Adventmail 2022/17 (Reisen)

Nicht nur ich bin reisefreudig, auch unter euch AdventmailadressatInnen finden sich viele, die gern und oft in die Ferne schweifen. Was haben sie für Tipps abseits der gängigen Reiseziele? Ich bat sechs von euch dazu um kurze Beiträge.

Martina (Sozialmanagerin, Ex-Politikerin, Schwester; 61 besuchte Länder)
Obwohl ich so viele Länder der Welt wie möglich besuchen möchte, hab ich seit 2006 ein Herzens-Land, in das es mich seither unzählige Male gezogen hat. Ich kann sagen, ich kenne Spanien besser als die meisten Spanierinnen. Heuer hab ich eine Woche in Kantabrien mit meinem besten Freund, der dort geboren ist, verbracht. Die nordspanische Region westlich des Baskenlandes ist kein klassisches touristisches Ziel, die Hauptstadt Santander verbinden die meisten mit einer Bank. Kantabrien ist regenreich, daher sehr grün und als Milch- und Rindfleischregion in Spanien geschätzt. Während meines Aufenthaltes im Juli hatte es hochsommerliche Temperaturen und nur einen einzigen Regentag, was man als außergewöhnliches Glück bezeichnen kann. Ja es ist dort kühler als im restlichen Spanien. Atemberaubende Küstenlandschaften mit weitläufigen Sandstränden, historisch bezaubernde Dörfer wie Santillana der Mar, Wanderrouten wie der Pinienwald von Liencres, hochwertigste Fisch- und Meeresfrüchtegerichte, (schon ziemlich) frische und wellenreiche Badesessions im Atlantik und die äußerst freundlichen Kantabrierinnen haben diese Woche für mich außergewöhnlich gemacht. Ich empfehle dringend, ein Mietauto zu nehmen und die Gegend rund um Santander zu erkunden. Will man in der Stadt bleiben, hat man auch dort eine echte Perle mit dem kilometerlangen Sandstrand „El Puntal“, zu dem regelmäßig Boote fahren. Santander und Umgebung ist Spanienurlaub abseits von vollen Stränden, Temperaturen um die 40 Grad, Fotospeisekarten mit Tiefkühlpaella und Sangria – es ist Spanienurlaub für Fortgeschrittene.
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Rudi (Religionspädagoge i.R., Grafiker, Student der Germanistik; 43 besuchte Länder)
Třebíč liegt ca. 50 km nördlich von Znaim/Znojmo in Tschechien. Die kleine Stadt an der Igel/Jihlava ist voller Überraschungen. Die wuchtige romanische Prokopius-Basilika, der bestens gepflegte große jüdische Friedhof auf dem Berg, das ehemalige jüdische Viertel am Fluss (Karl-Markus-Gauß, Die unaufhörliche Wanderung: Třebíč ist „heute eine Stadt ohne Juden mit dem schönsten jüdischen Viertel Europas“) und der 400-m lange Hauptplatz mit den „schwarzen“ Sgraffito-Häusern u.v.a.m. …
Mich fasziniert die Stadt und ich fahre meist von Znojmo aus hin oder zurück – mit dem Rad. Auf dem Weg liegt die Kleinstadt Jarmeritz/Jaroměřice nad Rokytnou mit dem zauberhaften Barockschloss.
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Christoph (Gründer von “Goalkeepers – zukunftsfähig wirtschaften”, davor Sonderbeauftragter der Bundesregierung für Humanitäre Hilfe und Caritas-Auslandshilfe-Chef; 54 besuchte Länder)
Ich bin ein Schnell-Verlieber. Kaum reise ich in ein anderes Land, bin ich diesem hemmungslos verfallen: der Art der Menschen zu leben, der Kultur, dem Außergewöhnlichen und dem Alltäglichen. Meine Erfahrung: Besonders ist es überall. Ich reise gerne mit dem Fahrrad. Neben vielen anderen Vorteilen hat Reisen mit dem Fahrrad den Effekt, nicht nur touristische Höhepunkte zu erleben. Das Fortbewegungsmittel bringt es mit sich, dass ich mich die meiste Zeit in den Zwischenräumen bewege: auf der Landstraße, hinter der Rückseite der Dörfer, entlang des kleinen Bachs, vorbei am alten Kirchlein mit beschaulichem Friedhof, der oft viel vom Leben und Sterben erzählt. Die Mühsal des Tretens erzwingt Pausen und diese sind wunderbare Chancen des Erkundens von kleinen Sensationen. Eine Reiseempfehlung: Mit dem Fahrrad entlang des Neusiedlersees nach Sopron.
Startpunkt könnte Schützen am Gebirge sein (gut mit dem Zug von Wien erreichbar), dann über Rust und Mörbisch nach Ungarn. In Ungarn wird es dann sanft hügelig, vergleichbar mit der Landschaft des mittleren Burgenlandes. Durch Wälder, zwischen Weingärten, immer mit grandiosem Blick auf den See. Wichtig: Stehenbleiben, sich umdrehen und die Aussicht, die Landschaft, den Duft der Natur genießen. Und dann, Sopron: Die Stadt, zu der wir Burgenländer früher Ödenburg gesagt haben, weiß zu beeindrucken. Viele historische Gebäude, großartige Plätze und feine Lokale laden ein, in diesem Zentrum des ehemaligen Deutschwest-Ungarns zu verweilen. Ein großes Kleinod gleich nach der Staatsgrenze, die dank der EU – fast – keine Rolle mehr spielt. Von Sopron geht’s dann übrigens wieder mit dem Zug sehr bequem nach Wien zurück.
