ich den Eindruck habe, ich werde mit dem Älterwerden immer gelassener.
b) eine Pension kassieren, die ein gemütliches Leben erschwinglich macht, und dann die ehrenamtlichen Engagements, für die ich endlich Zeit hätte, sowie Sorgezeiten für Enkelkinder, über die ich mich freuen würde, in strikten Grenzen halten. Dann könnte einmal so richtig Muße einkehren. Was natürlich bedeuten würde, dass ich all die anderen Projekte, die ich bereits für die Pension hege – endlich wieder Blockflöte und Cello spielen, gründlich Französisch oder Spanisch lernen, viel Wandern gehen, einen großen Garten bepflanzen – ein Stück weit zurückstellen müsste.
So gesehen sind die Chancen für ein fulminantes Werk nicht so gut, aber die Kreativität ist unberechenbar, man kann nie wissen. Und irgendwie wäre es schon nett, mit 70 noch „Ich möchte einmal einen Mann vernaschen“ von der Bühne zu trällern, und ein paar neue Songs müsste ich da ergänzend schon zu bieten haben…

2.) Du bist vor einiger Zeit Protestantin geworden. Mir fielen ja einige gute Gründe für einen solchen Schritt ein – was waren deine?
Ein paar ideelle Gründe sind:
– weniger Zentralismus und Hierarchie, keine Überhöhung des Priesteramtes, mehr demokratische Strukturen
– weniger Dogmatismus, Glaube wird stärker individuell verstanden
– weniger moralische Regelsysteme, größere Offenheit für individuelle Lebens- und Beziehungsformen
– Offenheit für Frauen in allen kirchlichen Positionen
Mein persönlicher – und damit letztlich ausschlaggebender – Grund ist, dass ich mich in der evangelischen Gemeinde in Korneuburg wohlfühle und hier das Glück hatte, einer Pfarrerin zu begegnen, mit der ich mich theologisch und menschlich gut verstehe.

3.) Du bist feministische Theologin, die immer wieder mit Musliminnen zu tun hatte. Wie ist deine Meinung zur Kopftuchdebatte?
Als wir vor 25 Jahren in der katholischen Privatschule erstmals ein Mädchen mit Punkfrisur und Nasenflinserl hatten, gab es deswegen große Aufregung (das Nasenflinserl wurde ihr in der Schule verboten!) und alle dachten, ihre Aufmachung wäre Ausdruck einer pubertären Protesthaltung. Bis wir ihre Mutter kennenlernten: die war noch viel extremer aufgemacht. Die Kleidung des Mädchens war also Ausdruck von Anpassung und Loyalität. Was in der Kleidung der anderen gesehen wird, ist meistens eigene Projektion – die wirklichen Motive dahinter sind äußerst vielfältig. Bei Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, umfassen sie alles Mögliche, von Anpassung an Regeln bis hin zu tiefster spiritueller Überzeugung. Im Gespräch mit jungen Studentinnen der 2. Einwanderergeneration hörte ich am häufigsten das Argument, dass sie damit ihre Zugehörigkeit zum Islam zum Ausdruck bringen wollen, und dass das ganz schön viel Mut erfordert. Ich finde es unangemessen, wenn die pauschale Meinung vertreten wird, das muslimische Kopftuch sei grundsätzlich ein Zeichen der Unterdrückung von Frauen. Ich kann hier keinen eindeutigen „Symbolgehalt“ erkennen.
Zu den persönlichen Freiheiten, auf die wir in unserer westlich-liberalen Kultur Wert legen, gehört die Freiheit, sich nach eigenem Geschmack zu kleiden, und die sollte für alle gleichermaßen gelten – wie frei jemand dabei innerlich ist, darüber steht mir kein Urteil zu, es liegt in der Eigenverantwortung derer, die sich so oder anders kleiden.
Von dieser Freiheit würde ich nur ganz pragmatische Ausnahmen gelten lassen: keine High-Heels beim 100-Meter-Lauf, keine Gesichtsverschleierung beim Passfoto, keine tiefsitzend-losen Hosen mit freiem Hinternausblick in Pflege- und Betreuungsberufen (die würde ich ja gern bei mir im Unterricht verbieten! Finde den Anblick meistens eine Zumutung!).

