3 Fragen an meinen früheren WG-Mitbewohner und Studienkollegen in Graz,
FREDERIK, 51, Märchenerzähler, Kumberg (www.freudeanmaerchen.at)
1.) Du hast den wohl ungewöhnlichsten Beruf unter meinen AdventmailbezieherInnen, bist seit 1989 Märchenerzähler. Was für einen Rahmen brauchst du bzw. schaffst du dir, um eine Geschichte spannend erzählen zu können?
Für mich ist Märchen erzählen und Märchen hören ein Eintauchen in eine innere Welt. Darum ist mir Stille eine wichtige Voraussetzung. Meistens gestalte ich mit schönen Tüchern eine Bühne, verwende zartes Licht und die Klänge von Harfe, Flöte oder Maultrommel, um meine Zuhörer/innen einzustimmen.
Ein anderer Einstieg können absurde Lügengeschichten sein, die zum Lachen reizen. Wer miteinander lacht, fürchtet sich nicht voreinander. Lustige Erlebnisse aus meinem Leben, Rätsel oder gemeinsames Musizieren öffnen ebenfalls für die Märchen.
2.) Du erzählst deine Märchen Kindern, aber auch Erwachsenen. Welche Altersgruppe fordert dich besonders heraus?
Wenn ich auf die jeweilige Altersgruppe eingehe, hören alle gerne zu.
Eine Herausforderung für mich sind Menschen, die so realistisch eingestellt und von der materiellen Welt gefangen sind, dass sie mit Symbolen als Sprache der Seele nichts anfangen können.
3.) Es gibt Leute, die die biblische Weihnachtserzählung als eine Art Märchen empfinden. Was würdest du denen erwidern?
Religiöse Geschichten, auch biblische Erzählungen, sind so etwas wie der Finger, der auf den Mond zeigt, nicht aber der Mond selbst. Und Märchen erzählen ebenfalls tiefe Wahrheiten, nur eben in Bildern verschlüsselt.
Beide Arten von Texten oder Erzählungen müssen entschlüsselt und ins eigene Leben übersetzt werden. Sowohl von Pfarrern wie von Zeugen Jehovas habe ich erlebt, dass sie biblische Texte weit über Märchen stellen. Bibeltexte sind für sie die reine Wahrheit, Märchen aber eben Märchen, also Lügen. Sie übersehen, dass alle Worte, auch heilige Worte aus der Bibel, nur „Hinweise“ auf die Wahrheit sind. Und darin sind sie Märchen gleich.