Gefühlt war ich schon in allen Weltgegenden. Besonders ist es überall. Vor allem in den Zwischenräumen.
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Silvia (Angestellte, ca. 25 Länder, wenn Kurzbesuche mitgezählt werden)
Ich weiß nicht, wie präsent anderen Menschen Montenegro als Urlaubsziel ist, für mich war es das jedenfalls bis vor einem halben Jahr überhaupt nicht. Freunde, die im April dort waren, haben unsere Neugier geweckt, und im September sind wir spontan selbst hingefahren.
Besonders begeistert sind wir von der Vielfalt an Möglichkeiten in diesem kleinen Land, das nur so groß wie Tirol ist: Badeurlaub am Meer, Besuch historischer Altstädte, wandern in den Bergen, Bootsfahren am Skadarsee (dem größten See am Balkan), vom einfachen bis zum Luxushotel, Einsamkeit und Menschenmengen, für jeden Geschmack findet sich hier etwas.
Leider war unsere Zeit in Montenegro viel zu kurz, und das kleine Stück Bosnien-Herzegowina am Heimweg hat große Lust entfacht, diese Gegend (vielleicht schon nächstes Jahr?) wieder zu besuchen.
Wenn ich dich neugierig gemacht habe, kannst du hier unseren Roadtrip nachlesen.
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Tomas (Literaturhaus-Leiter in Salzburg, Cousin)
Kein Geheimtipp
Wie viele Länder ich in meinem Leben bereist habe, weiß ich nicht. Es geht nicht um Zahlen, sondern um Eindrücke, Erlebnisse, Erinnerungen. Es geht um die Verbindung von Orten mit Menschen. Es geht um Gefühle. Im argentinischen Rosario wurde ich durch Zufall – und eine Portion Frechheit – in die einstige Wohnung von Comandante „Che“ auf einen Kaffee eingeladen. In Island bin ich um Mitternacht zum mächtigen Gullfoss gewandert – begleitet von einer faszinierenden Angst, der tosend-laute Wasserfall würde mich magisch hinunterziehen, wenn ich noch einen Schritt näher käme. Unvergesslich die Stimmung beim gemeinsamen Frühstück der Passagiere auf dem Schiff über das Schwarze Meer vom georgischen Batumi ins ukrainische Odessa. Und von Alderney, eine der weniger bekannten Channel Islands, erhielt ich Jahre nach meinem Aufenthalt einen Brief von der dort gestrandeten Österreicherin, die sich an unsere Begegnung erinnerte und mich über den Tod ihres Mannes in Kenntnis setzte.
Alle Reisen – besonders jene, die man alleine unternimmt – sind auch Reisen zu einem selbst. Am besten, sich in der Fremde in eine Straßenbahn oder in einen Bus setzen, fahren, unterwegs sein, irgendwo aussteigen und sich neugierig treiben lassen. Schließlich reist man, um zu reisen – und nicht, um irgendwo anzukommen.
PS. Sollte jemand auf der japanischen Insel Okinawa nach einem Strandspaziergang oder nach dem Paddeln durch Mangrovenwälder Hunger bekommen: Best food ever gibt es im …. Sehnsucht hat keine Endstation.
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Karin (Lehrerin für Geographie/Wirtschaftskunde und Englisch i.R., Ex-Schulkollegin)
Für mich ist reisen Inspiration, Leben, Luft zum Atmen, Abenteuer und Entspannung.
Ich habe 3 Jahre in Südostasien auf der Insel Taiwan gelebt und in dieser Zeit habe ich die Insel kennen und lieben gelernt. Taiwan wird zurecht „Isle de Formosa“ (dt.: wunderschöne Insel) genannt. Sie ist nicht einmal halb so groß wie Österreich und bietet Reisenden eine Vielfalt an Möglichkeiten.
An der Südspitze findet man zahlreiche Strände, im Inselinneren gibt es hohe Berge, ideal zum Wandern und Bergsteigen (z.B. Yu Shan, 3952m). An der Ostküste liegt die beeindruckende Taroko-Schlucht mit Thermalquellen. Und nicht zu vergessen: Metropolen wie Taipeh, Kaohsiung und Taichung locken mit ihren geschäftigen Nachtmärkten, wo die chinesische Tradition auf westliche Moderne trifft.
Die Menschen sind sehr offen, freundlich und hilfsbereit. Durch die Nord-Süd-Verbindung mit einem Hochgeschwindigkeitszug lässt sich die Insel einfach bereisen. Taiwan ist meine zweite Heimat geworden. Bei jedem meiner Besuche entdecke ich wieder etwas Neues.

