Wiener Museen locken

Seit Weihnachten 2024 bin ich im Besitz einer Bundesmuseen-Card und habe diese auch schon mehrfach genutzt (siehe Kategorie „RME besucht“). Wien hat ja eine außerordentlich reichhaltige Museen-Landschaft, die vielen wechselnden Sonderausstellungen versprechen viele Kultur-Highlights. Ich lass mich da gern verführen – und das muss nicht immer alleine sein. Wer Lust hat, mich mal auf einen Gang entlang von spannenden Exponaten zu begleiten, sende mir bitte eine Nachricht per Mail.

Beatles forever

Begann meine „popmusikalische Sozialisation“, als ich in den Sixties Beatles-Songs vorm Einschlafen unter der Bettdecke in Fantasie-Englisch nachsang? Schon als Volksschüler liebte ich die Fab Four. Und das vertiefte sich im Gymnasium, als wir bei Klassenfahrten im Bus das Beatles-Songbook rauf und runter sangen. Meine ersten beiden Schallplatten waren das rote und das blaue Doppelalbum von John, Paul, George und Ringo. Wobei: Da hatte sich meine „Lieblingsära“ der Beatles schon verschoben. Die favourites waren da nicht mehr die ersten Alben bis zu Help, sondern die späteren ab Revolver. Das White Album – ein Genuss! Abbey Road – herrlich! Let it be -was für ein Abgesang!
Ich erinnere mich noch, wie schockiert ich über die Trennung der Beatles 1970 war, fast so wie 1980, als der erste von ihnen, John Lennon, starb, ermordet wurde. Dann starb George an Krebs, unterschätzt als Komponist, aber mir etwas zu indophil. My Sweet Lord liebte ich aber. Und Ringo? Ursympathisch, ein Typ, mit dem man gerne auf ein Pint im Pub ginge. Seine Drums bei Come together großartig.
An Love me do oder I want to hold your Hand könnte ich mich wohl satthören. Aber nicht so bei Blackbird, Yesterday, Hey Jude oder All you Need is love, aber auch nicht bei Unbekannterem wie Because, Golden Slumbers oder Happiness is a warm gun. Und spätere Werke wie Imagine, Dream #9, Band on the run oder Venus and Mars zementieren meinen pophistorischen Standpunkt ein. Beatles forever!

Lust auf Pubquiz?

Ich quize gerne, erstellte sogar schon im Gymnasium Quizfragen für meine Schulkolleg:innen. Und bewarb mich für „Q1 – ein Hinweis ist falsch“ und „Smart10“ im ORF-Vorabendprogramm. Leider erfolglos. Aber Pubquiz, das wäre was für mich. Z.B. das an jedem Dienstagabend gleich bei der U1-Station Kagran. Beginn um 19 Uhr im Spark by Hilton Vienna Donaustadt (Dr.-Adolf-Schärf-Platz 6).
Es spielen Gruppen gegeneinander, max. 6 Personen sind erlaubt, keine Teilnahmegebühr. Claudia und ich waren schon mal kiebitzen, gefinkelte Fragen, aber wirkte lustig. Hätte jemand Lust mal mitzukommen?