Adventmail 2011/12 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen früheren Schulfreund und Studenten-WG-Mitbewohner
GERNOT, 50, Mediziner, Hamburg

1.) Du bist als „Exilsteirer“ vor einiger Zeit Deutscher geworden. Inwiefern passt das besser zu dir?
Ich bin seit 1997 im Norden und wohne seit 6 Jahren in Hamburg. Die Menschen in Hamburg sind – ganz allgemein – nett, weltoffen, interessiert, wenig ausgrenzend… Großstadt eben, mit einem Schuss „Tor zur Welt“. Obwohl es in der Stadt sehr viele sehr reiche Menschen gibt, gilt Understatement: „Über Geld spricht man nicht, das hat man eben (wenn man Glück hat)“. HH ist die Stadt der Stiftungen: Dies geht von wohltätigen Stiftungen bis hin zu wissenschaftsfördernden.
Persönlich: ich habe hier den Mann fürs Leben gefunden, aber auch Freunde fürs Leben. Für einen schwulen Mann ganz wichtig: In Hamburg wird eine schwule Szene immer uninteressanter, da man hier integriert ist und Freunde nicht nach sexueller Orientierung, sondern nach Interessen aussucht – so wie es sich eben gehört.

2.) Du warst einer von vier MitschülerInnen in der AHS Kapfenberg, die ein Jahr lang via afs-Austauschprogramm im Ausland zur Schule gingen. Hat das deinen Horizont nachhaltig erweitert?
Ja, ganz eindeutig. Ich habe gelernt zu akzeptieren und mich darüber zu freuen, dass Menschen unterschiedlich sind und dadurch viel zur Lebendigkeit im Leben beitragen können – wenn man es will.

3.) Was meinst du als Chefarzt für Psychosomatik: Hat jede Epoche ihre spezifischen (psychischen) Erkrankungen? Und was wären die heute typischen?
Es hat immer psychische Krankheiten gegeben und wird sie immer geben. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Zahl zunimmt, vor allem im Bereich Burnout und Depression. Dies hat sicher einerseits mit der „Leistungsgesellschaft“ zu tun, aber auch damit, dass psychische Krankheiten zunehmend entstigmatisiert sind, die Betroffenen darüber offener sprechen und auch Therapieangebote da sind (böserweise könnte man sagen „Angebot schafft Nachfrage“). Vieles ist beim Alten geblieben: Hysterie im klassischen Sinne gibt es zwar nicht mehr, damit würde man sich heute lächerlich machen. Da muss Betroffene(r) sich was Neues suchen, d.h. der Kern bleibt, aber die Phänomenologie ändert sich.

Adventmail 2011/11 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Cousine
KARIN, 37, Schneiderin und Internethändlerin, Zürich

1.) Liebe Karin, Deine (und meine) Oma nähte selbst das Gewand für ihre neun Kinder, deine Mutter hatte viel Erfolg mit Quilts, und du bietest Selbstgeschneidertes via http://meinkleid.ch im Internet an. Hat deine Tochter Oona die Chance, was Anderes zu lernen?
ja! zumal sie sich in verschiedenster Hinsicht von mir unterscheidet. Pferde und Bauernhöfe stehen grad hoch im Kurs, allerdings kann sie sich auch ein Leben als Prinzessin vorstellen. Den Prinz dazu gibt es auch schon… Ist doch alles sehr sympathisch!! und garantiert anders als bei mir.

2.) „Der einfache Kniff, die schönsten Objekte aus Privathaushalten, Flohmärkten oder Brockenhäusern (=Gebrauchtwarenläden) zu holen und im Internet ansprechend zu präsentieren, hat den Nerv einer anspruchsvollen Kundschaft getroffen“, schrieb das Zürcher „Tagblatt“ über deinen virtuellen Secondhandshop www.secondseconds.com. Immer noch erfolgreich damit?
auch ja!! soeben sind wir von einem munteren und herzerwärmenden OFF-line-Verkauf zurückgekehrt. Da wir unsere Trouvaillen immer noch so lieben, sind wir stets mit Herzblut und Engagement dabei – der beste Motor für den Erfolg.