Man muss genau schauen, um meine Wandergruppe an der felsigen Küste der Insel Santo Antao, Kap Verden, zu entdecken.

Adventmail 2022/16 (Reisen)

Ich bin auch gern mal alleine unterwegs, wie Ihr schon wisst. Würde ich das auch sagen, wäre ich eine Frau? Eine, die allein reisend deutlich größeren Gefahren ausgesetzt ist, deren Alleinsein für manche Männer geradezu Einladung ist? Die in manchen Kulturen gar zum Freiwild würde? Wohl kaum.
Deshalb verneige ich mich in diesem Adventkästchen vor Alexandra David-Néel, Französin, Weltreisende, frühe Feministin und 1924 die erste westliche Frau, die Lhasa, die Hauptstadt Tibets, erreichte. Geboren wurde Alexandra 1868 in einem Pariser Vorort. Als Sechsjährige las sie begeistert in Jules Vernes Reiseberichten, als Jugendliche legte sie die Vorstellungen ihrer streng katholischen Mutter ab und machte sich mit dem Denken Bakunins u.a. Anarchisten vertraut. Mit 17 riss Alexandra von zu Hause aus, fuhr in die Schweiz und wanderte über den Gotthardpass.
Ihre erste große Reise. Viele weitere folgten.
Als Alexandra 1891 Geld erbte, bereiste sie eineinhalb Jahre lang Ceylon und Indien, wurde Theosophin, lernte asiatische Sprachen wie Sanskrit und Chinesisch. Bereits 1889 war die dann Volljährige zum Buddhismus konvertiert. 1895 ging die ausgebildete Sopranistin nach Indochina, anschließend als Theaterleiterin nach Tunis. Dort lernte sie den Ingenieur und Lebemann Philippe Néel kennen und heiratete ihn 1904. Philippe finanzierte fortan ihre Reisen und sorgte für die Veröffentlichung ihrer zahlreichen Reiseberichte in Frankreich. Die beiden führten eine sehr ungewöhnliche Ehe (dazu hörenswert dieser Radio-Kurzbeitrag).
1911 trat Alexandra eine weitere Asienreise an, die statt der geplanten 18 Monate 14 Jahre dauerte. In Indien lernte sie den 13. Dalai Lama kennen und wurde von ihm nach Tibet eingeladen. Sie lebte ein Jahr lang im Himalaya als Einsiedlerin und wurde als weiblicher Lama der Einweihung in die Geheimlehren des tibetischen Buddhismus für würdig befunden.
Anschließend reiste sie durch Japan, Korea und China, immer in Begleitung ihres Adoptivsohnes, des jungen Lamas Yongden. Danach hielt sie sich zwei Jahre im tibetischen Kloster Kum-bum auf. Alexandra übersetzte buddhistische Texte und verfasste ein Französisch-Tibetisch-Wörterbuch. Zwischen 1921 und 1923 durchstreifte die damals schon über 50-Jährige die Wüste Gobi. In ihrem 57. Lebensjahr erreichte sie nach einer viermonatigen abenteuerlichen Himalaya-Überquerung zu Fuß von China her kommend dieses Ziel als bettelnde Pilgerin in Begleitung von Yongden. Bei dieser Reise musste sich die nur 1,56 Meter große Abenteurerin mit Ruß und Schmutz tarnen, um nicht als Ausländerin erkannt und des Landes verwiesen zu werden.
1925 kehrte Alexandra nach Frankreich zurück und veröffentlichte 1927 ihr erfolgreichstes Buch “Voyage d’une Parisienne à Lhassa”, durch das sie weltberühmt wurde. 1937 brach sie als fast Siebzigjährige erneut zu einer großen Asienreise auf, geriet in den Japanisch-Chinesischen Krieg und musste sechs Jahre in China ausharren. Sie starb am 8. September 1969 im Alter von 100 Jahren – nachdem sie vorsorglich ihren Pass hatte verlängern lassen.

“Elefantenfelsen” bei Guilin in Südchina

Adventmail 2022/15 (Reisen)

Die Romantik-Literatur und -Malerei der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liebte das Motiv des Wanderns. Vielleicht kennt Ihr Bilder von Caspar David Friedrich wie „Wanderer über dem Nebelmeer“. Als Germanistik-Student las ich z.B. Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts“. In dieser Novelle schickt ein Müller seinen Sohn, der bei der Arbeit zu nichts nütze ist, hinaus in die weite Welt. Dieser verlässt fröhlich mit der Geige im Gepäck sein Dorf, ohne klares Ziel vor Augen. Widerspruchsgeist gegen das konventionelle Leben zuhause ist in dieser Epoche ebenso verbreitet wie der bis zur Torheit reichende Idealismus der zwischen Fern- und Heimweh schwankenden „Helden“. Auch die Natur erscheint idealisiert, mit Fabelwesen wie Feen und Gespenstern oder der Blauen Blume als Unendlichkeitssymbol.
Anfang der 1990er-Jahre schrieb ich mal eine romantische Ballade zu einer hübschen Melodie meiner ersten Frau Claudia, die 1992 ihre erste CD veröffentlichte. Wir nannten das gemeinsame Opus „Ballade vom Wanderer und der Hexe“, und mein Text in bewusst altertümelnder Sprache geht so:
Kam dereinst in ein Dorf ein Wandersmann / In der Schenke der Wirt trat an ihn heran: / „Gott zum Gruß! Wohin des Wegs?“ / „Immer grad nach Norden geht’s.“ / „Ei, so meidet das Tal dort drunt’ still und schmal!“
Denn dort lebt eine Hexe mit Teufelsmacht. / Manchen Junker hat sie schon um sein Heil gebracht. / Sie will jeden betör’n, / keinem einzigen gehör’n, / wilde Tiere fürchten sie, / ihre Blumen welken nie.“
Des Wirten Wort war dem Wanderer einerlei, / denn er fürchtet’ nicht Tod noch Hexerei./ Nach dem Aufbruch alsbald / kam er an ein Haus im Wald, / und gar lieblich ihn dünkt / das Weib, das ihm winkt.
Viele Tage er blieb bei dem schönen Weib, / seine Seele sie labte und auch den Leib. / Vor dem Haus sah er steh’n / eine Blume blau und schön, / allezeit blühte sie und welkte nie. /
Schließlich wollte der Wanderer weiterzieh’n. / Von dem Weibe der Abschied war schwer für ihn. / Sie sprach: „Ich leb allein, / will nicht eingemauert sein, / bin mit jedem versöhnt, / der Freiheit gewöhnt.“
Als nach Jahren der Wanderer wiederkam, / was er sah, ihm vor Schrecken den Atem nahm: / Alle Pflanzen verheert, / und die Hütte zerstört! / Er besann sich nicht lang, / lief ins Dorf voller Bang.
Dort brannten die Scheiter im Abendrot, / und das Volk johlte ringsum: „Die Hex‘ ist tot!“ / Schweigend stand im Geschrei / ein feins Mägdlein dabei, / die blaue Blume fürwahr / trug sie im schwarzen Haar. / Allezeit blühte sie und welkte nie.

