3 Fragen an meine Freundin …
MARTINA, 50, Arbeits- und Gesundheitspsychologin, Wien
1.) Ich hatte bis vor 2 Jahren einen Chef, der alles an sich zog, seither einen, der wenig präsent ist und viel delegiert. Was ist deiner Erfahrung nach der beste Führungsstil? Braucht es neben Teamfähigkeit auch Leadership?
Meiner Erfahrung nach vermissen MitarbeiterInnen häufig Orientierung, Klarheit, Information, Feedback und Anerkennung. Eine gute Führungskraft sorgt dafür, dass daran kein Mangel herrscht. Gelingt das nicht, dann fließt die Energie der MitarbeiterInnen nicht in die gemeinsame Aufgabenbewältigung, sondern in viele unzufriedene Fragen und Diskussionen.
2.) Ich hab den Eindruck, an Büroarbeitsplätzen wie meinem hat sich die soziale Interkommunikation von Raucherkammerln und Kaffeeküchen in Richtung E-Mail-Schreiben und Facebook-Einträge verlagert. Wie viel „Geplauder“ braucht’s, um sich im Job wohlzufühlen?
Ich glaube, die Reduktion der Plauderzeiten am Arbeitsplatz hat nicht nur mit den neuen Technologien und sozialen Netzwerken zu tun. In vielen Betrieben bleibt kaum mehr Zeit für „zweckfreie“ Kommunikation (für zweckmäßige übrigens auch immer weniger;-) Es wird immer üblicher, dass auch in Sitzungen im Internet gesurft wird oder SMS beantwortet werden. Häufig wird angenommen, dass ein Mensch sich gleichzeitig auf zwei Dinge konzentrieren kann und das Schlagwort von der „Multitasking-Fähigkeit“ geht um. In Wirklichkeit ist Aufmerksamkeit immer nur an einer Stelle möglich. D.h., wir befinden uns in einer Zeit der kommunikativen Ungleichzeitigkeit und Zerstreutheit. Alle sind physisch da, aber psychisch doch irgendwo anders.
3.) Ich weiß schon, Ferndiagnosen sind ganz schwierig. Aber: Hast du eine Vorstellung, warum die jetzige Regierung gar so wenig weiterbringt und sich die beiden Koalitionsparteien immer wieder blockieren?
Ich habe Vermutungen.
a.) Die Welt und die zu lösenden Aufgaben sind komplex und es ist nicht mehr so leicht möglich, Lösungen aus dem Bauch zu produzieren. Wenn Politiker selbst nicht mehr alles verstehen, lassen sie sich beraten und bekommen widersprüchliche Auskünfte, das macht sie unsicher und zögerlich. Es ist also alles sehr kompliziert, wie schon der alte Sinowatz sagte.
b.) In unserem Land neigt man zu „kniawachen“ Entscheidungen, also schmiegsame und biegsame Konstrukte, die es allen recht machen wollen. Da kommt dann natürlich kaum ein großer Wurf heraus, denn dazu braucht es den Entschluss, auch gegen Interessen einzelner Gruppen Positionen zu erklären, zu verteidigen und umzusetzen. Aber vielleicht macht ja die aktuelle Finanzkrise genug Druck, um die lang auf der Bank liegenden Reformbrocken endlich anzugehen.
c.) Es würden mir noch mehr Gründe einfallen, aber das wird dann doch zu lang und kompliziert 😉