3.) Gab‘s jemals ein Stück, von dem du dich nicht trennen konntest und es lieber selbst behalten hast?
nochmals ja. immer wieder mal, dann trag ich es, und irgendwann steht es dann doch auf dem Netz. Weil ich dann schon wieder ein neues Lieblingsstück entdeckt habe. Und: ich häng nicht so sehr an Dingen ; )

Adventmail 2011/10 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen liebsten deutschen Arbeitskollegen
HENNING, 35, Journalist und Theologe, Wien

1.) Österreicher liegen im Europa-Vergleich in puncto Fremdenfeindlichkeit an der Spitze. Kriegst du als Piefke auch manchmal dein Fett ab?
Die Fremdenfeindlichkeit gehört ja als „Etikette“ fast schon zu Österreich wie die Alpen. Tatsächlich bin ich bislang aber – außer in freundlich-witzigen Wortfechtereien – nie zum „Opfer“ dieser Fremdenfeindlichkeit geworden. Was mir aber selbst nach acht Jahren als „Zua’groaster“ noch (oder immer mehr?) auffällt, ist das sich vielleicht hinter dem Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ verbergende Motiv einer gewissen nationalen Grund-Neurose – generös und unseriös-allgemein gesprochen: Österreicher leben im ständigen Dilemma, sich selbst in allem zu „Weltmeistern“ (Spenden-, Ski-, …) erklären zu müssen – gerade gegenüber den deutschen Lieblingsnachbarn – zugleich pflegen sie einen ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex. Daraus ergibt sich m.E. ein dringendes Mir-san-Mir-Kuschelbedürfnis und eine ständige Suche nach „nationaler Identität“ – dem die rechten Parteien durch Exklusivitäts-Denken und also Fremdenfeindlichkeit entsprechen. Auf dass diesem „Psychogramm-Versuch“ heftig widersprochen werden möge…

2.) Kannst du nach acht Jahren in Österreich schon unfallfrei „Oachkatzlschwoaf“ sagen?
Die Sprache… schon bei meinen ersten Begegnungen mit „dem Österreicher an sich“ vor nunmehr 16 Jahren in Innsbruck (wo ich meine damalige Freundin und jetzige Frau regelmäßig besuchte) bin ich über die Gutural-Ästhetik der Tiroler gestolpert. Jeder Versuch der Imitation blieb bis heute erfolglos – vor allem, weil ich für eben jene Dialekt-Versuche stets belacht – wenn nicht gar verlacht – wurde. Aber einige Begriffe und Redewendungen habe ich mir eh schon angewöhnt… Was dazu führt, dass meine Eltern mir am Telefon immer wieder sagen, ich solle bitte Deutsch mit ihnen reden…
Im Übrigen wurde mir die Sprachbarriere auch zu einer journalistischen Barriere: und zwar bei meiner Volontariatsbewerbung beim ORF. Dort absolvierte ich leidlich erfolgreich im Jahr 2002 das Assessment-Center und scheiterte dann an der unüberwindbaren Sprach-Hürde: Ich musste einen Text lesen. Juryurteil: „Wir würden sie ja prinzipiell gerne nehmen, aber wissen Sie – die Sprache… das akzeptiert der österreichische Hörer nicht…“ (womit wir wieder bei Frage 1 angekommen wären…)

3.) Du kommst aus einem Land, in dem „Die Zeit“, „FAZ“ und „Süddeutsche“ gelesen werden. Welches österreichische Printmedium kann da am ehesten mithalten?
Ich habe tatsächlich erst durch mein journalistisches Arbeiten in Österreich und mein Mich-Einfinden in den österreichischen Journalismus gemerkt, wie gut eigentlich (dagegen) der deutsche ist… Seit meiner „Immigration“ sind wir Standard-Abonnenten – und ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, welche Zeitung ich sonst lesen sollte. Dennoch vermisse ich – auch durch meine medientheoretisch gelagerten Diss darauf sensibilisiert – sehr eine wirkliche „mediale Öffentlichkeit“ in Österreich. Es gibt Erregungsjournalismus, Kampagnisierungen,… wem sage ich das…, und leider nur einige wenige kleine publizistische Inseln wie den Falter, die Furche, manchmal Standard und Presse, in denen Texte mal mehr als 5.000 Zeichen haben dürfen – aber das war’s aber auch schon. Eine Presse-Diskurskultur, wie man sie etwa in der „Zeit“ erleben kann, in der Journalismus nicht nur in einer spröden Neutralitäts-Akrobatik der Schreibenden besteht, sondern in Argumentation, gibt es so gut wie gar nicht. Vielleicht wäre es ein lohnendes Forschungsfeld, die Krise des Politischen hierzulande als Krise der politischen und damit der medialen Öffentlichkeit zu untersuchen…