Keine blaue Blume, aber eine rosa Schönheit, geknipst von meinem Sohn Fabian beim Notting Hill Carnival in London.

Adventmail 2022/14 (Reisen)

Heute bediene ich mich zum Thema “Radreisen mit Ökoantrieb” bei meinem Freund Klaus. Mein früherer Kollege beim Kath. Jugendwerk, Friedensaktivist, Tiroler KA-Vorsitzender, Religionslehrer, macht seit Jahren nicht nur Radtouren in die Tiroler Bergwelt, sondern auch weiter weg führende, z.B. nach Paris. Und er schreibt darüber in einem Blog auf seiner Website. Als ich vor zwei Jahren von St. Moritz erst den Inn entlang, dann die Salzach und die Donau entlang nach Wien radelt, machte ich bei Klaus im Absam Zwischenstation. Er ist überzeugter Schöpfungsbewahrer und lebt dies auch als Reisender. Aber lest selbst:

Sardinienreise mit Rad, Bus und Fähre

„Wie kann ich verantwortlich und ökologisch-ethisch korrekt verreisen?“, frage ich mich stets, wenn ich ein neues Land entdecken möchte. Mein Nachdenken darüber soll nicht Kritik an jenen sein, die mit Flieger und Auto unterwegs sind. Wo die Grenzen liegen, ist stets Sache des individuellen Gewissens und der Einstellung sowie der Lebensumstände. Mein Zeitbudget lässt es eben zu, mir für eine Anreise mehr Stunden zu gönnen, und meine Leidenschaft für ein möglichst intensives Naturerleben sowie die körperlichen Voraussetzungen legen ohnehin eine sportliche Variante mit Rad nahe. Jedenfalls fühle ich mich dem Maßstab verpflichtet, den ökologischen Fußabdruck klein zu halten, was mit einem Flugzeug gar nicht ginge. Sardinien ist ein Land, das ohne Flugreise und ohne Auto gut erreichbar ist und dann vor Ort mit Rad ideal bereist werden kann. Auch öffentliche Verkehrsmittel würden sich dort anbieten. Die Fahrt zu einem der Fährhäfen in Italien mit Zug wäre so kompliziert bzw. fast nicht möglich, wenn ein Fahrrad mitgenommen werden sollte. So also bietet sich wieder FlixBus an. Mir ist bewusst, dass auch dies mit ökologischen Belastungen verbunden ist.
FlixBus hat zwar mit Elektrobussen ein paar Pilotprojekte realisiert, doch ist dies wohl nicht mehr als ein Tropfen auf die von der Erderhitzung glühenden Steine. Die Ökobilanz sieht bei Fernbusreisen besser als bei Zugreisen aus. Ein schaler Beigeschmack sind wohl die Arbeitsbedingungen. Die Busfahrer arbeiten im Schichtbetrieb. In Österreich liegt der Kollektivlohn steigend bei 2.300, Euro brutto. Die osteuropäischen Fahrer verdienen noch wesentlich weniger und irgendwo las ich einmal, dass bei 180 Stunden, also in vier Wochen, der Stundenlohn von 5,60 bis 9,40 Euro pendelt. Kein Wunder, dass einige der FlixBusfahrer nicht gerade ein Musterbeispiel für Höflichkeit und Freundlichkeit sind. Auch die Busfahrer auf unserer Fahrt kommen aus Osteuropa. Sie haben kein Interesse an Durchsagen. Die Zeiten sind knapp bemessen, Pausen werden keine gemacht. Unser Bus fährt überpünktlich um 4.50 Uhr in Innsbruck ab und soll um 12.30 Uhr in Genua ankommen. Einen kurzen Aufenthalt haben wir in Verona, wo wir umsteigen. Der Rädertransport funktioniert reibungslos. Die Räder werden in der unteren Ladefläche verstaut, was mir ohnehin lieber ist als eine Außenaufhängung.
Der Bus ist voll besetzt. Auf unseren reservierten Plätzen schlafen schon Leute. Wir hocken uns getrennt auf andere Sitzplätze. So wecken wir niemanden auf. Ich setze mir zur Sicherheit die MNS-Maske auf. Mir ist die Landschaft vertraut und selbst mit geschlossenen Augen glaube ich die Strecke hinauf auf den Brenner, hinunter durch das Eisacktal und weiter durch das Etschtal zu erkennen. Der Bus fährt die Route zum Gardasee, dann durch die Poebene und schließlich 45 Minuten lang durch eine hügelige Landschaft, bevor Genua auftaucht mit Häusern, die wie Berge hinter der Küste aufgetürmt sind. Eine Stunde hat der Bus Verspätung. Aber das macht nichts. Erst um 20.30 Uhr wird die Fähre starten und zwei Stunden vorher sollen wir dort am Bahnhof sein. Das Gefühl, mit dem Rad auf das riesige Fährschiff zu fahren, ist königlich… (weiter geht’s HIER)

Dieses Foto von mir hat Klaus auf der Fahrt nach Absam im Inntal geknipst.

