Adventmail 2011/12 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen früheren Schulfreund und Studenten-WG-Mitbewohner
GERNOT, 50, Mediziner, Hamburg

1.) Du bist als „Exilsteirer“ vor einiger Zeit Deutscher geworden. Inwiefern passt das besser zu dir?
Ich bin seit 1997 im Norden und wohne seit 6 Jahren in Hamburg. Die Menschen in Hamburg sind – ganz allgemein – nett, weltoffen, interessiert, wenig ausgrenzend… Großstadt eben, mit einem Schuss „Tor zur Welt“. Obwohl es in der Stadt sehr viele sehr reiche Menschen gibt, gilt Understatement: „Über Geld spricht man nicht, das hat man eben (wenn man Glück hat)“. HH ist die Stadt der Stiftungen: Dies geht von wohltätigen Stiftungen bis hin zu wissenschaftsfördernden.
Persönlich: ich habe hier den Mann fürs Leben gefunden, aber auch Freunde fürs Leben. Für einen schwulen Mann ganz wichtig: In Hamburg wird eine schwule Szene immer uninteressanter, da man hier integriert ist und Freunde nicht nach sexueller Orientierung, sondern nach Interessen aussucht – so wie es sich eben gehört.

2.) Du warst einer von vier MitschülerInnen in der AHS Kapfenberg, die ein Jahr lang via afs-Austauschprogramm im Ausland zur Schule gingen. Hat das deinen Horizont nachhaltig erweitert?
Ja, ganz eindeutig. Ich habe gelernt zu akzeptieren und mich darüber zu freuen, dass Menschen unterschiedlich sind und dadurch viel zur Lebendigkeit im Leben beitragen können – wenn man es will.

3.) Was meinst du als Chefarzt für Psychosomatik: Hat jede Epoche ihre spezifischen (psychischen) Erkrankungen? Und was wären die heute typischen?
Es hat immer psychische Krankheiten gegeben und wird sie immer geben. Neuere Untersuchungen zeigen, dass die Zahl zunimmt, vor allem im Bereich Burnout und Depression. Dies hat sicher einerseits mit der „Leistungsgesellschaft“ zu tun, aber auch damit, dass psychische Krankheiten zunehmend entstigmatisiert sind, die Betroffenen darüber offener sprechen und auch Therapieangebote da sind (böserweise könnte man sagen „Angebot schafft Nachfrage“). Vieles ist beim Alten geblieben: Hysterie im klassischen Sinne gibt es zwar nicht mehr, damit würde man sich heute lächerlich machen. Da muss Betroffene(r) sich was Neues suchen, d.h. der Kern bleibt, aber die Phänomenologie ändert sich.

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