Adventmail 2011/10 (Drei Fragen an…)

3 Fragen an meinen liebsten deutschen Arbeitskollegen
HENNING, 35, Journalist und Theologe, Wien

1.) Österreicher liegen im Europa-Vergleich in puncto Fremdenfeindlichkeit an der Spitze. Kriegst du als Piefke auch manchmal dein Fett ab?
Die Fremdenfeindlichkeit gehört ja als „Etikette“ fast schon zu Österreich wie die Alpen. Tatsächlich bin ich bislang aber – außer in freundlich-witzigen Wortfechtereien – nie zum „Opfer“ dieser Fremdenfeindlichkeit geworden. Was mir aber selbst nach acht Jahren als „Zua’groaster“ noch (oder immer mehr?) auffällt, ist das sich vielleicht hinter dem Begriff „Fremdenfeindlichkeit“ verbergende Motiv einer gewissen nationalen Grund-Neurose – generös und unseriös-allgemein gesprochen: Österreicher leben im ständigen Dilemma, sich selbst in allem zu „Weltmeistern“ (Spenden-, Ski-, …) erklären zu müssen – gerade gegenüber den deutschen Lieblingsnachbarn – zugleich pflegen sie einen ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex. Daraus ergibt sich m.E. ein dringendes Mir-san-Mir-Kuschelbedürfnis und eine ständige Suche nach „nationaler Identität“ – dem die rechten Parteien durch Exklusivitäts-Denken und also Fremdenfeindlichkeit entsprechen. Auf dass diesem „Psychogramm-Versuch“ heftig widersprochen werden möge…

2.) Kannst du nach acht Jahren in Österreich schon unfallfrei „Oachkatzlschwoaf“ sagen?
Die Sprache… schon bei meinen ersten Begegnungen mit „dem Österreicher an sich“ vor nunmehr 16 Jahren in Innsbruck (wo ich meine damalige Freundin und jetzige Frau regelmäßig besuchte) bin ich über die Gutural-Ästhetik der Tiroler gestolpert. Jeder Versuch der Imitation blieb bis heute erfolglos – vor allem, weil ich für eben jene Dialekt-Versuche stets belacht – wenn nicht gar verlacht – wurde. Aber einige Begriffe und Redewendungen habe ich mir eh schon angewöhnt… Was dazu führt, dass meine Eltern mir am Telefon immer wieder sagen, ich solle bitte Deutsch mit ihnen reden…
Im Übrigen wurde mir die Sprachbarriere auch zu einer journalistischen Barriere: und zwar bei meiner Volontariatsbewerbung beim ORF. Dort absolvierte ich leidlich erfolgreich im Jahr 2002 das Assessment-Center und scheiterte dann an der unüberwindbaren Sprach-Hürde: Ich musste einen Text lesen. Juryurteil: „Wir würden sie ja prinzipiell gerne nehmen, aber wissen Sie – die Sprache… das akzeptiert der österreichische Hörer nicht…“ (womit wir wieder bei Frage 1 angekommen wären…)

3.) Du kommst aus einem Land, in dem „Die Zeit“, „FAZ“ und „Süddeutsche“ gelesen werden. Welches österreichische Printmedium kann da am ehesten mithalten?
Ich habe tatsächlich erst durch mein journalistisches Arbeiten in Österreich und mein Mich-Einfinden in den österreichischen Journalismus gemerkt, wie gut eigentlich (dagegen) der deutsche ist… Seit meiner „Immigration“ sind wir Standard-Abonnenten – und ich wüsste ehrlich gesagt auch nicht, welche Zeitung ich sonst lesen sollte. Dennoch vermisse ich – auch durch meine medientheoretisch gelagerten Diss darauf sensibilisiert – sehr eine wirkliche „mediale Öffentlichkeit“ in Österreich. Es gibt Erregungsjournalismus, Kampagnisierungen,… wem sage ich das…, und leider nur einige wenige kleine publizistische Inseln wie den Falter, die Furche, manchmal Standard und Presse, in denen Texte mal mehr als 5.000 Zeichen haben dürfen – aber das war’s aber auch schon. Eine Presse-Diskurskultur, wie man sie etwa in der „Zeit“ erleben kann, in der Journalismus nicht nur in einer spröden Neutralitäts-Akrobatik der Schreibenden besteht, sondern in Argumentation, gibt es so gut wie gar nicht. Vielleicht wäre es ein lohnendes Forschungsfeld, die Krise des Politischen hierzulande als Krise der politischen und damit der medialen Öffentlichkeit zu untersuchen…

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