Adventmail 2022/13 (Reisen)

„Unsere Koffer waren wieder auf dem Gehsteig gestapelt; Wir hatten einen langen Weg vor uns. Aber es war egal, die Straße ist Leben.“
Das schrieb Jack Kerouac (1922-1969) in „On the Road“ bzw. dt. „Unterwegs“ (1957), einem DER literarischen Klassiker zu meinem Adventthema. Und es gibt viele weitere Zitate übers Reisen, die ich Euch hiermit ins Gepäck lege:
„Die Welt ist ein Buch, und diejenigen, die nicht reisen, lesen nur eine Seite.“ (Augustinus von Hippo, 354-430, Bischof, Heiliger, Kirchenvater)
„Wenn Sie lange an einem Ort leben, werden Sie blind, weil Sie nichts mehr beobachten. Ich reise, um nicht blind zu werden.“ (Josef Koudelka, *1938, tschechisch-französischer Fotograf)
„Wer mehr als einen Koffer braucht, ist ein Tourist, kein Reisender.“ (Ira Levin, 1929-2007, US-Schriftsteller)
„Wurzeln sind wichtig im Leben eines Menschen, aber wir Menschen haben Beine, keine Wurzeln, und Beine sind dafür gemacht, woanders hinzugehen.“ (Pino Cacucc, *1955, italienischer Autor)
„Es gibt so viele unglückliche Menschen, die dennoch nicht die Initiative ergreifen, um ihre Situation zu ändern, weil dies durch Sicherheit, Konformismus, Traditionalismus bedingt ist, alles Dinge, die Seelenfrieden zu gewährleisten scheinen. In Wirklichkeit gibt es jedoch nichts Verheerenderes als eine bestimmte Zukunft für die abenteuerlustige Seele eines Menschen. Der wahre Kern des Lebensgeistes eines Menschen ist die Leidenschaft für Abenteuer. Die Lebensfreude entsteht durch neue Erfahrungen, und daher gibt es keine größere Freude als einen sich ständig ändernden Horizont, oder jeden Tag in einer neuen und anderen Sonne zu sein“ (Aus dem Film „Into the wild“, Sean Penn, USA 2007)
„Und es gibt nichts Schöneres als den Moment vor der Reise, den Moment, in dem der Horizont von morgen uns besucht und uns von seinen Versprechen erzählt.“
(Milan Kundera, +1929, tschechischer Schriftsteller)
„Einige Orte sind ein Rätsel. Andere eine Erklärung.“ (Fabrizio Caramagna, *1969, italienischer Autor)
„Ich habe noch nie eine Grenze gesehen. Aber ich habe gehört, dass diese im Kopf einiger Menschen existieren.“ (Thor Heyerdahl, 1914-2002, norwegischer Forschungsreisender)

Zwei an einem Journalisten interessierte Buben im irakischen Teil Kurdistans

Adventmail 2022/12 (Reisen)

Meine vielleicht abenteuerlichste Reise trat ich als berucksackter Student an. Es ging via Zug nach Portugal, zurück wollte ich per Autostopp. Und das alleine, wenn auch unfreiwillig. Denn die junge Grazerin, in die ich damals verliebt war, wollte – noch nicht losgelöst von ihrer Beziehung davor – dann doch nicht mitkommen. Auf Eisenbahnschienen ging es nach Mailand, wo ich am Bahnhof übernachtete, dann nach Madrid (wo ich ein Billigzimmer fand) und zu sechst im Abteil laaange nach Lissabon. An der Algarve schlug ich mein Zelt auf, lernte eine junge Deutsche mit einer Wahnsinnsfigur kennen, die auch an mir interessiert war. Doch mein Herz gehörte einer Anderen, Zurückgebliebenen.
Das Trampen zurück erforderte viel Geduld. Meist nahmen mich LKW-Fahrer mit, einer davon berührte beim Schalten immer “zufällig” meinen nackten Schenkel. Doch diese und jede andere Art von Bezahlung wollte ich nicht leisten. Wo ich übernachtete, bis ich mich unweit von Zürich bei Tante Ingrid und Onkel Adrian einlud, weiß ich nicht mehr. Geplant war nie etwas – ich wusste ja auch nicht, wie weit ich mit den jeweiligen Fuhren kam.
Heutzutage reise ich völlig anders. Abgesichert, vorausgeplant, risikominimiert. Für meine diesjährige Radtour z.B. von Feldkirch den Rhein entlang bis zur Nordsee hatte ich schon viele Monate davor (stornierbare) Quartiere gebucht – für jede Übernachtung. Und die Route und Distanzen hatte ich über google.maps und diverse Radtour-URLs noch davor erkundet; täglich so zwischen 80 und 100 km war das Ziel. In den angepeilten Städten forschte ich im Internet nach von anderen Besuchern empfohlenen Gaststätten, checkte die Radentfernung zu Sehenswürdigkeiten, zweimal das Kinoprogramm vor Ort, orientierte mich mit google-Street-View und nahm chattend Kontakt mit den nächsten QuartiergeberInnen auf. Alles klappte bestens. Und selbst bei einer Reifenpanne hätte ich einen Plan B mit alternativem Bahntransport gehabt.
Vorbei sind die Zeiten, da wir – mit der Landkarte auf den Knien – von Kapfenberg aus an die kroatische Adriaküste fuhren oder mit dem Mietauto von Riga aus das Baltikum erkundeten. Und ehrlich: Ich trauere ihnen nicht nach. Unvorhergesehenes und Überraschungen gibt es auf Reisen ja dennoch jeden Tag. Gut so.
Reiseführer kaufe ich übrigens immer noch. Als Vorbereitung und zur Vorfreude, und weil Blättern auf dem kleinen IPhone-Screen ja nicht wirklich reizvoll ist.

