Adventmail 2011/13 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an die Frau, mit der ich am 13.12. vor 25 Jahren am Traualtar stand und am 13.12. vor 8 Jahren vor dem Scheidungsrichter …
CLAUDIA, 53, Lehrerin und Liedermacherin (www.mitscha.at), Korneuburg

1.) Du schreibst seit Teenagertagen Lieder, die letzte CD ist allerdings schon ein Weilchen her. Was brauchst du, um ein furioses Alterswerk wie Johnny Cash hinzulegen?
Gute Voraussetzungen für meine Kreativität sind a) Anlässe, die mich an- und aufregen, sowie b) viel Zeit und Muße.
Das bedeutet für das Alterswerk, ich müsste vielleicht
a) von einer neuen Leidenschaft gepackt werden: Förderlich ist z.B. eine unerfüllbare erotische Anziehung, vor der man ja auch im Alter nicht gefeit sein soll. Aber es könnte natürlich auch eine politische Herausforderung sein. Kontraproduktiv ist, dass ich den Eindruck habe, ich werde mit dem Älterwerden immer gelassener.
b) eine Pension kassieren, die ein gemütliches Leben erschwinglich macht, und dann die ehrenamtlichen Engagements, für die ich endlich Zeit hätte, sowie Sorgezeiten für Enkelkinder, über die ich mich freuen würde, in strikten Grenzen halten. Dann könnte einmal so richtig Muße einkehren. Was natürlich bedeuten würde, dass ich all die anderen Projekte, die ich bereits für die Pension hege – endlich wieder Blockflöte und Cello spielen, gründlich Französisch oder Spanisch lernen, viel Wandern gehen, einen großen Garten bepflanzen – ein Stück weit zurückstellen müsste.
So gesehen sind die Chancen für ein fulminantes Werk nicht so gut, aber die Kreativität ist unberechenbar, man kann nie wissen. Und irgendwie wäre es schon nett, mit 70 noch „Ich möchte einmal einen Mann vernaschen“ von der Bühne zu trällern, und ein paar neue Songs müsste ich da ergänzend schon zu bieten haben…

2.) Du bist vor einiger Zeit Protestantin geworden. Mir fielen ja einige gute Gründe für einen solchen Schritt ein – was waren deine?
Ein paar ideelle Gründe sind:
– weniger Zentralismus und Hierarchie, keine Überhöhung des Priesteramtes, mehr demokratische Strukturen
– weniger Dogmatismus, Glaube wird stärker individuell verstanden
– weniger moralische Regelsysteme, größere Offenheit für individuelle Lebens- und Beziehungsformen
– Offenheit für Frauen in allen kirchlichen Positionen
Mein persönlicher – und damit letztlich ausschlaggebender – Grund ist, dass ich mich in der evangelischen Gemeinde in Korneuburg wohlfühle und hier das Glück hatte, einer Pfarrerin zu begegnen, mit der ich mich theologisch und menschlich gut verstehe.

3.) Du bist feministische Theologin, die immer wieder mit Musliminnen zu tun hatte. Wie ist deine Meinung zur Kopftuchdebatte?
Als wir vor 25 Jahren in der katholischen Privatschule erstmals ein Mädchen mit Punkfrisur und Nasenflinserl hatten, gab es deswegen große Aufregung (das Nasenflinserl wurde ihr in der Schule verboten!) und alle dachten, ihre Aufmachung wäre Ausdruck einer pubertären Protesthaltung. Bis wir ihre Mutter kennenlernten: die war noch viel extremer aufgemacht. Die Kleidung des Mädchens war also Ausdruck von Anpassung und Loyalität. Was in der Kleidung der anderen gesehen wird, ist meistens eigene Projektion – die wirklichen Motive dahinter sind äußerst vielfältig. Bei Musliminnen, die ein Kopftuch tragen, umfassen sie alles Mögliche, von Anpassung an Regeln bis hin zu tiefster spiritueller Überzeugung. Im Gespräch mit jungen Studentinnen der 2. Einwanderergeneration hörte ich am häufigsten das Argument, dass sie damit ihre Zugehörigkeit zum Islam zum Ausdruck bringen wollen, und dass das ganz schön viel Mut erfordert. Ich finde es unangemessen, wenn die pauschale Meinung vertreten wird, das muslimische Kopftuch sei grundsätzlich ein Zeichen der Unterdrückung von Frauen. Ich kann hier keinen eindeutigen „Symbolgehalt“ erkennen.
Zu den persönlichen Freiheiten, auf die wir in unserer westlich-liberalen Kultur Wert legen, gehört die Freiheit, sich nach eigenem Geschmack zu kleiden, und die sollte für alle gleichermaßen gelten – wie frei jemand dabei innerlich ist, darüber steht mir kein Urteil zu, es liegt in der Eigenverantwortung derer, die sich so oder anders kleiden.
Von dieser Freiheit würde ich nur ganz pragmatische Ausnahmen gelten lassen: keine High-Heels beim 100-Meter-Lauf, keine Gesichtsverschleierung beim Passfoto, keine tiefsitzend-losen Hosen mit freiem Hinternausblick in Pflege- und Betreuungsberufen (die würde ich ja gern bei mir im Unterricht verbieten! Finde den Anblick meistens eine Zumutung!).

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