Adventmail 2011/09 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Freundin und „Ex-SchwieMu“
CHRISTA, 79, Pensionistin, früher Übersetzerin, Wien

1.) Du bist Jahrgang 1932, hast das erste bewusst erlebte Jahrzehnt deines Lebens in Diktaturen verbracht. Heute herrscht ringsum Krise. Kannst du dich an Lebensphasen erinnern, in der die Stimmung in der Gesellschaft vergleichbar schlecht war?
Meiner Ansicht nach kann man heutige Stimmungen in heutigen Krisen nicht mit denen vergleichen, die ich in meiner Kindheit und Jugend erlebt habe. Unter den Nationalsozialisten war die Situation, zumindest für meine Familie, zutiefst bedrückend und bedrohlich. Der Bombenkrieg war ein Horror, der Einmarsch der Russen in Wien schrecklich und gefährlich. Die Stimmung danach war allerdings sehr gut bei den Menschen, die dachten wie wir: ein Aufatmen, ein Aufbruch, ein Neubeginn! Persönlich habe ich das Gefühl, dass mein Leben im Frühjahr 1945 erst begonnen hat. Vorher hatte ich nur geschlafen, von da an war ich hellwach!

2.) Was macht dir im Blick auf die Zukunft Sorgen? Und was gibt Hoffnung?
Sorgen macht mir die Zukunft meiner Enkel und der noch ungeborenen Urenkel. Werden sie noch mit einem festen Arbeitsplatz, einer adäquaten Alterspension, guter medizinischer Versorgung rechnen können? Auch die zunehmende Verrohung der Gesellschaft macht mir Sorgen.
Hoffnung hingegen gibt mir, dass die Jugend so weltoffen, so international ist. Dass sie tolerant ist (von einigen radikalen Gruppen abgesehen) in Bezug auf Herkunft, Religion, Formen des Zusammenlebens; dass sie sich unserer Verantwortung für die Erde immer bewusster wird…

3.) Welche Ziele hat frau/man im Spätherbst des Lebens noch? Was möchtest du unterbringen in den verbleibenden Jahren?
Ich möchte unbedingt den guten Kontakt zu meiner Familie und zu lieben Freunden weiterpflegen. Es gibt nichts Spezielles, das ich NOCH unterbringen will, kein definierbares Ziel. Ich möchte so lang wie möglich selbstbestimmt und unabhängig bleiben, am kulturellen und geistigen Leben teilnehmen (und sei es nur dank Fernsehen und Internet), und habe vor, alles zu tun, um mich körperlich und vor allem geistig fit zu halten.

Adventmail 2011/08 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen ältesten Sohn…GREGOR, 24, Student, Wien