Spaziergang bei den “Seven Sisters”-Cliffs in Südengland

Adventmail 2022/11 (Reisen)

Papstreisen sind spätestens seit Johannes Paul II. kontinuierliches Thema der Kathpress-Berichterstattung. Ich als Inlands-/Kulturredakteur habe damit nur bei Wochenenddiensten zu tun. Aber in Summe erlebte ich seit meinem Einstieg in die Redaktion im Sommer 1993 zumindest am Rande 94 (der insgesamt 104, in 127 Länder führende) Auslandsreisen des Wojtyla-Papstes mit. Weitere 24 apostolische Reisen kamen unter „Paparatzi“ Benedikt XVI. dazu, der inzwischen fußmarode Franziskus brachte es bisher auf 33. Für StatistikfreundInnen unter euch: 161 Papstreisen in knapp 30 RME-Dienstjahren ergeben einen Schnitt von 5,46 Auslandsvisiten pro Jahr.
Mein Liebling unter den drei bisher beruflich erlebten Päpsten, Franziskus, bevorzugt Besuche in Ländern, wo nicht schon Tausende „Jubelperser“ auf ihn warten, sondern er geht gern „an die Ränder“, dorthin, wo er Not und Krisen vorfindet und den dort Besuchten Zuspruch und Trost bieten kann. Oder auch Mahnung zu Humanität und Mitmenschlichkeit. Bergoglio reiste kaum je in reiche, traditionell katholische Länder, sondern u.a. nach Albanien, Sri Lanka, Bolivien, Armenien, Kuba, Myanmar, Irak, Kasachstan und zuletzt Bahrain. Seine erste Reise als Papst, ein „Pastoralbesuch“, legte Franziskus programmatisch an: Sie führte ihn im Juli 2013 auf die mit Flüchtlingen volle Insel Lampedusa.
Ich überlegte in der Redaktion laut, wann die erste Papstreise erfolgte und kam auf eine Überfahrt nach Rom, angetreten von Petrus, der als erster Papst gilt. „Dieser Aufenthalt endete jedoch eher unerfreulich“, merkte mein Zimmergenosse Andreas lapidar an.
Wusstet Ihr übrigens, wann die erste Reise eines Papstes nach Wien erfolgte? Pius VI. (1717-1799, Papst ab 1775) trat sie vor 240 Jahren, zu Ostern 1782, an, um vom Aufklärer-Monarchen Joseph II. kirchenpolitische Zugeständnisse zu erwirken. Der Habsburger empfing den hohen Gast freundlich bei Neunkirchen (NÖ), brachte ihn in den Gemächern seiner 1780 verstorbenen Mutter Maria Theresia in der Hofburg unter, ließ den Papst aber bei Themen wie Ordensauflassungen, Gleichstellung der Protestanten, Steuern für den Klerus oder Schließung von Ordensschulen abblitzen. Pius VI. blieb einen Monat lang, zelebrierte im Stephansdom die Ostermesse, spendete in der Kirche am Hof den Segen „Urbi et orbi“, besuchte u.a. ein Waisenhaus am Rennweg, das Stift Klosterneuburg und wurde von Joseph II. und dessen Bruder Max Franz zum Abschied am 22. April 1782 bis Mariabrunn bei der heutigen Westeinfahrt Wiens begleitet.

Palmyra (Syrien), aufgenommen 2007, vor dem Krieg und den Zerstörungen dort durch die IS-Terroristen

Adventmail 2022/10 (Reisen)

Filme über das Reisen – viele davon großartig – gibt es zuhauf, und auch Listen mit den “besten Roadmovies” finden sich im Internet zuhauf. Zurecht von vielen als Nr. 1 geführt wird Dennis Hoppers und Peter Fondas “Easy Rider” (1969), der wie kaum ein anderer das Lebensgefühl und Freiheitsbedürfnis der Endsechziger ins Bild rückt und dazu auch noch großartige Musik wie “Born to be wild” von Steppenwolf beisteuert. Der “Evangelische Film-Beobachter” schrieb 1970 über den äußerst billig produzierten Erstling „Ein in Darstellung, Fotografie und Musik faszinierend schöner Film, der dem legalisierten Terror unserer Gesellschaft ein aufrichtig empfundenes, aber romantisch verklärtes Bild vom einfachen Leben in einer einfachen natürlichen Umgebung entgegensetzt.“ Interessant aus heutiger Sicht ist der ungeschminkte Blick auf das verstockt konservative, ausgrenzungs- und gewaltbereite Amerika, das bis heute ein Reservoir für demokratiegefährdende Politik à la Trump bildet.