Schicksalsschlag vorm Urlaubstag

Die Koffer waren gepackt, die Vorfreude groß. 20 Tage Costa Rica sollten unsere Pensionsantrittsreise werden. Zwei Wochen mit einer Weltweitwandern-Gruppe unterwegs, danach noch einige Tage Entspannung im Karibikbadeort Cahuita mit Nationalparkbonus, so der Plan. Flug am Samstag, 8. März (Weltfrauentag und unser 7. behördlicher Hochzeitstag), via Paris nach San José.
Am Vorabend noch essen im Donauzentrum, kein Geschirr mehr beschmutzen. Beim Zurückradeln in der Attemsgasse dann die Katastrophe: Claudia gerät mit dem Vorderreifen in die Straßenbahnschienen, stürzt, zertrümmert sich die Schulter, prellt sich die Hüfte, Schrammen im Gesicht, Brille kaputt. Ich höre hinter mir ihren Schreckensschrei, den Aufprall, ich hüpfe sofort vom Rad, sie liegt mitten auf der Straße. Claudia wegzuzerren scheitert an ihren Schmerzen, aber sofort sind helfende Hände da, stoppen die nachkommenden Autos, jemand legt eine zusammengefaltete Jacke unter Claudias Kopf. Es bildet sich ein Stau, auch eine Straßenbahn auf dem Weg in die Remise muss stehenbleiben. Ich mache mir Sorgen, dass die alarmierte Rettung überhaupt zufahren kann – eventuell gegen die Einbahn?
Die Sanitäter kommen nach ca. zehn Minuten mit einem fahrbaren Bett, hieven die schmerzgeplagte Claudia darauf. Ich fahre mit ins Donauspital, nachdem ich die Räder abgesperrt habe. Dort Wartezeit. Erstdiagnose, Röntgen (unter Schmerzensschreien), dann ist der Knochenbruch offiziell, der Urlaub passé. Claudia bekommt einen Schulter-stabilisierenden Gurt (den sie seit 6 Tagen ununterbrochen trägt). Heimfahrt mit dem Taxi in die abreisebereite Wohnung mit den bereitgestellten Koffern. Tränen der Enttäuschung, des Entsetzens über so viel Pech.

Erstversorgung durch die Sanitäter nahe der Unglücksstelle

In den nächsten Tagen Nachuntersuchung im Spital, Computertomografie, Suche nach Schulterspezialisten. Glück im Unglück: Claudia ist – als ehemalige Allianz-Mitarbeiterin – gut versichert, hat ein Anrecht auf Privatbehandlung und OP in der Privatklinik. Und die Stornoversicherung wird die Kosten für den entgangenen Urlaub übernehmen.
Die Frustration darüber tritt gegenüber der Sorge um die Gesundheit in den Hintergrund, als klar wird, wie schwerwiegend die Verletzung ist und es unsicher ist, ob das Schultergelenk je wieder so wird, wie es war. Ich werde zum Pfleger, Chauffeur, Koch, Haushälter, Begleiter bei medizinischen Besprechungen. Claudia braucht Unterstützung bei Alltäglichstem, beim Aufrichten, bei der Hygiene, beim Herausdrücken der Schmerztabletten. Morgen Nachmittag wird sie unter Vollnarkose 1 bis 2 Stunden operiert, bekommt eine Titanplatte und Schrauben ins Gelenk, bleibt dann bis Samstag oder Sonntag in der Klinik.
Ich habe das Gefühl, dass nach Pensionsantritt mit Jahreswechsel schon wieder eine neue Lebensphase beginnt: versorgen, mich kümmern, weniger statt mehr Freiheiten. Diese Rolle kannte ich bisher so nicht, da brauche ich noch Übung. Aber ich mache Claudia keine Vorwürfe; der Unfall und ihr jetziges Angewiesensein entzweien uns nicht, sie schweißen zusammen. Hilfreich trotz aller Probleme: der Humor („Wie gut, dass wir erst kürzlich unsere Testamente gemacht haben“) und die vielen Anrufe Anteil nehmender Verwandter und Freund:innen.
Costa Rica muss warten. Aber wir kommen. Irgendwann.