1.) Du studierst mit Mathematik ein ausgesprochenes „Angstfach“. Warum fällt Mathe deiner Meinung nach vielen so schwer, wenn es doch angeblich die Gesetze wiedergibt, nach denen unsere Welt aufgebaut ist?
Die Frage finde ich schwierig zu beantworten. Du suggerierst, dass die Gesetze, nach denen unsere Welt aufgebaut ist, etwas Einfaches und für jedermann leicht Verständliches sein müssten. Dabei ist unsere Welt doch wahnsinnig kompliziert, und beinhaltet Phänomene, die so unergründlich sind, dass man noch weit entfernt davon ist, sie mit was für Gesetzen auch immer zu beschreiben. Mathematik ist bestenfalls eine Vereinfachung dieser Gesetze, soweit sie sich überhaupt mit ihnen beschäftigt. Um Albert Einstein zu zitieren: „Insofern sich die Sätze der Mathematik auf die Wirklichkeit beziehen, sind sie nicht sicher, und insofern sie sicher sind, beziehen sie sich nicht auf die Wirklichkeit.“
Die Frage sollte also eher lauten: „Warum fällt Mathe deiner Meinung nach vielen so schwer, OBWOHL es NICHT die Gesetze wiedergibt, nach denen unsere Welt aufgebaut ist?“
Warum Mathematik ein Angstfach ist? Einerseits, weil einem Fähigkeiten abverlangt werden, die man im Alltagsleben nicht benötigt und folglich niemals zu erlernen gezwungen wurde (im Gegensatz zu, sagen wir mal, Deutsch oder Turnen), nämlich z.B. das Übersetzen von Textangaben in bestimmte Zahlen- und Buchstabenketten und das Umformen dieser anhand bestimmter festgeschriebener Regeln. Andererseits, weil diese Fähigkeiten vom Schulsystem als besonders wichtig eingestuft werden. Es gibt auch nicht sehr viele Menschen, die ein Instrument perfekt beherrschen oder gut zeichnen können; Musik wäre genauso ein Angstfach, wenn es Schularbeiten gäbe, bei denen jeder falsche Ton mit einem Minuspunkt bestraft und von denen das Aufsteigen in die nächste Schulstufe abhängen würde. Das hat also weniger mit Mathematik selber (und schon gar nichts mit dem, was ich studiere) zu tun, als vielmehr mit der Art, wie ihr Beherrschen in der Schule abgeprüft wird.

Der „Zahlenteufel“ ist ein wirklich nettes Buch über Mathematik für Kinder, von denen es mehr geben sollte.
Bei Populärmathematik für Erwachsene sollte man aufpassen. Oft ist es zu viel Blabla und zu wenig Mathematik. Rudolf Taschner z.B. ist schrecklich.
Empfehlungen:
– „Prime Obsession“, John Derbyshire
– „Poincarés Vermutung“, Donal O’Shea
– „Fermats letzter Satz“, Simon Singh
Realistisch gesehen wird aber niemand über derartige Umwege zur Mathematik finden. Wer sich wirklich interessiert, fängt am besten gleich damit an: http://asc.tuwien.ac.at/funkana/skripten/ANA_I_2011.pdf (mein sehr empfehlenswertes Analysis 1 Skriptum. Setzt fast keine Oberstufenmathematik voraus.)

3.) Der Supercomputer Deep Thought („Per Anhalter durch die Galaxis“) hat „42“ als Antwort auf die Frage aller Fragen, nämlich die „nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest“ errechnet. Was wäre deine Lösung auf diese Frage?
Also bei mir kommt 37 raus. (Rechenfehler…?)

Adventmail 2011/07 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Freundin und „Mit-Cineastin“ (monatliche Kinorunde)…
MICHAELA, Theologin, Philosophin, PR-Beraterin, Autorin

1.) Mein Eindruck: Immer mehr Menschen werden angesichts der heutigen Krisen in Politik, Wirtschaft, Ökologie unzufrieden, doch den Eliten gelingt kein wirklicher Neubeginn. Muss erst alles den Bach runtergehen, bevor was Neues in Fluss kommt?
Die Eliten hinken den Veränderungen nach. Das klingt absurd, ist aber leicht erklärbar. Denn diejenigen, denen es mit dem Status Quo am besten geht, haben naturgemäß das geringste Interesse, die Situation zu verändern. Und sie haben – derzeit jedenfalls noch – auch die Macht, Veränderungen zu blockieren. Wer genau hinschaut, kann jedoch viele Zeichen und auch ganz konkrete Realisierungen von „Neubeginn“ und „Veränderung“ entdecken. Und das auf der ganzen Welt. Ich glaube, dass die Zeit für Systemveränderungen immer reifer wird und die Eliten mit ihrer Blockiererei auf Dauer nicht durchkommen werden. Ich glaube – und hoffe – jedoch nicht, dass es den einen ganz großen Knall geben wird. Das überkommene und zu verändernde „Alte“ wird jetzt schon schleichend durch bessere Alternativen ersetzt (ich denke da z.B. an fairen Handel www.fairtrade.at, gemeinschaftliche Wohnprojekte www.parq.at, kooperative Gemüseprojekte www.ochsenherz.at u.v.m.) und für vieles weitere gibt es sehr konkrete und realistische Vorschläge, was zu tun wäre, nicht zuletzt im Hinblick auf den Umgang mit der aktuellen Finanz- und Schuldenkrise – www.wege-aus-der-krise.at.
Irgendwann werden die vielen kleinen Projekte der Weltveränderung zum großen Umbruch führen – so jedenfalls meine Hoffnung, für die es zum Glück auch bei paar historische Bestätigungen gibt – und bis dahin heißt es für uns alle, den Eliten weiter hin und immer die Glaubwürdigkeit abzusprechen und zu entziehen und weiter an verschiedenen Veränderungsprojekten zu arbeiten, damit die kritische Masse, der kleine vielleicht alles entscheidende Tropfen … eher schneller als langsamer erreicht wird.