Weitere höchst empfehlenswerte Reise-Filme:

  • Thelma & Louise (Rodley Scott, 1991) mit zwei von Geena Davis und Susan Sarandon dargestellten Frauenfiguren (für Brad Pitt und Harvey Keitel blieben nur Nebenrollen), die durch einen vereitelten Vergewaltigungsversuch zu Outlaws werden.
  • Blues Brothers (John Landis, 1977): John Belushi und Dan Akroyd reisen als Brüder Jake und Elwood Blues durch die Lande und bringen ihre alten Bandmitglieder wieder zusammen. Noch mehr als “Easy Rider” lebt der Film von der schon legendären Musik und Gastauftritten von Größen wie Ray Charles, Aretha Franklin, James Brown, John Lee Hooker oder Chaka Khan.
  • Into the Wild (Sean Penn, 2007): Ein Film über Einsamkeit. Hauptfigur ist ein junger Spross einer wohlhabenden Familie, der nach dem Abschluss seines Studiums von Karriereerwartungen und Besitz lossagt und eine Reise durch die USA und schließlich in die Wildnis Alaskas antritt.
  • Vogelfrei (Agnès Varda, 1985): Die junge Mona (Sandrine Bonnaire mit 18!) will in absoluter Freiheit leben und zieht als Landstreicherin durch das winterliche ländliche Südfrankreich.
  • Nomadland (Chloé Zhao, 2020) Eine trauernde Witwe aus Nevada (Frances McDormand) verlässt nach dem Tod ihres Mannes und der Schließung des nahegelegenen Gipssteinbruchs ihre inzwischen entvölkerte Heimatstadt und reist mit einem Van als Haus zu Gelegenheitsjobs quer durch die USA – wie viele andere, für die der amerikanische Traum nichts als ein unerreichbarer Traum ist.
  • Lohn der Angst (Henri-Georges Clouzot, 1953) sah ich vor Jahrzehnten und habe noch immer Bilder davon im Kopf. Yves Montand als Abenteurer, der zusammen mit letztlich scheiternden Gefährten per LKW eine Ladung Sprengstoff über kaum befahrbare Straßen befördert.
  • Rain Man (Barry Levinson, 1988) Feschak Tom Cruise gibt Charlie Babbitt, der seinen autistischen älteren Bruder Raymond (Dustin Hoffman) von einem Behindertenwohnheim in Ohio nach Kalifornien kutschiert, weil der Flugangst hat.
  • Midnight Run – Fünf Tage bis Mitternacht (Martin Brest, 1988) Ähnliches Thema, aber hier wird Flugangst vorgetäuscht: von einem Buchhalter, der die Mafia für wohltätige Zwecke betrog. Mein Lieblingsschauspieler Robert De Niro als Ex-Polizist soll den Flüchtigen nach Los Angeles bringen.
  • Wilde Erdbeeren (Ingmar Bergman, 1957) Filmklassiker über einen alten Professor, der während einer Autofahrt durch Tagträume und Erinnerungen mit seinen Fehlern konfrontiert wird.
  • Little Miss Sunshine (Jonathan Dayton und Valerie Faris, 2006) In dieser unterhaltsamen Komödie bricht eine ganze skurrile Familie nach Los Angeles auf – zu einem Schönheitswettbewerb, an dem die Jüngst unbedingt teilnehmen möchte.
  • Duell (Stephen Spielberg, 1971) Ein TV-Thriller war der Erstling des späteren Blockbuster-Regisseurs, der so gruselig erfolgreich war, dass er später sogar in die europäischen Kinos kam.
Im Hafen von Kopenhagen (großes Kino!)

Adventmail 2022/09 (Reisen)

Im Anschluss an meine berufsbegleitende Psychotherapieausbildung in den 1980er-Jahren nahm ich an einer Seminarreihe über „holotropes Atmen“ und Rebirthing teil. Mit Hilfe spezieller Atemtechniken und evozierender Musik sollte dabei ein Bewusstseinszustand erreicht werden, der Selbsterfahrung und psychische Heilungsprozesse mit Blick auf das eigene Geburtserlebnis ermöglicht. Ich lag mit gut einem Dutzend Hyperventilierender auf einer Matratze und begab mich auf eine Traumreise, die an Intensität davor erlebte Fantasiereisen („… jetzt wird dein linker Fuß schwer … dein rechter Arm…“) bei weitem übertraf.
Die wahren Abenteuer sind im Kopf, sang André Heller, und wenn man eine Zeitlang zu lautstarken Klängen heftig ein- und ausatmet, mag der dann erreichte Zustand dies bestätigen: Ich geriet „außer mir“, ohne „bewusstlos“ zu werden. Bilder wogender Wellen tauchten auf, Farben ganz ohne Drogen, ich hatte den Impuls, mit dem Kopf die mich umgebenden Matratzenwände zu durchstoßen, wand mich dabei – wie ein Ungeborener, der in die Welt drängt…
Bei meinem nächsten Kapfenberg-Aufenthalt fragte ich meine Mutter, ob meine Geburt eine schwere gewesen sei. Ich hätte da eine Selbsterfahrung gemacht, die nahelegt, es habe währenddessen eine Phase heftigen Geburtskampfes und ein Stocken gegeben. „Nein, bei dir nicht“, beschied mir Franziska lapidar. „Bei deinem Bruder war es zehn Jahre später um einiges schwieriger.“
Tja