Stefanie Sargnagel: Iowa. Ein Ausflug nach Amerika. Rowohlt 2024 ***

Ich muss vorab zugeben: Ich bin kein großer Fan von Sargnagel. Zu görenhaft feministisch, zu grobschlächtig ist mir ihr Humor, den ich bisher v.a. aus „Falter“-Karikaturen kannte. Ihr neues Buch über einen Lehrauftrag am Grinell College, einer Privatuni im Mittleren Westen, über Kreatives Schreiben, bei dem sie von Christiane Rösinger, Liedermacherin und ehemalige Leadsängerin der Lassie Singers, begleitet wird, hat mich positiv überrascht: Die inzwischen etablierte Undergrounds-Autorin hat eine feine Beobachtungsgabe und einen Sinn für unterhaltsame Skurrilitäten aller Art. Es ist halt nur leider so, dass der Zielort in the middle of nowhere der USA nicht viel zu bieten hat. Halbwegs interessante Ausflugsziele der Sargnagel und Rösinger erfordern eine stundenlange Anreise per Auto – und selbst das ist nicht leicht zu bekommen, da auch das nächste Rent a car am Flughafen von Des Moines weit entfernt liegt.
Sargnagel schildert jede Menge Banalitäten – auch private wie ihre Handy-Affinität, Vorliebe für US-Konfektionsware-Serien, Pummeligkeit, ihr Alkoholikerinnen-Problem und sogar ihre Onaniepraxis. Oder ihr spätpubertäres Bedürfnis nach Renitenz: Sargnagel raucht z.B. genau dann Kette, wenn sie merkt, dass ihre Pafferei unter College-Kolleginnen Irritation auslöst. Das kommt daher wie ein etwas überarbeitetes Tagebuch und stellt vor die Frage: Muss ich das alles wissen? Etwas kurz geraten demgegenüber Passagen über die für Europäer:innen verstörende Waffen-Omnipräsenz oder der Kommunismus-Generalverdacht vieler Amis gegenüber allem, was wir hier als soziales Netz schätzen.
Ein Lichtblick in „Iowa“ sind die Dialoge mit der – leider nach zwei Drittel des Buches wieder abreisende – Christiane Rösinger. Ihre Berliner Schnauze kommt auch (originelle Idee!) in Fußnoten selbst zu Wort, in denen sie manche Ungenauigkeiten ihrer Busenfreundin wieder zurechtrückt. Und die alten Lassie-Singers-Hits sind eine echte Entdeckung.

„Like a complete unknown“, James Mangold (US 2024) **** 5.3.25

Ich sah „Ray“, „Rocketman“, „Bohemian Rhapsody“, und „Like a complete Unknown“ reiht sich in diese Liste gelungener Filme über Musikstars (Ray Charles, Elton John, Freddy Mercury) bestens ein. Diesmal geht es um den jungen Bob Dylan, von Timothée Chalamet oscarwürdig und auch sängerisch überzeugend dargestellt als anpassungsunwilliger Genius. Dylan kommt noch als Teenager nach New York, besucht sein nervenkrank dahinsiechendes Idol Woody Guthrie im Spital, wo auch Pete Seeger dem Folk-Veteranen huldigt. Auch Joan Baez, einige Monate älter als Bob und schon ein Star der Folk-Szene, gerät in den Bann des Riesentalents aus dem mittleren Westen, der großartige Songs nur so aus dem Ärmel schüttelt.
Zum Sympathieträger wird Dylan in dem Film ja nicht. Beziehungsunfähig, renitent, provozierend, sich jeder Erwartung und jedem „Hit-Abspulen“ verweigernd, bleibt er als schwieriges Genie irgendwie unberechen- und undurchschaubar. Und beim Auftritt Dylans auf dem Newport Folks Festival kommt es 1965 zum Eklat. Er bleibt a Complete Unknown
Zum 80er von Joan Baez 2021 kam eine Biografie heraus, in der sie auch auf die Beziehung zu Bob Dylan eingeht. Die kenne ich nicht – leider. Muss nachgeholt werden. Vor dem Oeuvre des einzigen Nobelpreisträgers aus der Welt der populären Musik kann ich mich nur verneigen.

Ausstellung 3.3.25. „Matthew Wong – Vincent van Gogh. Letzte Zuflucht Malerei“, Albertina *****

Matthew Wong (1984-2019), kanadischer Maler mit chinesischen Wurzeln, empfand sich als Geistesverwandter van Goghs. Beide waren von labiler psychischer Gesundheit, beide waren Autodidakten und hatten manische Arbeitsphasen, in denen ihnen die Malerei als „letzte Zuflucht“ diente. Der durch Suizid ums Leben gekommene Wong orientierte sich stark am flackernden Pinselstrich und auch an der Themenwahl des großen Niederländers. „Ich sehe mich selbst in ihm. Die Unmöglichkeit, Teil dieser Welt zu sein“, schrieb Wong einmal über sein Vorbild.
Vor einigen seiner 44 Gemälde stand ich länger und war beeindruckt von der emotionalen Wucht der dargestellten Einsamkeit, der Verlorenheit, der Lebensmüdigkeit. „See you on the other side“ betitelte Wong sein letztes (?) Bild. Darauf zu sehen. Eine einsame Gestalt, die vor einer leeren weißen Fläche auf ein offenbar ersehntes Gegenüber, ein schon nahes Jenseits blickt