2.) Würde die Welt anders aussehen, wenn es mehr Frauen an der Macht gäbe?
Hier möchte ich – auch aus aktuellem und traurigem Anlass ihres Todes – die klugen Worte der von mir hochverehrten Christa Wolf zitieren:
„Ich behaupte nicht, Frauen seien von Natur aus mehr als Männer vor politischem Wahndenken, vor Wirklichkeitsflucht gefeit. Nur: Eine bestimmte geschichtliche Phase hat ihnen die Voraussetzungen gegeben, einen Lebensanspruch für Männer mit auszudrücken … Wir werden uns daran gewöhnen müssen, daß Frauen nicht mehr nur nach Gleichberechtigung, sondern nach neuen Lebensformen suchen. Vernunft, Sinnlichkeit, Glückssehnsucht setzen sie dem bloßen Nützlichkeitsdenken und Pragmatismus entgegen – jener ‚Ratio‘, die sich selbst betrügt: Als könne eine Menschheit zugleich wachsende Anteile ihres Reichtums für Massenvernichtungsmittel ausgeben und ‚glücklich‘ sein; als könne es ’normale‘ Beziehungen unter Menschen irgendwo auf der Welt geben, solange eine Hälfte der Menschheit unterernährt ist oder Hungers stirbt. Das sind Wahnideen. Es kommt mir vor, daß Frauen, denen ihr neu und mühsam erworbener Realitätsbezug kostbar ist, gegen solchen Wahn eher immun sind als Männer. Und daß die produktive Energie dieser Frauen deshalb eine Hoffnung ist.“

3.) Michaela, du stehst für Organisationen wie Armutskonferenz und Schuldnerberatungen, bist als EAPN-Vizepräsidentin ständig in Europa unterwegs, hältst Vorträge und schreibst Artikel über gutes Leben… Damit du letzteres auch selbst ausreichend hast: Wo sind deine Erholungsoasen?
Mein wichtigstes und liebstes „Erholungsprogramm“ ist das Kochen. Ich liebe alles daran: Das Rezepte aussuchen oder ausdenken, das Einkaufen gehen, das Schneiden und Rühren und Schnuppern und Brutzeln – und natürlich auch das Essen. Kochen ist entspannend und anregend, sinnlich und kreativ – und es ist DIE Tätigkeit in meinem Leben, auf die ich am wenigsten verzichten könnte und möchte. Beim Kochen lassen sich ferne Länder, bis dato unbekannte Geschmäcker und Gerüche und damit auch neue Welten entdecken, wildes Experimentieren ist genauso möglich wie das Eintauchen in Kindheitserinnerungen und Altbewährtes.
Und weil immer mehr meine FreundInnen wissen woll(t)en, was ich grade koche und WIE das geht, hab ich unlängst einen kleinen Kochblog zu befüllen begonnen: http://michaelakocht.tumblr.com/

Adventmail 2011/06 (Drei Fragen an…)


3 Fragen an meinen früheren WG-Mitbewohner und Studienkollegen in Graz,
FREDERIK, 51, Märchenerzähler, Kumberg (www.freudeanmaerchen.at)

1.) Du hast den wohl ungewöhnlichsten Beruf unter meinen AdventmailbezieherInnen, bist seit 1989 Märchenerzähler. Was für einen Rahmen brauchst du bzw. schaffst du dir, um eine Geschichte spannend erzählen zu können?
Für mich ist Märchen erzählen und Märchen hören ein Eintauchen in eine innere Welt. Darum ist mir Stille eine wichtige Voraussetzung. Meistens gestalte ich mit schönen Tüchern eine Bühne, verwende zartes Licht und die Klänge von Harfe, Flöte oder Maultrommel, um meine Zuhörer/innen einzustimmen.
Ein anderer Einstieg können absurde Lügengeschichten sein, die zum Lachen reizen. Wer miteinander lacht, fürchtet sich nicht voreinander. Lustige Erlebnisse aus meinem Leben, Rätsel oder gemeinsames Musizieren öffnen ebenfalls für die Märchen.