Schwimmen in einem Nationalpark in Südthailand

Adventmail 2022/08 (Reisen)

Recherchen im Internet können auch eine Art Reise sein, die zu spannenden Entdeckungen führt. Heute eine unfreiwillige Reise: Napoleon Bonapartes Fahrt nach St. Helena, die letzte Reise des umtriebigen Korsen, den seine Eroberungszüge durch ganz Europa, nach Ägypten und Russland geführt hatten. Ich vertiefte mich in die Umstände von Napoleons Verbannung, die ihn bis zu seinem Tod in den Südatlantik führte.
Und wie oft bei solchen Internet-„Reisen“ geriet ich vom Hundertsten ins Tausendste. Der spektakulär gescheiterte Imperator lebte sechs lange Jahre auf St. Helena. Dass ich drei Stunden Recherche für dieses Adventmail aufwendete, ist also nur recht und billig.
Die erste Verbannungsreise Napoleons auf die Insel Elba dauerte vom 25. bis zum 27. April 1814; er blieb dort bis Februar 1815. Nach dem Ende der Herrschaft der 100 Tage und Waterloo bestieg Napoleon laut Entscheid der Alliierten am 8. August 1815 in Plymouth die HMS (Her Mayesty’s Ship) Northumberland mit Kurs auf St. Helena. Am 15. Oktober erblickte er die Insel (die nur fast so groß ist wie Graz) zum ersten Mal.
Weder die Hoffnung auf eine Emigration nach Amerika noch auf politisches Asyl in Großbritannien hatte sich erfüllt. Der bitter enttäuschte Napoleon durfte immerhin 26 Personen, darunter Offiziere, Diener und seinen Arzt, als Entourage mit auf die neunwöchige Schiffsreise nehmen. Der nur 168 cm große Franzose liebte es, an Deck zu spazieren und tat dies schon regelmäßig auf der berühmten HMS Bellerophon, die ihn nach Plymouth gebracht hatte und zwei Wochen lang sein Domizil bis zum Aufbruch nach St. Helena war. „Napoleon ging gewöhnlich gegen 17 Uhr an Deck spazieren, gefolgt von einem formellen Abendessen um 18 Uhr“, heißt es auf Wikipedia über seinen dortigen Aufenthalt. Dem Korsen wurde der Respekt britischer Gentlemen gezollt: „Die Matrosen und Offiziere zogen ihre Hüte ab und hielten Abstand, wenn Napoleon an Deck kam. Sie sprachen nur mit ihm, wenn er sie dazu aufforderte.“
Ob das auch auf der Northumberland der Fall war, fand ich nicht heraus. Sie war ein 55 m langes und nicht mal 15 m breites Segelkriegsschiff der Royal Navy für eine Besatzung von maximal 720 Mann. Es gab damals – und zwar seit den 1780ern – bereits Dampfschiffe. Diese waren aber erst nach Ressels Erfindung der Schiffsschraube 1836 konkurrenzfähig.
„Es war Abneigung auf den ersten Blick“, teilt die Zeitschrift Spektrum in einem lesenswerten Artikel auf Napoleons Ankunft am Sonntag, 15. Oktober 1815, auf St. Helena mit. „Das ist kein schöner Ort. Ich wäre besser in Ägypten geblieben“, soll der 46-Jährige nach der beschwerlichen Anreise geäußert haben. Die Insel vulkanischen Ursprungs war besser als Elba gewählt, um jegliche politische Ambitionen des Korsen fortan zu vereiteln: Aufgrund ihrer Abgeschiedenheit – 1900 Kilometer westlich der afrikanischen, 3300 östlich der brasilianischen Küste – gab es auf St. Helena nie eine indigene Bevölkerung, sie blieb bis ins 16. Jahrhundert unbewohnt, entdeckt wurde sie von Portugiesen, später kolonialisiert vom British Empire. Lange Zeit verband nur ein Postschiff St. Helena mit dem Rest der Welt. Nun hat die Insel einen Flughafen.
Napoleon hasste diesen Ort, seine schroffen Felsen, das zerklüftete Gebirge, das sich als Regenfänger für die feuchte Atlantikluft 800 m hoch auftürmt, den Nebel, den Wind. In der ihm zugewiesenen Bleibe Longwood House, einem heruntergekommenen Landsitz, wimmelte es von Ratten und penetranter britischer Observation. Gekränkt fühlte sich der Korse auch dadurch, dass ihn die Briten partout nicht als Kaiser anreden wollten. Zur Inselbevölkerung zählten damals rund 4200 zivile Einwohner und 2500 Militärs, die zur Bewachung des berühmten Exilanten abkommandiert waren.
Dieser schrieb üppige Memoiren („Denkwürdigkeiten zur Geschichte Frankreichs unter Napoleon“), hatte eine letzte Affäre mit der Gattin eines seiner Offiziere und starb am 5. Mai 1821 an Magenkrebs.

Wohl schöner als St. Helena: die wanderbare Caldera auf Corvo, der kleinsten der Azoren