3 Fragen an meine Freundin und „Ex-SchwieMu“
CHRISTA, 79, Pensionistin, früher Übersetzerin, Wien
1.) Du bist Jahrgang 1932, hast das erste bewusst erlebte Jahrzehnt deines Lebens in Diktaturen verbracht. Heute herrscht ringsum Krise. Kannst du dich an Lebensphasen erinnern, in der die Stimmung in der Gesellschaft vergleichbar schlecht war?
Meiner Ansicht nach kann man heutige Stimmungen in heutigen Krisen nicht mit denen vergleichen, die ich in meiner Kindheit und Jugend erlebt habe. Unter den Nationalsozialisten war die Situation, zumindest für meine Familie, zutiefst bedrückend und bedrohlich. Der Bombenkrieg war ein Horror, der Einmarsch der Russen in Wien schrecklich und gefährlich. Die Stimmung danach war allerdings sehr gut bei den Menschen, die dachten wie wir: ein Aufatmen, ein Aufbruch, ein Neubeginn! Persönlich habe ich das Gefühl, dass mein Leben im Frühjahr 1945 erst begonnen hat. Vorher hatte ich nur geschlafen, von da an war ich hellwach!
2.) Was macht dir im Blick auf die Zukunft Sorgen? Und was gibt Hoffnung?
Sorgen macht mir die Zukunft meiner Enkel und der noch ungeborenen Urenkel. Werden sie noch mit einem festen Arbeitsplatz, einer adäquaten Alterspension, guter medizinischer Versorgung rechnen können? Auch die zunehmende Verrohung der Gesellschaft macht mir Sorgen.
Hoffnung hingegen gibt mir, dass die Jugend so weltoffen, so international ist. Dass sie tolerant ist (von einigen radikalen Gruppen abgesehen) in Bezug auf Herkunft, Religion, Formen des Zusammenlebens; dass sie sich unserer Verantwortung für die Erde immer bewusster wird…
3.) Welche Ziele hat frau/man im Spätherbst des Lebens noch? Was möchtest du unterbringen in den verbleibenden Jahren?
Ich möchte unbedingt den guten Kontakt zu meiner Familie und zu lieben Freunden weiterpflegen. Es gibt nichts Spezielles, das ich NOCH unterbringen will, kein definierbares Ziel. Ich möchte so lang wie möglich selbstbestimmt und unabhängig bleiben, am kulturellen und geistigen Leben teilnehmen (und sei es nur dank Fernsehen und Internet), und habe vor, alles zu tun, um mich körperlich und vor allem geistig fit zu halten.