2.) Du erzählst deine Märchen Kindern, aber auch Erwachsenen. Welche Altersgruppe fordert dich besonders heraus?
Wenn ich auf die jeweilige Altersgruppe eingehe, hören alle gerne zu.
Eine Herausforderung für mich sind Menschen, die so realistisch eingestellt und von der materiellen Welt gefangen sind, dass sie mit Symbolen als Sprache der Seele nichts anfangen können.

3.) Es gibt Leute, die die biblische Weihnachtserzählung als eine Art Märchen empfinden. Was würdest du denen erwidern?
Religiöse Geschichten, auch biblische Erzählungen, sind so etwas wie der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht aber der Mond selbst. Und Märchen erzählen ebenfalls tiefe Wahrheiten, nur eben in Bildern verschlüsselt.
Beide Arten von Texten oder Erzählungen müssen entschlüsselt und ins eigene Leben übersetzt werden. Sowohl von Pfarrern wie von Zeugen Jehovas habe ich erlebt, dass sie biblische Texte weit über Märchen stellen. Bibeltexte sind für sie die reine Wahrheit, Märchen aber eben Märchen, also Lügen. Sie übersehen, dass alle Worte, auch heilige Worte aus der Bibel, nur „Hinweise“ auf die Wahrheit sind. Und darin sind sie Märchen gleich.

Adventmail 2011/05 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meine Freundin und Kollegin
ANNEMARIE, 51, Herzogenburg, Chefredakteurin der Zeitschrift „lebensart“

1.) „Mitwelt“ statt Umwelt, „Eine“ statt Dritte Welt – braucht Öko-Bewusstsein auch eine neue, politisch korrekte Sprache?
Ganz spontan hätte ich gesagt: NEIN, bitte nicht noch eine politisch korrekte Sprache! Wie soll das dann geschrieben werden? Noch schwerere Lesbarkeit durch kryptische Wortkonstruktionen à la Gendersprache und Binnen-I? Anderseits: Worte erzeugen Bilder. Und es fühlt sich doch saugut an, sich als Teil der Welt zu begreifen. Ich bin Teil der ganzen Fülle, die sie zu bieten hat! Ebenfalls sind mir vergiftete Böden oder soziale Missstände gleich viel näher, wenn sie in der „Mitwelt“ passieren, als in einer Welt, die mich nur umgibt.

2.) Ist das (ökonomische) Hemd den Leuten in der Wirtschaftskrise näher als der (ökologische) Rock?
Sicher wäre den Leuten das ökonomische Hemd näher, hätten sie eines. Was allerdings, wenn man ihnen das letzte Hemd ausgezogen hat? Ist den Leuten – wenn sie ihres ökonomischen Hemdes beraubt wurden – der ökologische Rock wieder näher? Kann man etwa gar Armut mit dem damit einhergehenden reduzierten Lebensstil als ökologische Trendwende verkaufen? Gnade uns, wenn die Politik diese Idee aufgreift!

3.) Gab’s einmal einen Artikel in der „lebensart“, der deine persönliche Lebensführung verändert hat?
Die Kunst des Müßiggangs, vor etwa zwei Jahren. Damit wurde meine Aufmerksamkeit auf einige ähnliche Bücher gelenkt, welche einen gemütlichen Lebensstil oder gar „Faulheit“ hochhalten! Da ist was dran! Denn es sind sicher nicht die Faulen, welche die Welt, die Ressourcen, die Menschen ausbeuten! Im Gegenteil: Je mehr geleistet wird, je schneller gelaufen wird, umso schneller brennt die Erde aus.
Darum: „Entspannen Sie sich! Das ist das Beste, das Sie zur Rettung der Welt beitragen können!“ (frei nach Fred Luks).