5. Dezember – 20
Heute geht’s um Sport. Nein, nicht um Martina Navratilova, die in ihrer einzigartigen Tenniskarriere 20 Mal das Turnier in Wimbledon (Einzel, Doppel, Mixed) gewann. Auch nicht um den norwegischen Schirennläufer Kjetil-Andre Aamodt, der seine Karriere im Jänner 2007 – nach dem Gewinn von 20 Olympia- bzw. WM-Medaillen – beendete. Auch nicht um den überschätzten Lukas Podolski, der in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der WM 2006 die Rückennummer 20 trug. Und schon gar nicht um Theo Zwanziger, den deutschen Fußballpräsidenten.
Nein, Ausgangspunkt sind die 20 Weltcupsiege des Schispringinkerls Andi Goldberger, dessen Sportlerkarriere etwas typisch Österreichisches hat. Warum? Nun, er war erfolgreich, aber längst nicht so erfolgreich, wie er hätte sein können. Er steht für eine Mischung aus schlampigem Genie, Naivität und Bauernschläue, Bubencharme und Drogenmissbrauch, Karriereknick und nie ganz geglückten Comebackversuchen: Nach seiner Kokain-Affäre 1997 gewann er acht Jahre lang kein einziges Einzelspringen mehr, nicht mal jenen Bewerb 2000 in Planica, wo er mit 225 Metern einen Schiflug-Weltrekord aufstellte. Fazit: „Goldi“ war einer der erfolgreichsten Skispringer der 1990er Jahre und zugleich einer, der’s irgendwie vergurkte.
Geboren wurde Goldberger am 29. November 1972 in Ried im Innkreis (und ist somit seit kurzem 35) aufgewachsen ist er im oberösterreichischen Waldzell am Bauernhof seiner Eltern. Er absolvierte das Skigymnasium in Stams (Tirol) und war bereits als 17-Jähriger Mitglied des österreichischen Nationalteams. 1992 machte er bei der Vierschanzentournee in Innsbruck auf sich aufmerksam, als er, spontan aufgeboten, gleich Platz zwei belegte. Seinen Durchbruch erlebte Goldberger in der Folgesaison als überlegener Sieger der Vierschanzentournee, und er gewann in dieser Saison auch den Gesamtweltcup. Beides wiederholte er zwei Jahre später, 1995/96 gewann er zum 3. Mal den Gesamtweltcup und wurde am Kulm Skiflugweltmeister. Goldberger verbuchte 179 Top-Ten Platzierungen bei Skisprunggroßveranstaltungen ab 1991. Nach 14 Jahren beendete Goldberger seine Karriere.
Im Jahr 1997 gab Goldberger zu, Kokain konsumiert zu haben, und wurde vom Schiverband für ein halbes Jahr gesperrt; er wurde „Kurzzeit-Serbe“ in der Ära Milošević, wollte den Verband wechseln, blieb aber schließlich weiter beim ÖSV.
In Deutschland las sich das vor genau 10 Jahren so: „Auf der Suche nach einem Land, das ihm die Ausübung seines Sports nach dem Bruch mit dem Österreichischen Skiverband (ÖSV) ermöglicht, war er in Jugoslawien fündig geworden. Schon seit vergangenem Freitag soll der einst in der Heimat nur ‚Goldi‘ Gerufene die jugoslawische Staatsbürgerschaft samt Reisepaß besitzen. Was als erstes von der Belgrader Zeitung Politika gemeldet worden war, läßt nun auch den österreichischen Boulevard an den Qualitäten des ewig lächelnden Sunnyboys zweifeln. Die Wiener Kronen Zeitung fragt, ob sich Goldberger richtig verhalten hat’, und läßt Prominente in skeptischer Distanz antworten. Immerhin, der 25jährige gebürtige Oberöstereicher hat es geschafft, daß erstmals flächendeckend nicht mehr von „Rest-Jugoslawien“ gesprochen wird, denn „Rest-Jugoslawe Goldberger“ – wie klingt denn das?“ (Berliner Zeitung, am 3.12.1997)
10 Jahre danach ist das vergeben und vergessen. Goldberger ist Sportlegende, Lidl-Werber, Dancing Star, Promi-Koch und seit dem Winter 2005/06 als Experte für den ORF tätig. „Durch seine positive Ausstrahlung und seine freundliche und lustige Art“ gelte er „als einer der größten österreichischen Sympathieträger des Skispringens“, heißt es in dem distanzlosen Wikipedia-Eintrag. Der ewig lächelnde Sunnyboy nahm wie viele andere Sportstars einmal eine Platte auf: „Hart am Wind“ heißt sie, und ich würde sagen: ein „musikalischer Kacherlaufsprung“.