Der einsame Künstler Mattew Wong schuf dieses Bild
kurz vor seinem Suizid

Ausstellung 17.2.25 „Hundert Jahre Radio“, Technisches Museum Wien ***

„Als Österreich auf Sendung ging“, lautet der Untertitel der aktuellen Sonderausstellung im gerade umgebauten TMW. In vier Räumen und auf vielen Hörstationen wird, für Historikerinnen und Techniker interessant, Radiogeschichte ausgebreitet, beginnend mit der ersten Radioansage “Hallo, hallo! Hier Radio Wien auf Welle 530” im Oktober 1924. Dann weitere Meilensteine österreichischer Zeitgeschichte von Schuschniggs „Gott schütze Österreich“ über die Hitlerrede am Heldenplatz 1938 und Goebbels düsterem Kriegsbericht im Feber 1945 bis hin zu Figls „Österreich ist frei“ 1955 im Belvedere. Danach häufen sich Tondokumente zu weniger gewichtigen Themen wie Schranz‘ Olympiaausschluss 1972, Cortis „Schalldämpfer“ oder Udo Hubers „Die großen 10“. Auf den Vitrinen waren alte Empfangsgeräte wie der „Volksempfänger“ zu sehen, die mich im Fall von tragbaren Radiorekordern an meine Jugend erinnerten…
Eh nett. Aber ein wenig interaktiver hätte man das schon gestalten können. Und ins TMW gehe ich erst wieder, wenn die neuen Ausstellungsflächen fertig sind.

Eingangsbereich des TMW mit aktueller Sonderausstellung

Ausstellung 4.2.25 „Chagall“, Albertina ****

Marc Chagall (1887 – 1985) kenne ich von seinen bemerkenswerten Glasfenstern im Zürcher Münster. Der Surrealist, der nicht so genannt werden möchte, zählt zu den bekanntesten Künstlern des 20. Jahrhunderts, dessen unverwechselbares Schaffen einen Zeitraum ab 1905 bis in die 1980er-Jahre umspannt. Aufgewachsen in der heute belarussischen Kleinstadt Witebsk als Kind einer orthodoxen jüdisch-chassidischen Arbeiterfamilie blieben die frühen Kindheitserfahrungen des später in Frankreich beheimateten Moische Chazkelewitsch Schagal stets prägend.


Auch wenn ich mit den traum-haften, eigenwilligen Bildern nicht immer was anfangen kann, beeindruckt mich doch, zu welch künstlerischer Eigenständigkeit jenseits gängiger Kunstströmungen manche Meister doch gelangen. Hier male ich – und kann nicht anders, scheinen Chagalls Werke zu sagen. Chapeau!

Chagall malt die Gräueln des Holocaust unter Verwendung des christlichen Kreuzes

Ausstellung 8.1.25 „Rembrandt – Hoogstraten. Farbe und Illusion“, KHM *****

Meine erste Ausstellung als Nutzer der Bundesmuseen-Card führt mich ins Kunsthistorische: Sie veranschaulicht, wie die Kunst Rembrandts nachhaltigen Eindruck auf seinen begnadeten Schüler Samuel van Hoogstraten machte. Beide waren Meister der Illusion, ein Trompe ‚Augenbetrüger“(Trompe-l’œil)-Stillleben Hoogstratens mit täuschend echt gemaltem Rahmen verblüfft auch heute noch, da Fotorealismus dank technischer Hilfsmittel allgegenwärtig ist. Beeindruckend auch die ausdrucksstarken Porträts der beiden Niederländer.
Abseits der Sonderausstellungen gibt es im architektonisch faszinierenden KHM auch sonst viel zu entdecken. Sicher nicht mein letzter Besuch heuer.

Samuel van Hoogstratens barocker “Fotorealismus”